? Einführung differenzierter Winddrücke in Deutschland
MCVL
, Mittwoch, 08. November 2023, 20:49 (vor 1041 Tagen)
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 09. November 2023, 00:18
Hallo zusammen,
ich zerbreche mir gerade wieder einmal im Zusammenhang der Entwicklungen im süddeutschen Orgelbau während der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts über ein bislang kaum aufgegriffenes Thema den Kopf, welches ich andeutungsweise schon einmal in einem anderen Thread erwähnt hatte.
Vielleicht können wir hier über die Angelegenheit noch mehr zur Ergänzung zusammentragen.
Es geht um die Einführung sogenannter "differenzierter" Winddrücke in Deutschland. Zunächst habe ich einmal die Töpfer-Publikationen von 1842 bzw. 1855 herangezogen, in denen aber zu dieser Angelegenheit nichts zu finden ist (außer ich hätte es tatsächlich sträflicherweise übersehen).
Den ersten Nachweis über die Anwendung differenzierter Winddrücke fand ich in der Literatur bei Sulzmann in seinem Werk über historische Orgeln in Baden. 1838 hatte der Freiburger Orgelbauer Franz Joseph Merklin zusammen mit seinem Sohn Joseph (der "bekannte" Merklin, welchen es später nach Belgien bzw. Frankreich verschlug) für die katholische Kirche in Oberrotweil am Kaiserstuhl eine Orgel mit verschiedenen Winddrücken angeboten, welche im Hauptwerk und Pedal einen Winddruck von 24 badischen Linien (72 mm Ws) und im Oberwerk einen Druck von 14 Linien (42 mm Ws) bekam. Sulzmann schreibt, daß das Konzept zu dieser Orgel durch Eberhard Friedrich Walcker inspiriert war, allerdings ist mir nichts darüber bekannt, daß Walcker zu dieser Zeit mit differenzierten Winddrücken gearbeitet hätte.
Wo hatten also Merklin Vater & Sohn dieses Prinzip kennengelernt oder war es ihre eigene Erfindung? Eine Beziehung oder einen Zusammenhang mit Cavaillé-Coll, der ja in etwa während der gleichen Zeit mit differenzierten Drücken zu arbeiten begann, halte ich für ausgeschlossen.
Interessanterweise wurde die Orgel von Joseph Baader der Abnahmeprüfung unterzogen, der gleich noch einmal in Erscheinung treten wird.
Der nächste Nachweis für den Einsatz differenzierter Winddrücke finde ich dann bei Martin Braun an dessen für Emmingen ab Egg bestimmten, 1842/44 entstandenen Orgel. Auch hier stellt sich die Frage, wie Braun auf die Idee kam, verschiedene Winddrücke in ein und derselben Orgel anzuwenden. In Emmingen war der Winddruck im Pedal auf 20 badische Linien (60 mm Ws) und in den Manualwerken auf 17 Linien (51 mm Ws) angelegt. Es wäre nun denkbar, daß Braun über den Orgelbauinspektor Baader, welchem die Beratung in Emmingen oblag (also über die Verbindung Merklin - Baader - Braun) auf diese Sache gekommen ist, allerdings läßt sich dies dem mir vorliegenden Aktenmaterial nicht entnehmen. Außerdem hat Braun in Emmingen die Orgel mit zwei horizontal aufsteigenden mit sogen. Schöpfern versehenen sehr solid konstruirten Bälgen ausgestattet, ich vermute hier eine Konstruktion, wie sie bereits sein Cousin Joseph mehrere Jahre zuvor für Oberbaldingen vorgesehen hatte, also wohl einfache Parallelfaltenmagazine mit einem untenliegenden Schöpfer. Ich tendiere dazu, daß Braun von der Orgel in Oberrotweil nichts wusste, sondern die Anwendung differenzierter Winddrücke seinem eigenen Genius entsprungen ist.
