Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Orlos @, Freitag, 24. Oktober 2014, 23:04 (vor 4398 Tagen)

Eine komplett neue Orgel dieser Größe, ohne eine einzige alte Pfeife oder ein historisches Gehäuse übernehmen zu müssen, das kommt mittlerweile nicht mehr häufig vor in Deutschland. In Montabaur im Westerwald (aber mit ICE-Anschluss!) durfte die Firma Mühleisen aus Leonberg nun ein völlig neues Instrument aufstellen. In den frühen 50er Jahren ist dort eine Kemper-Orgel eingebaut worden, die wohl nie richtig funktiniert hat, einige Laden standen akustisch ungünstig auf den Seitenemporen. Der mittlerweile pensionierte KMD, der jahrzentelang auf diesem "Instrument" gespielt hat und immer von einer neuen Orgel geträumt hat, schilderte mir die Unzulänglichkeiten sehr anschaulich. Er freut sich über die neue Orgel und vertritt seinen Nachfolger gerne. Schön, dass es manchmal auch gute Zusammenarbeit zwischen Vorgänger und Nachfolger gibt, oft hört man eher von Schwierigkeiten.
Der extrem helle, fundamentlose Klang der Kemper-Orgel lässt verständlich erscheinen, dass man nun beim Neubau auf eine gut ausgebaute Gravität achtete: insg. 13 labiale 8'-Register und vier labiale 16'-Register sorgen in der Tat für ein sattes Klangbild (Disposition-pdf).
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Zum Werkaufbau: Das Rückpositiv (1. Manual) steht in der Brüstung, das Schwellwerk (3. Manual) rechts und links. Man sieht horizontal angeordnete Schwelltüren, doch nicht alle, das SW ist höher und klingt auch zwischen den Füßen der Prospektpfeifen hindurch. Ganz oben steht das Hauptwerk (2. Manual). Das Pedal verfügt nur über wenige eigenständige Register, die offene 16'-8'-4'-Reihe und die Posaunenreihe 16'-8' stehen hinten an der Wand, die tiefe Oktave des 32' liegt links auf der Seitenempore (mit eigenem Motor):
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Der Spieltisch steht freistehend hinter dem Rückpositiv mit Blick Richtung Westfenster. Hier lässt sich der Chor dirigieren, der vor dem Fenster auf mehreren Stufen stehen kann.
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Der Höreindruck ist ganz ordentlich. Beim einstimmigen Spiel irritiert zuerst die C-/Cis-Teilung des Schwellwerks, man gewöhnt sich aber schnell daran. Das Rückpositiv ist sehr präsent, das Gehäuse weist viele Öffnungen auf. Das Hauptwerk kommt am Spieltisch etwas abgeschwächt an, ich nehme an, dass es in der Kirche deutlicher zu hören ist. Leider hatte ich keine Möglichkeit, die Orgel von unten zu hören, deshalb sind alle Eindrücke unter dem Vorbehalt der Wirkung am Spieltisch zu sehen.
Die Spieltraktur ist angenehm, auch im gekoppelten Zustand. Der Spieltisch ist recht edel gehalten. Wenn man den Schlüsselschalter umdreht, leuchtet zuerst das Firmenlogo auf (rechts über 3. Manual).
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Für Motor und Licht gibt es Holzschalter. Auch die anderen Kunststofftasten besitzen eine Holzauflage.
Als Spielhilfen sind viele Setzerkombinationen sowie eine Registerfessel vorhanden. Das finde ist sehr sinnvoll. NOCH sinnvoller wäre es aber, dies auch als Fußtritt zu haben. Dort gibt es nur einen Sequenzer vor und zurück. Das mag im Konzert reichen, im Gottesdienst und zum Improvisieren ist es viel zu wenig. Die romantische Grundausrichtung der Orgel hätte auch den Einbau eines Crescendo-Tritts als sinnvoll erscheinen lassen.
