Alles offen in Rostock

Friedrich @, Mittwoch, 13. Januar 2021, 01:26 (vor 2070 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Mittwoch, 13. Januar 2021, 22:45

Liebes Forum, lieber KBK,

nach der fabelhaften Dokumentation, die hier steht, jetzt mal ins Freie gesponnen.

Die akustisch beste Position: der mittige Scheinbalkon unter der Oberwerk (Dokumentation: 15). Dort ist kein Platz für ein Hauptwerk. Gründe für den guten Klang sind wahrscheinlich die Zwischendecke und wenig Hemmung von den Seiten, und die wären vermutlich halb so wirksam, wenn man das HW von innen-unten dagegenstemmte und hinter dem unteren Mittelprospekt den Platz hinter den Pfeifenfüßen verschenkte. Der HW-Diskant, wichtigste Melodieführung für den Gesang, stünde dann im Loch.

Die akustisch zweitbeste Position: Der obere Seitenprospekt (Dokumentation: 19). Hier wird es interessant, meine ich. Hier könnte man ein Hauptwerk C-Cis-geteilt aufstellen, auf Sturz von hinten nach vorne. Der HW-Diskant wäre dann in Pole-Position. Der Bass mit 16'-Prospekt ließe sich hinter dem Mittelfeld platzieren. Technisch (und fürs Stimmen) leider kompliziert, weil drei (neue) Laden à 24/17/17 Kanzellen, aber räumlich großzügig machbar. Man stelle sich einen Dom-Bedos-Cornet aus dieser Seitenposition vor ...

Der Scheinbalkon (Dokumentation: 15) wäre der Platz für ein kleines Nebenwerk, eigentlich so wie jetzt; delikate Sachen, wie sie jetzt auf der Kronwerkslade stehen und hier zu noch besserer Geltung kämen. Vielleicht wäre hier sogar Gelegenheit für einen kleinen Schwellkasten, schon um das große Schwellwerk zu entlasten. Optisch müsste er aber dezent sein, außen mattschwarz, um die architektonische Wirkung nicht zu unterlaufen. Wäre auch ein gutes Begleitwerk für den Felsensänger.

Die heutige Kronwerksposition oben-Mitte wäre der Platz für das große konzertierende Werk, kräftiges, geschärftes 8'-Plenum, leichterer Trompetenchor, farbige 8- und 4-Füße, Aliquoten, das würde vom Gewölbe akustisch profitieren. Die Lade müsste tiefer liegen als die heutige Schmidt-Lade, auch damit sie nicht in die Wärmestau-Zone kommt und mit dem HW gekoppelt verwendbar ist.

Das Schwellwerk würde die Bauch-Position bekommen, dort wo heute das HW ist. Weil es nicht viel Tiefe gibt, müssten im Bass Seitenbänke und im Diskant aufgebänkte Reihen vorgesehen werden; die Höhe ist ja da, sodass es nicht klangbehindernd-eng würde. Sehr groß dürfte es nicht besetzt sein, der Platz fehlt, aber auf jeden Fall mit starken Trompeten und satten Grundstimmen 16-8-4.

In den Pedaltürmen vorne (Dokumentation: 07) hätte eine Mindestbesetzung fürs Forte Vorrang: Zungen 16-8-4, Prinzipale 8-4 und Mixtur. Das 16'-Prinzipal könnte platziert sein wie jetzt (Fensternischen) oder, besser, den Mittelprospekt bilden. Kleinpedalladen wie jetzt. Ein sinnvolles Zusammenspiel von großem Schwellwerk und Pedal müsste man sich auch ausdenken; eine untere Kleinpedallade könnte in den Schwellkasten einbezogen werden oder sogar -- Schmid ohne t lässt grüßen -- in beiden Werken zur Verfügung stehen.

Alles das wäre jetzt allein von der akustischen Dokumentation her gedacht: HW und Forte-Pedal in günstige Positionen, zweitbeste Position für Begleitwerk, drittbeste für Oberwerk, gedämpfteste für Schwellwerk, das schiere Power dagegensetzen müsste. Akustische (und klimatische) Partner wären Haupt- und Oberwerk sowie Schwellwerk und Pedal. Elektrische Traktur natürlich, neue Windladen mit 58/32 Tönen (op. 7/1!).

Mit dem alten Prospekt hätte das ganze nur noch wenig zu tun. Aber der gibt ja auch dem HW die schlechteste Position. Alle Prospektpfeifen gehörten zu HW und Pedal, das Oberwerk wäre prospektlos (bisschen wie Schwerin). Wie das für den Organisten in der jetzigen Position wäre, ist für mich schwer auszumalen -- jedenfalls würde das SW in größeren Kombinationen dominieren. Vielleicht ein bisschen wie beim Orgelturm in Altenberg.

