Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

MCVL @, Samstag, 18. November 2023, 22:05 (vor 1028 Tagen)
bearbeitet von MCVL, Samstag, 18. November 2023, 22:09

Missing Link - einer der vielen Anglizismen, die in jüngerer Zeit in unsere Sprache Aufnahme gefunden haben - trifft vielleicht am besten auf die Orgel zu, welche ich heute vorstellen möchte.

Sie stammt aus einer Zeit, über die wenig geforscht und noch weniger publiziert worden ist, eine der wirklichen Löcher in der Orgelgeschichte im Süden Deutschlands. Und ohne die Orgeln dieser Zeit näher zu kennen und zu analysieren, kann vieles, das anschließend kam, nicht wirklich in den richtigen Zusammenhängen verstanden werden.

Um es etwas interessanter zu gestalten, möchte ich zunächst einmal ein Rätsel daraus machen und frage in die versammelte Runde:

- wann könnte diese Orgel entstanden sein?
- wer war ihr Erbauer?
- wo stand sie?

Hauptwerk C-f3

1) Bourdon 16'
2) Principal 8'
3) Coppel 8'
4) Viola di Gamba 8'
5) Bifara 8'
6) Octav 4'
7) Waldflöte 4'
8) Superoctav 2'
9) Flageolet 2'
10) Mixtur 4fach 1 1/3'

Oberwerk C-f3

11) Viola 8'
12) Gedeckt 8'
13) Salicional 8'
14) Flöte d'amour 4'
- Leerschleife (vermutlich für dezente Zunge)

Pedal

15) Principalbaß 16'
16) Octavbaß 8'
17) Violon 8'
18) Trompete 8'

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Evacuant, Samstag, 18. November 2023, 22:28 (vor 1028 Tagen) @ MCVL

Dann tippe ich mal auf 1830er Jahre, Südbaden, wohl noch östlich des Schwarzwaldes. Hieber, Nägele, Anton Braun, so was in der Richtung?

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

MCVL @, Samstag, 18. November 2023, 22:36 (vor 1028 Tagen) @ Evacuant

Dann tippe ich mal auf 1830er Jahre, Südbaden, wohl noch östlich des Schwarzwaldes. Hieber, Nägele, Anton Braun, so was in der Richtung?

In Bayern würden sie jetzt sagen, du bist ein Hund, im absolut positiven Sinne gemeint.

Südbaden nein, der Schwarzwald ist aber in Sichtweite bzw. grenzt unmittelbar an.

Und was die Orgelbauerauswahl anbelangt, da liegst du auch schon richtig...

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Evacuant, Samstag, 18. November 2023, 23:01 (vor 1028 Tagen) @ MCVL

Bei Deinem Forschungsschwerpunkt fällt das Raten nicht sehr schwer.
Ist Anton Braun der Richtige?

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

MCVL @, Samstag, 18. November 2023, 23:12 (vor 1028 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von MCVL, Samstag, 18. November 2023, 23:37

Es ist Anton Braun.

Da über ihn ja wenig publiziert wurde, kann ich es auch guten Gewissens fast auflösen...
Nein, ganz einfach nicht - für dich bestimmt, aber für andere weniger- deshalb halten wir es noch etwas spannend. Vielleicht kommt jemand anderer auf den Standort, die Orgel wurde durch ein sehr frühes Werk Made in Ennetach ersetzt.

Bedauerlich jedenfalls, daß gerade die Orgeln aus dieser Zeit in Württemberg nahezu völlig ausgelöscht wurden, seien es diejenigen von Kiene, von Anton Braun, von Gruol, Schultes oder der Schäfer-Sippe.
Mit Missing Link meine ich die Verbindung vom altwürttembergischen protestantischen oder dem katholischen oberschwäbischen Orgelbau bis zu den Koalitionskriegen und dem Herauskristallisieren der typisch württembergischen Orgeln ab etwa 1840 von Walcker und seinen Schülern und von anderen Orgelbauern, die parallel dazu gewirkt, ihren ganz individuellen - nicht weniger avantgardistischen - Stil entwickelten und beibehalten haben, wie etwa die jüngeren Schäfer oder Martin und Joseph Braun.

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Uli Skriwan @, Zwischen Inn und Salzach, Sonntag, 19. November 2023, 11:18 (vor 1027 Tagen) @ MCVL

Mit Missing Link meine ich die Verbindung vom altwürttembergischen protestantischen oder dem katholischen oberschwäbischen Orgelbau bis zu den Koalitionskriegen und dem Herauskristallisieren der typisch württembergischen Orgeln ab etwa 1840 von Walcker und seinen Schülern und von anderen Orgelbauern, die parallel dazu gewirkt, ihren ganz individuellen - nicht weniger avantgardistischen - Stil entwickelten und beibehalten haben, wie etwa die jüngeren Schäfer oder Martin und Joseph Braun.