Besonders im direkten Vergleich z. B. aller 8'-Gedackten fällt auf, dass die Intonation auf Grundtönigkeit und Fülligkeit ausgerichtet ist. Schön auch die unterschiedlichen 4'-Flöten, die Waldflöte 4' ist etwas neutraler und damit mischfähiger als die Traversflöte 4'. Ein "Problem", das man bei sehr vielen Orgeln antrifft, gibt es auch hier: Wie begleite ich die Traversflöte? Es gibt nirgendwo ein wirklich leises Begleitregister. Die Gambe 8' im HW ist eine Mittellösung, zum Begleiten zu laut, als Soloregister zu leise. Der Suavial 8' im RP ist ein recht kräftiger Streicher, auch eher grundtönig.
Die Orgel verfügt über insg. vier Mixturen. Im HW gibt es eine tiefe (für Rheinberger bis Reger) und eine hohe (gut für Buxtehude/Bach). Man kann auch beide zusammenziehen, z. B. für ein barockes französisches "Grand Plein-Jeu" (mit Principal 16'), das klingt gut. Die Mixtur im SW ist nicht zu dunkel, sie muss den fehlenden Clairon 4' ersetzen. Die RP-Mixtur ist vielseitig einsetzbar, nicht zu schrill.
Die Einzelaliquoten im RP erlauben viele schöne Mischungen. Allerdings ist die Doublette 2' zu hell, um ein französisches "Cornet décomposé" zusammenzustellen. Nimmt man stattdessen den Octavin 2' aus dem SW dazu, klingt es überzeugend - ich weiß aber nicht, ob dies auch unten noch gut klingt. Im SW gibt es leider kein Terzregister. Im HW ist der 2 2/3' schön färbend. Das Cornett ist mir persönlich zu prinzipalisch, als Soloregister würde ich es nicht einsetzen. Man braucht es, um die eher dunkle Trompete zu verstärken. Im SW sind die Zungen recht forsch, der 16' ist kein deutsches Fagott, sondern ein kräftiger Basson. Die Oboe dagegen ist als Drehdeckeloboe gebaut und eher zart. Im RP gibt es ein Chalumeau, welches weicher als ein Cromorne klingt und eher an eine Rohrschalmey erinnert. Es ist aber sehr vielseitig einsetzbar.
Im Pedal gibt es nur eine Zungenreihe. Als 8' ist die Trompete sehr kräftig: im erwähnten Grand Plein-Jeu für den Cantus firmus im Pedal gut geeignet, bei einer deutschen Fuge zu laut. Dann koppelt man die Trompete aus dem SW herunter, da kann man mit den Schwelltüren die Lautstärke richtig einstellen. Den Basson gibt es als elektrische Transmission, den Bourdon 16' auch.
Um das zu ermöglichen, müssen die 60 Pfeifen dieser beiden Register auf einer Einzeltonlade stehen. Auffällig war, dass diese Töne langsamer ansprechen als die mechanische Lade. Da muss man noch nachbessern.
Schön ist die Vorrichtung, bei Betätigung der 16'-Koppel in der tiefen Oktave die elektrische Lade mitzubenutzen. So hat man den Eindruck, das SW sei unten ausgebaut. Die 4'-Koppel war (noch?) nicht in Funktion.
Leider kann man die 16'-Koppel nicht alleine benutzen, also z. B. III-II 16'. So könnte man z. B. die Traversflöte als 8' mit der Flûte harm. kombinieren. Hier kann man aber nur III-II ziehen und dann III-III 16'. So erhält man immer zwei Töne.
Schön, dass der Manualumfang bis a3 reicht, viele meiner Lieblingsstücke brauchen diesen höchsten Ton.
Am Spieltisch klingt alles angemessen und unaufdringlich. Trotzdem ergibt sich ein kraftvolles, völlig ausreichendes Tutti. Chamaden oder Hochdrucktuben habe ich nicht vermisst. Die Bässe sind voluminös. Das Pedal verfügt über drei Reihen: Subbass 32'-16'-8', einen Prinzipalbass aus Holz 16'-8'-4' und eine Posaune 16'-8'. Nur das Cello 8' ist als "traditionelles" Register vorhanden. Das reicht aber, um auffällige Tonlöcher zu verhindern. Die Lösung überzeugt mehr als z. B. die nur zwei Reihen in Rüdesheim-Eibingen (Seifert). Gut auch, dass Pedal und HW jeweils einen eigenständigen Principal 16' haben und sich nicht mit einer Transmission behelfen müssen.