Es ist spät.
Viele Grüße
Friedrich

Alles offen in Rostock

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 13. Januar 2021, 11:14 (vor 2069 Tagen) @ Friedrich

Es ist spät.
Viele Grüße
Friedrich

<mal wieder ein Posting für alle mit Spaß am Bastlen und Spinnen>

Aber ich hab's auch noch in der Nacht gelesen. Ja, der schwellbare Bauch war auch Teil einer Initiativbewerbung einer namhaften Firma (allerdings nicht jener, die relativ oft solche Bäuche gebaut hat).

Es ist interessant, und einige werden das Gefühl kennen: Schiebt man am Computer die Rechteck der Windladen hin und her, ist auf der obersten Etage sehr viel Platz.
Steht man dann wirklich oben, denkt man sich: Oje - denn eine Sache muss, egal mit welchem Material - deutlich besser werden, und zwar die Zugänglichkeit! Und dann braucht man doch eine Menge Stimmgänge, auch wenn mal wieder ein Fenster repariert werden müsste, sollte das Gerüst oder der Handwerker nicht gerade im Rasterbrett aufgestellt werden...
In den Pedaltürmen, speziell im südlichen, gibt es eine Ecke, die ich nur mit Werkzeug, Verrenkungen etc. erreichen könnte. Gerade vorgestern blickte ich dorthin und fragte mich, wann überhaupt zum letzten Mal ein Mensch da gewesen ist... Was ich auch sah, sind die deutlich größer gewordenen Flecken frischen Holzmehls.

So ein Sch... - wer an der Ogel arbeitet, müsste nach Vorschriften wg. des Hylotox und des Xylamons Arbeitsschutz tragen, aber die Würmer futtern weiter bzw. haben neu angefangen!

Zum oberen Raum noch mal ein Bild von Reiner Janke. Da ich so ein Weitwinkelobjektiv nicht besitze, muss ich leider auf Gastreporter zurückgreifen:

Blick von Nord nach Süd. Zu den Größenverhältnissen: Gewölbescheitel über Kirchboden 31,5, Abstand der Langhauswände zueinander ziemlich genau 10,0 Meter, rechts "im Lichte" das Kronwerk - die Holzreihe ist der Holzprinzipal 8' von 1983 (der Vorgänger war durchgerottet), der Längensprung ist der Übergang von gedeckt zu offen ab f°. Zu Paul Schmidts Rokoko-Zeit konnte der Organist die Sonne in Drehung versetzen, ebenso die Sterne auf den goldenen Bekrönungen (die südliche ist sichtbar). Pauken (Trommeln oder Pfeifen?) gab's auch.

[image]

Hier noch etwas anders:

[image]

Und so sieht es der Vermesser, leider ohne Bemaßung in dieser Datei, aber wie gesagt, von Mauer zu Mauer ziemlich exakt 10 Meter.

[image]

Alles offen in Rostock

Contrebasson 32' @, Wien, Mittwoch, 13. Januar 2021, 14:26 (vor 2069 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Es ist interessant, und einige werden das Gefühl kennen: Schiebt man am Computer die Rechteck der Windladen hin und her, ist auf der obersten Etage sehr viel Platz.
Steht man dann wirklich oben, denkt man sich: Oje - denn eine Sache muss, egal mit welchem Material - deutlich besser werden, und zwar die Zugänglichkeit! Und dann braucht man doch eine Menge Stimmgänge, auch wenn mal wieder ein Fenster repariert werden müsste, sollte das Gerüst oder der Handwerker nicht gerade im Rasterbrett aufgestellt werden...
In den Pedaltürmen, speziell im südlichen, gibt es eine Ecke, die ich nur mit Werkzeug, Verrenkungen etc. erreichen könnte. Gerade vorgestern blickte ich dorthin und fragte mich, wann überhaupt zum letzten Mal ein Mensch da gewesen ist... Was ich auch sah, sind die deutlich größer gewordenen Flecken frischen Holzmehls.

Das ist wohl etwas, das auf jeden Fall mitzudenken ist: Die Positionierung der Windladen unter Berücksichtigung der Wartbarkeit und der optimalen Klangabstrahlung.

Aktuell ist es ja so, dass die Windladen wandnah aufgestellt sind und die Stimmgänge oft zwischen (geschwungenem) Prospekt und Windladen verlaufen. Daher stellt sich für mich die Frage, ob man die Windladen aus akustischen Gründen nicht z.B. auch näher am Prospekt platzieren möchte und sich hieraus dann auch andere Möglichkeiten für Lauf- und Stimmgänge sowie Stiegen ergeben. Würde sich in diesem Kontext vllt. sogar der Einbau von Rück- und Seitenwänden, um die Schallbündelung zu forcieren, lohnen?

