Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm)
Allenthalben liest man von Stummfilmvorführungen mit Orgelimprovisationen. Bislang hatte ich das noch nie live erlebt. Nun begab es sich, dass die Professorin für Orgelimprovisation Christiane Michel-Ostertun in der Wiesbadener Lutherkirche den Stummfilm "Tartüff" von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1925 musikalisch illustrierte und ich mir diese Vorführung nicht entgehen ließ. Sie nutzte nicht die präsente Klais-Orgel von 1979, sondern die vergleichsweise weich-dezent klingende Walcker-Orgel aus dem Jahr 1911, was natürlich zum alten Film gut passte. Uns wurde vor dem Konzert wortreich erklärt, dass sie sich Themen überlegt habe, die sie den Figuren zuordnen werde. Außerdem habe sie vor, die Heuchler stets mit Zungenstimmen, die Opfer wiederum mit Streicherstimmen zu charakterisieren. Nun denn. Der Film besitzt viele tolle Effekte, hat aber auch einige Längen, die man durch gute Musik schön füllen könnte.
Leider ist es mir nicht gelungen, Themen wiederzuerkennen. Die insgesamt recht chromatisch angelegte Harmonik wies in die Spätromantik, oft mit einer heiteren Note, wie sie etwa von Nigel Ogden oder Julien Bret gepflegt werden, böse gesagt: um-ta-ta.
Die zentrale Frage ist, ob man den Film 1:1 musikalisch "bebildert" oder ob man eine zusätzliche Bedeutungsebene einziehen kann. Die Verdopplung der Handlung gelang Frau Michel-Ostertun gut, Bedrohung, Angst oder befreites Lachen vertonte sie überzeugend. Der religiöse Heuchler Tartüff wurde mit choralartigen Wendungen unterlegt, was naheliegend war. Nur ein einziges Mal griff die Organistin auf eine bekannte Melodie zurück: In der fingierten Sex-Szene erklang das Lied "Der Mond ist aufgegangen". Diese Ironie habe ich nicht verstanden. Man könnte aber häufiger auf die Idee zurückgreifen, mit bekannten Melodie-Zitaten dem Zuhörer eine "Belohnung" zu geben, der Musik zuzuhören.
Die Dualität Zungenstimmen gegen Streicher hatte etwas Penetrantes. Wenn Opfer und Täter zusammentreffen, geht das Konzept auch nicht immer auf. Den Spieltisch konnte ich nicht sehen; im Film kommen häufig Glockenklingeln und Türklopfen vor, das wurde akustisch wiedergegeben – ich nehme an, dass das auch die Organisten übernommen hat, Hut ab!
Was mir gar nicht gefiel: Frau Michel-Ostertun spielte 70 Minuten lang immer nur im 4/4-Takt. Das Tempo wurde 'mal schneller, 'mal langsamer, aber es war ein stetiger, niemals endender 4/4-Fluss. So machte sich eine rhythmische Eintönigkeit breit, die ermüdete.
gesamter Thread:
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) -
Orlos,
20.07.2024, 04:29
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) -
Karl-Bernhardin Kropf,
20.07.2024, 11:11
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) - JSBach, 20.07.2024, 14:33
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) -
Bariolage,
20.07.2024, 12:53
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) -
Solcena,
20.07.2024, 13:36
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) - Orlos, 20.07.2024, 15:04
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) - Johannes Maria, 20.07.2024, 14:43
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) -
Solcena,
20.07.2024, 13:36
- Eindrücke aus einem Improvisationskonzert (Stummfilm) -
Karl-Bernhardin Kropf,
20.07.2024, 11:11