Latry im Deutschordensmünster Heilbronn 19.2.2011

Karsten, Sonntag, 20. Februar 2011, 01:31 (vor 5672 Tagen)

Hallo!

Am Samstag, dem 19. Februar 2011, spielte Olivier Latry, Titular-Organist an der Kathedrale Notre-Dame-de-Paris im Rahmen der „Heilbronner Meisterkonzerte“ ein Orgelkonzert im Deutschordensmünster zu Heilbronn. Dank eines Orgelfreundes bot sich mir eine Mitfahrgelegenheit und damit auch der Besuch des Konzertes. Herzlichen Dank an ihn, falls er mitliest!

Das Konzert war natürlich toll, und trotz der späten/frühen Stunde hier meine Eindrücke. Ich hoffe, es gibt keine müdigkeitsbedingten Ausfälle, aber solange die Erinnerung frisch ist...


Hier zunächst das Konzert-Programm:

Alexandre Pierre François BOËLY (1785–1858)
- Fantaisie et Fugue in B-Dur (op.18, Nr.6)
- Andante con moto in Es-Dur (op.18, Nr.1)
- Quatuor sur deux claviers et pédale oblige (Andante con moto) (op.12, Nr.10)
- Allegro ma non troppo in f-Moll (op.18, Nr.7)

Robert SCHUMANN (1810–1856)
- Etüden in Kanonform in As-Dur (Innig) (op.56, Nr.4)

Charles-Valentin ALKAN (1813–1888)
- Grand Prélude in b-Moll (Scherzando) (op.66, Nr.10)

Franz LISZT (1811–1886)
- Fantasie und Fuge über den Choral “Ad nos, ad salutarem undam”

Olivier LATRY (*1962)
- Improvisation [über „In dieser Nacht sei du mir Schirm und Wacht“ (GL 703)]

Zugabe:
Robert SCHUMANN (1810–1856)
- Etüde in Kanonform in h-Moll (Nicht zu schnell) (op.56, Nr.5)


Und hier ein Link zur dortigen Seifert-Orgel (1996, III/44+4 Transmissionen, m/e)
http://www.st-peter-und-paul-hn.de/index.php?seite=10.5
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschordensm%C3%BCnster_St._Peter_und_Paul_%28Heilbronn%... (da scheinen mir einige Fehler in den Angaben zur Koppelanlage reingerutscht zu sein).

Mir fiel auf, dass das Programm fast ausschließlich aus Werken bestand, die (auch) für Pedalflügel geschrieben wurden. Da hätte man vielleicht mehr für das Konzert (Programmgestaltung, Einführung usw) herausholen können… Aber um ehrlich zu sein, die einzigen (angekündigten) Programmpunkte die mich wirklich reizten, waren die Liszt-Fantasie und das Alkan-Prélude. Aber der Reihe nach…

Ich war zum ersten Mal im Deutschordensmünster, und beim Betreten des Raumes wunderte man sich doch wieder, wieso ein zwar nicht kleiner, aber doch nun nicht wirklich großer „Kathedral“-Raum ein dreimanualiges Instrument mit französisch-symphonischer Disposition „braucht“. Laut einer Aussage in der Festschrift sei bei der Entscheidung für diesen Typ u.a. die kathedralmäßige Akustik des Kirchenraumes Ausschlag gebend gewesen. Von dieser „kathedralartigen“ Akustik konnte ich in dem Konzert leider nichts vernehmen. Ich weiß auch nicht wirklich, ob die Akustik bei leerer Kirche wirklich kathedralmäßig wäre… Zugegeben, die trockene Akustik hat beim Durchhören sehr geholfen, eben weil es teilweise eher Klavierstücke waren.