Mich würde nun interessieren, ob hier jemandem aus der Community die Anwendung differenzierter Winddrücke zu dieser Zeit aus anderen deutschen Regionen bekannt ist und was von dieser ganzen Angelegenheit zu halten ist. Waren tatsächlich Merklin und Braun die ersten, die verschiedene Winddrücke in einer Orgel in Deutschland zum Einsatz brachten? Zumindest in Emmingen dürfte es auch der erste konkrete Nachweis der Anwendung einer Magazinbalganlage in (Süd)-Deutschland sein, weitab von Ludwigsburg und den dortigen Gepflogenheiten, auf Kastenbälge zu setzen.
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Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Donnerstag, 09. November 2023, 00:35 (vor 1041 Tagen) @ MCVL
Spannend.
Ich frage mal etwas laienhaft: Waren die unterschiedlichen Drücke quasi so abreguliert wie heutzutage oder waren es nicht auch zwei im Prinzip unabhängige Windanlagen, also Schöpfer und Magazinbalg jeweils für ein System?
Und weil ich grad zu faul bin um hier nach Büchern über Schnitger-Orgeln zu buddeln: Waren bei großen Instrumenten eigentlich immer alle Bälge mit einander verbunden?
Wenn nicht, würde m. E. schon die Unabhängigkeit zweier (oder mehrerer) Windsysteme die Idee der Differenzierung transportieren, zumal sie in kleinen Beträgen ohnehin stattfindet. Man müsste den Effekt praktisch nur vergrößern.
Allerdings ist die Frage, ob der "Effekt" wirklich damals als sinnvoll erachtet wurde. Je nach Anwendung wäre ja nicht unbedingt das Pedal mit höherem Druck, sondern besser mit größerer Menge auszustatten. Richtet man sich aber nach den Zungen, wäre es wohl wieder andersrum.
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Friedrich
, Donnerstag, 09. November 2023, 10:52 (vor 1041 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Spannend.
Ich frage mal etwas laienhaft: Waren die unterschiedlichen Drücke quasi so abreguliert wie heutzutage oder waren es nicht auch zwei im Prinzip unabhängige Windanlagen, also Schöpfer und Magazinbalg jeweils für ein System?
Und weil ich grad zu faul bin um hier nach Büchern über Schnitger-Orgeln zu buddeln: Waren bei großen Instrumenten eigentlich immer alle Bälge miteinander verbunden?
Ich weiß das nicht, aber Du weißt sicher auch, dass die Schnitgerkopie in Göteborg ein Windsystem hat, in dem per Schieber Teile bestimmten Laden zugewiesen werden können. en.wikipedia.org weiß, dass Zwolle das Vorbild gewesen sei, wobei es dort solche Möglichkeiten meines Wissens nicht gibt.
Ich habe mal für eine OI-Nummer die Diagramme der Göteborger Orgel aufgearbeitet und ins Heft gesetzt. Da gab es zwölf Bälge, glaube ich, und der Sammelkanal konnte manipuliert werden. Leider habe ich die Grafiken gerade nicht im Büro.
In meinem Kopf schwirrt allerdings der Teilsatz "... und einen Balg zum Pedal ...", und ich weiß im Moment nicht, ob das nahender Altersirrsinn ist oder ob ich den tatsächlich in einem historischen Kostenvoranschlag gelesen habe. Dabei ginge es dann aber mehr um die Sorge um Windmengen als um Winddrücke.
Viele Grüße
Friedrich
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MCVL
, Donnerstag, 09. November 2023, 10:52 (vor 1041 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 09. November 2023, 14:39
Spannend.
Ich frage mal etwas laienhaft: Waren die unterschiedlichen Drücke quasi so abreguliert wie heutzutage oder waren es nicht auch zwei im Prinzip unabhängige Windanlagen, also Schöpfer und Magazinbalg jeweils für ein System?
