erlebt: Buchholz-Grüneberg-Orgel in Demmin

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Dienstag, 03. September 2024, 08:44 (vor 740 Tagen)

Nach den schönen Berichten von Orlos vor einigen Wochen schließe ich mich gerne mit einem eigenen Urlaubsbericht an. Vor etwa einem Monat hatte ich die Gelegenheit unter anderem die Buchholz-Grüneberg-Orgel in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) zu besuchen. Diese Orgel hatte mich bereits als Kind auf nachhaltige Weise fasziniert und von daher war es auch ein ganz persönliches Erlebnis diesen "Traum" verwirklichen zu können und das Instrument einmal vor Ort besuchen und erleben zu dürfen.

Bitte entschuldigt vorab, dass es mir nicht gelungen ist manche der Bilder zu drehen und sich jetzt alle den Nacken verrenken müssen ;)

Die kleine Hansestadt im Norden des Landkreis Mecklenburgische Seenplatte erlebte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges einen fürchterlichen Massensuizid und flächendeckende Zerstörung durch Brandstiftung. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass auch nahezu kaum historische Bausubstanz erhalten geblieben ist. Lediglich ganz wenige Häuser, das Stadttor sowie der knapp 96 m hohe Turm der unzerstörten Bartholomaeikirche heben sich aus den Nachkriegsbauten hervor. Dabei fällt auf, dass das Kirchenschiff verglichen mit den Proportionen des Turms etwas kurz geraten scheint, was dem Bau eine gedrungene Wirkung verleiht.

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Im Innern öffnet sich eine weite helle Hallenkirche.
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Der Blick zurück zeigt die scheinbar in der Turmnische versteckte Grüneberg-Orgel.
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...doch der Eindruck täuscht etwas: Die Turmnische ist zu den Seitenschiffen hin völlig offen, was im Raum durch die Reflexionen zu einem interessanten "Surround-Effekt" führt: Der Orgelklang dringt nicht nur durch die enge Nische in den Kirchenraum, sondern strahlt auch zu einem nicht unerheblichen Teil über die Seitenschiffe ab.
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Aber zunächst ist noch das sehr schicke Eingangsgitter zum Emporenaufgang zu würdigen:
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Erst von oben hat man die Möglichkeit den von unten durch die Turmmauer teilweise verdeckten Prospekt im Ganzen zu betrachten.
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Direkt unter dem Mittelturm (mit wenig Kopfhöhe nach oben) hat der sehr schicke viermanualige Spieltisch in Blickrichtung Altar seinen Platz gefunden.

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Leider ist die Registeraufteilung ziemlich durcheinander und zudem mit schwer lesbarer Schrift und bei schlechten Lichtverhältnissen echt nicht leicht zu bedienen. Dazu kommt eine gewisse Schwergängigkeit der Registertraktur.
Die grobe Logik folgt im Kern einem eigentlich sinnvollen Muster: Oberste Reihe: Pedal, darunter III. Manual, darunter II. Manual, darunter I. Manual. Leider lassen sich aufgrund der unterschiedlichen Registerzahl der Werke aber Ausnahmen und Umbrüche nicht vermeiden. Schlimmer bzw. unübersichtlicher finde ich allerdings, dass die Register innerhalb der Werke völlig unsortiert stehen, d.h. 8' sind auf beiden Seiten zwischen Registern anderer Fußtonlage, und sogar Mixturen querbeet verstreut.

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An mancher Stelle wurde bereits behauptet, das IV. Manual, auf welchem nur eine Harmonica 8' disponiert ist, die im Übrigen ganz vorne unten im Spieltisch platziert ist, besäße keinen eigenen Registerzug. Das stimmt so nicht ganz: Unterhalb der Registerstaffeleien hat sich linkerhand neben dem Kniebrett folgender Zug versteckt, der jedoch in gezogenem Zustand abstellend auf die Harmonica wirkt.

