Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
In der Hochschule in Tübingen baute Ahrend eine Orgel mit zwei Stimmungssystemen. Er realisierte dies mit Wechselschleifen, so dass man für jedes Register einzeln festlegen kann, ob man es mitteltönig oder wohltemperiert nutzen möchte (Video dazu mit etwas seltsamen Einwürfen, die fachlich nicht immer ganz richtig sind). Jede Oktave besitzt 18 Pfeifen.
Mit 18 Pfeifen pro Oktave hat auch Wegscheider in Dresden-Wilschdorf gearbeitet, allerdings nicht mit Wechselschleifen, sondern mit einem Eingriff in die Traktur (ausführliche Beschreibung). Um die Temperierung zu ändern, muss man alle Register und Koppeln abschalten und dann rechts und links unten die Registerzüge unter den Manualen herausziehen.
![[image]](images/uploaded/20241024151654671a64e635cde.jpg)
[Nachtrag: Das ist falsch. Es ist kein Eingriff in die Spieltraktur, sondern die Registertraktur wird geändert. Wegscheider erklärt es hier. Er benutzt drei Schleifen pro Register.]
Das wirkt zwar ein wenig fragil, funkioniert aber bestens. So schnelle Demonstrationen und Vorführungen des Wechsels wie an der Ahrend-Orgel sind dann zwar nicht möglich, aber man kann problemlos innerhalb eines Konzertes die Temperierung ändern. (Ich glaube, dass man in der Praxis eher selten Register mit unterschiedlichen Temperierungen zusammenspielt, wie es an der Ahrend-Orgel möglich wäre.) Der Vorteil der Wegscheider-Umsetzung liegt wahrscheinlich darin, dass jede Pfeife auf der Kanzelle steht und nicht mit Verführungen gearbeitet werden muss.
Musikalisch ist das Instrument ein interessantes Erlebnis. Die Mitteltönigkeit mit ihren sauberen Terzen macht bei alter Musik viel Freude (Froberger, Kerll, Erbach, Scheidemann). Vor allem chromatische Passagen klingen apart, aber auch plötzliche Wechsel (F-Dur zu A-Dur). Man kann bei den Durtonarten bis A-Dur (mit E-Dur als Dominante) spielen, bei den B-Tonarten bis B-Dur mit Subdominante Es-Dur). Die einzelnen Dur-Akkorde klingen unterschiedlich rein, weil die Quinten unterschiedlich sauber sind.
Bei Bach, Buxtehude oder dem Husumer Orgelbuch (Druckemüller) ist die Mitteltönigkeit unerträglich. Hier klingt die wohltemperierte Stimmung angenehm, aber immer noch klar "anders" als gleichschwebend. Das liegt natürlich vor allem an der immer noch reinen Terzen C-E. Ich muss (etwas ketzerisch) gestehen, dass mir diese wohltemperierte Stimmung so gut gefallen hat, dass ich beim (mehrstündigen) Ausprobieren nicht mehr zur mitteltönigen Stimmung zurückgekehrt bin.
In Bremen-Walle habe ich das Prinzip von doppelten Obertasten (Subsemitonien) kennengelernt. Hier sind die Tasten dis/es und gis/as doppelt vorhanden, um reine Terzen zu erhalten. Außerdem kann man mechanisch umschalten zwischen b und ais. Diese Orgel bleibt also mitteltönig, erlaubt aber mehr Tonarten als bei Instrumenten ohne Subsemitonien. Interessant fand ich an dieser Orgel, wie man sich bei chromatischen Passagen entscheiden muss, welche der beiden Tasten (für gis und as) man im Durchgang benutzt. In Bremen-Walle braucht man also 15 Pfeifen pro Oktave.
Noch zur Wegscheider-Orgel:
![[image]](images/uploaded/20241024151530671a64925a7d4.jpg)
Die sehr alte Kirche ist klein, nur eine Kapelle, alles klingt sehr direkt. Die Orgel ist mehr als ausreichend.
![[image]](images/uploaded/20241024151610671a64ba6ed87.jpg)
Trotz der geringen Höhe stehen die beiden Manualwerke übereinander, das Brustwerk besitzt also nur wenig Höhe.
