Bericht: Neue Orgel in Worms
Die eindrucksvolle romanische Kirche St. Martin in Worms erhielt im Jahr 2012 eine neue Orgel (II/21) der Firma Vier (Beschreibung der Orgel). Das Instrument weist als Besonderheit überhaupt keine eigenständigen Pedalregister auf. Mich interessierte aber vor allem die akustische Situation: Die beiden Orgelgehäuse stehen seitlich auf der Westempore, die Laden sind also auf Sturz angeordnet.
In Spanien ist eine solche Anordnung häufig anzutreffen. Der Spielschrank ist am HW-Gehäuse angebaut.
Unter dem Emporenboden verläuft die mechanische Traktur zum SW im gegenüberliegenden Gehäuse.
Es ist nicht einfach, eine solche Orgel angemessen zu intonieren. Die Orgeln dürfen auf der Empore nicht zu laut sein, um die Chorsänger nicht zu "belästigen". Andererseits sollen sie eine recht lange Kirche füllen. Die Bewertung des Ergebnisses ist sicher subjektiv. Meines Erachtens klingt die Orgel oben auf der Empore angemessen laut, doch unten in der Kirche kommt sie mir zu schwach vor. Ich war nur bei völlig leerer Kirche vor Ort; viele Orgeln sind bei leerer Kirche im Tutti zu laut, weisen bei voller Kirche aber eine sinnvolle Lautstärke auf. Diese Orgel ist schon bei völlig leerer Kirche zu leise, bei voller Kirche dürfte es schwierig werden, den Gesang der Gemeinde zu leiten.
Als Konzert- bzw. Chorbegleitorgel ist es aber ein sehr vielseitiges und farbiges Instrument. Die Stärken der Orgel liegen im Grundstimmenbereich, bei 21 Registern gibt es allein fünf Streicher. Die Palette der 8'-Register ist beeindruckend. Im SW gibt es davon vier: Eine "Prinzipalflöte", die für meinen Geschmack zu viel Prinzipal und zu wenig Flöte ist, einen "Harfenprinzipal" als starken Streicher (aber nicht im Sinne einer hochromantischen Gambe, sondern mit erstaunlich viel Grundton), ein Salicional und eine sehr schöne Schwebung, die auch mit dem Harfenprinzipal funktioniert. Diese vier Register bewirkten eine gewisse Ratlosigkeit, denn für die Aliquoten wäre als Grundlage ein fülliges Gedackt 8' oder eine Holzflöte besser geeignet, während die beiden Streicher zu ähnlich sind, um beide zu rechtfertigen.
Im HW gibt es eine Gambe, die deutlich weniger grundtönig ist. Sie liegt genau zwischen einer Solo-Gambe und einer Begleitgambe, was ihre Einsatzfähigkeit beschränkt. Sinnvoller hielte ich hier ein weicheres Gemshorn oder eine knackigere Gambe.
Der 4'-Streicher im SW ist nett, aber in der Praxis nicht so relevant, da der Harfenprinzipal schon viel Helligkeit erzeugt.
Die HW-Hohlflöte ist ziemlich neutral. Um der Schwebung eine schöne Solostimme entgegenzustellen, fehlt also ein entsprechendes HW-Register. Hier wäre die hübsche Traversflöte perfekt, die aber auch im SW steht.
Interessant war das Pedal, das kein einziges eigenständiges Register besitzt, sondern alle Stimmen aus dem HW holt, entweder als Transmission oder als Wechselschleife. Einerseits führt das zu einer reichhaltigen Palette an Registern. Doch das sieht auf dem Papier eindrucksvoller aus als in der Praxis, denn da ergeben sich Probleme: Der Prinzipal 8' ist zu laut und im Baß zu scharf, um einen runden Pedalklang zu ergeben. Gleiches gilt für die Gambe. Ausgerechnet das Gedeckt 8' ist nicht als Transmission eingerichtet. Ein schön runder Oktavbass 8' aus Holz wäre hier deutlich besser gewesen.
Der Subbass 16' klingt überzeugend, ist aber als Bordun 16' im HW zu mächtig. Das war allerdings ein schöner Effekt, wenn man das Mixturenplenum im HW mit Bordun 16' zieht und im Pedal nur die Trompete 8' (als Tenorstimme) benutzt, wie es bei französischer Barockmusik üblich ist. Das klang gut. Bei "normaler" Benutzung des HW-Plenums, also mit darunter liegender Pedalstimme, überzeugt die Lösung gar nicht mehr, weil das Pedal keinerlei Eigenständigkeit aufweist. Hier braucht es unbedingt einen eigenständigen 16', der das Pedal vom HW unterscheidet. Im Grand-Jeu bzw. Tutti fehlt im Pedal eine 16'-Zunge. Ich weiß nicht, wie teuer diese Wechselschleifen/Transmissionen waren. Aber ein Pedal mit drei eigenständigen Registern (Subbass 16', Oktavbass 8', Posaune 16') wäre deutlich effektiver. Dann fehlen zwar viele Möglichkeiten, die jetzt gegeben sind (Trio-Registrierungen, 4' als cantus firmus, Trompete 8' im Pedal), aber die Hauptfunktion des Pedals als Bassklaviatur wäre deutlich überzeugender, auch im Hinblick auf die Gemeindebegleitung.
