... da wird man ganz nostalgisch: Orgelzyklus 4.0 am Essener Dom – 2017

SKB, Donnerstag, 29. August 2024, 08:17 (vor 744 Tagen) @ elias.orgel

wahrscheinlich geht es um dieses Video:

Orgel 4.0* Jeder kann Orgelspielen
(Einladung zum ORGELTAG)

genau genommen
zum westfälischen Orgeltag 2021

* witzigerweise hat SKB den Titel (Orgel 4.0) wohl von mir "geklaut" ;-)

Guten Morgen!


... nicht nur der Blick auf die im mit den Kollegen der Bischöflichen Pressestelle realisierten Vorschau-Video Frisur macht ganz nostalgisch: ich habe mal im Archiv gegraben und die Dokumentation dieser im Jahr 2016 erwachsenen Idee gefunden:

Rückschau: 14. Internationaler Orgelzyklus 4.0

Nach „Dances“ und „Inferno“ bei den Konzertreihen 2015 und 2016, nach Freude und Schrecken nun 4.0, die digitale Welt, die Vernetzung von allem mit allem, der gläserne Mensch, die wunderbaren Errungenschaften der Digitalisierung, uns im Smartphone und am Computer beständig vor Augen, die Bedrohung von Millionen von Arbeitsplätzen durch Roboter und fortschreitende künstliche Intelligenz, teils schon absehbar, teils noch in weiter Ferne, viele ungeklärte Fragen – und doch und einfach nur wieder: sechs Orgelkonzerte mit sechs Interpreten und sechs ganz unterschiedlichen Programmen: das war der diesjährige Orgelzyklus am Essener Dom, ermöglicht durch eine großzügige Unterstützung durch die Sparkasse Essen.
 

Prof. Edoardo Bellotti, Rochester
Orgel und social media
 
Klingend begonnen hatte er schon weit im Voraus – mit einem Video, in dem die Pressestelle des Bistums gemeinsam mit Domorganist Sebastian Küchler-Blessing dazu eingeladen hatte, über Facebook und youtube Vorschläge für Improvisationen einzureichen, über die Prof. Edoardo Bellotti, der Gast des ersten Abends, dann zu improvisieren hatte.
 
Bis zum Konzert 15000-mal angesehen und über 120-mal geteilt, gingen eine hohe zweistellige Zahl von Programmvorschlägen ein, aus denen eine kleine Auswahl getroffen wurde.
 
So hatte Prof. Bellotti neben Literaturspiel aus dem Moment heraus zu improvisieren über den Choral „Jesu, meine Freude“ sowie das Badnerlied, „Thank you for the music“ von Abba und „Mer losse d’r Dom in Kölle“ sowie Herbert Grönemeyers „Bochum“ und „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Noch mit Beginn des Konzerts gingen Themenvorschläge ein, und so kam, quasi in Echtzeit aufs Pult gelegt, die Inspiration für eine Improvisation, in der er "Hey Jude" und ein Thema von Saint-Saëns kombinierte.


Karol Mossakowski, Paris
Ein europäisches Konzert
 
Der Thematik des Zusammenwachsens, der Frage nach Spannungen innerhalb von gewachsenen Gefügen und Verknüpfungen widmete sich der zweite Abend, und es berührt sehr, wenn man bedenkt, was da eigentlich geschehen ist:
 
Karol Mossakowski ist Pole – vor knapp 80 Jahren hat das Deutsche Reich sein Vaterland überfallen – und lebt in Frankreich, dem jahrhundertelangen „Erbfeind“ Deutschlands.
Dort im Stechen um die sicher prominenteste Organistenstelle des Landes, die Nachfolge von Jean-Pierre Leguay als Organiste titulaire de Notre Dame de Paris, war er nun in Essen, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit der Kruppschen Gussstahlfabrik die Waffenschmiede des deutschen Reiches, zu Gast.
72 Jahre Frieden und Wohlstand in Europa, grenzenloses Reisen, Kommunikation über alle physischen und staatlichen Grenzen hinweg… und gleichzeitig steht die Fragilität dieses wundervollen Konstrukts ganz offen vor Augen: hohler Nationalismus, falscher Protektionismus, Abgrenzung von anderen Nationen, Völkern und – schlicht – Menschen, gefühlte, manchmal sogar nur virtuelle Befindlichkeiten: all das droht, das zwischenzeitlich selbstverständlich gewordene, vereinte Europa zu zerbrechen.
 
Wenn Karol Mossakowski also in seiner European Organ Symphony | DOMORGEL ESSEN im Finale die englische Nationalhymne mit der Europahymne zusammenbrachte, war das nicht nur ein Kombinieren unterschiedlicher musikalischer Elemente, sondern ein Aufruf, die Arbeit mehrerer Generationen nicht nachlässig zerbrechen zu lassen, sondern immer und ständig dafür einzutreten, was das größte Geschenk unserer Zeit ist: Friede und Einheit in Europa.
 