Der Konzertauftakt war schon aus anderen Latry-Konzerten bekannt (Einweihung Kuhn-Orgel der Jesuitenkirche Heidelberg). Die Stücke von Boely klingen trotz ihrer technischen Tücken gefällig - zum Einhören (bzw. „Warmspielen“?) bestens geeignet. Außerdem bieten sie kurzweilige Möglichkeiten, die Klangfarben der Orgel vorzustellen und in besetzter Konzertatmosphäre anzutesten. So wurde klar, was an dieser Orgel „Sache“ ist: man konnte sich auf sehr kräftige Zungen, sehr angenehmen Grundstimmen (insbesondere delikate Flöten und Streicher) freuen.

Weiter ging es „nach Deutschland“. Ausgiebig in süffigen Grundstimmen schwelgen konnte man in der Schumann-Etüde (op.56, Nr.4). Latry nutzte hier geschickt die beiden Schwellwerke aus um die zahlreichen pianistisch-dynamischen Akzente zu realisieren.

Das nächste Stück hätte nicht kontrastreicher sein. Alkans (teilweise teuflisch schwere) Klaviermusik hat mittlerweile eine Renaissance erlebt und hin und wieder verirren sich einige seine Orgelwerke bzw. Werke für Pedalflügel auf Konzertprogrammen. Kevin Bowyer, Spezialist für „unspielbares“ Orgelrepertoire, hat immerhin schon vor einigen Jahren zwei CDs mit Alkans Orgelwerken eingespielt.
Das Prelude Nr. 10 (Scherzando) ist eine aberwitzige 16tel-staccato-Studie, ein wahrer Hexenritt – nicht nur für die Finger, vor allem auch für die Füße. Dabei im wahrsten Sinne des Wortes nicht vom Sattel zu fallen scheint mir – neben den technischen Schwierigkeiten - eine der Haupthürden des Stückes. Da die pianistische Schreibweise unverkennbar ist, steht der Organist auch vor dem Problem, das Stück orgelmäßig zu adaptieren. Latrys Interpretation war mitreißend, man saß förmlich auf der Kante der Sitzbank. Ich gestehe, dass ich an einigen wenigen Stellen wirklich das Gefühl hatte, dass das Pferd ein bisschen „gebockt“ hat…
Kleiner Aufruf an alle (Konzert-)Organisten: mehr Alkan bitte – dann braucht’s auch keine Transkriptionen, um Klaviertechnik zu zeigen! ;) Noten gibt’s auf IMSLP.

Ja, und dann kam – wohl als Referenz zum Liszt-Jahr – die große Fantasie über „Ad nos, ad salutarem undam“. Liszt ist leider – neben etwas Mendelssohn, Brahms und Schumann – der einzige deutsche Romantiker, der regelmäßig auf Konzertprogramm von französischen Organisten gesetzt bzw. gespielt wird. Bei diesem „Schinken“ kamen nun alle bisher genannten Vorzüge zusammen: die große, dynamisch sehr flexible Orgel, die Klarheit fördernde Akustik und natürlich Latrys Spiel, sowohl was technische Meisterschaft, als auch Musikalität und – hier besonders wichtig – Spannungsbögen angeht. Die Details (wie die Rezitative) waren wunderschön ausgearbeitet, faszinierende, traumhafte Klangfarben waren zu entdecken, nicht nur romantisch-grundstimmig sonder auch Aliquotenmischungen wurden geschickt eingebaut. Auch wenn es „zur Sache“ ging, ließ sich Latry nicht Lumpen, nutzte die Klangmassen aber maßvoll. Stattdessen protzte er ein wenig mit Technik und motzte – wie Dupré, Straube, Guillou, Kynaston und andere mehr - den Pedalpart mit den legendären 16tel-Läufen aus der 4-händigen Klavierfassung auf. Erst zum grandiosen C-Dur-Bad am Schluss erklang dann das volle Tutti. Ein grandioser Höhepunkt des Konzertes – und das nicht wegen der Lautstärke.