Für Emmingen würde ich es bejahen, aus dem, was aus der schriftlichen Überlieferung herauszulesen ist. Dort waren es zwei Horizontalbälge mit Schöpfer, sicherlich einer für die Manualwerke und einer für das Pedal (in diesem Zusammenhang wäre noch interessant zu erfahren, wie die Treteinrichtung bedient wurde, ob diese für die beiden Bälge in irgend einer Weise mechanisch verbunden war). Die Einrichtung für die beiden unterschiedlichen Drücke wurde von Braun nachträglich und nach Unterzeichnung des Akkords in das Gesamtkonzept aufgenommen, so daß aus seiner Hand leider eine genaue Beschreibung nicht vorliegt. Der ganze Orgelbau war ja, was die Lieferung von weiteren Registern und zusätzlichen Neuerungen über den Akkord hinausgehend betraf, vom ursprünglichen Akkord stark abweichend und von Braun sicherlich in jeder Hinsicht gut gemeint, aber endete für ihn wieder einmal in einem finanziellen Desaster.
In Oberrotweil ist es etwas schwieriger einzuschätzen. Leider ist die Beschreibung von Sulzmann nur stichwortartig wiedergegeben. Die Orgel soll drei Bälge 9' x 4 1/2' und einen Horizontalbalg 3' x 2' besessen haben. Vermutlich handelte es sich um drei konventionelle Keilbälge und den für einen schwächeren Winddruck belasteten Horizontalbalg, der in die Windversorgung des Oberwerks eingeschaltet war.
Und weil ich grad zu faul bin um hier nach Büchern über Schnitger-Orgeln zu buddeln: Waren bei großen Instrumenten eigentlich immer alle Bälge mit einander verbunden?
Wenn nicht, würde m. E. schon die Unabhängigkeit zweier (oder mehrerer) Windsysteme die Idee der Differenzierung transportieren, zumal sie in kleinen Beträgen ohnehin stattfindet. Man müsste den Effekt praktisch nur vergrößern.
Dazu müsste sich ein Schnitger-Experte äußern. Im süddeutschen Orgelbau des 17./18. Jahrhundert war es jedenfalls so, daß der Wind aus mehreren Bälgen in einen sogenannten "Sammelkanal" floß.
Allerdings ist die Frage, ob der "Effekt" wirklich damals als sinnvoll erachtet wurde. Je nach Anwendung wäre ja nicht unbedingt das Pedal mit höherem Druck, sondern besser mit größerer Menge auszustatten. Richtet man sich aber nach den Zungen, wäre es wohl wieder andersrum.
Ich gehe schon davon aus, daß das Kanalsystem etc. in Emmingen anderst dimensioniert war, als das für die Manuale. Aber der höhere Druck zielte hier sicher darauf ab, dem Pedal mehr Kraft zu verleihen, das ergibt sich auch aus einer Passage im Abnahmegutachten: wodurch die großen Baßtöne sehr voll und kräftig hervortretten.
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Cremona, Donnerstag, 09. November 2023, 22:17 (vor 1040 Tagen) @ MCVL
Jacob Adlung, Musica mechanica Organoedi, Berlin 1768, S. 46 §69.: "Die Bälge werden zuweilen in Pedal- und Manualbälge getheilet, da etliche, wenigstens 2, ihren Wind blos in die Manualladen, andere aber, deren abermals wenigstens 2 seyn müssen, blos in die Pedalladen schicken. Anmerkung 17: So findet man es hier in Mühlhausen in der Hauptkirche B. M. V. mit 3 und 3."
G. C. Fr. Schlimbach, Ueber die Structur, Erhaltung, Stimmung, Prüfung etc. der Orgel, Leipzig 1801, S. 23, §24: "Wenn nämlich das Pedal ungleich größere Stimmen hat, als das Manual, so erfordert es auch stärkern Wind, und man giebt dann entweder dem ganzen Pedal, oder doch den übergroßen Stimmen (s. § 145.) besondere Bälge. Vorzüglich ist dies nothwendig, wenn die übergroßen Stimmen Rohrwerke sind."
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MCVL
, Donnerstag, 09. November 2023, 22:29 (vor 1040 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 09. November 2023, 22:33
Vielen Dank für die Hinweise. Bei Adlung zielt das ja auf eine ausreichende Windmenge ab, aber das, was Schlimbach beschreibt, ist im Prinzip genau das, was Braun in Emmingen realisiert hat.
