Gestern durfte ich beim Festakt zum 400-jährigen Jubiläum der Orgel in Altenstadt-Rodenbach (Hessen, Wetterau) etwas zur Orgel erzählen und Klangfarben vorführen.
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Die kleine, frisch renovierte Dorfkirche verfügt über eine gute Akustik, nicht stumpf. Die Orgel entfaltet eine erstaunliche Präsenz und Kraft. Sie wurde (wahrscheinlich von Georg Wagner) 1621 für die Stadtkirche in Nidda erbaut und kam 1781 nach Rodenbach, als man in Nidda eine neue Orgel baute.
Irgendwann erhielt sie ein Pedalwerk, welches aber 1970 bei der Restaurierung durch Beckerath wieder entfernt wurde.
![[image]](images/uploaded/20211011190100616489ec4f3db.jpg)
Damals wurden auch die Tastenbeläge erneuert.
Das Instrument verfügt über eine kurze Oktave und eine mitteltönige Stimmung. Als Besonderheit gibt es ein Zungenregister, welches 1970 rekonstruiert wurde. Die beiden Mixturen geben Glanz und Brillanz. Neben dem Originalgehäuse, der Lade und Trakturteilen ist ein großer Teil des Pfeifenwerks original erhalten. Übrigens besitzt das Instrument nur Metallpfeifen.
Roland Götz hat hier eine CD aufgenommen ("Augsburger Orgelrenaissance").
Im nächsten Jahr soll Förster&Nicolaus eine Reinigung vornehmen. Überlegt wird, wieder eine Schöpfvorrichtunge für den Balg einzubauen. Das gäbe natürlich noch mehr historische Anmutung.
Genau 400 Jahre alte Orgel
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Dienstag, 12. Oktober 2021, 08:10 (vor 1797 Tagen) @ Orlos
Gestern durfte ich beim Festakt zum 400-jährigen Jubiläum der Orgel in Altenstadt-Rodenbach (Hessen, Wetterau) etwas zur Orgel erzählen und Klangfarben vorführen.
Die kleine, frisch renovierte Dorfkirche verfügt über eine gute Akustik, nicht stumpf. Die Orgel entfaltet eine erstaunliche Präsenz und Kraft. Sie wurde (wahrscheinlich von Georg Wagner) 1621 für die Stadtkirche in Nidda erbaut und kam 1781 nach Rodenbach, als man in Nidda eine neue Orgel baute.
Irgendwann erhielt sie ein Pedalwerk, welches aber 1970 bei der Restaurierung durch Beckerath wieder entfernt wurde.Damals wurden auch die Tastenbeläge erneuert.
Das Instrument verfügt über eine kurze Oktave und eine mitteltönige Stimmung. Als Besonderheit gibt es ein Zungenregister, welches 1970 rekonstruiert wurde. Die beiden Mixturen geben Glanz und Brillanz. Neben dem Originalgehäuse, der Lade und Trakturteilen ist ein großer Teil des Pfeifenwerks original erhalten. Übrigens besitzt das Instrument nur Metallpfeifen.
Roland Götz hat hier eine CD aufgenommen ("Augsburger Orgelrenaissance").
Im nächsten Jahr soll Förster&Nicolaus eine Reinigung vornehmen. Überlegt wird, wieder eine Schöpfvorrichtunge für den Balg einzubauen. Das gäbe natürlich noch mehr historische Anmutung.
Schön! Die Klaviatur ist in ihrer quasi neobarocken Auffassung auch schon wieder historisch. Denn ich vermute, dass sich das Original in Sachen Beläge, Fronten durchaus unterschieden haben könnte. Das hier kommt mir inclusive Backen doch etwas "vertraut" vor, aber vielleicht war es auch tatsächlich vorher schon so.
Genau 400 Jahre alte Orgel
Heiko
, Dienstag, 12. Oktober 2021, 09:45 (vor 1797 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Schön! Die Klaviatur ist in ihrer quasi neobarocken Auffassung auch schon wieder historisch. Denn ich vermute, dass sich das Original in Sachen Beläge, Fronten durchaus unterschieden haben könnte. Das hier kommt mir inclusive Backen doch etwas "vertraut" vor, aber vielleicht war es auch tatsächlich vorher schon so.
Ich fände es wünschenswert, die Klaviatur stilistisch zu überarbeiten, was durchaus mit moderaten Mitteln möglich sein dürfte. Die Klaviatur ist ja für uns Organisten die zentrale Verbindung zu unserem Instrument. Ebenholzbeläge für die Untertasten und Bein auf hellem Birnbaum für die Obertasten dürfte für 1621 mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen sein. Vielleicht findet der Orgelbauer, der die Keilbälge rekonstruiert, ja noch ein paar schöne Kanteln Pflaume oder europäischen Buchs.
