Zahlensymbolik in Werken von J.S.Bach
Probier's mal bei anderen Komponisten - da kommt eben einfach nix!
Hm. Kommt drauf an, was man sucht. Goldene Schnitte und Fibonaccireihen finden sich oft – nicht nur bei Bruckner, auch bei Schumann und Brahms –, Mittelzäsuren sind nichts Ungewöhnliches. Das Problem dabei finde ich, dass Musik wesensmäßig durch und durch von Zahlen und Proportionen geprägt ist. Wenn man nur lange genug zählt und ins Verhältnis setzt, dann findet man schon irgendwas.
Meiner Ansicht nach müssen bei einem Stück, in dem es nicht sowieso und offensichtlich ums Zählen geht – »Herr, bin ich’s?«, »Dies sind die heil’gen zehn …« usw. – schon sehr gute Gründe vorliegen, dass man zu zählen anfängt, einschließlich einer gewissen didaktischen, eigens darauf hinweisenden Anlage der Komposition. Und auch dann muss man sich fragen, ob es um eine Symbolik – also auf den Verweis auf etwas anderes als die Musik – geht oder um innermusikalische Ordnung selbst*.
Ein Tiefpunkt ist für mich ein Zählwahn, der an meinem einstigen Studienseminar um sich greift. Der dortige Leitende war fasziniert von der Zählsucht, die einen Musikwissenschaftler und Komponisten – übrigens ein Landsmann von Dir, lieber KBK – befallen hatte. Der hatte am Grund der Renaissance-Polyphonie die Witterung von Primzahlen aufgenommen und war bei einem System gelandet, das schlechtweg alles von solchen bestimmt sah – und jetzt kommt’s: Wo sich das nicht nachweisen ließ, musste ein Überlieferungsfehler vorliegen. Quod erat … äh ja.
Mit dieser Volte hatte der Gute das Gebiet der Wissenschaftlichkeit verlassen, denn eine unwiderlegliche Theorie ist gar keine. Macht nichts, denn der ihn bewundernde Seminarleiter hat ihn zum Ehrenprofessor gemacht.
Weil das so deprimierend ist, freue ich mich so über den Text von Herrn Börner.
Ceterum censeo: Wer das magische Rechteck nimmt, der komme darin um!
Gruß,
Friedrich
* In dieser Fußnote ein kleiner Bach-Ausflug zur Passacaglia BWV 582, ihrer Reihungsform wegen ein typisches Zählstück. Wenn man schreibt, die hätte 20 Variationen, sitzt man schon in der Falle, denn variiert wird da nix – nur wiederholt. Also sind es 21 Durchläufe des Themas. Wer die Fibonaccireihe (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 …) draufhat, horcht auf – und schaut nach Zäsuren, die den Verdacht unterstützen. Sieh da: Nach dem 13. Durchlauf setzt das Pedal aus. Bleiben 8 Durchläufe: Drei (pedallos) zu fünf (Schlusssteigerung auf die Fuge hin), letztere in drei (virtuos-freie) und zwei (blockartige, statische) Variationen gliederbar. Die Fibonaccizahlen 21, 13, 8, 5, 3, 2 finden sich in der Passacaglia, und zwar bezogen auf eine einleuchtende Einheit: Themendurchläufe.
Hat Bach dieses fabelhafte Stück deswegen mit der Fibonaccireihe im Hinterkopf entworfen? Keine Ahnung. Aber die Fibonaccireihe ist ja nicht an sich etwas so Tolles, sondern sie ist der zahlenmäßige Niederschlag des Prinzips des Goldenen Schnitts, das in der Zeitgestaltung ebenso gut funktioniert wie im Raum. Eine Gliederung in einen längeren, die Musik entfaltenden, und einen kürzeren, sie verdichtenden Abschnitt ist einfach gute Dramaturgie, sie zeugt von Formgefühl und Einfühlungsvermögen ins Erlebnis des Hörers. Oder kurz: Zählen lohnt sich hier – aber Hören noch mehr.
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- Zahlensymbolik in Werken von J.S.Bach - boerner, 16.02.2012, 10:04
- Zahlensymbolik in Werken von J.S.Bach - Friedrich, 16.02.2012, 11:51
- Zahlensymbolik in Werken von J.S.Bach - IvesDKerne, 16.02.2012, 12:25
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