83 Register, aber kaum Achtfüßer

Orlos @, Donnerstag, 02. Oktober 2014, 22:42 (vor 4420 Tagen)

In den letzten Jahren sind viele Konzertsaalorgeln gebaut worden, vor allem in Asien. Es sah so aus, als entwickle sich dafür eine Art Standard-Disposition. Umso erstaunter war ich, als ich die Beschreibung der neuen Klais-Orgel in China las. Hier gibt es zwar erstaunlich viele Obertonregister, sogar einen 1' im Pedal neben zwei 2'-Registern, einen 1 1/3' im HW, gleich zwei 1'-Register in den Manualen, aber kaum Grundstimmen. Im Pedal gibt es drei labiale 8'- und 4'-, aber nur zwei 16'-Register. In den Manualen gibt es nur einen einzigen 8'-Streicher, bei 83 Registern in einem Konzertsaal. Ist es nicht gerade das romantische Repertoire, das in einem Konzertsaal im Zusammenklang mit einem (Streich-)Orchester besonders gut zur Geltung kommt? Und braucht ein eher trockener Raum nicht gerade eine vielseitige Äquallage? (Im Positiv gibt es eine Harmonia aetheria, aber keine Streicher darunter.)
Man kann die Orgel mit Klarinette, Hochdruckstimmen, Chamaden nicht gerade als (neo-) barocke Orgel einschätzen.
Ich kann mir das Klangbild nicht recht vorstellen, vielleicht komme ich irgendwann mal nach China...

83 Register, aber kaum Achtfüßer

stein @, Donnerstag, 02. Oktober 2014, 23:52 (vor 4420 Tagen) @ Orlos

In der Tat, das liest sich schauderlich. Das sieht sehr nach Kundenwunsch aus.
Klais hat in diesem Bereich mit die meiste Erfahrung. Naja, wenn man 40 Piepsregister weglässt, kommt man immer noch auf satte 43. Das wird dann noch von einem 64 Fuss getragen.

83 Register, aber kaum Achtfüßer

friedemannw @, Gießen, Freitag, 03. Oktober 2014, 00:17 (vor 4420 Tagen) @ Orlos

In China zählt viel mehr, dass die Orgel möglichst groß ist und viele Pfeifen hat. Klang ist leider sekundär. Wahrscheinlich wird die Orgel nicht mehr als 2 bis 3 Mal pro Jahr gespielt werden! Traurig, aber so läuft das leider oft dort...

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Nachthorn, Freitag, 03. Oktober 2014, 13:14 (vor 4419 Tagen) @ friedemannw

Wahrscheinlich wird die Orgel nicht mehr als 2 bis 3 Mal pro Jahr gespielt werden! Traurig, aber so läuft das leider oft dort...


In Deutschland ist das bei vielen Konzertsaal-Orgeln doch auch nicht anders.

83 Register, aber kaum Achtfüßer

friedemannw @, Gießen, Freitag, 03. Oktober 2014, 14:08 (vor 4419 Tagen) @ Nachthorn

Ich weiß. In China ist es bloß viel mehr Prestigedenken, das zum Bau der Orgeln führt. In Deutschland/Europa gibt es ja viele Leute, die Orgel spielen können. In Hong Kong beispielsweise gibt es derzeit EINE Studentin, die Orgel im Konzertfach studiert. Klavier ist dort viel populärer. Klar - es gibt ja keine Orgeltradition. Aber es muss ja unbedingt eine 80-Register-Orgel in jede neue Konzerthalle! Es ist natürlich gut für die Firmen, die am Boom in Fernost teilnehmen können (Thema "Auftragslage in Deutschland"), andererseits werden die teuren Instrumente nicht geschätzt.
Ein Beispiel für eine ungenutzte Konzertsaalorgel habe ich auch in meiner Kreisstadt Gotha. Hier steht im Kulturhaus eine Schuke(Potsdam/Werder)-Orgel von 1985 mit II/33. Quasi eine kleine Schwester der Leipziger Gewandhausorgel. Solide gebaut, "universelle" Disposition, guter Klang. Manche Kirchgemeinde würde sich die Finger nach so einem Instrument lecken! Sie wird auch selten gepielt, wenn das ortsansässige Orchester mal was mit Orgel zusammen macht, wird eine E-Orgel aufgestellt - die kann man besser regulieren... Aber es wird dafür gesorgt, dass ein Techniker regelmäßig alle Register zieht und alles mal durchspielt.

