Jetzt aber (Teil 1) (ex: apropos Bach gesamt!)

Friedrich @, Freitag, 02. November 2012, 10:38 (vor 5113 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 02. November 2012, 22:18

Wer noch gar keine hat - Diese ist zu überlegen...

Tja, ist die Frage, wer noch keine hat … Zielgruppe dürften eher Orgelfans sein, die sich die Dritt- oder Vierteinspielung zulegen, Kooiman-Fans, solche, die sich für das Thema "Bach auf A.-Silbermann-Orgeln" interessieren oder solche, die eine Klangdokumentation der schönen elsässichen Sibermännerinnen suchen, oder?

Gutes »oder«, weil berechtigt.

Diese Zielgruppen-Analyse stimmt, aber sie reicht nicht ganz aus.

1. Dritt- oder Vierteinspielung: Wem der Sinn nach dem gesamten Bach steht, der weiß, dass jede Aufnahme ihre Lücken hat, in die eine jeweils andere greift. In der Aeolus-Sammlung hört man vieles, was bisher keine der anderen zu bieten hat, unter anderem Orgelchoräle aus inzwischen aufgetauchten Sammlungen jenseits des BWV, die Reinmar Emans in einem eigenen Katalog erfasst hat. Dabei ist auch Zweifelhaftes, das aber mit aufgenommen wurde. Die Einspielung ist also in dieser Hinsicht »gesamter« als zum Beispiel Vernet.

2. Bach auf Silbermann-Orgeln: Diese Kombi hat mich lange genervt, weil sie sich für mich anhörte wie »Hasselhoff singt Verdi«: zwei berühmte Namen, die nichts über die Güte aussagen, sich aber verkaufen sollen. Inzwischen denke ich aber anders darüber. Die elsässischen Silbermann-Orgeln stehen in französischer Tradition, und oft hört man sie so gespielt: das heißt, in den Ensembles der französischen Orgeltradition. Bach dagegen wird inzwischen gern mitteldeutsch aufgenommen – Grauhof, Waltershausen, Alten- und Naumburg und ihre kleineren Geschwister, Vettern und Cousinen – wobei Gottfried Silbermann inzwischen auf dem zweiten und dritten Platz landet, denn die vielen Unterscheidlichen seiner ungleichen Zeitgenossen findet man interessanter, was oft als »wahrer« und »echter« verkauft wird (Komparative, die nicht besser sind als »gesamter«).

Nichts dagegen – aber die Kombination Bach plus elsässer Silbermänner hat ihr Gutes: Bachs Musik kennt unendlich viele unterschiedliche Satzarten, die zu ebenso vielen unterschiedlichen Registrierungen einladen. Nun liest man die Dispositionen von sieben mindestens teilweise echten und einer rekonstruierten Silbermann-Orgel: Alles ein Schema, alle vergleichsweise klein, kein einziges Prinzipal 16' manualiter, geschweige denn ein 32-Fuß.

Aber was für Klänge!

Ich weiß gar nicht, wo anfangen: Vielleicht bei einer Nebensache, zum Beispiel den samtigen, gar nicht so leisen 16'-Bourdons der Hauptwerke, die wunderbar präsent eingefangen wurden, ob in Grundstimmen-Ensembles oder unter dem Prinzipalchor. Bei den weichen, in der Höhe flötig singenden 8'-Prinzipalen, auf denen Prinzipalchöre stehen, die nahtlos verschmelzen, mit warmer Fülle und feinem, manchmal wunderbar mürbem Glanz. Bei den farbig-dunklen 8'-Bourdons, mit denen alles geht – ein gut greifendes Petit plein jeu, ein Nazard, weiche Lückenregistrierungen. Den markigen Grands-jeux, die etwas feiner, weniger dominant tönen als das, was man so von den Pariser Orgeln kennt; das gilt auch für die feinen Cromornes und Voix-humaines. Den markigen Bombarden, die jedes Plenum zum Ereignis werden lassen und sich grandios stabil unter die Zungenensembles setzen; die zwar etwas zu hart sein mögen für mittlere Plena, sich aber in dem Fall sehr schön von ihren 8'-Nachbarinnen vertreten lassen; dank der labialen 16-Füße steht der Bassklang immer gravitätisch im Raum.