Ein weiterer Gedanke:
Steht das Ständerwerk eigentlich auch unter Denkmalschutz oder könnte man - auch im Hinblick auf den Holzwurm und ein verändertes Laden-Layout hinterm Prospekt - womöglich hier einiges ändern? Wäre ja nicht die erste Orgel, wo man so vorgegangen wäre.

Alles offen in Rostock

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 13. Januar 2021, 14:35 (vor 2069 Tagen) @ Contrebasson 32'

Ein weiterer Gedanke:
Steht das Ständerwerk eigentlich auch unter Denkmalschutz oder könnte man - auch im Hinblick auf den Holzwurm und ein verändertes Laden-Layout hinterm Prospekt - womöglich hier einiges ändern? Wäre ja nicht die erste Orgel, wo man so vorgegangen wäre.

Ein Kommissionsmitglied wäre da relativ radikal und spricht vom Gehäuse nur mehr von einem "Vorhang". Die Denkmalpflege in MV ist, pauschal gesehen, da deutlich empfindlicher. Hängt davon ab, an wen man gerät. Die für Orgel zuständige Dame ist etwas flexibler, aber der Stil des Hauses ist mehr hardcore. Kann man ob der Masse historischer Substanz in diesem Land erst mal verstehen. Auch sind schon hinter dem Rücken der Behörde manche Sachen verändert bzw. vernichtet worden (Kirchengestühl z. B.), da wird man sensibel.

Alles offen in Rostock

kjz1, Mittwoch, 13. Januar 2021, 16:40 (vor 2069 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ein Kommissionsmitglied wäre da relativ radikal und spricht vom Gehäuse nur mehr von einem "Vorhang".

Das wäre natürlich auch ein (radikaler) Ansatz. Der Prospekt (evtl. sogar nur teilweise klingend) quasi nur als 'Verblendung' und dahinter dann (auf einem Stahlgerüst?) eine neu konzipierte Orgel unter Mitverwendung noch nutzbarer Teile der bisherigen Orgel.

Alles offen in Rostock

Friedrich @, Mittwoch, 13. Januar 2021, 17:09 (vor 2069 Tagen) @ kjz1

Ein Kommissionsmitglied wäre da relativ radikal und spricht vom Gehäuse nur mehr von einem "Vorhang".


Das wäre natürlich auch ein (radikaler) Ansatz. Der Prospekt (evtl. sogar nur teilweise klingend) quasi nur als 'Verblendung' und dahinter dann (auf einem Stahlgerüst?) eine neu konzipierte Orgel unter Mitverwendung noch nutzbarer Teile der bisherigen Orgel.

So ist mein Vorschlag auch gedacht. Klar kann auf dem heutigen Tragwerk so etwas eher nicht realisiert werden. Auch eine halbe Diskantlade mit 17 Tönen braucht ihre Infrastruktur. Der ganze Bereich zwischen Scheinbalkon und Gewölbe müsste dazu umgestaltet werden. Ich habe, wie gesagt, versucht, von der Akustik her zu denken.

Klar dürfte sein, dass das Hauptwerk nicht bleiben kann, wo es heute steht. Karl-Bernhardins Portativexkursion zeigt deutlich, dass ausgerechnet dort das akustisch schwärzeste Loch ist. Sobald man das entscheidet und dazu nimmt, dass man die akustisch besten Zonen möglichst nutzen will, kommt das ganze Innere in Bewegung wie brockigstes Treibeis.

Viele Grüße
Friedrich

Alles offen in Rostock

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 13. Januar 2021, 17:09 (vor 2069 Tagen) @ kjz1

Das wäre natürlich auch ein (radikaler) Ansatz. Der Prospekt (evtl. sogar nur teilweise klingend) quasi nur als 'Verblendung' ...

Das entspräche der Erbauungssituation. Der obere Prospekt war mit Ausnahme weniger einzelner Pfeifen eines Feldes - Spuren (von Einzelstöcken) haben wir bisher nur im nördlich der Mitte angrenzenden Feld entdeckt - ohnehin immer stumm. Seiten- oder Rückwände hat es nie gegeben, wohl auch keine geschlossene Decke, sondern nur soviel Böden, wie man zur Wartung (z. B. der erwähnten bewegten Schau-Elemente) benötigte.

Es war für mich als relativ orgelideoligisch ausgebildeter Student einst auch "erschütternd", zu erfahren, dass Schnitgers Hamburger Jakobi-Orgel ein frei ins Gewölbe sprechendes Oberwerk besitzt! :-)

Alles offen in Rostock

Christoph @, Mittwoch, 13. Januar 2021, 17:35 (vor 2069 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Es war für mich als relativ orgelideoligisch ausgebildeter Student einst auch "erschütternd", zu erfahren, dass Schnitgers Hamburger Jakobi-Orgel ein frei ins Gewölbe sprechendes Oberwerk besitzt! :-)

ja schon, aber das muss man doch nicht so herumposaunen...

powered by my little forum