Jean-Claude Zehnder in Wien, Franziskanerkirche (Wöckherl-Orgel)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 25. Oktober 2014, 19:37 (vor 4397 Tagen)

Ein Wien-Aufenthalt, der eigentlich orgelfrei sein sollte, brachte doch eine ganz kurze Begegnung mit der Sieber-Orgel in der Michaelerkirche (Sieber 1714, rest. Ahrend), wo ich kurz einem übenden Musiker zuhörte und auch Spendenaufrufe für eine Ausreinigung 20 Jahre nach der letzten Restaurierung vorfand) und einen Konzertbesuch in der Franziskanerkirche mit Wiens ältester Orgel (1642), seit kurzem auch wieder spielbar (Eintrag bei Kuhn).
Jean-Claude Zehnder spielte ein Programm mit Werken von Praetorius, Rossi, Kerll, Pachelbel, Bach, Stanley, Purcell, dazwischen einen "Blumenstrauß" aus Tänzen unterschiedlicher Provenienz.
Das Konzert gehörte zu einem Kurs, den Zehnder dieser Tage an der Orgel gab, so waren Lehrer und Studierende der Musikuniversität gut vertreten.
Man saß im Betchor der Kirche, dadurch war Kontakt zu Instrument und Interpret sichergestellt - allerdings konnte ich von meinem Platz die Nutzung der Subsemitonien im Positiv nicht beobachten.
Ein Franziskaner (Prior? Abt?) begrüßte das Publikum und den Interpreten. Wie kathlocisch üblich, würde betont, dasds es sich um ein Instrument der Liturgie handelt. "Nachtigall, ick hör dir trapsen" dachte ich und formulierte im Geiste eine Ansprache, welche das kunstvolle Gestühl, die interessante Ausmalung des Betchores u. a. mit ausschließlich gottesdienstlichem Gebrauch begründete...

Das Instrument ist natürlich wunderschön, das HW-Plenum aber auch sehr kräftig. Vermutlich sah die Kirche zur Entstehungszeit der Orgel anders aus (aktuell so, der Betchor liegt hinter dem Hochaltar von 1707), denn die Lautstärke würde auch für die ganze Kirche reichen, von der man im Betchor akustisch nahezu gar nichts merkt. Hier weitere Bilder, auch von den wunderbaren Flügeltüren.
Sehr schön die rekonstruierten Zungen. Die Mixtur im HW scheint terzhaltig zu sein, auch kam mir vor, dass sie im Diskanz einen 5 1/3'-Chor aufweist.
Naheliegenderweise kommt alles recht süddeutsch daher, also die Prinzipale recht mild und die Mixturen sehr hoch und kräftig. Die Quintadena im Werk ist kräftig und sehr ansprechend, auch der Tremulant war mit seiner schönen Wirkung zu hören.
Die Traktur arbeitet sehr leise. Kuhn gibt im Web Schleifladen an, obwohl das Einhängen der Registergriffe nach Springladen aussieht. Letzteres macht flottes Umregistrieren schwierig, aber das scheint auch kein Problem gewesen zu sein.
Zehnder habe ich zuletzt vor vielen Jahren gehört. Sein Spiel ist gediegen wie immer, für schnelle Passagen nahm er das jeweilige Tempo doch ein wenig zurück, jüngere Spieler würden hier vielleicht mehr Virtuosität zeigen wollen. Ob das Instrument diese mitgemacht hätte, ist offen. Der Wind scheint diesbezüglich verträglicher zu sein als er beispielsweise in der Michaelerkirche, als die Restaurierung noch frisch war.
Im Verhältnis zu meiner Studienzeit (1986-92) hat sich die Wiener Orgelwelt vorteilhaft verändert (übrigens auch die ganze Stadt), mit www.volleswerk.at wird auch eine Art Orgeltag versucht.
Aber: Kann man die Instrumente auch freier nutzen als früher (siehe oben)?
Lassen die "Titulaires" auch mal andere ran?

Auf jeden Fall gibt es reiche touristische Angebote, zur Zeit werden natürlich viele Mozart-Requien beworben, und es gibt mehrere Dauerprogramme mit Tp-Org oder S-Org.
Wie auch immer, schön war's in Wien.

(Im sehenswerten "Haus der Musik" hängen übrigens einige Kupferpfeifen der Kauffmann-Domorgel als Skulptur...)

Jean-Claude Zehnder in Wien, Franziskanerkirche (Wöckherl-Orgel)

3rd_astronaut, Samstag, 25. Oktober 2014, 21:22 (vor 4397 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ein Franziskaner (Prior? Abt?)

Guardian, weiß ein Klosterschüler ;-)

Jean-Claude Zehnder in Wien, Franziskanerkirche (Wöckherl-Orgel)

Florian-L @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 08:49 (vor 4397 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Vielen Dank für deinen interessanten Bericht.

Man saß im Betchor der Kirche, dadurch war Kontakt zu Instrument und Interpret sichergestellt - allerdings konnte ich von meinem Platz die Nutzung der Subsemitonien im Positiv nicht beobachten.

Meinst du, dass er sie tatsächlich verwendet hat?

Wie kathlocisch üblich, würde betont, dasds es sich um ein Instrument der Liturgie handelt. "Nachtigall, ick hör dir trapsen" dachte ich und formulierte im Geiste eine Ansprache, welche das kunstvolle Gestühl, die interessante Ausmalung des Betchores u. a. mit ausschließlich gottesdienstlichem Gebrauch begründete...

Offenbar war es tatsächlich so.

Die Mixtur im HW scheint terzhaltig zu sein, auch kam mir vor, dass sie im Diskanz einen 5 1/3'-Chor aufweist.

Terzhaltig ist ist keine der Mixturen, die genauen Zusammensetzungen weiß ich aber nicht auswendig (habe das entsprechende Buch momentan nicht zur Hand).

Kuhn gibt im Web Schleifladen an, obwohl das Einhängen der Registergriffe nach Springladen aussieht.

Es sind tatsächlich Schleifladen.

Zehnder habe ich zuletzt vor vielen Jahren gehört. Sein Spiel ist gediegen wie immer, für schnelle Passagen nahm er das jeweilige Tempo doch ein wenig zurück, jüngere Spieler würden hier vielleicht mehr Virtuosität zeigen wollen. Ob das Instrument diese mitgemacht hätte, ist offen. Der Wind scheint diesbezüglich verträglicher zu sein als er beispielsweise in der Michaelerkirche, als die Restaurierung noch frisch war.

Ja, definitiv. Virtuose Passagen sind sowohl hinsichtlich des Windes als auch der hervorragenden Spieltraktur kein Problem.

Kann man die Instrumente auch freier nutzen als früher (siehe oben)?

Was die Wöckherl-Orgel betrifft, so gibt es in den Sommermonaten regelmäßig Präsentationen. Inwieweit sie liturgisch genutzt wird, kann ich nicht sagen.


Gruß, Florian

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