Tja, bekannt war also eine solche Einrichtung, jetzt ist die Frage, ob Martin Braun die Schlimbach-Schrift gekannt oder tatsächlich eine eigene Idee in die Tat umgesetzt hat. Vielleicht findet sich noch irgendwo in einem bislang unbekannten Schriftverkehr dazu ein Hinweis, mitteilsam war Braun ja, wenn es darauf ankam.
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Cremona, Freitag, 10. November 2023, 09:30 (vor 1040 Tagen) @ MCVL
Bei Adlung zielt das ja auf eine ausreichende Windmenge ab
Nicht nur, schon zu Adlungs Zeiten erhielt das Pedal großer Orgeln höheren Winddruck. Beispiel:
Frank-Harald Greß, Die Klanggestalt der Orgeln Gottfried Silbermanns, Frankfurt(Main)/Wiesbaden 1989, S.103: "Freiberg/Dom: 41 Grad = 97 mm WS/Man. und 46 Grad = 109 mm WS/Ped. (Gutachten von Johann Kuhnau vom 23.8.1714; Stadtarchiv Freiberg, A a II/I, 60a, Bl. 57a)."
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MCVL
, Freitag, 10. November 2023, 10:33 (vor 1040 Tagen) @ Cremona
Bei Adlung zielt das ja auf eine ausreichende Windmenge ab
Nicht nur, schon zu Adlungs Zeiten erhielt das Pedal großer Orgeln höheren Winddruck. Beispiel:Frank-Harald Greß, Die Klanggestalt der Orgeln Gottfried Silbermanns, Frankfurt(Main)/Wiesbaden 1989, S.103: "Freiberg/Dom: 41 Grad = 97 mm WS/Man. und 46 Grad = 109 mm WS/Ped. (Gutachten von Johann Kuhnau vom 23.8.1714; Stadtarchiv Freiberg, A a II/I, 60a, Bl. 57a)."
Auch hier nochmals vielen Dank für den Hinweis. Die Angelegenheit geht jetzt geographisch in eine völlig andere Ecke, als ich vermutet hätte.
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Cremona, Freitag, 10. November 2023, 10:59 (vor 1040 Tagen) @ MCVL
Die Angelegenheit geht jetzt geographisch in eine völlig andere Ecke, als ich vermutet hätte.
Auch das scheint mir eine Fehlinterpretation: Auch in Süddeutschland gab es im 18. Jahrhundert Großorgeln mit zwei getrennten Windanlagen. Beispiel: "Gablers Erstentwurf zur Zwiefaltener Orgel hatte vier Bälge mit einer Länge von 12' und einer Breite von 6' vorgesehen, die zum Treten eingerichtet werden sollten. ... Einig sind sich Silbermann und Blessing, daß zwei Bälge den Wind für das Hauptwerk und einen Teil des Pedals lieferten, die zwei anderen waren für das Positiv und die übrigen Pedalregister zuständig." (Johannes Mayr, Joseph Gabler Orgelmacher, Ochsenhausen 2000, S. 179) Das läßt vermuten, dass Gabler auch in Ochsenhausen und Weingarten ähnlich vorgegangen ist.
Nicht vergessen sollte man auch Gottfried Silbermanns Bruder Andreas Silbermann, der im Straßburger Münster 1714-16 eine Orgel von ähnlicher Größe baute wie die Freiberger Domorgel. Durchaus denkbar ist, dass deren Pedal auch seine eigene Windversorgung hatte.
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MCVL
, Freitag, 10. November 2023, 11:04 (vor 1040 Tagen) @ Cremona
Die Angelegenheit geht jetzt geographisch in eine völlig andere Ecke, als ich vermutet hätte.
Auch das scheint mir eine Fehlinterpretation: Auch in Süddeutschland gab es im 18. Jahrhundert Großorgeln mit zwei getrennten Windanlagen. Beispiel: "Gablers Erstentwurf zur Zwiefaltener Orgel hatte vier Bälge mit einer Länge von 12' und einer Breite von 6' vorgesehen, die zum Treten eingerichtet werden sollten. ... Einig sind sich Silbermann und Blessing, daß zwei Bälge den Wind für das Hauptwerk und einen Teil des Pedals lieferten, die zwei anderen waren für das Positiv und die übrigen Pedalregister zuständig." (Johannes Mayr, Joseph Gabler Orgelmacher, Ochsenhausen 2000, S. 179) Das läßt vermuten, dass Gabler auch in Ochsenhausen und Weingarten ähnlich vorgegangen ist.
