Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Montag, 20. Oktober 2014, 21:44 (vor 4402 Tagen)

Hallo Forum,

am Abend des 19.10.2014 dann das Konzert mit Jens Korndörfer (Atlanta, USA) an der Göckel-Orgel in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk.

Henri Messerer hat die Chaconne aus BWV 1004 für Orgel gesetzt. Und Korndörfer eröffnete mit dieser Version großartiger Musik. Sehr kernig der Anfang, in den ruhigen Stellen mitunter mulmig, die Registrierungen bewußt und aufdringlich auf Effekt getrimmt. Der Schluß wieder kernig, ja brüllend. Den Noten wurde etwas abgewonnen, das so bestimmt nicht gewollt war. Trotzdem ein Gewinn? Ich meine, Messerer kann man getrost vergessen. Bach ist ohnehin unkaputtbar.

An zweiter Stelle Guilmant. Aus der ersten Sonate gab es Pastorale und Final. Die Klarinettenkonkurrenz geriet ganz hübsch, im Final wurde dann wieder heftig aufgedreht.

Dann schlug das Schicksal zu: Korndörfer erprobte sich selbst als Bearbeiter. Und wählte Beethoven. Aus der Fünften war das Andante con moto das Opfer. Ohnehin ein sensibler Satz, hätte es für eine angemessene Darstellung höchster Delikatesse bedurft. Die aber wollte sich nicht einstellen. Viele Registrierungen wirkten einfach zu grob.

Mit Variationen über “Veni Creator” op. 4 von Duruflé ging es mit Orgelliteratur weiter. Hier fand Korndörfer den richtigen Duktus und Ton, auch wenn die Göckel-Orgel schnell zu Übertreibungen einlädt. Sehr schön war dann “Feux Follies” aus den Fantasiestücken op. 53 von Vierne. Das war wirklich sehr delikat und duftig. “Claire de Lune” aus dem gleichen Opus wäre ebenfalls gut gelungen, wenn nicht die hohe Flöte so schrill und aufdringlich wäre.

Höhepunkt des Abends wurde das Schlußstück: Danse macabre op. 40 von Saint-Seans. Lemare als Bearbeiter ist so schnell nicht einzuholen. Der legt auch dem Interpreten Fesseln an. So blieb es denn auch bei nur einer “Paukenwirbelstelle” bei ansonsten höchst feinfühligem Vortrag.

Großer Beifall der 80-100 Hörer. Zugabe Tannhäuser, Pilgerchor. Im heftigen Mittelteil war die Baßlinie derart stark, daß von den herabfahrenden Streicherkaskaden nichts zu hören war. Aber da per Video übertragen wurde, konnte man wenigstens sehen, daß sie gespielt wurden. Ansonsten prima.

Gruß Clemens Schäfer

Nachbemerkung: Die erste Sonate von Guilmant ist dreisätzig. Warum wird dann der erste Satz nicht gespielt? Es ist - ungeachtet der Person Korndörfer - eine Marotte vieler, auch höchstrangiger Organisten, aus den Sonaten und Symphonien von Guilmant, Rheinberger, Widor, Vierne etc. einzelne Sätze herauszupicken. Kein Pianist würde so etwas machen. Aber in Organistenkreisen scheint das akzeptiert zu sein.

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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Frank Berger @, Wassenberg, Montag, 20. Oktober 2014, 22:50 (vor 4402 Tagen) @ Clemens Schäfer

Lieber Clemens,
herzlichen Dank für Deinen Bericht, wir haben ja nach dem Konzert schon miteinander gesprochen. Allerdings bin ich in Teilen etwas anderer Meinung, was möglicherweise meinen nicht mehr ganz intakten Ohren (ich schrieb ja bereits darüber) geschuldet ist.
Meiner Meinung nach ist die Orgel nicht mehr so laut / brüllend intoniert wie vor dem Brand. Dass sie trotzdem immer noch sehr laut registriert werden kann, steht außer Frage,
was bei der (in Facebook von Korndörfer gelobten) Akustik leicht zum "Vermatschen führt".