Von unten klingt die Orgel sehr weich und homogen. Man könnte den Klang "englisch" nennen. Viele Streicher, nur zwei Zungen, effektiver Schweller, unaufdringliche Mixtur, grundtöniger-voller Gesamtklang. Das ist schön anzuhören. Barocke Literatur (Prinzipale 8', 4', 2' und ähnliches) wirkt etwas verwaschen und zu weich. Nun muss man das ja auch nicht bei jeder Orgel haben.
Die mechanische Traktur ist präzise und feinfühlig, die elektrische Registertraktur läuft einwandfrei; Setzer sind vorhanden, was bei einer so kleinen Orgel ziemlich sinnwoll ist, um farbenreiche Liedvorspiele und abwechslungsreiche Begleitungen einfach realisieren zu können. Und für den romantischen Gesamtklang ist es auch praktisch, die Dynamik schnell ändern zu können.
Da wir selbst gerade einen Orgelneu- bzw. umbau planen, war für mich der Besuch sehr aufschlussreich. Um die Kirche zu füllen, muss eine solche Orgel eigentlich lauter sein. Damit sie auf der Empore nicht zu aufdringlich wird, muss die Klangabstrahlung anders organisiert sein, also stärker zur Kirche hin gerichtet werden.
Reisen bildet.
Bericht: Neue Orgel in Worms
Als ich das erste Bild gesehen habe, dachte ich, ahh hier kommt die Orgel hin.
Geld rausgeschmissen. Wenn man in Zukunft die Gottesdienste auf der Empore abhalten will, dann hat es schon seinen Sinn.
In San Sebastian steht die Orgel in einem Gehäuse so ähnlich auf der geräumigen Westempore, üblich in dieser Region. Daher werden die schönen CD Aufnahmen alle auf der Empore gemacht. Unten im Schiff kommt nur noch ein Bruchteil der Klangpracht an.
https://www.flickr.com/photos/pierremarteau/9709499031/sizes/l/in/set-72157636120406765/
hier einige Kilometer weiter in Azkoitia
https://www.flickr.com/photos/pierremarteau/9712984224/sizes/l/in/set-72157636120406765/
Bericht: Neue Orgel in Worms
hmmmm, leider sagt die Homepage der Firma nichts über die Hauptaufgabe dieser Orgel aus: soll es mehr eine Chor-Begleitorgel sein und weniger das Mittelschiff mit Klang füllen oder umgekehrt? Oder Beides?
Die Anlage sieht mehr nach Chor-Begleitorgel aus (vgl. Hannover Marktkirche), dann kann bzw muss die Intonation auch nur entsprechend für die Empore ausgelegt sein.
Bericht: Neue Orgel in Worms
hmmmm, leider sagt die Homepage der Firma nichts über die Hauptaufgabe dieser Orgel aus: soll es mehr eine Chor-Begleitorgel sein und weniger das Mittelschiff mit Klang füllen oder umgekehrt? Oder Beides?
Die Anlage sieht mehr nach Chor-Begleitorgel aus (vgl. Hannover Marktkirche), dann kann bzw muss die Intonation auch nur entsprechend für die Empore ausgelegt sein.
Ich kann mir vorstellen, dass denkmalpflegerische Gesichtspunkte im Vordergrund standen und das Rundfenster nicht verbaut werden durfte.
In geschichtsträchtigen Räumen wie diesem gilt die Devise: "Keine Orgel ist die beste Orgel."
Gruß, Florian
Bericht: Neue Orgel in Worms
Lieber Orlos,
danke für den ausführlichen Bericht! Sehr interessant.
Da hat es wohl einfach an Platz gemangelt. Wenn man ein so schön komplettes Hauptwerk vorsieht und dann einem großen Schwellwerk Priorität vor einem selbstständigen Pedal einräumt, ist für drei Register mit mindestens 8’-Bauhöhe ganz schnell kein Raum mehr. Der Chor scheint der Gemeinde sehr wichtig zu sein, wenn er so eine schöne Stufenempore mit so viel Platz bekommt, das könnte den Vorrang des SW erklären.