Das mit Zwiefalten ist mir bekannt, aber es geht nirgendwo etwas darüber hervor, daß die Winddrücke differierten. Um diese Idee geht es mir hauptsächlich.
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Cremona, Freitag, 10. November 2023, 11:43 (vor 1040 Tagen) @ MCVL
Wenn man schon zwei getrennte Windanlagen errichtet, warum sollte man mit großen Mühen in beiden Anlagen den gleichen Winddruck herstellen, wenn man mit unterschiedlichen Winddrücken ein viel besseres Ergebnis erhält? Wo getrennte Windanlagen vorhanden waren, kann man getrost davon ausgehen, das die Winddrücke nicht völlig gleich waren, sondern den Bedürfnissen des zu versorgenden Pfeifenwerks angepasst wurden.
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MCVL
, Freitag, 10. November 2023, 12:11 (vor 1040 Tagen) @ Cremona
Das geht mir nun zu sehr in eine spekulative Richtung. Sicher wäre es durch verschiedene Balgbelastungen möglich gewesen, aber es ging meiner Meinung in Zwiefalten darum, ein ausreichendes Windquantum für das Hauotwerk einerseits und dss Pedal andererseits sicherzustellen, während es Braun in Emmingen belegbar darum ging, durch einen erhöhten Winddruck dem Pedal mehr Kraft zu verleihen.
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Cremona, Freitag, 10. November 2023, 13:44 (vor 1040 Tagen) @ MCVL
Dann eben hier ein süddeutsches Beispiel ohne jede Spekulation: Die Orgel von Eberhard Friedrich Walcker in der Paulskirche Frankfurt 1833. "Zwölf Blasbälge à 14' lang, 5' breit sind für die fünf verschiedenen Werke eingetheilt und liefern nach Maassgabe der Intonation auch verschiedene Windgrade." (Allgemeine Musikalische Zeitung 35, 1833, Sp. 680)
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MCVL
, Freitag, 10. November 2023, 21:27 (vor 1039 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Samstag, 11. November 2023, 01:21
Damit kommen wir der Angelegenheit langsam aber sicher auf den Grund. Die Tatsache mit den in Frankfurt angewandten differenzierten Drücken wurde in den bekannten Publikationen über Walcker - aus welchen Gründen auch immer - bislang nicht erwähnt und aufgearbeitet. Wenn ich es richtig im Kopf habe, erwähnt zwar Riemann die Versorgung der Teilwerke durch autarke Bälgegrupoen, aber über differenzierte Drücke ist nirgendwo etwas zu lesen.
Damit ist Sulzmanns Theorie, daß Merklin diese Praxis bei Walcker kennengelernt hat, durchaus plausibel. Einem Kaliber wie Walcker traue ich auch zu, ohne Kenntnisse früherer Orgeln mit einer derartigen Einrichtung auf ein solches Konzept gekommen zu sein.
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Cremona, Samstag, 11. November 2023, 09:12 (vor 1039 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von Cremona, Samstag, 11. November 2023, 10:32
Einem Kaliber wie Walcker traue ich auch zu, ohne Kenntnisse früherer Orgeln mit einer derartigen Einrichtung auf ein solches Konzept gekommen zu sein.