Ist es also eine perfekte Orgel? Man kann viel Musik unterschiedlicher Epochen überzeugend registrieren, die Traktur ist gut, Einzelstimmen und Kombinationen klingen schön, viele dynamische Abstufungen sind möglich. Alles klingt weich und füllig.
Das ist das einzige, was ich als Luxus-Kritik formulieren kann: mir fehlt ein bisschen das Urige, das Charakteristische, das Knorzige, wie man es bei historischen Orgeln oder vereinzelten Neubauten findet. Das ist aber absolut subjektiv, ein ganz persönlicher Eindruck.
Kosten übrigens etwa 800.000 Euro.

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Friedrich @, Freitag, 24. Oktober 2014, 23:40 (vor 4398 Tagen) @ Orlos

Lieber Orlos,

danke für den tollen Bericht!

Viele Grüße
Friedrich

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Wolfgang Gourgé @, Freitag, 24. Oktober 2014, 23:51 (vor 4398 Tagen) @ Friedrich

Lieber Orlos,

danke für den tollen Bericht!

Viele Grüße
Friedrich

....dem schließe ich mich an. Mit leisem "Grrrrrrrr...."....wieder keine 16'-Hauptwerkszunge! Obwohl die bei einer Orgel dieser Größe doch so schön passen würde.....

Gruß,
Wolfgang

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Orlos @, Freitag, 24. Oktober 2014, 23:55 (vor 4398 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Ja.
Der Vergleich zu neuen Klais-Orgel in Mainz, St. Stephan drängt sich geradezu auf, die Dispositionen sind sich sehr ähnlich. In Mainz gibt es die 16'-Zunge im HW und sie hat dort auch eine tolle Wirkung. Allerdings ist der Raum auch deutlich größer. In Montabaur macht das der kräftige Basson 16' im SW und die 16'-Koppel ein wenig wett.

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

hardy @, Samstag, 25. Oktober 2014, 15:21 (vor 4397 Tagen) @ Friedrich

Auch vielen Dank.
Den Preis von ca 800 000 finde ich für die Größe eher moderat. 900 000 für Maulbronner 35 Register kam mir recht viel vor. Allerdings: eine Ersparnis in Montabaur bringt sicher das "Spar-Pedal". Und das reduzierte Gehäuse.

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

kjz1, Samstag, 25. Oktober 2014, 11:43 (vor 4398 Tagen) @ Orlos

Vielen Dank für den Bericht. Steht schon ein Termin für die Orgelweihe fest (oder war die schon)? Auf der Webseite der Pfarrei habe ich nichts gefunden.

In den frühen 50er Jahren ist dort eine Kemper-Orgel eingebaut worden, die wohl nie richtig funktiniert hat, einige Laden standen akustisch ungünstig auf den Seitenemporen.

Vielleicht noch zur Ergänzung: ein Photo der Kemperin und das ziemlich eindeutige Gutachten von Markus Eichenlaub dazu.

Viele Grüße,

- Karl-Josef

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Orlos @, Samstag, 25. Oktober 2014, 11:47 (vor 4398 Tagen) @ kjz1

Die Orgelweihe war vor etwa drei Wochen.

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Karsten @, Samstag, 25. Oktober 2014, 12:43 (vor 4397 Tagen) @ kjz1

Vielen Dank für den Bericht. Steht schon ein Termin für die Orgelweihe fest (oder war die schon)? Auf der Webseite der Pfarrei habe ich nichts gefunden.

In den frühen 50er Jahren ist dort eine Kemper-Orgel eingebaut worden, die wohl nie richtig funktiniert hat, einige Laden standen akustisch ungünstig auf den Seitenemporen.


Vielleicht noch zur Ergänzung: ein Photo der Kemperin und das ziemlich eindeutige Gutachten von Markus Eichenlaub dazu.

Danke für die Links. Mich würden Meinungen des Forums zu der Aussage- und Überzeugungskraft des Gutachtens sehr interessieren. Da wird Wesentliches nicht nur in einem Satz sondern auch sehr subjektiv abgehandelt...

Gruß
Karsten

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

ado ⌂ @, Samstag, 25. Oktober 2014, 13:12 (vor 4397 Tagen) @ Karsten

Danke für die Links. Mich würden Meinungen des Forums zu der Aussage- und Überzeugungskraft des Gutachtens sehr interessieren. Da wird Wesentliches nicht nur in einem Satz sondern auch sehr subjektiv abgehandelt...