Dazu gleich noch eine Frage: Zinn, nicht eng, etwas schmalere Labien, schmale Aufschnitte – ist das Prospektregister vorm Schwellwerk vielleicht das Harfenprinzipal? Sonst wäre es der ideale Platz für einen Pedal-8’ gewesen. Der hätte mit ausreichend weiter Mensur vieles rausreißen können, auch ohne eigenen Subbass, und der HW-Bourdon wäre entlastet gewesen. Die streicherlastige Besetzung des SW ist tatsächlich kurios, aber immerhin nicht das üblich Gedackt-plus-Salicional-Gemulme.
Die Bezeichnungen von Schwellwerks-Achtfüßen, die gleich mehrere Funktionen wahrnehmen sollen, ist ja so ein Thema. Ich habe mal die schöne Orgel in Eslohe kennengelernt, die hat im (nicht schwellbaren) Nebenwerk ein Holzprinzipal und eine Holzflöte – ersteres kugelrund kullernd, letztere kernig und obertönig, fast wie ein echtes Prinzipal. Da soll sich einer auskennen. In der Hedwigskathedrale in Berlin ist es im SW ähnlich – Holzprinzipal ganz rund, die Flûte harmonique mit viel Charakter und Crescendo nach oben.
Bei der HW-Besetzung mit Quinte, Superoktave, Mixtur, Cornet und Trompete würde ich mir allerdings auch im Kirchenraum mehr Spektakel erwarten, als Du schilderst. Aber wenn man nur eine einzige Mixtur in der Orgel hat, darf die natürlich nicht den Klang auf der Empore erschlagen.
Ich erinnere mich an einen AO-Beitrag über eine kleine, raumsparende dreimanualige Rohlf-Orgel, in der das Pedal zum dritten Manual wurde (mit 16’-8’-4’-2’-16’), aber seine Pedalmensuren behalten durfte. Dafür muss das Nebenwerk ein Brustwerk sein. Der Klangkraft und Prägnanz insgesamt durfte das aber eher nützen als ein reines Transmissionspedal. Sicher kennt hier jemand die Orgel und kann Näheres berichten.
Viele Grüße
Friedrich
Bericht: Neue Orgel in Worms
Ich erinnere mich an einen AO-Beitrag über eine kleine, raumsparende dreimanualige Rohlf-Orgel, in der das Pedal zum dritten Manual wurde (mit 16’-8’-4’-2’-16’), aber seine Pedalmensuren behalten durfte. Dafür muss das Nebenwerk ein Brustwerk sein. Der Klangkraft und Prägnanz insgesamt durfte das aber eher nützen als ein reines Transmissionspedal. Sicher kennt hier jemand die Orgel und kann Näheres berichten.Viele Grüße
Friedrich
Ja, das wäre interessant, hierüber mehr zu erfahren! Grundsätzlich würde ich diese Anordnung hier den Transmissionen vorziehen, aber sie hat den großen Nachteil, dass man auf dem III. Manual immer mit dem spielen muss, was man gerade für das PEdal braucht. Ich kann nicht 8' oder 8'+4' auf dem III. Manual registrieren, wenn ich den Subbaß im Pedal gleichzeitig brauche.
LG
Jörg
Bericht: Neue Orgel in Worms
Ja, das wäre interessant, hierüber mehr zu erfahren! Grundsätzlich würde ich diese Anordnung hier den Transmissionen vorziehen, aber sie hat den großen Nachteil, dass man auf dem III. Manual immer mit dem spielen muss, was man gerade für das PEdal braucht. Ich kann nicht 8' oder 8'+4' auf dem III. Manual registrieren, wenn ich den Subbaß im Pedal gleichzeitig brauche.
LG
Jörg
Ja, stimmt. Dann wäre gerade bei einem solchen Instrument eine Erweiterung des Klaviaturumfanges bis c'''' nicht schlecht, weil man da den wohl fast immer gezogenen Subbass als 8' spielen könnte...
Bericht: Neue Orgel in Worms
Ja, das wäre interessant, hierüber mehr zu erfahren! Grundsätzlich würde ich diese Anordnung hier den Transmissionen vorziehen, aber sie hat den großen Nachteil, dass man auf dem III. Manual immer mit dem spielen muss, was man gerade für das PEdal braucht. Ich kann nicht 8' oder 8'+4' auf dem III. Manual registrieren, wenn ich den Subbaß im Pedal gleichzeitig brauche.
LG
Jörg
Ja, stimmt. Dann wäre gerade bei einem solchen Instrument eine Erweiterung des Klaviaturumfanges bis c'''' nicht schlecht, weil man da den wohl fast immer gezogenen Subbass als 8' spielen könnte...
Eine Lösung könnte auch dadurch gefunden werden, dass wenigstens Subbaß und Fagott als Transmission spielbar gemacht werden. (Am liebsten natürlich alle Register des III. Manuals ...)
LG
Jörg