GdO-Tagung Wien 4. Tag (Mittwoch)

Dorforganist, Dienstag, 06. August 2024, 23:51 (vor 769 Tagen)

Die am 4.Tag stattfindenden Exkursionen wurden in zwei Gruppen durchgeführt: die Gruppe A fuhr Klöster in Niederösterreich an, die Gruppe B war im Wienerwald unterwegs, abends traf man sich in St.Pölten zum Konzert in Dom.

Wer in der Gruppe A glaubte, es gäbe keine Steigerung von Barock, der wurde Kirche um Kirche eines Besseren belehrt: die Krönung war der Dom in St.Pölten, wo es überhaupt keinen Quadratzentimeter ohne Gold oder Farbe mehr gibt. Da muß man schon mit einer sehr großen Barock-Affinität geboren sein, um das schön zu finden...

In der Stiftskirche der riesigen Klosteranlage von Altenburg, der ersten Station von Gruppe A, gab es immerhin noch weiße Flecken, und die mehrfach umgebaute Pfliegler-Orgel stach nicht unbedingt durch außergewöhnliche Klänge hervor. Sie wurde solide, aber nicht aufregend gespielt, wobei CPE Bach immerhin eine Abwechslung in der in diesen Tagen herrschenden Dominanz von Muffat und Froberger war. Die etwas abrupt endende Fuge in e-moll von Mendelssohn überzeugte inhaltlich nicht.

Die Stiftskirche von Zwettl beherbergt eine eigenwillige Orgel von Egedacher, bei der alle drei Manualwerke in die Brüstung gebaut und im geteilten Hauptgehäuse nur die Pedalregister untergebracht sind. Die typisch böhmisch aussehende Orgel klingt entsprechend präsent im Raum und hat eine Menge farbiger Register, die von der Hausorganistin versiert und routiniert, aber etwas lieblos, präsentiert wurden.

Den (vermeintlichen) Höhepunkt an barockem "horror vacui" fand man dann in Herzogenburg, wo es wohl zum ersten Mal keinen Muffat und keinen Froberger gab, sondern J.G.Walther, D.A.Estendorffer, Th.Grünberger, einen modernen Komponisten namens Minkowitsch, und zwei "Bäche". BWV 541 höre ich am liebsten in einer lichten Plenumsregistrierung und ohne Manualzunge, was mir leider hier wieder verwehrt wurde. Das klang für meinen Geschmack zu dick, wenn auch technisch gut gespielt. In dieser Orgel stehen zwei von drei Manualwerken in der Brüstung, was ihr ebenfalls eine gute Präsenz verleiht. Wieviel von Hradetzky in dieser Orgel unsachgemäß "restauriert" wurde, müßte wohl separat erkundet werden.

Der echte Höhepunkt barocker Überlast führte bei nicht wenigen zu einer gewissen Schnappatmung, wenn sie den trostlos häßlichen grauen sog. Domplatz in St.Pölten - eigentlich nur ein von geschlossenen Häuserfronten eingerahmter Granitplattenplatz, der gerade durch eine Kunstinstallation in Form einer überdimensionalen Wäscheleine aufgewertet werden sollte - erfolgreich überquert und in das stilvoll mit Lüstern erleuchtete Kirchenschiff eingetreten waren, in dem sich alles in Blattgold und massiven bis dunklen Farborgien der Wände und Decken spiegelte.

Die 1973 in einen gigantischen Egedacher-Barockprospekt eingebaute Metzler-Orgel erhebt keinen Anspruch auf Regionalbezug, und deshalb war auch das Programm mit Buxtehude, Bach, Couperin und Heiller eher "universal". Sehr interessant war Heillers "Vater unser"-Partita und die damals von manchen Kreisen nicht gerade bejubelte Tanztoccata. Über Registrierungen kann man streiten: der erste Satz der Triosonate BWV 530 klang wie auf einem Manual gespielt, die Fuge von BWV 547 mit einer fetten Trompete zu beginnen und keine Steigerung beim eigentlich grandiosen Pedaleinsatz (der hier direkt unterging) zu bieten, entspricht nicht meiner Vorstellung von diesem grandiosen Werk. Die Orgel selber klang, wie halt eine Metzler klingt: immer präsent und kräftig, aber nie zu laut und immer nobel im Ton.

Gesprächsfetzen beim Rückzug über die Steinwüste des Domplatzes ließen erahnen, daß auch Gruppe B mit ihrer Tour zufrieden war - aber darüber müßte jemand berichten, der dabei war...

GdO-Tagung Wien 4. Tag (Mittwoch)

Regermann @, Oberpfalz, Mittwoch, 07. August 2024, 09:08 (vor 768 Tagen) @ Dorforganist

Auch wir von Gruppe B (dazu extra) sind schließlich in St. Pölten gelandet. Man lasse sich beim Bericht über die Metzler die Jahreszahl auf der Zunge zergehen: 1973. Da waren die Metzlers schon an vorderster Front und bauten ein Instrument, das auch 51 Jahre später mit charakteristischen Registern, Klarheit, Kraft und Stimmigkeit überzeugt. Wie ich vor einigen Jahren selbst erfahren durfte (R.I.P. Karl Kastl), spielt sie sich auch elegant und inspirierend. Da brauchen die Orgelbauer wohl hauptsächlich zum Staubsaugen zu kommen. Die voll besetzte Kirche schmälerte die raumfüllende Wirkung des Orgelklangs nicht. Beeindruckend auch die räumliche Staffelung vom überaus präsenten Rückpositiv zum Schwellwerk.

