Erlebt - Kutter-Orgel Pauluskirche Halle (Teil 1)

JRorgel @, Montag, 21. Oktober 2024, 17:59 (vor 691 Tagen)

Liebe Mit-Foristen,

Vor Kurzem hatte ich Gelegenheit, die hier im Forum ja durchaus kontrovers diskutierte Kutter-Orgel der Pauluskirche Halle erleben zu dürfen.
Eins möchte ich zu Beginn gleich klarstellen: Die Kutter-Orgel ist kein Instrument, welches dem Konservatismus das Wort redet, wenngleich in der mitteldeutschen Region die Rekonstruktion einer dreimanualigen Rühlmann-Orgel durchaus überlegenswert gewesen wäre. Aber die Paulus-Orgel ist auch kein Instrument, das die klassischen Tugenden einer „normalen“ Pfeifenorgel über Bord wirft, um sich nur dem „Neuen“ zu verschreiben.
Sie ist, wie wir hier sicher auch schon bemerkt haben, ein Instrument, über das trefflich zu streiten ist. Allerdings hat, soweit ich das beurteilen kann, hier auch noch niemand aus eigenem Erleben über die Orgel berichtet - und das ist eben ganz anders als alles, was man im Netz lesen und auf dessen Basis man ein Instrument beurteilen kann.

KMD Andreas Mücksch, der mir freundlich und ausführlich „seine“ Orgel zeigte, charakterisierte sie als ein Instrument, welches durch Innovationen und technische Neuerungen in Verbindung mit den räumlich verteilten Einzelwerken eben nicht nur die vorhandene Musik darstellen, sondern auch Komponisten unserer Zeit zu neuen Werken speziell für diese oder ähnliche Instrumente inspirieren soll. Und dazu hat die neue Orgel durchweg das Zeug - sie ist mit Fug und Recht die innovativste Orgel in Mitteldeutschland und das nicht nur durch - wie es ein Mitforist bemerkte - „[…] ein Manual mit 2nd touch und ein paar Digital-Register (incl. Gestimmter Pauken) […]“ (Zitat in diesem Forum, 5. Mai 2024). Das ist eben (leider) das, was u.U. bei Nichtkenntnis einer derartigen Orgel als Fazit zu fällen ist - und davon nehme ich mich nicht aus. Ich habe das Projekt am Anfang auch eher skeptisch gesehen, unabhängig vom größten Respekt vor der Kirchengemeinde, die es nicht nur geschafft hat, die knapp 900.000 Euro für die Orgel selbst aufzubringen, sondern auch eine Orgel „von der Gemeinde für die Gemeinde“ geschaffen hat, wo quasi alle Pfeifen Namen von Spendern tragen. Die Kirchengemeinde selbst hatte aus ihren Finanzen - so wurde es mir mitgeteilt - nur die Nebenkosten (Statiker, Elektriker etc.) zu tragen.

Nun aber zur Orgel, die ich hier abseits einiger Spezialitäten leider nur in aller Kürze beschreiben kann:

Die Rumpfdaten sollten hier mittlerweile zur Genüge bekannt sein, dennoch liste ich sie hier nochmal in Kurzform auf.
Vollendet 2024 durch Orgelbau Kutter (Friedrichroda), IV/P, 60 „reale“ Register (Pfeifen), elektrische Trakturen, drei Pfeifenwerke im Raum, ein digitales Fernwerk, Einzeltonladen.