Gruß
Karsten

genau mein eindruck. ich glaube ja gern, daß die kemper-orgel keinen höhepunkt des orgelbaus darstellte, aber dieses gutachten ist ein schlechter witz. einfach unseriös -- voller subjektiver wertungen, tendenziöser formulierungen und nahezu faktenfrei. nichts zur disposition. die mensuren seien unzureichend -- da wüßte man gern genaueres; die pfeifen seien "größtenteils" aus "minderwertigen" zinklegierungen: was für legierungen genau? mit welchen (für mutmaßlich mitadressierte orgellaien zu erklärenden) nachteilen? (was eine setzeranlage ist, wird ja auch erklärt.) was heißt "größtenteils"? "dünnwandig"? sagt er das, weil er mal einen kurzen blick auf das pfeifenwerk geworfen hat, oder ist das irgendwie dokumentierbar? hat es nachteile mit sich gebracht? der spieltisch entspreche nicht der aktuellen norm -- na da ist er nicht der einzige :-) die art gutachten, die die frage sich aufdrängen läßt, wie man mit dieser stümperarbeit jahrzehntelang irgendwie zurecht kam und ob der damals verantwortliche nicht nachträglich der bürgerlichen ehrenrechte für verlustig zu erklären wäre. oder auch, ob prof. eichenlaub als orgelgutachter eine gute idee ist. oder auch (aber diese letzte frage stellen heißt, sie zu beantworten), ob dieses sogenannte gutachten nicht bloß eine nachlässig absolvierte formalität darstellt.

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Karsten @, Samstag, 25. Oktober 2014, 13:28 (vor 4397 Tagen) @ ado
bearbeitet von Karsten, Samstag, 25. Oktober 2014, 13:38

Danke für die Links. Mich würden Meinungen des Forums zu der Aussage- und Überzeugungskraft des Gutachtens sehr interessieren. Da wird Wesentliches nicht nur in einem Satz sondern auch sehr subjektiv abgehandelt...

Gruß
Karsten


genau mein eindruck. ich glaube ja gern, daß die kemper-orgel keinen höhepunkt des orgelbaus darstellte, aber dieses gutachten ist ein schlechter witz. einfach unseriös -- voller subjektiver wertungen, tendenziöser formulierungen und nahezu faktenfrei. nichts zur disposition. die mensuren seien unzureichend -- da wüßte man gern genaueres; die pfeifen seien "größtenteils" aus "minderwertigen" zinklegierungen: was für legierungen genau? mit welchen (für mutmaßlich mitadressierte orgellaien zu erklärenden) nachteilen? (was eine setzeranlage ist, wird ja auch erklärt.) was heißt "größtenteils"? "dünnwandig"? sagt er das, weil er mal einen kurzen blick auf das pfeifenwerk geworfen hat, oder ist das irgendwie dokumentierbar? hat es nachteile mit sich gebracht? der spieltisch entspreche nicht der aktuellen norm -- na da ist er nicht der einzige :-) die art gutachten, die die frage sich aufdrängen läßt, wie man mit dieser stümperarbeit jahrzehntelang irgendwie zurecht kam und ob der damals verantwortliche nicht nachträglich der bürgerlichen ehrenrechte für verlustig zu erklären wäre. oder auch, ob prof. eichenlaub als orgelgutachter eine gute idee ist. oder auch (aber diese letzte frage stellen heißt, sie zu beantworten), ob dieses sogenannte gutachten nicht bloß eine nachlässig absolvierte formalität darstellt.

Ich wollte durch meine Nachfrage keineswegs Herrn Eichenlaub diskreditieren. Mir scheint das ein recht typisches Orgel-Gutachten zu sein, wie es auch viele andere schreiben. Und die Bistümer haben nun mal ihre festen Orgelsachverständigen, die nun mal solche Gutachten verfassen müssen. Da geht man anders heran als ein externer Gutachter, der entsprechenden Aufwand für ein Gutachten vergütet bekommt.

Gruß
Karsten

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Friedrich @, Samstag, 25. Oktober 2014, 13:52 (vor 4397 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 25. Oktober 2014, 13:56

Danke für die Links. Mich würden Meinungen des Forums zu der Aussage- und Überzeugungskraft des Gutachtens sehr interessieren. Da wird Wesentliches nicht nur in einem Satz sondern auch sehr subjektiv abgehandelt...

