Ein schöner Text – Teil II

Friedrich @, Sonntag, 19. Januar 2014, 07:17 (vor 4655 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 25. Oktober 2014, 19:13

Nun zur Grundfläche, die jedes Werk einnimmt. Bei Schleifladen passt ein 8’-Werk mit 61 Tönen (C–c’’’’) auf eine acht Fuß (2,44 m) lange Windlade, aber nicht ohne Widerstand, und für einen mittigen Stimmgang ist auch kein Platz. Pitmanladen brauchen mehr Platz, denn die kleinen Pfeifen können nicht so eng stehen. Noch mehr Platz brauchen Austin Universal Chests, nicht nur, weil ein Mensch hineinpassen soll – ihre Dimensionen passen eben zu den Karossen mit Haifischflossen, die die Fünziger Jahre so liebten.

Die Tiefe hängt von vielen Variablen ab, aber nehmen wir für den Augenblick an, dass die meisten Schleifladenorgeln eine Tiefe von 15 Zentimetern pro Schleife beanspruchen, inklusive flacher Prospekt – Rundtürme kosten extra.

Jetzt bekommen Sie sicher eine Ahnung vom Raumvolumen einer ganz normalen Orgel, und dabei sind Gebläse, Traktur und Regierwerk noch gar nicht mitbedacht (wenn Ihr Orgelbauer sie denn baut und sich nicht mit dem Verkabeln begnügt).

Zurück nach St. Ignatius. Von den vier Manualwerken sind nur das Positif und das »Solo« von sozusagen normaler Größe. Anders Grand-Orgue und Récit. Ausgewachsene 16’-Werke passen nicht auf eine acht Fuß lange Lade und, kurz gesagt, diese Werke beanspruchen beide 16 Fuß Breite; je zwei Stimmgänge sind unerlässlich, wo es zahlreiche 8’-Register gibt und die kleinen Pfeifen in Dreierreihe gestaffelt sind, damit sie hineinpassen. Da bleibt nicht viel Luft. Alles passt ganz gut, aber so einen halben Meter mehr hätten wir auch gebrauchen können.

Und nun zu dieser 100-Register-Orgel, von der wir sprachen. In wessen Hütte soll sie denn reinpassen? Und wo werden die Leute sitzen?

Als ich die Buchholz-Orgel von 1839 in Kronstadt (Brasov) in Siebenbürgen besuchte, war ich fasziniert. Auch sie hat gute 60 Register, hängende Trakturen und zwei Schwellkästen, wie die New Yorker Mander-Orgel, und statt 61 nur 56 Tasten – und ist insgesamt gute 10 Prozent größer.

Beide Orgeln sind jedoch eher unbedeutend, wenn man sie mit Bauten vergleicht, wie Cavaillé-Coll sie in Saint-Suplpice und anderswo errichtet hat. Ich weiß, Sacré-Cœur ist ganz spät und in mancher Hinsicht mehr eine Mutin als eine Cavaillé-Coll, aber ihr liegen dieselben Zeichnungen zugrunde wie der Stadthallen-Orgel in Sheffield von 1870, die in Dreißigerjahren verbrannte. Innen hat sie zwei hölzerne Wendeltreppen, jede bequemer zu begehen als die in den Palmenhäusern von Kew Gardens. Eine reicht bis zur Mündung des 32’-C der Flûte im Pedal, die andere zu der des Cis.

Als ich die über 80 Zentimeter hohen Profile von St. Ignatius beschrieb – da glaubten Sie wohl, ich wollte Sie beeindrucken? Ehrlich gesagt haben wir sie noch verkleinert, aus Kosten- und Raumgründen. Sie sind ionisch und sollten doch eigentlich korinthisch oder komposit angelegt sein. Und mein Architektur-Lehrbuch fordert für das Gesims eines Gehäuses, dessen Plinthe 2,70 Meter über dem Boden steht, eine Höhe von ZWEI METERN DREISSIG.

Wir haben uns immerhin Mühe gegeben.


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