Walcker war gebildet, er hat die Lateinschule besucht. Die damals aktuelle Orgelbauliteratur - zum Beispiel Schlimbach - wird er bestimmt gekannt haben, und dort findet sich bereits das Konzept dargelegt. Aber er hat sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch an älteren Großorgeln in Süddeutschland orientiert - eine derart große Orgel (damals die größte mindestens in Deutschland!) ohne eigene Erfahrung mit Großorgeln zu bauen, geht nur, wenn man intensiv bestehende Großorgeln studiert hat. Einen Hinweis auf sein Vorbild geben die Bälge: in Frankfurt waren es 12 Bälge im Format 14 Fuß mal 5 Fuß. Dieses Format ist ungewöhnlich länglich mit einem Verhältnis Länge:Breite von fast 3:1. Aber es gibt im 18. Jahrhundert dafür ein Vorbild: Josef Gabler in Ochsenhausen und Weingarten. Und auch die Zahl von 12 Bälgen für 5 Teilwerke entspricht der Gabler'schen Balganlage in Weingarten - aber auch der Balganlage der Hauptorgel von Joseph Martin in Zwiefalten. Diese eng an Gabler angelehnte Orgel kam ja 1807 in die Stuttgarter Stiftskirche und wurde 1827 von den Orgelbauern Walcker Vater und Sohn repariert und temperiert gestimmt. Bei der Gelegenheit hat Eberhard Friedrich Walcker diese Großorgel sicher intensiv studiert.
? Einführung differenzierter Winddrücke in Deutschland
MCVL
, Samstag, 11. November 2023, 10:51 (vor 1039 Tagen) @ Cremona
Einem Kaliber wie Walcker traue ich auch zu, ohne Kenntnisse früherer Orgeln mit einer derartigen Einrichtung auf ein solches Konzept gekommen zu sein.
Walcker war gebildet, er hat die Lateinschule besucht. Die damals aktuelle Orgelbauliteratur - zum Beispiel Schlimbach - wird er bestimmt gekannt haben, und dort findet sich bereits das Konzept dargelegt. Aber er hat sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch an älteren Großorgeln in Süddeutschland orientiert - eine derart große Orgel (damals die größte mindestens in Deutschland!) ohne eigene Erfahrung mit Großorgeln zu bauen, geht nur, wenn man intensiv bestehende Großorgeln studiert hat. Einen Hinweis auf sein Vorbild geben die Bälge: in Frankfurt waren es 12 Bälge im Format 14 Fuß mal 5 Fuß. Dieses Format ist ungewöhnlich länglich mit einem Verhältnis Länge:Breite von fast 3:1. Aber es gibt im 18. Jahrhundert dafür ein Vorbild: Josef Gabler in Ochsenhausen und Weingarten. Und auch die Zahl von 12 Bälgen für 5 Teilwerke entspricht der Gabler'schen Balganlage in Weingarten - aber auch der Balganlage der Hauptorgel von Joseph Martin in Zwiefalten. Diese eng an Gabler angelehnte Orgel kam ja 1807 in die Stuttgarter Stiftskirche und wurde 1827 von den Orgelbauern Walcker Vater und Sohn repariert und temperiert gestimmt. Bei der Gelegenheit hat Eberhard Friedrich Walcker diese Großorgel sicher intensiv studiert.
An die Stuttgarter Orgel denke ich am ehesten. Daß Walcker die Orgel in Weingarten gekannt hat, ist belegt, aber er lernte sie erst im Laufe der 1840er Jahre kennen, anläßlich eines Orgelbauvorhabens im benachbarten Waisenhaus.
Für die Weingartener Orgel ist es aber gesichert, daß verschiedene Balggruppen nicht einzelne Teilwerke versorgten, sondern alle Bälge über kleine vertikale Kanäle in einen an dieser Stelle horizontal verlaufenden Hauptkanal mündeten (siehe die Beschreibung der Balganlage durch P. Placidus Mair). Also kann für diese Orgel die Angelegenheit hinsichtlich differierenden Winddrücken ad acta gelegt werden, ähnlich dürfte es sich in Ochsenhausen verhalten haben.
Barocke Groß-Balganlagen, war: Einführung differenzierter Winddrücke
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Samstag, 11. November 2023, 22:24 (vor 1038 Tagen) @ Cremona
Die Glowatz-Orgel von Rostock St. Marien (1593, III/P/52-54) hatte laut Praetorius (dort ist der Eintrag aber sehr mangelhaft) 14, nach unserer eigenen Quelle von 1645 12 Spanbälge. Es gibt bei uns Mauerdurchbrüche in zwei Ebenen: Ob der obere schon damals mit benutzt wurde und theoretisch ein erster Kanal das Hauptgehäuse mit Werck und Pedal, ein zweiter in das RP führte (und dann gab es noch das BW, außerdem waren wie in Lübeck Marien Groß- und Kleinpedal in zwei Ebenen getrennt - im Werk und "im Schap", also Untergehäuse), das ist spekulativ.
