Beispiel für Großenwahn?
In der Nähe von Limburg liegt Niederselters, dort gibt es eine neugotische katholische Pfarrkirche St. Christophorus.
Auf der Empore steht eine Orgel von Fischer+Krämer aus dem Jahr 1983. Wer sich den Prospekt anschaut, wird ein neobarockes Instrument mit RP+HW erwartet, vielleicht 25 Register.
![[image]](images/uploaded/20241012210341670ae42d5860c.jpg)
Doch weit gefehlt! Neben dem schwellbaren Rückpositiv und dem ordentlich bestückten Hauptwerk weist die Orgel noch ein schwellbares Bombardewerk und ein Pedal mit echtem 32' auf. Die Disposition wirkt auf dem ersten Blick ziemlich "überkandidelt".
Wir haben uns die Orgel zu zweit angeschaut, so dass man sie auch von unten hören konnte. Die gar nicht so kleine Kirche weist einen erstaunlich kurzen Nachhall auf. Ich hätte erwartet, dass eine solche Orgel mit französischer Ausrichtung in einer Art Kathedrale stehen sollte. Viele neogotische Kirchen sind sehr (manchmal zu sehr) hallig, doch hier ist schnell Schluss. Das kommt der Durchhörbarkeit entgegen, reduziert aber den mystischen Anteil französischer Spätromantik.
Kommt man auf die enge Empore, fällt zuerst das Pedal ins Auge.
![[image]](images/uploaded/20241012210829670ae54d44cbd.jpg)
Wie sich später herausstellt, gibt es im Pedal keinerlei Transmissionen oder kombinierte Register, alle sind komplett eigenständig, sogar die Bombarde 32' (halbe Länge). Die Quinte 10 2/3' funktioniert hervorragend mit dem Subbass 16' und erzeugt einen prächtigen 32'-Kombinationston. Die Posaune 16' weist leider nur halbe Länge auf, da fehlt es etwas an Grundton. Als Mangel ist ein offener 16' zu verzeichnen, ein Principalbass (offene Flûte) wäre bei diesem Konzept eigentlich notwendig. Aber so eindeutig französisch ist das Konzept überhaupt nicht, was man schon am Vorhandensein einer (starken!) Pedalmixtur bemerkt.
Das Hauptwerk verfügt über einen Principalchor mit zwei Mixturen. Leider ist das Scharff so extrem verstimmt, dass man seinen Nutzen nicht recht abschätzen konnte. Vielleicht war gedacht, eine eher "rauschige" tiefe französische Mixtur sowie eine hellere deutsche Barockmixtur einzubauen. Die (gut gestimmte) Mixtur gefällt aber gut, sie ist eigentlich für alles zu gebrauchen. Möglicherweise ist das der Grund, warum man das Scharff nicht mehr stimmt?
Im HW gibt es auch noch einen vollständigen Weitchor 16' bis 2'. Die doppelt besetzte 2'-Lage ist Luxus. Die Flöte mischt sich hervorragend mit den Einzelaliquoten zu einem französischen Cornet, so dass man sich die Frage stellt, warum es im Bombardewerk noch eines gibt, das fast genauso klingt. Die HW-Trompete besitzt zwar relativ enge Becher, sie macht aber einen ordentlichen Rabatz und sollte bei einer Steigerung erst nach dem vollen (!) Bombardewerk gezogen werden. Die Traversflöte 4' ist ein schönes Soloregister, mischt sich trotzdem gut mit den anderen Flöten.
Im Rückpositiv ist der Praestant 4' nicht schwellbar – wobei: eigentlich ist er doch schwellbar, denn wenn man die Türen schließt, wird er LAUTER, denn die nun geschlossene Abstrahlfläche hinter den Prospektpfeifen bewirkt eine Zunahme der Lautstärke, ein nett einsetzbarer Effekt für Solostellen, wenn man es weiß.