Ich dachte erst, es gieng um die Giengener Orgelbauer ;-)

Die Disposition mit Bifara (bei Braun auch eine Schwebung?), Gamba, Coppel, Flageolet (als zweiten 2' im Hauptwerk, dafür das Nebenmanual nur bis 4'), etc. hat mich im ersten Moment an den Münchner Orgelbauer Anton Bayr erinnert, der in der Rokokozeit seine größeren Instrumente, wie in Schäftlarn oder Mühldorf ähnlich disponiert hat.

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

MCVL @, Sonntag, 19. November 2023, 12:22 (vor 1027 Tagen) @ Uli Skriwan

Ich dachte erst, es gieng um die Giengener Orgelbauer ;-)

Und ich habe mir fast gedacht, daß jemand dabei an Giengen denkt : -D

Die Disposition mit Bifara (bei Braun auch eine Schwebung?), Gamba, Coppel, Flageolet (als zweiten 2' im Hauptwerk, dafür das Nebenmanual nur bis 4'), etc. hat mich im ersten Moment an den Münchner Orgelbauer Anton Bayr erinnert, der in der Rokokozeit seine größeren Instrumente, wie in Schäftlarn oder Mühldorf ähnlich disponiert hat.

Danke für den Hinweis auf Bayr. Mehr oder weniger aus Zufall ist bekannt, daß Braun seine Ausbildung bei Nikolaus Rummel in Linz absolviert hat und sich anschließend auf Wanderschaft begab. Irgendwie musste er ja von Linz auch wieder nach Spaichingen zurückkommen. Der einfachste Weg zur damaligen Zeit wäre natürlich auf der Donau gewesen. Ich vermute aber eher, er hat den Weg quer durch Bayern gewählt und dort bei dem einen oder anderen Orgelbauer gearbeitet. Leider ist sein Wanderbuch oder ähnliche Unterlagen nicht erhalten.

Die Bifara dürfte schwebend gestimmt gewesen sein, ähnlich wie das im Bodenseeraum auch Aichgasser und andere realisiert haben.
Zu der Gamba gäbe es auch noch mehreres zu erzählen, keine Interpretationen von mir, sondern aktenmäßig überlieferte Äußerungen von Braun. Er sah die Gamba u.a. als eine Art Zungenersatz an und lieferte sie auch in Baß/Diskantteilung. Es dürfte sich daher um ein relativ starkes und sicher ansprechendes Register gehandelt haben. Auch bei größeren einmanualigen Orgeln disponierte er sie. Offenbar schwebten Braun für die Gamba völlig andere Funktionen vor wie den Orgelbauern Bergmann et Schildknecht, über die ich letztens hier berichtet habe.
Auch die Pedaltrompete steht im Zusammenhang mit der Gamba. Braun war der Überzeugung, daß wenn eine Gamba im Manual disponiert wird, im Pedal eine Trompete vorhanden sein müsse. Dies nur ein paar wenige Einblicke in seine klanglichen Vorstellungen.

Und zur Auflösung: es handelt sich um die Orgel für die kath. Stadtpfarrkirche Oberndorf am Neckar von 1827.

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 19. November 2023, 12:34 (vor 1027 Tagen) @ MCVL

Zu der Gamba gäbe es auch noch mehreres zu erzählen, keine Interpretationen von mir, sondern aktenmäßig überlieferte Äußerungen von Braun. Er sah die Gamba u.a. als eine Art Zungenersatz an und lieferte sie auch in Baß/Diskantteilung. Es dürfte sich daher um ein relativ starkes und sicher ansprechendes Register gehandelt haben. Auch bei größeren einmanualigen Orgeln disponierte er sie. Offenbar schwebten Braun für die Gamba völlig andere Funktionen vor wie den Orgelbauern Bergmann et Schildknecht, über die ich letztens hier berichtet habe.
Auch die Pedaltrompete steht im Zusammenhang mit der Gamba. Braun war der Überzeugung, daß wenn eine Gamba im Manual disponiert wird, im Pedal eine Trompete vorhanden sein müsse. Dies nur ein paar wenige Einblicke in seine klanglichen Vorstellungen.

Wieder einmal dazu die Anekdote aus dem Wiener Stephansdom - es ergab sich, dass dort eine Veranstaltung (Klassenabend? vordere Rieger-Orgel, Anfang 1992) stattfinden konnte und mein nicht besonders nerdiger Orgellehrer mit einem Studienkollegen arbeitete. Unser Lehrer saß etwas abseits, bei einem bestimmten Klang erkundigte er sich, was denn da für eine Zunge im Hauptwerk gezogen wäre.
"Des is die Gamba, Herr Professor!"

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Johannes Maria, Sonntag, 19. November 2023, 12:52 (vor 1027 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Bei der Binder&Siemann-Orgel (1902) in der Andreaskirche in Regensburg-Stadtamhof stand im HW eine Gambe 8', die am Spieltisch geradezu brutal fauchend wirkte, unten im Kirchenschiff jedem Regal/Krummhorn (...) edelste Konkurrenz machte.