Spätestens seit 1842 befanden sich noch zwei (Maßnahme Friedrich Winzer) befinden sich zwei große Bälge auf der oberen Etage und die Kanäle gehen durch den oberen Durchbruch. Sie könnten auf Winzer zurückgehen (er hat die Bälge "anders gelegt" und die Kanäle weiter gemacht) oder auf Marx (1798-93) oder noch auf Schmidt (1765-1770).
Die Maße der beiden verbliebenen Bälge - von der 12fachen Tretanlage sind noch die Kulissen für die "Steigbügel" da - betragen ca. 3,2 mal 2,1 Meter.
Ohne Maurerarbeiten bekommt man die im Ganzen da gar nicht raus... Sollte früher mehrere Bälge dieser Größe vorhanden gewesen sein, so wäre nur für zwei übereinander Platz, ergäbe sechs Etagen. Doch die Kulisse legt nach, dass die Bälge nicht exakt übereinanderlagen, mithin auch schmäler gewesen sein mussten.
Nachstehende Bilder: Längsschnitt durch die Kirche mit Lageskizze, angelegt zum Höhenvergleich das spätbarocke Instrument und meine nach Handwerker-Rechnungen und vergleichbaren Orgeln gezeichnete Skizze der Orgel von 1593 - unter Vorbehalt.
Dazu die südliche Kulisse mit dem einzigen erhaltenen Tretbügel, darunter der Blick nach oben inm Maschinenraum zu den zwei Keilbälgen.
Die fetten Balken sind sicher noch von der 1593er-Orgel. Über die Lagerpositionen älterer kleinerer Bälge könnte man an diesem Balkenwerk sicher etwas ablesen, aber die Gegend ist schwierig zu erreichen.
Darunter der Zettel aus dem Orgelinneren von 1842. Wie schon mal gepostet, darauf als Mitarbeiter August Neuburger, später Werkführer bei ACC! (Wahrscheinlich dachte er sich Jahre später in Paris: "Diese Rostocker Windanlage, das konnte ja nichts werden...")
![[image]](images/uploaded/20231111211819654fef9b1485a.jpg)
![[image]](images/uploaded/20231111211841654fefb1f02a6.jpg)
![[image]](images/uploaded/20231111212047654ff02fc966f.jpg)
![[image]](images/uploaded/20231111211936654fefe83e6c7.jpg)
Barocke Groß-Balganlagen, war: Einführung differenzierter Winddrücke
MCVL
, Samstag, 11. November 2023, 23:29 (vor 1038 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von MCVL, Samstag, 11. November 2023, 23:35
Hallo Karl-Bernhardin,
vielen Dank für diese schöne und interessante Ergänzung.
Ohne Maurerarbeiten bekommt man die im Ganzen da gar nicht raus... Sollte früher mehrere Bälge dieser Größe vorhanden gewesen sein, so wäre nur für zwei übereinander Platz, ergäbe sechs Etagen.
Das war ja lange ein Thema, welches als mehr oder weniger selbstverständlich hingenommen wurde, die Frage, wie große Bälge eigentlich am Ort und Stelle gelangten. Bevor hier irgendwelche hypothetischen Vermutungen angestellt werden, daß die Bälge vor Ort zusammengeschustert wurden: ein klares Nein.