Anonsten sehr hübsches Instrument!
Grüße
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Florian-L
, Samstag, 16. Oktober 2021, 14:25 (vor 1793 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Oh, du hattest prominenten Besuch:
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Sonntag, 17. Oktober 2021, 00:27 (vor 1792 Tagen) @ Florian-L
Oh, du hattest prominenten Besuch:
Wer dieses Video verlinkt, sollte aber auch dieses hier verlinken:
https://www.youtube.com/watch?v=TKBHHH8xUzM
Über die Hintergründe zum Video aus Marien, mit dem ich nahezu nichts zu tun hatte, berichte ich gerne noch, aber heute nicht mehr....
Kit Armstrong, war: 400 Jahre Sweelinck †
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Sonntag, 17. Oktober 2021, 17:31 (vor 1792 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Oh, du hattest prominenten Besuch:
Wer dieses Video verlinkt, sollte aber auch dieses hier verlinken:https://www.youtube.com/watch?v=TKBHHH8xUzM
Über die Hintergründe zum Video aus Marien, mit dem ich nahezu nichts zu tun hatte, berichte ich gerne noch, aber heute nicht mehr....
So, jetzt mal richtig. Über Kit Armstrong, Wunderkind, Diplommathematiker, Vielsprachler, international anerkannter Konzertpianist, sind wir vor Jahren schon mal "hergezogen".
Inzwischen ist er gereift, als Pianist ohnehin, und auch der Orgel blieb er verbunden.
Vor wenigen Wochen hat ein Rostocker Klavierhaus ihn zu einem Jubiläumskonzert eingeladen. Letzte Woche kam kurzfristig von dort die Nachricht, dass Armstrong sich in unsere Kirchen verguckt hätte und gerne mal die Marien-Orgel sehen würde. Da mein Mit-Organist mit dem Klavierhändler besser kann, habe ich mien Kollegen vorgeschickt, dass er Armstrong an der Orgel empfange, die ich schnell mal tags vorher in einigen Zungen noch mal gestimmt habe - so weit das noch möglich ist.
Es zeigte sich, als er da war, dass das Anliegen etwas komplexer war. Armstrong betreibt auf seinem YT-Kanal Videos mit didaktischem Anspruch, und aufgrund des nahen Todestags wollte er J. P. Sweelinck huldigen. Es wäre die Fortsetzung zu seiner ersten "Hommage à Sweelinck", die in einer für mich eindrucksvollen Interpretation "More palatino" zum Inhalt hat. Aufgenommen auf einem Bechstein (das scheint die Verbindung zum hiesigen Klavierhaus zu sein) in Armstrongs "eigener" Kiche in Frankreich:
https://www.youtube.com/watch?v=TKBHHH8xUzM
Also, das ist schon sehr gutes Klavierspiel (obgleich das STück aus pianistischer Sicht sicherlich etwas Leichtes ist), und vor allem: Große Begeisterung für die Musik.
Mein Kollege hat Armstrong nur das Nötigste der Marien-Orgel erklärt, weil noch gar nicht klar war, ob schon gleich eine Aufzeichnung, und wofür eigentlich, erfolgen sollte. Vor allem vergaß mein Kollege, den für einige Gäste der Vorwoche aufgelegten Pannenzettel zu präsentieren - Euch zum Gaudium hier mal wiedergegeben:
![[image]](images/uploaded/20211017150539616c3bc317f57.jpg)
Armstrong kam um 9:30 Uhr, um 10:30 lauschte ich mal und hörte von unten zumindest einen "interessanten" Zugriff auf das Neo-Renaissance-Material der Orgel, wenn man es so nennen will. Wahrscheinlich hätte er mehr genutzt, aber es ging ja nicht alles, und auch von den funktionierenden Stimmen war nicht alles gestimmt. Und irgendwie spürte ich, hier wird nicht herumprobiert, hier wird gearbeitet.
Um 11:30 ging ich mit meinem Kollegen hoch, da ihm bis 11:45 Uhr Zeit zugestanden worden war (danach Mittagsgebet). Auf der dem Spieltisch gegenüberliegenden Emporenseite stand ein Laptop, es war wohl die "Tonaufnahme". Eine Kamera lag auf dem Sims beim Spieltisch.