Da begreift man, warum Klotz Zungen und Streicher in der dritten Spalte seiner Dispositionsnotierungen zusammenfasst ...

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Florian-L @, Sonntag, 19. November 2023, 16:26 (vor 1027 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Unser Lehrer saß etwas abseits, bei einem bestimmten Klang erkundigte er sich, was denn da für eine Zunge im Hauptwerk gezogen wäre.
"Des is die Gamba, Herr Professor!"

Gibt's tatsächlich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Laurenskerk_(Alkmaar)#Gro%C3%9Fe_Orgel

https://de.wikipedia.org/wiki/Sint-Micha%C3%ABlskerk_(Zwolle)

Gruß, Florian

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 19. November 2023, 16:49 (vor 1027 Tagen) @ Florian-L

Unser Lehrer saß etwas abseits, bei einem bestimmten Klang erkundigte er sich, was denn da für eine Zunge im Hauptwerk gezogen wäre.
"Des is die Gamba, Herr Professor!"


Gibt's tatsächlich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Laurenskerk_(Alkmaar)#Gro%C3%9Fe_Orgel

https://de.wikipedia.org/wiki/Sint-Micha%C3%ABlskerk_(Zwolle)

Gruß, Florian

Cool, danke!

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

jrbecker @, Sonntag, 19. November 2023, 17:21 (vor 1027 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Unser Lehrer saß etwas abseits, bei einem bestimmten Klang erkundigte er sich, was denn da für eine Zunge im Hauptwerk gezogen wäre.
"Des is die Gamba, Herr Professor!"


Gibt's tatsächlich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Laurenskerk_(Alkmaar)#Gro%C3%9Fe_Orgel

https://de.wikipedia.org/wiki/Sint-Micha%C3%ABlskerk_(Zwolle)

Gruß, Florian


Cool, danke!

Ich zitiere mal aus "Eberlein" (kann ich ja jetzt ... :-)):
"Die Exemplare in Zwolle und Alkmaar sind erhalten. Jenes in Alkmaar ist ein Regal mit komplexen, fünfteiligen Aufsätzen: einen schwach trichterförmigen, engen Schaft (Teil 1), darauf ein symmetrischer Doppelkonus (Teil 2: Trichter, Teil 3: Konus), darauf eine Fortsetzung des Schafts (Teil 4), zuoberst einen Trichter (Teil5). Die Gesamtlänge variiert zwischen 552,8 mm auf C und 63,7 mm auf c³. ... (es folgen einzelne Maße der Becher). Die Becherform ähnelt stark der Bahrpfeiffe 8' (...) von Arp Schnitger in Hamburg, St. Jacobi, jedoch weist diese keinen oben aufgesetzten richter (Teil 5) auf."

Das Exemplar in Zwolle ist nicht beschrieben...

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

Florian-L @, Sonntag, 19. November 2023, 17:57 (vor 1027 Tagen) @ jrbecker
bearbeitet von Florian-L, Sonntag, 19. November 2023, 18:07

Das Exemplar in Zwolle ist nicht beschrieben...

Sieht offenbar gleich aus:

[image]

Weitere Fotos zur Orgel siehe hier:

https://www.sonusparadisi.cz/en/organs/netherlands/zwolle-st-michael.html

Hier die Viool di Gamba 8' aus Alkmaar:

[image]

Gruß, Florian

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

jrbecker @, Sonntag, 19. November 2023, 18:29 (vor 1027 Tagen) @ Florian-L

Wunderbar, Danke!

Ein Missing Link und was für Rätselfreunde

MCVL @, Sonntag, 19. November 2023, 21:11 (vor 1027 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 19. November 2023, 21:19

Dann tippe ich mal auf 1830er Jahre, Südbaden, wohl noch östlich des Schwarzwaldes. Hieber, Nägele, Anton Braun, so was in der Richtung?

Demnächst bringe ich noch je eine Anton Hieber und eine Nägele-Disposition.

Deren Wirken ist ja auch nahezu ausgelöscht, von Hieber ist noch in verändertem Zustand die herrliche Orgel in Eigeltingen mit einer (leider stillgelegten) Physharmonica und von Nägele das ebenfalls veränderte Werk für die Jesuitenkirche Konstanz erhalten. Ansonsten sind leider nur noch Reste wie mehrere Gehäuse und Pfeifenbestände vorhanden.

Mit aller gebotenen Vorsicht lässt sich auch die kaum beachtete Orgel in der Schloßkirche auf der Mainau Johann Peter Nägele zuschreiben. Kurioserweise mit einem Gehäuse nach einem von Gottfried Maucher stammenden Entwurf.

Also auch hier ein radikaler Kahlschlag, wobei die meisten dieser Instrumente durch Registerkanzellenladen weit vor Aufkommen der Orgelbewegung ersetzt wurden.

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