Registrierungen: Da stimme ich Dorforganist bei - Ludwig Lusser wollte wohl die Gleichwertigkeit der beiden Oberstimmen betonen, wie sie bei einer Triosonate, gespielt von zwei Violinen und Continuo gegeben wäre. Insgesamt ein beeindruckendes Tagesfinale.

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freundliche Grüße, Regermann

GdO-Tagung Wien 4. Tag (Mittwoch)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 07. August 2024, 09:30 (vor 768 Tagen) @ Regermann

Auch wir von Gruppe B (dazu extra) sind schließlich in St. Pölten gelandet. Man lasse sich beim Bericht über die Metzler die Jahreszahl auf der Zunge zergehen: 1973. Da waren die Metzlers schon an vorderster Front und bauten ein Instrument, das auch 51 Jahre später mit charakteristischen Registern, Klarheit, Kraft und Stimmigkeit überzeugt. Wie ich vor einigen Jahren selbst erfahren durfte (R.I.P. Karl Kastl), spielt sie sich auch elegant und inspirierend. Da brauchen die Orgelbauer wohl hauptsächlich zum Staubsaugen zu kommen. Die voll besetzte Kirche schmälerte die raumfüllende Wirkung des Orgelklangs nicht. Beeindruckend auch die räumliche Staffelung vom überaus präsenten Rückpositiv zum Schwellwerk.

Sie ist wirklich sehr schön, von oben und von unten.

Registrierungen: Da stimme ich Dorforganist bei - Ludwig Lusser wollte wohl die Gleichwertigkeit der beiden Oberstimmen betonen, wie sie bei einer Triosonate, gespielt von zwei Violinen und Continuo gegeben wäre. Insgesamt ein beeindruckendes Tagesfinale.

Typisch Wiener bzw. Radulescu-Schule (ich finde es auch oft schön) - gerne Pr 8 in der einen und Pr 4 oktavierend (oder anderen Pr 8) in der anderen Hand etc.

GdO-Tagung Wien 4. Tag (Mittwoch)

Regermann @, Oberpfalz, Mittwoch, 07. August 2024, 10:27 (vor 768 Tagen) @ Dorforganist

Exkursion am Mittwoch, Wienerwald-Tour Gruppe B:
Hier konnte man sich generell über relativ begrenzte Fahrzeiten freuen, das Timing war mit Zeitreserven geplant und wurde auch wenig beeinträchtigt, als der Doppeldecker-Bus in Baden wegen einer überraschenderweise zu niedrigen Unterführung Umwege fahren musste.
Gleich die erste Station erwies sich als ein Highlight der Tour: In Baden trafen wir wieder auf Michael Capek und seinen Vater Wolfgang, die schon am Sonntag in St. Augustin gespielt hatten. St. Josef ist für sie ein "Heimspiel". Drako Lukman (Kaindorf) hat die Orgel 2019 gebaut, er war auch anwesend. Das mit Lothar Zickermann designte Instrument fügt sich in eine schattige Ecke des modernen Kirchenraums. Mit den geschickt disponierten 27 Registern lässt sich eine große stilistische Bandbreite abdecken, wir hörten Literatur von Buxtehude (Praeludium BuxWV 136) über Escaich (Evocation Nr. 4) und Saint-Saens (Improvisation op. 150/4) bis zu einer schwungvollen Improvisation ("Es sungen drei Engel") von Michael Capek. Ein besonderes Schmankerl war die Sonate für 4 Hände von Francis Poulenc - kurz und bündig, geistreich, mit Witz komponiert und ebenso gespielt.
Nach einer Wanderung durch die aufgeheizte Altstadt dann in die Pfarrkirche St. Stephan. Stefan Donner spielt souverän die Hradetzky-Orgel von 1987 im Gehäuse von Henke (1744). Mozart KV 608, Bach, zwei Kanons aus der Kunst der Fuge BWV 1080, Wilhelm Gade, drei Tonstücke op. 22.
Auf dem Hafnerberg konnten wir uns über eine 2019 restaurierte Pfliegler-Orgel freuen (1767, 17/II/P). Caroline Atschreiter führte sie gediegen mit Muffat, Buxtehude und Peretti (*1974) vor. Erfreulicherweise war auch Orgelbauer Alois Linder vor Ort und konnte den Interessierten Erklärungen zur Technik der Orgel und zur Restaurierung geben.
Es war nicht mehr weit zur Zisterzienserabtei Heiligenkreuz. Die große Kober-Orgel von 1804 (52/II/P) wurde zuletzt 1997 von Allgäuer restauriert. Sie war nicht in einem optimalen Zustand, speziell die Stimmung ließ zu wünschen übrig. Anton Holzapfel stellte das Instrument etwas beiläufig vor, gerade die zahlreichen Zungenstimmen (auch sie in schlechtem Zustand) konnte man erst im Nachhinein auf Nachhaken kurz hören.
Also auf in den wunderschönen Biergarten, von dem aus man das bestens geplante und realisierte Carillon-Konzert erleben konnte, das als Einspringer die GdO-Mitglieder Ariane Toffel und Georg Wagner spielten. Großartig, Chapeau!

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freundliche Grüße, Regermann

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