Recht vergeistigt spielte Armstrong auswendig (er sagte später, dass er noch so viel auf's Pedal sehen müsste, dass er ohnehin keine Wahl hätte) Sweelincks Fantasia Contraria. Die Probleme der Orgel ignorierte er bzw. nahm sie wohl eher in Kauf - denn eine Stunde vorher hörte ich auch, wie der unter verschiedenen Registrierungen diejenigen auswählte, wo das Pannen/Leistungsverhältnis für die benötigten Töne am günstigsten war. In der Aufnahme
www.youtube.com/watch?v=L9WaLls9w5M
säuft am Ende die nördliche alte Kleinpedallade völlig ab, zum Glück so sehr, dass die falschen Töne schließlich verschwinden. Diese Macke hat de Lade seit Monaten. Die leichte Schwebung in den Mixturen bzw. hohen Stimmen der Werke untereinander war an diesem Tag auffallend und ungewöhnlich, das könnte auch am Tagesklima gelegen haben - es waren Türen offen und unten zog es recht stark mit kühlerer Luft in die Kirche.
Ich hätte dieses Video hier ohnehin verlinkt, Florian war aber noch schneller. Warum wäre es mir wichtig gewesen?
Weil es für mich ein geheimnisvolles Video ist. Obwohl jemand sozusagen offiziell keine Ahnung von Orgel hat, macht er sich ein fremdes und auch für Orgelprofis schwer zu durchschauendes Instrument in kurzer Zeit so weit untertan, um darauf ein Video einzuspielen, das an Musikalität und in gewisser Weise sogar technischer Präzision (Fehler gibt es, glaube ich, nur im Pedal) noch deutlich mehr bringt als Videos anderer Personen, die - beispielsweise - ebenfalls Klavier aber zusätzlich sogar Orgel studiert haben... Gerade der hier sozusagen schräge Zugang zu Musik und Instrument ergibt ein immer noch schlüssiges Resultat abseits von HIP oder gängiger Mode, welche ja einen weiten Bogen um diese Orgel gemacht hätte.
Und an "More Palatino" kann man erkennen, dass hier jemand sein Handwerk kann, auch finde ich, selbst wenn die Inhalte immer diskutabel sind, dass seine auf dem YT-Kanal vermittelte Geschichte der Klaviermusik wirklich aus einer Begeisterung für die Werke selbst resultieren, die er gerne teilen möchte, und Eigenwerbung weiter hinten angesiedelt ist.
Armstrong ist ein sehr zurückhaltender, höflicher Mensch, und das unterscheidet ihn für mich sehr von jenen Kolleg:innen, die künstlerische Leistungsfähigkeit mit Klickzahlen, oder noch schlimmer, mit der Anzahl Uploads gleichsetzen.
Wir sprachen auch hier über Leute, die sich heimlich eine Orgel unter den Nagel reißen, um Aufnahmen zu erstellen.
Hier wurde höflich gefragt, das Material wurde uns im Rohschnitt (der einige Stunden später im Hotel fertiggestellt worden war) zur Absegnung zur Verfügung gestellt - hätte ich es abgelehnt, hätte er erneut und "besser" aufgenommen.
Ich hielt das Video für ein Dokument dessen, was passiert, wenn ein außergewöhnlicher Musiker mit Hingabe versucht, aus einem in Teilen schon unbrauchbaren, aber einst ambitioniert gedachten Instrument eine ihm wichtige Musik für die Hörerschaft zu erwecken. So ist trotz der Peinlichkeiten des Instruments sogar eine kleine Würdigung für die Orgel drin. Und ohnehin dürfte nicht mehr viele Videos von diesem Instrument in diesem Zustand entstehen, denn selbst wenn der Umbau noch lange auf sich warten lässt: Größere Reparaturen wird es bis dahin auch nicht mehr geben.
Kit Armstrong, war: 400 Jahre Sweelinck †
Karsten
, Sonntag, 17. Oktober 2021, 17:54 (vor 1792 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
[...]
Es zeigte sich, als er da war, dass das Anliegen etwas komplexer war. Armstrong betreibt auf seinem YT-Kanal Videos mit didaktischem Anspruch, und aufgrund des nahen Todestags wollte er J. P. Sweelinck huldigen. Es wäre die Fortsetzung zu seiner ersten "Hommage à Sweelinck", die in einer für mich eindrucksvollen Interpretation "More palatino" zum Inhalt hat. Aufgenommen auf einem Bechstein (das scheint die Verbindung zum hiesigen Klavierhaus zu sein) in Armstrongs "eigener" Kiche in Frankreich:
https://www.youtube.com/watch?v=TKBHHH8xUzM
Also, das ist schon sehr gutes Klavierspiel (obgleich das STück aus pianistischer Sicht sicherlich etwas Leichtes ist), und vor allem: Große Begeisterung für die Musik. > [...]
