OT: Tristan-Oper von Tournemire gehört
Nun konnte ich die Opernaufführung live in Ulm erleben. Ich muss gestehen, dass "Tristan und Isolde" meine Lieblingsoper von Wagner ist, so war ich natürlich sehr gespannt, was Tournemire aus dem Stoff gemacht hat. Man könnte sagen, er hat versucht, eine Anti-Wagner-Oper zu schreiben. Das Sujet ist ziemlich anders umgesetzt; was bei Wagner Vorgeschichte ist, wird hier geschildert. Es kommen mehr Personen vor, der Chor hat viele Auftritte. Musikalisch ist die Tonsprache Tournemires schwer zu beschreiben: "Echte" Dur- und Mollakkorde kommen nur sehr selten vor, viel angereicherte, nicht aufgelöste Akkorde. Viele Dissonanzen, aber nicht wirklich atonal (also milder als etwa Alban Berg). Ich hatte Schlimmeres befürchtet. Viele einstimmige Passagen, die in meinen Ohren unmelodisch klangen. Interessante Effekte, auch bei den Instrumentierungen. Die Musik gibt wenig Halt, sehr kurzatmig, ständige wechseln die Klänge und Farben. Ich habe (beim ersten Hören) keine Motive wiedererkannt, obwohl das im Programmheft beschrieben wurde. Viel Schlagwerk, viel Tremolo, manchmal sogar Cluster. Die Musik ist nicht impressionistisch, auch nicht neoklassisch. Für die Sänger ist das Orchester kaum hilfreich, es bringt eher zusätzliche Töne anstelle der vom Sänger zu treffenden. Die Gesangsstimmen sind manchmal fast liturgisch karg, es gibt keine Melismen, keine Koloraturen, aber auch keine Melodien, die im Ohr bleiben.
Tournemire schreibt trotzdem sehr eng an der Handlung, die Gefühle werden vom Orchester treffend beschrieben. Das geht bis zum Kitsch (Harfe und Celesta), manches erinnert an moderne Filmmusik.
Die ersten beiden Akte sind sehr kurzweilig, die Handlung geht schnell und abwechslungsreich über die Bühne. Nach der Pause war es deutlich zäher, lange Duette und Soli. Irgendwann wurde ich der Musik auch etwas überdrüssig, man sehnt sich dann doch 'mal nach einer schönen Melodie. Das Ende ist eindrucksvoll, doch immer noch nicht wird der Schlussakkord aufgelöst.
Große Leistung des eher kleinen Ulmer Theaters.
Die Inszenierung hat die mittelalterliche Handlung in die Zeit des 1. Weltkrieges verlegt, was wir nicht schlüssig fanden. Man hat Kanonen und Gewehre, aber der Drache ist nur mit einem Schwert zu besiegen? Ich finde, bei einer Welturaufführung hätte man sich etwas enger an das detaillierte Libretto (mit Regieanweisungen) halten können.
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Orlos,
12.02.2023, 23:26
- OT: Tristan-Oper von Tournemire gehört - Willscher, 13.02.2023, 12:41
- OT: Tristan-Oper von Tournemire gehört - jrbecker, 13.02.2023, 15:19
- OT: Tristan-Oper von Tournemire anhören - Karsten, 11.03.2023, 10:46