![[image]](images/uploaded/20241024151635671a64d3979e1.jpg)
Es gibt dort keinen labialen 8', sondern nur ein hübsch schnarrendes Regal, das mir etwas zu kräftig vorkam, um als Basis zu dienen. Die Quinte 3' erzeugt im "Tutti" des Brustwerks Farbe und vielleicht auch ein wenig Grundtonverstärkung. Ohne Regal ist sie nicht einsetzbar. Mir hätte eine 1 1/3'-Quinte besser gefallen, damit hätte man mehr anfangen können.
Im HW finden sich zwei gedeckte 8'-Register. Der Quintatön ist kräftig und als Solo-Stimme geeignet (Begleitung mit Flöte 4' vom BW, eine Oktave tiefer gespielt). Reizvoll klingt das Dazuziehen des Nasat 3' plus Tremulant. Die Terz (ab c1) ist ein merkwürdiges Register, weil sie nicht zum Nasat passt. Es ergibt keinen Sesquialtera, die beiden zusammenzuziehen. Sie überzeugt nur, wenn man sie im Plenum hinzunimmt, dann erklingt eine Art Cornettmixtur (Zungenersatz?). Der "Cimbel" ist keiner. Es handelt sich um eine repetierende zweifache Mixtur; wenn ich richtig gehört habe, beginnt sie auf 1', springt dann in den 2', später 2 2/3' und 4', verstärkt also im Diskant die vorhandenen Register, ohne darüberzuliegen. Für den Gesamtklang ist das sehr angenehm und gut erträglich.
Schön unterschiedlich klingen die Flöten, im BW aus Holz.
![[image]](images/uploaded/20241024151759671a652798c9b.jpg)
Ein Schwachpunkt ist das hinterständige Pedal. Der Gedacktbass 8' ist völlig eigenständig (kein Oktavauszug aus dem Subbass 16'), aber schwach. Die Höhe hätte gereicht, einen offenen 8' zu bauen, zum Beispiel einen engen Principalbass, der in Sachsen gern "Violon" genannt wird. Das hätte die Wirkung des Pedals stark gesteigert.
Es gibt nur eine Schiebekoppel II an I und eine Pedalkoppel ans HW. Leider koppelt die Schiebekoppel nicht durch, wenn man I-P gezogen hat. Das Tutti mit Regal ist im Pedal also schwächer als in den Händen, weil das Regal nicht im Pedal mitklingt.
Die Traktur ist supersensibel, im Pedal fast zu leichtgängig.
![[image]](images/uploaded/20241024151721671a6501e09a1.jpg)
![[image]](images/uploaded/20241024151741671a651587f5b.jpg)
Schade, dass man bei einer handwerklich so hervorragend gearbeiteten Orgel billige Papierklebeschildchen für die Registerbezeichnungen verwendet hat, die nicht mehr haften.
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Interessant. Hatte in Wilschdorf ähnliche Eindrücke (schon ewig her). Wie war das Klima? Wenn ich mich recht erinnere, fand ich es damals erschreckend feucht. Auch die Orgel war nicht so gut reguliert. Dann warst Du nicht zufällig noch bei Wegscheider direkt nebenan?
Stimmt die Darstellung im OI so (toller Konzertmitschnitt verlinkt!)?
https://organindex.de/index.php?title=Dresden/Wilschdorf,_Christophoruskirche
PS Spieltischfotos fehlen uns noch, kannst sie mir gerne ggf. senden (möglichst hoch aufgelöst) zum Hochladen (wenn Du dieser Lizenz zustimmen kannst).
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
mit stimmungen kann man ja an vielen digitalorgeln (und sw-samplern sowieso) herumprobieren. einen tick spannender fände ich ein ausprobieren dieser orgel https://www.orgelbau.de/dynamisch-stimmbare-orgel/ . ist vermutlich hierzuforum auch längst mal besprochen worden …
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
https://youtu.be/YAaTVp1MAAM?si=Xb_qoaNCgYdSAPco
Stanford Fiskorgan
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
https://youtu.be/YAaTVp1MAAM?si=Xb_qoaNCgYdSAPco
Stanford Fiskorgan
Es ist wohl Geschmackssache, oder?
Einen solchermaßen "historischen" Klangauftritt finde ich in dieser Neo-Kirche schon irgendwie "gewöhnungsbedürftig".
Das wohl umfangreichste Werk mit zwei Stimmungsarten haben wir "kurz nach Wegscheider" in der Werkstatt Gerald Woehl in Marburg gebaut: Flensburg, St. Nikolai https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaikirche_(Flensburg)#Geschichte_der_Orgel
Seinerzeit habe ich die gesamte Tonmechanik gebaut und ich erinnere mich an einen sehr konzentrationsfordernden Prozess, denn eine solche Aufgabenstellung ist nun alles andere als alltäglich.