Im einzelnen: Die Bach-Transskription der Violin-Sonate fand ich auch nicht so gelungen und würde sie unter die kürzlich besprochenen "unnötigen" Transskriptionen einordnen.
Im Gegensatz zu Dir und deinem Bruder fand ich die Beethoven-Transskription allerdings durchaus gelungen und überhaupt nicht als "Opfer". Nun ist eine Orgel eben kein Orchester, aber die gewählten Klangfarben fand ich durchaus angemessen.
Auch die Flöten bei "Claire de Lune" fand ich nicht schrill (vielleicht sind kaputte Ohren ja manchmal auch ein Segen).
Bei der Zugabe (Wagner) stimme ich wieder voll zu, die berühmt-berüchtigten "Pfui-Pfui-Pfui"-Violinsequenzen gingen unter.

Herzliche Grüße
Frank

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

JSBach @, Montag, 20. Oktober 2014, 22:53 (vor 4402 Tagen) @ Frank Berger

"die berühmt-berüchtigten "Pfui-Pfui-Pfui"-Violinsequenzen gingen unter." vielleicht war das Absicht? ;)

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Frank Berger @, Wassenberg, Montag, 20. Oktober 2014, 23:08 (vor 4402 Tagen) @ JSBach

das müsste man Meister Korndörfer selbst fragen (geht über facebook, ich bin sicher,er wird auch antworten). Was sein Spiel angeht, es gibt bei youtube eine ganze Reihe von ihm eingespielte Videos - meist, ohne ihn beim Spielen zu zeigen - an amerikanischen und kanadischen , aber auch an französischen Orgeln. Da hatte ich öfter den Einruck, dass er dumpfe, mulmige Registierungen liebt. Das kann aber auch an der youtube-Klangqualität liegen. In St. Peter jedenfalls hat er meiner Meinung nach oft genug durchaus delikate, durchsichtige Registierungen gewählt.

Gruß
Frank

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

JSBach @, Montag, 20. Oktober 2014, 22:52 (vor 4402 Tagen) @ Clemens Schäfer

Guilmant hat auch acht Sonaten geschrieben, warum wird dann immer nur die erste gespielt...

Ich glaube, die meisten Organisten wollen in einem Konzert lieber eine große Bandbreite darstellen als einen großen Widor/Vierne/etc. Aber die großen Werke würd ich auch gerne öfter komplett hören

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Karsten @, Dienstag, 21. Oktober 2014, 09:00 (vor 4402 Tagen) @ JSBach

Guilmant hat auch acht Sonaten geschrieben, warum wird dann immer nur die erste gespielt...

Ich glaube, die meisten Organisten wollen in einem Konzert lieber eine große Bandbreite darstellen als einen großen Widor/Vierne/etc. Aber die großen Werke würd ich auch gerne öfter komplett hören

Selbst die Orgel-Komponisten sahen das nicht so streng und setzten einzelne Sätze ihrer Sinfonien auf ihre Programme. So z.B auch Vierne.

Gruß
Karsten

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Heuler, Dienstag, 21. Oktober 2014, 09:35 (vor 4402 Tagen) @ Clemens Schäfer

Das klingt doch irgendwie nicht sehr erfreulich...
War Jens Korndörfer nicht als einer der "Topstars" beworben worden?
Hat da vielleicht jemand nicht genügend Zeit für das Einregistrieren investiert?
An den Spielhilfen (ich erinnere an die Diskussion in einem anderen Thread) wird es ja nicht gelegen haben...

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Flûte harmonique, Dienstag, 21. Oktober 2014, 09:54 (vor 4402 Tagen) @ Clemens Schäfer
bearbeitet von Flûte harmonique, Dienstag, 21. Oktober 2014, 10:28

Sehr schön war dann “Feux Follies” aus den Fantasiestücken op. 53 von Vierne. Das war wirklich sehr delikat und duftig. “Claire de Lune” aus dem gleichen Opus wäre ebenfalls gut gelungen, wenn nicht die hohe Flöte so schrill und aufdringlich wäre.

Etwas schmunzeln musste ich bei den Schreibweisen der Pièces de Fantaisie von Vierne: "Feux Follies" (eigentlich "Feux Follets", Irrlichter) und "Claire de Lune" (korrekt "Clair de Lune", Mondlicht).


