Nachruf auf Jürgen Ahrend auf der GdO-Homepage

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 14. August 2024, 15:01 (vor 761 Tagen) @ Orlos

Die ganze Aufregung verstehe ich nicht.

....regt sich hier jemand auf? Ich jedenfalls nicht, ich stelle nur fest.

Bei den anderen Verstorbenen steht in der Regel auch nicht mehr, warum soll man bei Ahrend jetzt eine Ausnahme machen?

....fragst Du das jetzt im Ernst?

Es geht auf der Seite jeweils um eine kurze Information, nicht um eine ausführliche Würdigung, die sicher in der Ars Organi folgen wird.

Niemand hätte aus dem Stegreif einen umfassenden Nachruf erwartet, dafür ist die Rubrik "Aktuelles" auf der HP auch nicht der richtige Ort. Sehr wohl aber ist er es für eine spontane Würdigung, die dem Rang des Verstorbenen im Rahmen einer solchen Mitteilung entspricht. Das gilt umso mehr, wenn man seit über zehn Jahren ständig predigt, man wolle die digitale Präsenz reaktionsschneller und attraktiver gestalten - danach aber nichts kommt. - Was hätte ich anstelle des Präsidiums getan? Ich hätte mich kurz hingesetzt und ungefähr den folgenden Text auf der HP einstellen lassen, an prominenter Stelle - ein Text, für den ich heute morgen auf eine Anregung auf FB hin ungefähr eine halbe Stunde gebraucht habe:

"Liebe Orgelfreundinnen und -freunde,

während unserer Tagung in Wien erreicht uns die traurige Nachricht vom Tod Jürgen Ahrends am 1. August im Alter von 94 Jahren. Auch in Wien hat Jürgen Ahrend seine Spuren hinterlassen: die Sieber-Orgel in der Michaelerkirche, die in den 1980er Jahren in einem desolaten Zustand war, rettete er mit seiner 1987 durchgeführten Restaurierung vor dem Untergang, wie so viele andere wertvolle Instrumente, die durch sein umfassendes Können wiedererstanden sind. Wir konnten uns in der Michaelerkirche selbst dieser Tage davon überzeugen.

Wir können und wollen an dieser Stelle kein umfassendes Lebensbild Jürgen Ahrends und seines Wirkens zeichnen. Dies soll einer eingehenden Würdigung in Ars Organi vorbehalten sein. Soviel aber sei gesagt: in einfachen Verhältnissen nach dem Krieg in Göttingen aufgewachsen, war die Ausbildung zum Orgelbauer in der Werkstatt von Paul Ott der Grundstein für Jürgen Ahrends späteren großen internationalen Erfolg. Schnell erkannte Ahrend aber auch - und das vor vielen anderen -, dass der damals praktizierte Umgang mit alten Orgeln, auch bei seinem Lehrmeister Ott, den historischen Instrumenten nicht gerecht wurde, diesen sogar oft mehr schadete als nützte.

Mit der Wiederherstellung der Huss/Schnitger-Orgel in St. Cosmae in Stade Anfang der 1970er Jahre schaffte Ahrend den Durchbruch in der Fachwelt: in seiner Wiederherstellung des "verrestaurierten" und durch Heizungsschäden schwer beschädigten Instruments bewies er, dass die Restaurierungspraxis sich konsequent an der authentischen, möglichst umfassend zu ermittelnden Gestalt der alten Instrumente orientieren musste, nicht an ideologischen Projektionen gewünschter Klangbilder oder Konstruktionsmerkmale. Damit leitete er einen Paradigmenwechsel im Orgelbau ein und eilte fortan von Erfolg zu Erfolg: die Restaurierungen u.a. der Orgeln in Norden/St. Ludgeri, Stade/St. Wilhadi, Wien/Michaelerkirche und schließlich sein opus maximum, die Wiederherstellung der Schnitger-Orgel in Hamburg/St. Jacobi 1993, begründeten seinen internationalen Ruf. Nur aus Platz- und Zeitgründen beschränken wir uns hier auf diese wenigen Beispiele, die gleichwohl ein weiteres Wesensmerkmal Ahrends belegen: er war nicht auf einen Stil oder eine Landschaft fixiert. Der Sieber-Orgel der Wiener Michaelerkirche, die einer anderen Musizier- und Orgelbautradition entsprach als die Instrumente im Norden, wurde er ebenso gerecht wie den Orgeln Schnitgers.

Wohl nur von wenigen Orgelbauern lässt sich sagen, dass sie über ihren handwerklichen Bereich hinaus auch die Orgelwissenschaft und das Orgelspiel inspiriert haben. Jürgen Ahrend gehört in diese Kategorie: insbesondere sein Wissen um die Bedeutung einer sensitiven, leichtgängigen Traktur und der authentischen Temperierungen hat der historisch informierten Aufführungspraxis seit den 1970er Jahren unschätzbare Impulse verliehen. Ohne ihn wäre die gesamte Orgelwelt heute nicht die, die wir kennen.

Im Namen aller Mitglieder der Gesellschaft der Orgelfreunde sprechen wir seiner Familie in großer Dankbarkeit unser aufrichtiges Mitgefühl aus. Möge er ruhen in Frieden.

Das Präsidium der Gesellschaft der Orgelfreunde:

......"

Wie gesagt: eine halbe Stunde. In aller Bescheidenheit: wer so etwas nicht in diesem Zeitfenster hinbekommt, sollte sich überlegen, ob er an der Spitze der GdO an der richtigen Stelle ist.


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