Martin Sturm, Würzburg
KlangBilder
 
Bei diesem Abend mit dem jungen preisgekrönten Musiker Martin Sturm waren Publikum und Passanten eingeladen, im Atrium des Doms zu malen – mit Acryl, Ölkreide und Kohle.
Jeder, der wollte, konnte die Leinwände bemalen, mit etwas eigenem, reagierend auf bereits von anderen Gemaltes, im Gegensatz dazu stehend, das ergänzend…
 
Es war ungemein spannend, welches Miteinander sich unter den Malern ergab: teilweise sich gegenseitig selbst ermunternd, hier doch noch etwas zu machen, dort das zu tun, teilweise im Dialog – der „Goldene Hahn“ stand anfangs in der Leere, und ein Ehepaar diskutierte dann lange und intensiv um die richtige Gestaltung des Grases – teilweise aber auch mit dem klaren Vorsatz erschienen, auf einem Bild etwas ganz bestimmtes zu malen (das und nichts anderes)… beglückend, so Kunst zu er-leben!
 
Neben Werken von Frescobaldi, Bach, Alain und anderen hatte nun Martin Sturm – er war beim Entstehungsprozess der Bilder dabei und stand auch im Dialog mit Malern und Nicht-Malern – die Aufgabe, über diese Bilder zu improvisieren.

Diese – bewusst nicht aufgezeicheten – Improvisationen legten beredtes Zeugnis ab, wie beglückend diese Weltpremiere eines Zusammenkommens unterschiedlicher Menschen und unterschiedlicher Kunstformen funktionierte. 
Und: wiewohl von Menschen unterschiedlichster handwerklicher Fähigkeiten, unterschiedlicher Motivation und Stimmung geschaffen, sprechen die Bilder für sich.

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Domorganist Prof. Ruben J. Sturm, Rottenburg
Vernetzungen
 
Die Gastorganisten waren eingeladen, auf das Motto 4.0 hin eigene Überlegungen anzustellen, unter welchem Gesichtspunkt ihr Konzert stehen sollte.
Der Rottenburger Domorganist Prof. Ruben J. Sturm kam dabei auf ein Programmkonzept, das so ansonsten wohl nie entstanden wäre, aber in seiner Geschlossenheit und Schönheit von Form wie schierer Musik überzeugt:
Orgelwerke über Improvisationen // Improvisationen über Orgelwerke // Orgelwerke mit und ohne Improvisationen // Improvisationen über Improvisationen // Orgelwerke über Orgelwerke // Improvisierte Orgelwerke
 
 
Als kleine Auswahl der Vernetzungen dieses Abends:
 
Improvisierte Orgelwerke

Improvisationen

Improvisationen über Improvisationen

Improvisationen über Orgelwerke


Domorganist Prof. Franz-Josef Stoiber, Regensburg
Avatare
 
Die Website Wikipedia lieferte unter dem Eintrag „Avatar (Internet)“ Ende Juni folgende Information: „Mit dem Begriff Avatar wird oftmals auch intelligente Software bezeichnet, mit der Anwender in natürlicher Sprache kommunizieren können. Sie beraten und unterstützen den Nutzer (…) in der Kommunikation mit technischen Systemen (Mensch Maschine-Schnittstelle). (…) Beispiele hierfür sind Avatare als (…) Kiosklösungen oder sog. interaktive Schaufenster.“
Und in diesem Sinn war auch das Konzert des Regensburger Domorganisten Prof. Franz-Josef Stoiber eine Art Schaufenster – im dem Sinne nämlich, dass originär für andere Besetzungen entstandene Musik und Improvisationen in bestimmten, aus anderem Kontext bekannten Formen bzw. über gegebene Themen im Abbild der Realisierung auf Orgel, also quasi im Schaufenster der Königin der Instrumente, erklangen.
Franz-Josef Stoiber gilt als einer der profiliertesten Improvisatoren unter den deutschen Domorganisten, und so musizierte er an diesem vorletzten Abend auch großangelegte Improvisationen, teils thematisch gebunden, teils frei und zum großen Abschluss eine mehrsätzige symphonische Hommage à Louis Vierne zu dessen 80. Todestag: auch der galt als einer der besten Improvisatoren seiner Zeit.


Domorganist Sebastian Küchler-Blessing
Vox populi, vox organi
 
Unter diesem ungewohnt klingendem Namen verbarg sich – das war im Vorfeld nicht klar, sondern ergab sich erst in der Konzertsituation selbst – eine kleine Sensation:
Zunächst einmal standen neben Literatur improvisierte Miniaturen auf Zuruf auf dem Programm. Jeder, der etwas zu hören wünschte, sollte das jeweilige Thema vorsingen: so ist gewährleistet, dass einerseits die anderen Zuhörer, andererseits und vor allem aber auch der Spieler selbst das Thema kennenlernen und darüber nachdenken kann.
Sensationell an diesem Abend war nun, dass nach anfänglichem Zögern – das liegt in der Natur dieser besonderen Aufgabenstellung – es nun zwar Hörer gab, die auch etwas wünschten, und die teilweise sangen und teilweise aber eher sich zurückhielten; dass aber vor allem – und das ist auch eine der spannenden Interaktionen und Vernetzungen – weitere Zuhörer einsprangen und sangen, wenn sich derjenige, der nun ein Lied wünschte, sich etwa nicht traute, überhaupt oder wenigstens stark und kräftig zu singen. In diesem Fall also sangen bis zu 50 Zuhörer, die das entsprechende Thema kannten, das vor, sodass es – so waren ja die Regeln – Grundlage für eine neue Improvisation werden konnte. Und eine solche Solidarisierung innerhalb des Publikums ist etwas, was ganz und völlig seinesgleichen sucht – und wohl die schönste Form dessen, was Vernetzung bedeutet: viele Akteure tun sich zusammen, um sich gegenseitig zu stärken und so Neues zu schaffen.

Schön war's!

Viele Grüße


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