Nachbemerkung: Die erste Sonate von Guilmant ist dreisätzig. Warum wird dann der erste Satz nicht gespielt? Es ist - ungeachtet der Person Korndörfer - eine Marotte vieler, auch höchstrangiger Organisten, aus den Sonaten und Symphonien von Guilmant, Rheinberger, Widor, Vierne etc. einzelne Sätze herauszupicken. Kein Pianist würde so etwas machen. Aber in Organistenkreisen scheint das akzeptiert zu sein.

Das dürfte damit zusammenhängen, dass insbesondere die frühen Sonaten von Guilmant und Rheinberger, die frühen Symphonien von Widor und die erste Symphonie von Vierne weniger zyklisch konzipiert sind und daher auch problemlos einzelne Sätze herausgegriffen und aufgeführt werden können. So haben es im Übrigen auch Widor und Vierne zu ihrer Zeit in Konzert und Liturgie gehandhabt. Der Vergleich mit dem Klavierrepertoire hinkt hier etwas, denn auch Pianisten spielen häufiger einzelne Sätze aus Prokofiew- oder Chopin-Sonaten, aus Strawinskys "Trois mouvements de Petrouchka", Auszüge aus dem "Catalogue d'oiseaux" oder den "Vingt Regards sur l'Enfant Jésus" von Messiaen; die beiden Messiaen-Werke sind ausdrücklich als Zyklen konzipiert. Bei anderen Orgelwerken, wie der Symphonie Romane von Widor, der 8. Sonate von Guilmant oder der 5. Symphonie von Vierne macht es aufgrund des zyklischen Aufbaus wenig Sinn, einzelne Sätze zu spielen, sondern dann schon lieber das ganze jeweilige Werk.

Wie hatte Max Reger im Zusammenhang mit seiner Orgelsonate fis-Moll op. 33 an den Berliner Organisten Arthur Egidi 1899 geschrieben?: "Erschrecken Sie nicht über den Titel "Sonate"; es ist keine Sonatenform. Der Titel ist hier nur Kollektivtitel."

Grüße,
Martin

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Karsten @, Dienstag, 21. Oktober 2014, 10:53 (vor 4402 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von Karsten, Dienstag, 21. Oktober 2014, 11:18

Hallo!

Selbst aus den expliziten Zyklen bzw. zyklisch konzipierten Werken wurden und werden einzelne Sätze (meist mit Placet der Komponisten) herausgepickt, auch wenn es streng genommen weniger musikalischen Sinn ergibt und dem Musikliebhaber vielleicht ein kleiner Stich durch's Herz geht. Aber man kann sich ja auch an einzelnen Sätzen erfreuen.
Selbst Messiaen, der ja ein ziemlicher Pedant war was die eigene Musik betrifft, gestattete die Aufführung einzelner Sätze der Zyklen... Komponisten können es letztlich nicht verhindern, auch wenn sie eine entsprechende Fußnote in die Partitur setzen.

Gruß
Karsten

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Flûte harmonique, Dienstag, 21. Oktober 2014, 13:36 (vor 4401 Tagen) @ Karsten

Hallo!

Selbst aus den expliziten Zyklen bzw. zyklisch konzipierten Werken wurden und werden einzelne Sätze (meist mit Placet der Komponisten) herausgepickt, auch wenn es streng genommen weniger musikalischen Sinn ergibt und dem Musikliebhaber vielleicht ein kleiner Stich durch's Herz geht. Aber man kann sich ja auch an einzelnen Sätzen erfreuen.
Selbst Messiaen, der ja ein ziemlicher Pedant war was die eigene Musik betrifft, gestattete die Aufführung einzelner Sätze der Zyklen... Komponisten können es letztlich nicht verhindern, auch wenn sie eine entsprechende Fußnote in die Partitur setzen.

Gruß
Karsten


So ist es! Es gibt hierzu eine interessante Aussage von Olivier Messiaen, der von Günter Lade im Februar 1987 in Wien interviewt worden war (abgedruckt in Ars Organi 4/1988, S. 171-175). Thomas Daniel Schlee hatte damals die österreichische Erstaufführung vom "Livre du Saint Sacrement" im Wiener Konzerthaus gespielt:

Lade:
"Bezüglich der Zyklen, die Sie gerade erwähnten, stellen sich die Interpreten Ihrer Musik oft die Frage, ob sie das Recht haben, daraus Auszüge zu spielen."