Ich habe auch gedacht, da werden eigentlich für ein Fachgutachten ein paar Gemeinplätze zuviel aufgefahren. Man braucht eine Orgel nicht einmal zu betreten, um so zu schreiben (womit ich nicht sagen will, er sei draußen geblieben). Möglicherweise fand Markus Eichenlaub aber einfach, dass die Kemperin einer genaueren Untersuchung nicht wert war, weil er vom Spieltisch aus ihren Wert eingeschätzt hat; und möglicherweise war auch bei der Gemeinde, dem Kirchenmusiker und übergeordneten Stellen kein hoher Widerstand zu erwarten, hässlich und unzuverlässig wie das Ding gewesen zu sein scheint.

Höchstens einen gewissen Dokumentationswert könnte so ein Abrissgutachten haben, und der ist hier eben verschenkt. Darum – und nicht um das alte Instrument – tut es mir am ehesten leid: dass man nicht erfährt, wie so ein Monstrum im einzelnen gebaut war und was für einen (mehr oder weniger) musikalischen Charakter es im Detail hatte. Wenn z. B. vorgeschlagen worden wäre, Material der alten Orgel zu benutzen, wäre der Gutachter gezwungen gewesen, ins Detail zu gehen.

Naja, die Mühleiserin scheint ja in jeder Hinsicht ein gutes Instrument zu sein, vor allem ein weit besseres als ihre Vorgängerin. So wie Orlos sie beschreibt, ist sie vielleicht auch typisch für viele neue Orgeln unsere Zeit: kräftig, aber eher weich, mit wenig Kante. Welcher Orgelbauer würde schon so schön kieswegknirschige Hauptwerksmixturen bauen, wie man sie bei den Hauptstadtschukes hören kann?

Viele Grüße aus der Karl-Sch.-Metropole
Friedrich

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

hardy @, Samstag, 25. Oktober 2014, 15:13 (vor 4397 Tagen) @ Friedrich

Welcher Orgelbauer würde schon so schön kieswegknirschige Hauptwerksmixturen bauen, wie man sie bei den Hauptstadtschukes hören kann?

Wie klingt "kieswegknirschig"? :-) Die Mixtur (4f., 1 1/3) meines K. Sch.-Dienstinstrumentes (1970) ist nach etwas reduzierter Lautstärke sehr zufriedenstellend, die Zimbel (2f. 1/2) gar eher zurückhaltend. Fand sogar der OSV.
Gruß Hardy

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

hardy @, Samstag, 25. Oktober 2014, 15:14 (vor 4397 Tagen) @ hardy

hehe, das letzte sollte nicht kursiv sein...

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Wolfgang Gourgé @, Samstag, 25. Oktober 2014, 16:17 (vor 4397 Tagen) @ Friedrich

Danke für die Links. Mich würden Meinungen des Forums zu der Aussage- und Überzeugungskraft des Gutachtens sehr interessieren. Da wird Wesentliches nicht nur in einem Satz sondern auch sehr subjektiv abgehandelt...


Ich habe auch gedacht, da werden eigentlich für ein Fachgutachten ein paar Gemeinplätze zuviel aufgefahren. Man braucht eine Orgel nicht einmal zu betreten, um so zu schreiben (womit ich nicht sagen will, er sei draußen geblieben). Möglicherweise fand Markus Eichenlaub aber einfach, dass die Kemperin einer genaueren Untersuchung nicht wert war, weil er vom Spieltisch aus ihren Wert eingeschätzt hat; und möglicherweise war auch bei der Gemeinde, dem Kirchenmusiker und übergeordneten Stellen kein hoher Widerstand zu erwarten, hässlich und unzuverlässig wie das Ding gewesen zu sein scheint.

Höchstens einen gewissen Dokumentationswert könnte so ein Abrissgutachten haben, und der ist hier eben verschenkt. Darum – und nicht um das alte Instrument – tut es mir am ehesten leid: dass man nicht erfährt, wie so ein Monstrum im einzelnen gebaut war und was für einen (mehr oder weniger) musikalischen Charakter es im Detail hatte. Wenn z. B. vorgeschlagen worden wäre, Material der alten Orgel zu benutzen, wäre der Gutachter gezwungen gewesen, ins Detail zu gehen.

...so sehe ich es auch.