Ein schönes Beispiel ist die Orgel in Rennertshofen in Mittelschwaben, die von Cyprian Briechle (Grüße an supoeroktav) aus Kettershausen stammte. Die Bälge standen auf dem Dachboden und waren nach etwa 30jähriger Nutzung unbrauchbar geworden. Der greise Briechle lehnte eine Instandsetzung an Ort und Stelle ab mit der nachvollziehbaren Begründung, daß so keine ordentliche Arbeit möglich sei. Er schlug vor, die Bälge in ihre Einzelteile zu zerlegen und wiederaufbereitet zurück zu bringen. Dafür wäre aber von einem Zimmermann ein Gerüst zu stellen und das Dach teilweise abzudecken und entsprechende Hebezeuge bereit zu halten. Die Dachlatten seien schon von der früheren Anlieferung und Aufstellung der Bälge entsprechend ausgeschnitten und wieder ergänzt worden.
So wurde es auch ausgeführt, zur Prüfung der Bälge erschien als Sachverständiger (in dieser Funktion zumindest im bayerischen Kreis Schwaben und Neuburg "Schätzmann" genannt) ein Sattler, der anerkannt in der Herstellung von Schmiedgebläsen war (in Bayern kam es erst um 1880 herum zur Aufstellung von offiziellen, amtlich beauftragten Orgelsachverständigen).
? Einführung differenzierter Winddrücke in Deutschland
Cremona, Samstag, 13. Januar 2024, 10:14 (vor 976 Tagen) @ Cremona
Noch ein möglicher Anknüpfungspunkt für Walcker ist mir per Zufall jetzt vor Augen gekommen:
Justin Heinrich Knecht führt in seiner Orgelschule, II. Abteilung, Leipzig 1796, S. 193/194 die Disposition der Orgel von Joachim Wagner 1725 in der Garnisonkirche Berlin an mit folgenden Angaben zur Windversorgung: "Jeder der 7 Bälge ist 11 Fuß lang, und 5 1/2 breit. Viere bedienen die Manuale, und drei das Pedal. Jene treiben 36 Grade, diese aber 40 Grade Wind. Ihre Strebefedern vertreten die Stelle der Gegengewichte." Die Disposition und diese Angaben hat Knecht wörtlich übernommen aus: Johann Samuel Halle, Die Kunst des Orgelbaues, Halle 1779, S. 152. Walcker könnte Knecht oder auch Halle gelesen haben. Beide gehen allerdings auf die Differenzierung der Windversorgung von Pedal und Manual nicht weiter ein. Aber für Walcker waren weitere Erläuterungen sicherlich nicht nötig um den Gedanken aufgreifen zu können.
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MCVL
, Samstag, 13. Januar 2024, 21:36 (vor 975 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Samstag, 13. Januar 2024, 23:45
Ich halte das mittlerweile auch für die wahrscheinlichste Variante.
Walcker hatte die Verwendung einer großen Anzahl von Bälgen und deren Abmessungen entweder aus der Literatur oder eigener Anschauung aufgegriffen; auf die Idee mit den differenzierten Winddrücken ist er aber wohl von selbst gekommen.
Merklin wiederum dürfte die Idee tatsächlich von Walcker übernommen haben
Martin Braun, ja, wie kam er auf die Idee in Emmingen? Durch Orgelbauinspektor Baader, durch einen Walcker-Mitarbeiter, durch seine eigene Genialität? Es wird nicht mehr zu klären sein.
Wobei ich Braun für in jeder Hinsicht genial ansehe, nur hatte er kaum die finanziellen Mittel, um von sich aus Neuerungen einzuführen bzw. wenn er dies tat, endete das in der Regel für ihn in einem finanziellen Desaster, so wie auch im Konstanzer Münster. Auch in Emmingen blieb er schließlich auf annähernd unbezahlten 1000 fl sitzen, die Gläubiger saßen ihn im Genick, als er kurz vor Weihnachten 1844 einen anrührenden Bettelbrief nach dort schickte, ohne Ergebnis.
Das alles führte dann dazu, daß die Firma in späteren Jahren von der sprichwörtlichen Hand in den Mund lebte.
Aber wie gesagt, Braun, der sich ja in vieler Hinsicht von Walcker und seiner Schule absetzen wollte und es auch tat, der hatte das Genie dazu, selbst auf eine solche Lösung zu kommen, gerade in dem Fall Emmingen, wo er den Umständen halber zu mehreren Kunstgriffen genötigt war.