Messiaen:
"Sie haben das Recht, Teile meiner Zyklen einzeln zu spielen. Das ist sehr nett von ihnen, man kann es nicht verhindern, und ich kann es nicht verbieten. Es handelt sich aber um große Zyklen, die nicht aus Freude an langen Kompositionen entstanden sind. Ich habe vielmehr ein Mysterium Christi unter all seinen verschiedenen Gesichtspunkten auszudeuten und zu erläutern versucht. Das braucht natürlich viel Zeit und erfordert viele Teile, die zusammen eine Einheit bilden."

Grüße,
Martin

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

MAT @, Dienstag, 21. Oktober 2014, 14:56 (vor 4401 Tagen) @ Flûte harmonique

Messiaen antwortet allerdings sehr diplomatisch, nach dem Motto: Ich ertrage das, was ich nicht verhindern kann. Ich empfinde das zumindest so.

--
Gruß
MAT

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

JSBach @, Dienstag, 21. Oktober 2014, 15:12 (vor 4401 Tagen) @ MAT

das Gefühl hatte ich auch... und er hat ja auch Recht, der Komponist ist da denke ich (völlig) machtlos

bzw. wie viel Rechte hat ein Komponist eig. über sein Werk? Darf er mir die Aufführung verbieten? (falls die Noten frei verkäuflich sind)

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Manuel, Mittwoch, 22. Oktober 2014, 00:39 (vor 4401 Tagen) @ MAT

Ich persönlich kann schon verstehen, warum in Konzerten nicht so ein ganzer Zyklus gespielt wird - mit vielen dieser Werke ist so ein einstündiges Programm ja schon fast oder ganz voll.
Guilmants erste Sonate hat einen Kopfsatz, der rund zehn Minuten dauert, da ist es schon logisch, sich das zweimal zu überlegen, ob man den auch aufs Programm setzt. Mir persönlich ist es zwar sympathischer, so eine zyklische Komposition ganz zu hören, aber mir machten auch zweistündige Orgelkonzerte nichts aus (und ich glaube, nicht allzu viele Besucher hätten das Sitzfleisch...).

Eigentlich wundere ich mich viel mehr darüber, dass Guilmants erste Sonate so beliebt ist. Ich finde, sie hat - relativ zu ihrer Länge - nicht übermäßig viel musikalische Substanz...

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

Solcena ⌂ @, Mittwoch, 22. Oktober 2014, 07:01 (vor 4401 Tagen) @ Manuel

Eigentlich wundere ich mich viel mehr darüber, dass Guilmants erste Sonate so beliebt ist. Ich finde, sie hat - relativ zu ihrer Länge - nicht übermäßig viel musikalische Substanz...

Bei mir ist sie in der Tat sehr beliebt, da ich als C-Organist sie überzeugend darstellen kann und sie "was hermacht"...

Jens Korndörfer in St. Peter, Düsseldorf-Unterbilk

untersatz32, Mittwoch, 22. Oktober 2014, 11:01 (vor 4401 Tagen) @ Manuel

Es ist auch manchmal so, dass in einer Sonate oder Orgelsinfonie - egal ob. z.B. Rheinberger, Widor oder Guilmant - um nur 3 zu nennen - nicht ALLE Sätze dieselbe musikalische Qualität besitzen.

Ich habe in vielen Orgelkonzerten in meiner Kirche beim Publikum die Beobachtung gemacht, dass, wenn einer meiner Gastorganisten eine komplette Orgelsinfonie spielte, sehr rasch eine "Uebersättigung" oder "Unzufriedenheit" bei den Zuhörern spürbar - oder mitgeteilt - wurde (unabhängig von den Künsten des Interpreten).

Daniel Roth spielt (ich weiss nicht, ob er das jetzt immer noch genauso macht) oftmals in seinen Konzerten eine "imaginäre" Orgelsinfonie in 5-6 Sätzen, die sich jedoch aus Teilsätzen diverser Komponisten zusammensetzt, in der Satzfolge aber eine interessante Sinfonieform ergibt. Vielleicht eine Lösung?

Zyklischer Gruss

Thomas

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