Hallo!
Besten Dank für die Hintergrundinformationen. Kit Armstrong ist mittlerweile sogar bei der DGG gelandet und sein Debüt(!)-Album beinhaltet - englische Virginalisten! Diese Verbeugung an die Ursprünge des "richtigen" Clavierspiels ist von manchem Rezensenten positiv aufgenommen worden, Jed Distler, der amerikanische "Klavier-Papst", gab sogar 10/10:
https://www.classicstoday.com/review/kit-armstrongs-stunning-byrd-and-bull/?search=1
Man darf gespannt sein, was da noch so alles kommt.
Gruß
Karsten
Kit Armstrong, war: 400 Jahre Sweelinck †
Heiko
, Montag, 18. Oktober 2021, 09:39 (vor 1791 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Hallo,
vielen Dank für die Schilderung Deiner Eindrücke! Ich habe vor einigen Jahren ähnliche Erfahrungen mit Kit Armstrong gemacht. Er hatte sich damals zum Ziel gesetzt, ein Konzert auf historischen Instrumenten, in dem Fall Originalinstrumente (Hammerklavier und Clavichord) , zu spielen und besuchte mich ein paar Tage vor dem Konzert, um sich die infrage kommenden Instrumente anzuschauen.
Mir schien, dass er zu diesem Zeitpunkt noch kaum Kontakt mit Originalinstrumenten und ihren Tücken hatte, aber die Art des intutiven Erfassens und des sensiblen Herangehens hatte schon etwas Faszinierendes. Auch menschlich überzeugte sein unaufgeregtes, bescheidenes Auftreten.
Grüße
Genau 400 Jahre alte Orgel
Hilbrands
, Mittwoch, 13. Oktober 2021, 19:28 (vor 1796 Tagen) @ Orlos
Hallo Orlos, vielen Dank für den schönen Bericht und Deinen Einsatz dort!
Du schreibst, ein "großer Teil des Pfeifenwerks" sei original. Nach "Alte Orgeln in Hessen-Nassau" sind nur die Grundstimmen 8-4-4-2 erhalten. Gibt es da nähere Erkenntnisse?
Gruß, Walter
Genau 400 Jahre alte Orgel
Orlos
, Mittwoch, 13. Oktober 2021, 20:50 (vor 1795 Tagen) @ Hilbrands
Was heißt "nur", das ist ja schon die Hälfte der Register. Im Gutachten des Orgelsachverständigen heißt es, auch in der Mixtur befänden sich noch "einzelne Originalpfeifen", allerdings ohne genaue Mengenangaben. Ich habe jetzt auch nicht nachgezählt. Vielleicht macht das die ausführende Firma bei den anstehenden Arbeiten.
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Hilbrands
, Donnerstag, 14. Oktober 2021, 20:27 (vor 1794 Tagen) @ Orlos
Apropos 400 Jahre: Am 16. Okt. jährt sich Sweelincks 400. Todestag, dem "Orpheus von Amsterdam" und "Organistenmacher".
Zu seinen Ehren findet am 17. Oktober auf Deutschlandfunk Kultur von 15.05 bis 17.00 Uhr eine Sendung mit Harald Vogel statt. Es gibt Einspielungen mit dem Vokalensemble Gesualdo-Consort unter Harry van der Kamp und von Vogels Sweelinck-CD aus Lemgo (Schwalbennestorgel von Rowan West, 2010).
Gruß, Walter
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Orlos
, Donnerstag, 14. Oktober 2021, 21:32 (vor 1794 Tagen) @ Hilbrands
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Hilbrands
, Donnerstag, 14. Oktober 2021, 23:17 (vor 1794 Tagen) @ Orlos
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Orlos
, Freitag, 15. Oktober 2021, 01:37 (vor 1794 Tagen) @ Hilbrands
Brixi ist wirklich schöne Musik.
Genau 400 Jahre: Sweelinck †
Hilbrands
, Freitag, 15. Oktober 2021, 19:13 (vor 1794 Tagen) @ Orlos
Danke für den Link! Wirklich sehr nett! Ähnlich wie die Haydn'schen Orgelkonzerte.
Ein wenig mehr HIP hätte die Musik noch differenzierter und abwechslungsreicher klingen lassen.
Gruß, Walter