Bach-Passacaglia mit improvisierter Kadenz?

Orlos @, Samstag, 14. September 2024, 21:20 (vor 728 Tagen)

Der Leipziger Universitätsorganist Daniel Beilschmidt spielt zur Zeit tapfer das Gesamtwerk von J. S. Bach vor Publikum und Youtube ein.
In der c-Moll-Passacaglia fügt er kurz vor Ende eine improvisierte Kadenz ein (hier bei 1:29:16).
Im 5. Brandenburgischen Konzert hat Bach selbst Solokadenzen für das Cembalo überliefert. Auch in den anderen Cembalo-Konzerten gibt es Gelegenheiten, eigenständig Kadenzen einzubringen, beispielsweise im ersten Satz des d-Moll-Konzertes. Das sind aber auch "echte" Konzertsätze.
Nun gibt es bei Bach auch einige Fugen, die gegen Ende die strenge Polyphonie verlassen und in einen virtuosen Schluss übergehen.
Ich besitze seeeeeehr viele Aufnahmen der Passacaglia, auch bei Youtube kann man wahrscheinlich Monate damit verbringen, alle eingespielten Fassungen zu vergleichen. Mir ist allerdings noch nie eine Aufnahme mit einer eingefügten Solo-Kadenz begegnet. Kann jemand eine nennen?
Bei den Cembalo-Konzerten fällt es mir nicht schwer, eine Kadenz zu improvisieren, bei der Passacaglia habe ich aber Hemmungen. Das Stück ist so genial komponiert, dramaturgisch ausgefeilt, dass man an dieser Stelle nur etwas einfügen kann, was auf der gleichen Höhe steht. Da habe ich bei der Fassung von Daniel Beilschmidt meine Zweifel, das wirkt auf mich eher banal im Vergleich zu Bach. Was meint Ihr?

Bach-Passacaglia mit improvisierter Kadenz?

Karsten @, Samstag, 14. September 2024, 22:05 (vor 728 Tagen) @ Orlos

Hallo!

Da gibt es durchaus einige Versuche, in der Passacaglia eine Kadenz unterzubringen, wobei manche Einschübe eher den Charakter einer ausgedehnten Verzierung/Koloratur haben. Mir fallen ein:

Benjamin Alard (Harmonia Mundi)
Edward Power Biggs (auf Cembalo gespielt und Thomaskirche Leipzig)
Armine Douglas (auf Cembalo gespielt)
Daniel Chorzempa (Philips)
David Goode (Freiberg und Trinity College)
Masaaki Suzuki (BIS)
Manuel Tomadin (Brilliant Classics)

Nun ja, kann man machen, muss man nicht. Stand der Forschung scheint zu sein, dass der Neapolitaner nicht als Tor für eine Solokadenz gedacht war.

Gruß
Karsten

Bach-Passacaglia mit improvisierter Kadenz?

Contrebasson 32' @, Wien, Samstag, 14. September 2024, 22:07 (vor 728 Tagen) @ Orlos

In dem Kontext kann ich nur zum Hören von Cameron Carpenters Interpretation von BWV 541 auf seinem Live-Album raten. Die bewusst eklektische Kadenz funktioniert meines Erachtens sehr gut:
Youtube-Link (Link startet mit dem Präludium)

Und BWV 541 ist ja ebenfalls genial komponiert und ausgefeilt...

Bach-Passacaglia mit improvisierter Kadenz?

Friedrich @, Samstag, 14. September 2024, 23:13 (vor 728 Tagen) @ Orlos

Bei den Cembalo-Konzerten fällt es mir nicht schwer, eine Kadenz zu improvisieren, bei der Passacaglia habe ich aber Hemmungen. Das Stück ist so genial komponiert, dramaturgisch ausgefeilt, dass man an dieser Stelle nur etwas einfügen kann, was auf der gleichen Höhe steht. Da habe ich bei der Fassung von Daniel Beilschmidt meine Zweifel, das wirkt auf mich eher banal im Vergleich zu Bach. Was meint Ihr?

Ich finde das eine gute Frage, weil sie nicht leicht zu entscheiden ist.
Ich bin mit der Quellenlage nicht gut vertraut, aber die Passacaglia fällt in Bachs Frühzeit, höchstwahrscheinlich war er mit italienischer Concertopraxis noch kaum vertraut. Auch in italienischen Triosonaten aber gibt es zwischen zwei raschen Sätzen ein paar notierte Akkorde, die einer oder beide Geiger ausfigurieren könnten.

Denn bei der Passacaglia kann es, wenn überhaupt, doch nur um eine Figuration des Neapolitaners gehen, also um ein paar Sekunden Passagenwerk. Den aufgestauten harmonischen Druck an dieser Stelle möchte man doch nicht unterlaufen, oder? Der präfinale Ausflug in die Unterquinte folgt dann ja auch noch, und die harmonische Kadenzfolge wird vollständig ausmusiziert.

Das Stück funktioniert sogar immer noch eindrucksvoll, wenn man den N-Akkord nur mit minimaler oder sogar gar keiner Verzögerung spielt. Dafür sorgen der Dreierrhythmus und der Drive des einen Kontrasubjekts. In Bachs späteren Weimarer Ritornell-Präludien gehören solche Neapolitaner einfach dazu und werden in den normalen Taktverlauf eingefügt.

Konkurriert eine solistische Kadenz mit dem Komponierten? Ja, aber sie hat weniger Gewicht, schon weil sie meist einstimmig ausfallen wird. Wenn ich an dieser Stelle eine höre, dann ist sie mir umso lieber, je kürzer sie ausfällt. Am liebsten genieße ich aber dort das plötzliche Abreißen. Dieser Schock und die Fortführung, inklusive der verminderten Terz in der N-Kadenz, da fehlt mir nix. Und wenn dann noch, je nach Instrument, eine "Quinte" cis-as in die Stille schreit ... herrlich.

Bach-Passacaglia mit improvisierter Kadenz?

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 14. September 2024, 23:26 (vor 728 Tagen) @ Friedrich

Zustimmung. Ich hielte es auch für möglich, dass in der Kadenz bereits G7 erreicht wird - ebenfalls nur als länger ausgezierte Akkordbrechung oder so. Ich selbst wäre aber momentan noch zu schüchtern für so eine Aktion.

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