Meiner Meinung nach hätte das Konzert nach dem Liszt enden sollen – was kann nach so einem Brocken noch kommen?! Das Programm hätte man problemlos durch weiteren Schumann oder Alkan „auffüllen“ können. Aber Improvisationen sind wohl obligatorisch… ;)
Es wurde im Programm nur eine „Improvisation“ angekündigt. Latry intonierte das Abendlied „In dieser Nacht sei du mir Schirm und Wacht“ (GL 703). Es gab keine Ansagen, wer dieses Lied als Improvisationsgrundlage ausgesucht hat. Es war eine freie Improvisation, beginnend mit fast „space-igen“ pp-Girlanden im 32-Fuss-Pedal und Aliquotmischungen darüber. Es folgte ein kaleidoskopartiger Wechsel von Klangfarben, von pp-Schwebungen gesteigert bis zu den vollen Grundstimmen, dazwischen immer wieder kurze cf-Einwürfe mit den verschiedensten Solostimmen (Kornette, Solozungen…). Das alles steigerte sich schließlich zum Tutti, das plötzlich wieder zu einem leeren Orgelpunkt im p zusammenbrach. Letzte, ruhig akkordische Anklänge des Themas in sanften Flöten und der Schwebung im pp, schließlich ein Hinaufsteigen der Flute octaviante bis in höchste Lagen - die Hunde und Hörhilfen-Träger werden sich gefreut haben.
Bei dieser Improvisation faszinierten mich der zahlreichen Wechsel an Klangfarben und –mischungen. Das erinnerte mich sehr an den Stil der Orgelwerke von Florentz, z.B. auch was die Bildung von „abgefahrenen“ Aliquotklängen angeht.
Nun ja, zu überlegen, was diese Improvisation mit dem Lied (außer den cf-Schnipseln) oder gar einer möglichen Textausdeutung zu tun hat, überlasse ich den anderen Konzertbesuchern. Zum „space-igen“ Beginn könnte man zumindest Nacht, Weltraum und funkende Satelliten assoziieren…

Erst durch langen Applaus ließ sich Latry zu einer Zugabe überreden: Etüde in h-Moll in Kanonform in h-Moll (Nicht zu schnell) (op.56, Nr.5)

Noch einige abschließende Bemerkungen:
Die Orgel hat mir sehr gut gefallen, erinnerte mich aber an das – zuletzt auch in Kaufbeuren – angesprochenen Problem: Wieviel Register braucht der Raum? Überdimensioniert fand ich die Orgel nun nicht wirklich, aber ich hatte – wie auch einige andere Konzertbesucher – den Eindruck, dass alles über den 4‘-Grundstimmen (v.a. die Mixturen) und die Zungen doch sehr „knallen“. Die Grundstimmen und Solozungen sind hingegen sehr schön, aber das letzte i-Tüpfelchen war dann doch nicht da: irgendwie fehlte die Wärme und die Lyrik…
Geschickt auch die Lösung mit Transmissionen (vgl. den Link zur Disposition). Das Pedal hat die notwendingen eigenen Bass-Register, borgt sich aber ergänzend dazu einige HW-Register, darunter die HW-Zungen.
Bezeichnend auch, dass die drei bereits vorbereiteten Register (Clairon 4 HW, Trompette 8 POS, Celesta) nach 15 Jahren immer noch nicht eingebaut sind. Ist die Orgel groß/laut genug oder fehlt immer noch das Geld?
Etwas Schade fand ich, dass die Superkoppel III (bei ausgebauter Oktave!) nicht auf andere Manuale wirkt. Mir ist schon klar, dass damit verhindert werden soll, die Superkoppel als zusätzlichen „Nachbrenner“ im Tutti zu gebrauchen. Aber durch eine Koppel III-I 4 (ergänzend zu der Koppel III-I 16) könnte man aparte Spaltregistrierungen durch Wegfall der Äquallage kreieren (wie sie z.B. Karg-Elert ganz gerne hatte).
Wolfgang würde sich über die offene Pedalwindlade hinter dem linke Orgelgehäuse ärgern – Alle Zungen und Pfeifen stehen da vor Zugriffen „ungeschützt“. Die Empore selbst ist natürlich gut gesichert, aber…

Gruß in die Nacht
Karsten


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