Man darf natürlich nicht vergessen: es gibt "eindeutige Fälle", und da muß man nicht mehr allzuviel schreiben. Es genügt bei solchen "Kandidatinnen" ein summarisches Gutachten (wobei dann allerdings schon ein strenger Maßstab an die Eindeutigkeit anzulegen ist; z.B. wurde die schöne Hess-Orgel der Mannheimer Liebfrauenkirche auch fast das Opfer eines solchen summarischen Gutachtens, weil der OSV sie fälschlich für einen solchen klaren Fall hielt).

Ein wenig problematisch ist, daß das Gutachten nicht einmal die Disposition nennt und offenbar auch keine Fotos vorhanden sind. Das Beilegen einer Foto-CD wäre, wenn es um ein "Abbruchgutachten" geht, aus heutiger Sicht schon sinnvoll. Des weiteren finden sich kaum Aussagen zur Funktionsfähigkeit bzw. zu Funktionsstörungen. Dafür gibt es viel pauschales: Taschen, die alle 20 Jahre ausgetauscht werden müßten (fraglich bei guter Lederqualität und der in den letzten Jahren zu beobachtenden Elektropneumatik-Renaissance); Elektrik, die keine Möglichkeit der Beeinflussung der Ansprache gibt (zwar richtig, aber kein k.o.-Kriterium); nur drei Kombinationen (zugegebenermassen wenig, aber das entsprach dem damaligen Stand der Technik, Setzeranlagen lassen sich zudem nachrüsten, und wenn es nach dem Gutachten ginge, wäre dann auch jede rein mechanische Traktur bei dieser Größenordnung ein k.o.-Punkt....).

M.E. wird die Orgel aber wohl trotzdem richtig eingeschätzt haben: es spricht alles dafür, daß sie ein Produkt des künstlerisch anspruchslosen "Versorgungsorgelbaus" Kemperscher Machart war mit Priorität auf möglichst kostengünstigem Material und entsprechender Verarbeitung. Die unschöne äußere Gestaltung mit den klobig wirkenden Teilwerken in der Galerie und dem "klotzigen" Rückpositiv tut das ihre dazu.

Im August dieses Jahres spielte Martin Welzel in Lübeck/St. Marien. Freundlicherweise gab er mir die Gelegenheit, nochmal zur Hauptorgel hochzusteigen (was ganz normal durch den Südturm geht, man muß nicht mehr den "Stender-Aufstieg" über den Kapellenkranz machen). Von dort oben kann man an den langen Pedalpfeifen heruntersehen (in welch desaströsem Zustand sie sind, bekommt man dort unmittelbar mit) - und sieht die unter den Pfeifen in den "Balkonen" verbauten Spanplatten (!). Kemper hat wirklich keine Chance ungenutzt gelassen, sich zu ruinieren. Ein Orgelbauer, der selbst bei einem Renommierinstrument und Opus maximum wie der Marien-Orgel Spanplatten verwendet - noch dazu an Stellen, wo man sie von der Empore aus sofort sieht, ohne ins Gehäuse hineinkriechen zu müssen -, ist nicht mehr zu retten.

Gruß,
Wolfgang

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Nachthorn, Samstag, 25. Oktober 2014, 17:15 (vor 4397 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

...so sehe ich es auch.

Man darf natürlich nicht vergessen: es gibt "eindeutige Fälle", und da muß man nicht mehr allzuviel schreiben.


Dennoch sollte ein solches Gutachten anständig geschrieben, sorgfältig formuliert und mit sachlich nachvollziehbaren Argumenten begründet sein.
Andernfalls bekommt das Ganze einfach ein "Gschmäckle".
Das hier benannte Gutachten wirkt auch mich schon sehr schludrig und als Entscheidungsgrundlage für die Ausgabe von 800.000 € wenig belastbar.

Nachthorn

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Große Pfeife @, Samstag, 25. Oktober 2014, 19:58 (vor 4397 Tagen) @ Nachthorn

Das sehe ich auch so. Ich würde für so eine Leistung abgemahnt werden, also ich durch meine Dienstaufsicht. Und es scheint
mir eine eher unakademische Leistung, im Unbestimmten zu bleiben. Ich habe mir angewöhnt, meinen Namen nur unter Dinge zu setzen, die gut vorzeigbar sind (Daher ist meine Publikationsliste auch recht überschaubar).

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

stein @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 11:39 (vor 4396 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Herr Eichenlaub hat sich eigentlich viel zu viel Mühe gemacht. Ich hätte alles mit einem Wort zusammengefasst. Ich dokomentiere auch nicht den Inhalt meiner Mülltonne. Das Gutachten wirkt auf mich sehr seriös. Es dient ja auch als Abrissgutachten. Würde hier ein historisch wertvolles Instrument stehen, könnte man schon ganz anders schreiben.

Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

kjz1, Samstag, 25. Oktober 2014, 15:22 (vor 4397 Tagen) @ Karsten

Hallo!

Ich würde es mal vom Ende her betrachten. Mit der Kemperin liess sich nicht allzu viel 'Staat' machen, von der Anordnung und dem Material her war die Orgel auch eher suboptimal. Die Gemeinde und deren Organist wollten schon lange eine neue Orgel. So einfach abreissen konnte man die Kemperin aber auch nicht. Da braucht man halt ein Gutachten, womit man einen Neubau begründen kann. Und wenn es dann noch vom (damaligen) Domorganisten stammt, läßt sich der lang ersehnte Neubau um so einfacher in die Wege leiten.

Viele Grüße,

- Karl-Josef

Kemper Dispo, war: Montabaur (40 Register)

fluteceleste @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 10:50 (vor 4397 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von fluteceleste, Sonntag, 26. Oktober 2014, 11:59

..hier noch -ebenfalls ergänzend - die Kemper-Dispo. Diese enthielt übrigens eine "Grobflöte" im Schwellwerk, was ihr wohl auch zusätzlich den Garaus gemacht haben dürfte. Da hätte man besser mal eine Feinflöte genommen ;-)
Edit: und hier noch ein Bildchen der Kemper-Vorgängerin von Klais (1904-54, II/28),die an die St. Nikolaus-Kirche in Dorchheim verkauft wurde.

Kemper Dispo, war: Montabaur (40 Register)

ado ⌂ @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 15:12 (vor 4396 Tagen) @ fluteceleste

ha! der klais-prospekt von 1904 war von den dreien ganz klar der beste.

Kemper Dispo, war: Montabaur (40 Register)

Evacuant, Sonntag, 26. Oktober 2014, 15:23 (vor 4396 Tagen) @ ado

ha! der klais-prospekt von 1904 war von den dreien ganz klar der beste.

Ganz klar?
Ich finde ihn ausgesprochen schwach.
Das konnte man 1904 eigentlich besser.

Die beiden Nachfolger sind vielleicht nicht genial, aber wirken wenigstens nicht wie Beichtstühle mit Pfeifenvorhängen.

Kemper Dispo, war: Montabaur (40 Register)

ado ⌂ @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 15:55 (vor 4396 Tagen) @ Evacuant

ha! der klais-prospekt von 1904 war von den dreien ganz klar der beste.


Ganz klar?
Ich finde ihn ausgesprochen schwach.
Das konnte man 1904 eigentlich besser.

Die beiden Nachfolger sind vielleicht nicht genial, aber wirken wenigstens nicht wie Beichtstühle mit Pfeifenvorhängen.

ich mag an dem prospekt von 1904 die proportionen, das elegant-unprätentiöse, die entschiedene unterordnung unter das westfenster, das die beiden neueren varianten nur wie widerstrebend freilassen. der kemper-prospekt war ästhetisch unambitioniert, wirkt wie ein 0815-standardentwurf. die mühleisen-orgel hat mir zuviel von lattenverschlag, der eher bemüht mondän wirken will.

Kemper Dispo, war: Montabaur (40 Register)

stein @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 16:16 (vor 4396 Tagen) @ ado
bearbeitet von stein, Sonntag, 26. Oktober 2014, 16:20

Naja, zumindest wird in Sachen Prospekt eine gewisse Tradition in dieser Kirche weitergeführt. Hauptsache die Orgel klingt gut. Ein Clairon 4' im Hauptwerk würde mir noch fehlen.

Die Mühleisenorgel in Stuttgart hat doch auch so ein ähnliches Prospekt?
http://www.die-orgelseite.de/pict/D_Stuttgart_Stiftskirche1.jpg

Kemper Dispo, war: Montabaur (40 Register)

fluteceleste @, Sonntag, 26. Oktober 2014, 16:54 (vor 4396 Tagen) @ stein

genau das hab ich auch gedacht, und bin auf Mühleisen gekommen, ohne das vorher zu wissen. Der Freipfeifenprospekt wird - zT auch mit Gehäuse- wieder Salonfähig. So auch ansatzweise in Köln-Sülz.

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