Man lernt, soweit Aufnahmen das zulassen, viel über die extrem qualitätvolle Intonation und musikalisch durchdachte Gesamtanlage dieser Orgeln. Alles geht mit allem. Auf dem Papier wirken sie begrenzt, in der Aufnahme staunt man über ihre Vielfalt und hat niemals das Gefühl, dass irgendeine Grenze erreicht wäre. So schön die mitteldeutschen Streicher und Flöten sein mögen: Ich habe sie hier keine Minute vermisst.

3. Klangdokumentation: Im Sinn von 2. ist es eine sehr ergiebige. Alle Orgeln scheinen in gutem bis sehr gutem Zustand zu sein; die Aufnahmetechnik ist nah dran, ohne den Raum zu vernachlässigen; jede Orgel wird unter vielen Aspekten ausmusiziert. Höchstens einen Einwand habe ich, vielleicht ist der sehr spitzfindig: Oft ist der Gebläseklang unvermeidlich mit eingefangen, einschließlich des Eigentons. Da wäre mir ein wenig Balggeächze hier und da lieber gewesen. Ich habe aber nicht im Blick, wieviele der Orgeln überhaupt mit Bälgen betrieben werden können (ich glaube, zumindest Wasselonne hat noch Dachboden-Bälge).
Die Villinger Rekonstruktion kommt eindrucksvoll zur Geltung. Sie klingt allerdings auch in der Aufnahme tatsächlich so, wie es ihr nachgesagt wird – ziemlich laut. Dafür aber auch sehr charakteristisch in allen Registrierungen, was man Gaston Kern zu Gute halten muss: Wie getreu er nun auch seine Rekonstruktion angelegt haben mag – ein äußerst musikalischer Orgelbauer ist er auf jeden Fall. Sein Tremulant weht übrigens auch eine Idee dezenter als die alten Gegenstücke, die doch ziemlich kräftig zulangen. Und mit Villinger Power das G-Dur-Präludium BWV 550 – das ist schon super. Das volle Pedal samt HW-Plenum für die Pedalsoli: ein Ereignis!

Später mehr – muss an den Herd. Kopfhörer und iPod sind immer mit dabei, immerhin sind ein Tag und 17 Minuten reine Spielzeit zu schaffen.

Gruß,
Friedrich

Jetzt aber (Teil 1) (ex: apropos Bach gesamt!)

Florian-L, Samstag, 03. November 2012, 08:16 (vor 5112 Tagen) @ Friedrich

Höchstens einen Einwand habe ich, vielleicht ist der sehr spitzfindig: Oft ist der Gebläseklang unvermeidlich mit eingefangen, einschließlich des Eigentons. Da wäre mir ein wenig Balggeächze hier und da lieber gewesen. Ich habe aber nicht im Blick, wieviele der Orgeln überhaupt mit Bälgen betrieben werden können (ich glaube, zumindest Wasselonne hat noch Dachboden-Bälge).

Vielen Dank für den eindrucksvollen Bericht.
Heißt das, dass die Bälge manuell betrieben wurden, wo es möglich war?

Gruß, Florian

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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Jetzt aber (Teil 1) (ex: apropos Bach gesamt!)

Friedrich @, Samstag, 03. November 2012, 11:57 (vor 5112 Tagen) @ Florian-L

Vielen Dank für den eindrucksvollen Bericht.
Heißt das, dass die Bälge manuell betrieben wurden, wo es möglich war?

Darüber habe ich im Booklet nichts gefunden, im Impressum sind nur Registranten vermerkt, keine Kalkanten. Ich nehme also an, dass durchweg die Gebläse im Einsatz waren. Wie gesagt, oft hört man sie auch in den Spiel- oder Nachhallpausen.

Gruß,
Friedrich

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