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Und wenn ich schon so fleißig am meckern bin, dann möchte ich zumindest noch konstatieren, dass der Einführungstritt für einen Teil der Pedalregister (hier Sperrventil genannt) etwas unintuitiv zusammengestellt ist (vgl. in der Disposition auf Organindex). So sind die Pedalzungen Bombarde 32' und Fagott 8' nicht über diesen Tritt abstell-/einführbar, wie man es bei einem französischen Appell erwarten würde. Die Erklärung hierfür liegt aber ganz praktisch in der Aufteilung der Pedalwindladen: Während das (ich nenne es jetzt einmal) Kleinpedal, welches über jenen Tritt einführbar ist, C-Cis-geteilt hinter den achteckigen Seitentürmen untergebracht ist, ist die Großpedallade (inkl. der Bombarde 32') auf Emporenniveau kurz vor der Rückwand aufgestellt. Die Anordnung der Appelltritte ist auch nicht ganz so ergonomisch, wie bei CC, da sie weit außen liegen.
(Es sei noch der Volständigkeit halber erwähnt, dass es sich bei den Registerzügen mit der Aufschrift Sperrventil um solche handelt, die auf ein gesamtes Werk wirken)

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Dies führt uns zur Werkaufteilung und damit Verbunden zu einem Blick in die Orgel, deren Zugänglichkeit wirklich angenehm ist:

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Hauptwerk (II. Manual) mit zugehöriger Barkermaschine. Sehr auffällig ist, dass nahezu alle Labiialpfeifen, selbst die Großen, auf Ton geschnitten sind:
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Auffällig auch an dieser Stelle, dass die Traktur ohne klassische Wellenbretter, sondern mit 90°-Winkeln ausgeführt ist.

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Das I. Manual (Oberwerk) befindet sich dem Namen entsprechend auf der obersten Etage, unmittelbar hinter dem Mittelturm. Links im Vordergrund sind die Becher der Posaune 16' auf der Kleinpedallade zu erkennen.
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Hinter den Pfeifen des Oberwerks ragt die Bombarde 32' bis wenige cm unter das Gewölbe. Dahinter ist das im eigentlichen Turmraum befindliche Schwellwerk zu sehen. Eigentlich deshalb, weil ja bereits die ganze Orgel genau genommen im Turmraum steht.
Das Schwellwerk besitzt bereits Jalousien, die nach meinem Wissen auf Sauer 1935 zurückgehen. Mitte des 19. Jahrhunderts waren in der dortigen Gegend eigentlich noch Türschweller verbreitet (vgl. andere Grüneberg- oder Friese-Orgeln). Bedient werden die Schwelljalousien jedoch noch mithilfe eines Löffeltrittes, der auf den vorherigen Fotos des Spieltisches zu sehen war.
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Blick nach oben in das Gewölbe des Schwellwerks:
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Im Vordergrund sind die Holzbecher der durchschlagenden Clarinette 8' zu sehen:
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Zu guter letzt noch der Klangaustritt der Harmonica 8' (IV. Manual) vorne im Spieltisch:
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Wie klingt sie denn nun?
Kurzum: sehr schön, wie nicht anders zu erwarten! Das Instrument füllt trotz der auf den ersten Blick ungünstig erscheinenden Aufstellung den Kirchenraum mühelos und besitzt einen satten Klang, schöne Einzelstimmen. Die Harmonica ist ein Traum und sehr mild im Klang.
Die so schön gedrechselte durchschlagende Clarinette im Schwellwerk (Alle anderen Zungen der Orgel sind übrigens aufschlagend) klingt allerdings trotz völlig anderer Bauform der Harmonica wirklich sehr ähnlich und ist selbst im Dialog zwischen beiden Registern nicht so einfach von dieser zu unterscheiden. Da das Schwellwerk außer dieser schwachen Clarinette keine weiteren Zungen besitzt, werden auch die Grenzen dieser Orgel recht schnell deutlich. Das schmälert allerdings kaum den durchweg positiven Gesamteindruck dieser besonderen und sehr schön gepflegten Orgel.

In der angrenzenden Seitenkapelle ist übrigens noch eine sehr schöne Klop-Truhenorgelanzutreffen, die auf II/P "aufgemotzt" wurde.


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