Der Gesamtklang ist sehr orchestral, warm und äußerst mischfähig - angelehnt an die Wanamaker-Orgel (was nicht verwundert, da Benjamin Kutter eine Zeit lang in Amerika gearbeitet hat…). Durch die räumliche Verteilung ergeben sich äußerst reizvolle Effekte.
Auf der hinterem Empore steht im Gehäuse von 1903 der Großteil der Orgel (Hauptwerk, Schwellwerk I, Schwellwerk II, Pedal). Das Hauptwerk hält die klassischen Farben bereit, die man dort erwartet. Schön finde ich die doppelte Labial-Besetzung in der 16’-Lage plus Zunge - da geht viel. Auch die - wohl aus dem englischen Raum entlehnte - dreifache Prinzipalbesetzung in der 8’-Lage (Suboctave, Prinzipal Major und Prinzipal minor) finde ich reizvoll. Das zweite Manual im Westgehäuse ist ein klassisches Schwellwerk, wie man es heute im symphonischen Bereich erwarten würde. Das dritte Manual besteht zum Großteil aus Extensionen. Die Tibia clausa ist in allen Reihen herrlich rund, weich und volltönend. Das Register „Erzähler*in“ ist die leiseste Farbe der Orgel und kann durch den extrem wirkungsvollen Schwellkasten bis an die Grenze der Hörbarkeit heruntergebracht werden. Überhaupt sind die Schweller sehr wirksam!
Die beiden Emporen-Orgeln (Nord und Süd) haben unterschiedliche klangliche Aufgaben: Die Nordorgel ist überaus kraftvoll - vor allem durch den Principalchor, aber auch durch die beiden Hochdruckregister (Paulushorn und Vox culex). Ersteres ist eine markante, sehr starke und durchsetzungsfähige Hochdrucktuba, durch die Obertöne ins hornartige gehend. Die Vox culex besteht aus extrem schmal menstruierten Labialpfeifen und klingt - mit Verlaub - wie eine Aeoline auf Steroiden oder etwas feiner ausgedrückt wie ein Zink. Das Register spricht sehr direkt an, hat ein großes Obertonspektrum und ist klanglich deutlich geschärft, gibt damit eine vorzügliche Solostimme ab. Auch akkordisch gespielt hat diese Stimme ihren Reiz.
Die Südorgel steht auf der Chorempore und ist dementsprechend etwas weicher, eher auf Begleitaufgaben ausgelegt. An diesem Werk ist vor allem die Soloflöte bemerkenswert, die ebenfalls fast permissiv-direkt anspricht, ein leicht rauchiges Timbre aufweist und vor allem in Verbindung mit den Streichern der Hauptorgel im Westen voll zur Geltung kommt. Eine nette Zugabe im Südwerk ist das Harmonium, welches aus einem Gemeinderaum stammt und dort eingebaut wurde. Durch den Windschweller lässt sich hier eine beachtliche Dynamik erreichen. Die Verschmelzung von „digital“ und „echt“ lässt sich im Bordunbass der Südorgel gut erleben - er besteht ab c° aus echten Pfeifen, darunter ist er digital erzeugt: Und das klingt frappierend echt und einheitlich. Ein echter „Bruch“ ist nur bei mehrmaligem Hinhören leicht auszumachen.

Das Fernwerk tritt durch Lautsprecher über der Kuppel aus und ist damit besonders entrückt und wirkt sehr sphärisch. Obwohl es voll digital ist, offenbart sich kaum ein Unterschied zu den Pfeifenregistern. Hier ist das Sampling nur als sehr gelungen zu bezeichnen. Schön ist auch, dass man die digitalen Register per Knopfdruck an die Stimmung der Pfeifenregister anpassen kann.
Die eigentliche Innovation und der hauptsächliche Reiz liegt aber in den elektrischen Erweiterungen, die übrigens allesamt durch Kutter selbst erdacht und programmiert wurden!
Tastenfessel - das kennt man ja. Windschweller für die gesamte Orgel? - auch schon bekannt. Second Touch? - auch nichts wirklich neues.
Frappierende Effekte erreicht der „Leslie“, also ein aus der Hammond-Orgel bekannter „Tremulant“, der vor allem in Verbindung mit der Tibia-Clausa-Reihe des dritten Manuals, aber auch mit den Streichern voll zur Geltung kommt und frei regelbar ist. Das kommt an die Klänge einer Hammond-Orgel verdammt nah heran und funktioniert hervorragend.
Piccolo 2’ aus dem Manual kann per Drehregler intervallisch frei verschoben werden - da kommen interessante Effekte raus, das ist aber auch eigentlich schon bekannt.
(folgt Teil 2)

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"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)


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