Thomas Trotter in der Berliner Philharmonie
Liebe Forenser,
ich habe es ja mehrmals angekündigt: Heute war Thomas Trotter in der Berliner Philharmonie zu Gast, um 11 Uhr vormittags, wenn man eigentlich gerade aus der Kirche kommen sollte. Ich entschied mich fürs Konzert.
Trotter spielte folgendes Programm:
Bach: Präludium und Fuge a-Moll BWV 543
Soler: Konzert Nr. 6 für zwei Orgeln aus den »Seis conciertos«
Marcel Grandjany ( 1891–1975): Aria in Classic Style op. 19 für Harfe und Orgel
Händel: Konzert B-Dur op. 4 Nr. 6 für Harfe oder Orgel und Orchester HWV 294
Reubke: Der 94ste Psalm. Sonate für die Orgel
Bach: Ganz elegant und mit einem tänzerischen Rhythmusgefühl, trotzdem mit Gravität. Das Präludium erklang in einer einheitlichen Prinzipalregistrierung, wahrscheinlich dem vollen HW-Prinzipalchor der Schuke-Orgel; das Pedal wahrscheinlich durchweg mit dem 32’ und mit einer hellen – der eigenen? – Mixtur. Die Fuge begann Trotter mit den HW-Prinzipalen 8-4-2, ging für die längere Manualiter-Passage aufs Positiv mit Flöten 8-4-3-2 über und dann zum erneuten Pedaleinsatz mit der linken Hand voraus zurück aufs HW, inzwischen mit Mixtur (-en) aufregistriert; zum Schluss kamen Trompeten und Pedalzungen hinzu. Ich hatte mir schon immer gewünscht, diese Orgel mit einem großen Bach zu hören; dafür ist sie einfach wie geschaffen mit ihren kernigen Prinzipalchören.
Das Soler-Concerto machte großen Spaß. Das lag zum einen an Marie-Pierre Langlamet, die kraftvoll und klar spielte; zum anderen lag es am Stück, einem Zweisätzer mit einem Concerto- und einem Menuett-Satz, in denen beide Partner ganz gleichberechtigt im Dialog auftreten dürfen. Trotter brachte hübsche Registrierungen ins Spiel und benutzte vor allem Ober- und Schwellwerk; man bekam Vox humana und Oboe zu hören und ein paar nette Aliquotmischungen. Noch besser kämen die Stücke vielleicht mit einer nicht zu kleinen Kammerorgel zur Geltung – ein echter Tipp für Leute, die mal ein schönes Orgel-plus-Konzert spielen möchten.
Marcel Grandjany war ein wichtiger französischer Harfenist; seine Aria hat er selber mal für Harfe und Orgel bearbeitet. Das Stück hat ein fast elgarisches Pathos, und Trotter begleitete schön auf- und abschwellend in bester englischer Manier. Die Musik war eine Mischung aus »Ombra mai fù« und Elgars »Sospiri« – *schmacht*.
Händels B-Dur-Konzert aus dem Opus 4 ist bekanntermaßen für Orgel oder Harfe als Soloinstrument komponiert. Hier übernahm Trotter den Orchesterpart, Langlamet war die Solistin. Das Zusammenspiel war perfekt, sehr rhythmisch, alles wunderbar artikuliert. Die große Solokadenz vor dem Finalsatz hatte Grandjany komponiert – ein virtuoses Paradestück an Figuren und Farben für die Harfe. Trotter lauschte hingerissen auf der Orgelbank des elektrischen Spieltischs. Das Orgel-Harfe-Duo bekam großen Applaus der vier- bis fünfhundert Zuhörer (Block A fast voll, Block B etwa halb gefüllt, über den Saal verstreut noch ein paar Hörer – ich saß in G, der Orgel gegenüber, dabei so, dass die Horizontaltuben wohlweislich rechts an mir vorbeizielten – weiß aber nicht, ob sie irgendwann drin waren; ich glaube nicht).
Der Reubke war schlicht grandios. Sehr dramatisch, makellosen dicht in der trockenen Saalakustik. Bei diesem Stück merkt man natürlich besonders, dass die Orgel eigentlich einmal antiromantisch konzipiert war. Alles klingt klar, weniges hintergründig oder schwer; der große Schwellkasten schafft z. B. nur annähernd einen »caged roar«-Effekt; schwiemelige Klänge sind wahrscheinlich nicht leicht zu finden. Machte aber nichts, denn Trotter brauchte sie nicht. Er spielte so klar und beherrscht, so rhythmisch und mit einem so fantastischen Timing, dass Orgel und Stück zu einer einzigen Musik verschmolzen. Das »Grave« entwickelte sich zum schreckensvollen Aufmarsch himmlischer Racheheere, das »Allegro con fuoco« zum Schlachtgetümmel; das Adagio war ziemlich flüssig im Tempo, aber sehr kantabel und ausdrucksvoll. Die beiden Fugatos begann Trotter jedesmal fast nüchtern und drehte dann mächtig auf. Der Schluss war eine einzige Raserei, zwei schreckliche Hammerschläge beendeten sie. Toll!
Die Hörer feierten Trotter, es gab etliche Bravos (okay, ein paar kamen von mir). Es hätten mehr Leute da sein dürfen (war von euch jemand dabei?), aber wenige waren es nicht. Als Zugabe gab es recht bald (zweiter »Vorhang«) die Moszkowski-Serenade, vielleicht eine Hommage an den Genius loci.
Alles in allem: Ein fantastisches Konzert. Das ist das Niveau, das so ein Saal in so einer Stadt braucht! Und ich glaube, dass das auch die Konzertgänger merken. Als nächster spielt am 7. Dezember Peter Kofler mit den Berliner Blechbläsern, am 25. Januar kommt Nathan Laube mit dem Berliner Solo-Klarinettisten Andreas Ottensamer. Am 19. April ist dann David Briggs da, um »Das Phantom der Oper« improvisierend zu begleiten.
Die Orgel benahm sich übrigens tadellos. Sie hat ganz schön Power, wie man immer dann merkte, wenn Trotter zum HW wechselte. Da sind die Grundstimmen offenbar ordentlich aufgedreht worden. Seinen typisch modernen, etwas nüchternen Charakter hat das Instrument aber bewahrt. Interessant ist die Rolle der Zweifüße, die wohl mit Vorsicht einzusetzen sind, ebenso wie die Aliquoten. Das HW-Plenum hat zwar die Schuke-typische Kraft und Intensität, aber meinen Ohren fehlt die Anschlusskraft zu den breiten Mixturen. Im HW sitzt – wiederum Schuke-typisch – der Nasat an der Position der Prinzipalquinte; vielleicht liegt es daran. Ich habe aber auch schon Schuke-Plena gehört, in denen keine solche Lücke auffiel. Eigentlich sollte die Mixtur major auch einen recht früh einsetzenden 2 2/3’ haben. Die Trompeten sind für sich nicht unbedingt bezaubernd, sie sind wohl eher dazu gedacht, dem Pleno Linie zu geben; sie sind etwa gleich stark wie die Mixturen, letztere haben allerdings oft eine Nasenlänge Vorsprung.
Viele Grüße
Friedrich