Im Schwellkasten stehen ein sehr zarter Streicher und eine ebensolche Schwebung, also keineswegs eine "Voix céleste" nach Cavaillé-Coll. Auch hier finden sich 2 2/3' und Terz als Einzelregister. Obwohl es einen Kornettzug gibt, klingt das Cornet décomposé nicht so überzeugend, weil der 2' sehr hell prinzipalisch intoniert ist. Krass auch die starke Oktave 1', eine flötigere hätte besser zur Terz gepasst. Völlig unfranzösisch ist der extrem hoch liegende Cymbel, der in diesem Werk wenig Sinn ergibt. Ich verstehe nicht, warum man ihn nicht im HW zur Mixtur gesetzt hat und das dortige (im Vergleich deutlich tiefere) Scharff ins RP. Das Cromorne ist eher weich und klingt wie eine aufschlagende Klarinette, angenehm, aber weder französisch noch deutsch-barock. Eine Hautbois wäre wohl sinnvoller gewesen.
Das Bombardewerk steht erhöht hinter dem HW über dem Pedal. Es geht hier sehr eng zu. Man findet einen Bourdon 8' und ein fünffaches hochgebänktes Cornet, wobei ich den Eindruck hatte, dass der 8' kombiniert ist. Die Trompete 16' mit halber Länge hat für den Gesamtklang der Orgel eine grandiose Wirkung. Die Tuba mit gekröpften Bechern scheint französische Kehlen zu besitzen, klingt jedenfalls wie eine dunkle Trompette harm., der Clairon ist heller. Zusammengespielt hat das Werk ordentlich "Wumms", wird aber durch die Schwelltüren gebremst. Es wirkt deshalb eher wie ein typisches Récit expressif, es fehlen aber ein paar typische Register (Flûte harmonique, Gambe, Hautbois). Typisches Manko einer deutschen Orgel dieser Zeit sind die fehlenden Begleitregister, wenigstens ein Gemshorn hätte das HW schon haben müssen. Natürlich ist es eine platzsparende Idee, das RP quasi zum SW zu machen, aber die Position des Bombardewerks wäre für ein "echtes" Schwellwerk besser gewesen (in der jetzigen Ausführung steht dort jedoch zu wenig Tiefe zur Verfügung).
Der Spieltisch besitzt zwei freie Kombinationen und eine Walze mit analogen Anzeigen.
![[image]](images/uploaded/20241012213349670aeb3de9a0a.jpg)
Der Cymbelstern klang etwas unharmonisch.
![[image]](images/uploaded/20241012213424670aeb600f132.jpg)
Wer die Orgel von unten hört, bekommt bei Forteregistrierungen durchaus französischen Sound zu hören, die Orgel klingt groß und mächtig, ohne die Gemeinde zu erdrücken.
Es macht allerdings überhaupt keine Freude, die Orgel zu spielen. Zum einen wird man am Spieltisch von allen Seiten akustisch stark angegangen, zum anderen ist die Spieltraktur aberwitzig schwergängig. Wenn man das Bombardewerk an das HW koppelt, was natürlich oft der Fall sein sollte, ist an eine Darstellung französischer Toccaten nicht zu denken. Es gibt eine Aufnahme bei Youtube, die ich bewusst nicht verlinke, in der man ein Sortie ohne das Bombardewerk hört, was natürlich ziemlich sinnfrei ist. Ich kann den Kollegen aber verstehen.
Deutsche Barockmusik klingt auf der Orgel auch ganz ordentlich, allerdings mit Einschränkungen, denn die Zungen sind dafür zu stark. Wenn man aber anstelle der Pedalzungen das Bombardewerk an das Pedal koppelt, kann man über den Schweller gute Ergebnisse erzielen. Französische Barockmusik klingt überzeugend, für Romantik fehlen einige charakteristische Stimmen, ebenso für englische und deutsche Romantik. Die Walze scheint mir entbehrlich.
Der Kirchenchor singt vom Querhaus, dort steht eine Chororgel mit zehn Registern, ebenfalls von Fischer+Krämer umgebaut, aber nicht mit der Hauptorgel verbunden.
Warum steht in dieser Kirche eine so mächtige Orgel? Das hat natürlich mit dem (nebenamtlichen) Organisten Sigmar Schickel zu tun, dessen Hauptberuf anscheinend finanzielle Möglichkeiten erlaubte. Bei ihm zuhause steht (stand?) eine dreimanualige (Koppelmanual) Hausorgel, ebenfalls von Fischer+Krämer. Er ist letzthin 90 Jahre alt geworden.