Anders als in Standford handelt es sich zum einen um eine mittelalterliche Kirche sowie um den Versuch, zwei Instrumente (Typus) aus zwei Epochen klingen zu lassen, die in dieser Weise dort authentisch existiert haben: Schnitger und Marcussen/ Sauer.
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Das wohl umfangreichste Werk mit zwei Stimmungsarten haben wir "kurz nach Wegscheider" in der Werkstatt Gerald Woehl in Marburg gebaut: Flensburg, St. Nikolai https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaikirche_(Flensburg)#Geschichte_der_Orgel
Seinerzeit habe ich die gesamte Tonmechanik gebaut und ich erinnere mich an einen sehr konzentrationsfordernden Prozess, denn eine solche Aufgabenstellung ist nun alles andere als alltäglich.
Anders als in Standford handelt es sich zum einen um eine mittelalterliche Kirche sowie um den Versuch, zwei Instrumente (Typus) aus zwei Epochen klingen zu lassen, die in dieser Weise dort authentisch existiert haben: Schnitger und Marcussen/ Sauer.
Würden Sie, trotz "Befangenheit", aber nun mit zeitlichem (und persönlichem?) Abstand das Werk für gelungen halten?
Mir selbst sind tendenziell positive Urteile über dieses Instrument untergekommen. Und zweifellos gewinnt das Konzept mehr Plausibilität durch die örtliche Vorgeschichte und vorhandenes Material.
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Es ist nur sehr schade, daß bei keinem der wenigen Youtube-Aufnahmen aus Flensburg der mitteltönige Teil zum Einsatz kommt.
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Das wohl umfangreichste Werk mit zwei Stimmungsarten haben wir "kurz nach Wegscheider" in der Werkstatt Gerald Woehl in Marburg gebaut: Flensburg, St. Nikolai https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaikirche_(Flensburg)#Geschichte_der_Orgel
Seinerzeit habe ich die gesamte Tonmechanik gebaut und ich erinnere mich an einen sehr konzentrationsfordernden Prozess, denn eine solche Aufgabenstellung ist nun alles andere als alltäglich.
Hallo!
Ergänzend dazu sei auch auf die Pasi-Orgel in Omaha verwiesen, die ebenfalls das Spiel auf zwei Stimmungen unter Verwendung gemeinsamer Pfeifen ermöglicht:
http://www.pasiorgans.com/instruments/opus14.html
https://www.organduo.lt/blog/pasi-organ-at-st-cecilia-cathedral-in-omaha-nebraska-usa
Sie ist in der Naxos Organ Encylopedia mit Buxehude und Widor vertreten:
https://www.naxos.com/CatalogueDetail/?id=8.557555
https://www.naxos.com/CatalogueDetail/?id=8.570311
https://www.naxos.com/CatalogueDetail/?id=8.570310
Gruß
Karsten
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Es ist nur sehr schade, daß bei keinem der wenigen Youtube-Aufnahmen aus Flensburg der mitteltönige Teil zum Einsatz kommt.
Danke, das hab ich gar nicht wahrgenommen. Da würde ich beinahe von "schafe" auf "peinlich" wechseln wollen.
Ich hab meine Truhe nur ca. 2x jährlich mitteltönig, Ich brauch sie halt meistens anders. Könnte ich einfach umschalten, würde ich in der Mehrzahl der Gottesdienste und einigen Konzerten mitteltönig spielen (also, nicht dauernd!). Für mich ist es nach wie vor fast magisch. Aber wie bei jedem Zauberspruch ist natürlich auch hier Vorsicht in der Anwendung geboten.
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Ich hatte am vorletzten Sonntag den Gottesdienst hier im Gemeindezentrum am Eckbusch.
Dort wurde das Oberlinger-Positiv vor ein paar Monaten gegen eine (zugegeben: gute!) gebrauchte Digitale aus einem aufgegebenen Kirchsaal eingetauscht und ich konnte den Organisten vorher überzeugen, sie mal spaßeshalber auf terzenrein mitteltönig umzustellen.
Das war schön :-)
Bei meiner Liedauswahl gabs ohnehin keine Probleme und bei Vor- und Nachspiel konnte er sich ja gut darauf einstellen.
Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
Das Instrument steht inzwischen in der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda (... die nicht nur für Schülerprojekte interessant ist).