[image]

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 07. Oktober 2014, 12:46 (vor 4415 Tagen) @ friedemannw

In China zählt viel mehr, dass die Orgel möglichst groß ist und viele Pfeifen hat. Klang ist leider sekundär.

....was eine generelle Eigenart der chinesischen Musikkultur zu sein scheint....

Einen Walkürenritt, bitte.....

ohrenzuhaltende Grüße:
Wolfgang...

83 Register, aber kaum Achtfüßer

jrbecker @, Dienstag, 07. Oktober 2014, 14:39 (vor 4415 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

In China zählt viel mehr, dass die Orgel möglichst groß ist und viele Pfeifen hat. Klang ist leider sekundär.


....was eine generelle Eigenart der chinesischen Musikkultur zu sein scheint....

Einen Walkürenritt, bitte.....

ohrenzuhaltende Grüße:
Wolfgang...

Also ich finde die chinesische Musikkultur gar nicht soooo unerträglich...
*duckundweg*

LG
Jörg

Chinesische Musik, war: 83 Register, aber kaum Achtfüßer

friedemannw @, Gießen, Dienstag, 07. Oktober 2014, 16:44 (vor 4415 Tagen) @ jrbecker

Es geht aber auch angenehmer:

http://www.youtube.com/watch?v=tuNiVPg_q2I

Ich finde das sehr meditativ und entspannend... Besser als das Gedudel von MIDI-Computer-Instrumenten, was man oft im Chinarestaurant ertragen muss!

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Freitag, 03. Oktober 2014, 04:36 (vor 4420 Tagen) @ Orlos

Nonen und Septimen kommen auch wieder.

83 Register, aber kaum Achtfüßer

JRorgel @, Freitag, 03. Oktober 2014, 11:32 (vor 4419 Tagen) @ Hausorgler

Und Register wie "Garkleinflötlein 1'" - was für ein herrlicher Name ;-)
Trotzdem wirkt auf mich die Disposition wie eine versuchte Mischung aus vielen Pfeif(ch)en, Lautstärke (Solo und Chamaden) Neobarock (Obertonregister etc.)
und ein bisschen Romantik (Schwellwerk). Erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus Lübeck St. Marien und der Querhausorgel in Köln...

--
"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Friedrich @, Freitag, 03. Oktober 2014, 11:41 (vor 4419 Tagen) @ JRorgel

Und Register wie "Garkleinflötlein 1'" - was für ein herrlicher Name ;-)

Der übliche für das Ding ganz rechts im Bild.

Trotzdem wirkt auf mich die Disposition wie eine versuchte Mischung aus vielen Pfeif(ch)en, Lautstärke (Solo und Chamaden) Neobarock (Obertonregister etc.) und ein bisschen Romantik (Schwellwerk). Erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus Lübeck St. Marien und der Querhausorgel in Köln...

Wie gesagt – Klais bis in die Fußspitzen, generationenweise.

Viele Grüße
Friedrich

83 Register, aber kaum Achtfüßer

JRorgel @, Freitag, 03. Oktober 2014, 11:50 (vor 4419 Tagen) @ Friedrich

Und Register wie "Garkleinflötlein 1'" - was für ein herrlicher Name ;-)


Der übliche für das Ding ganz rechts im Bild.

Trotzdem wirkt auf mich die Disposition wie eine versuchte Mischung aus vielen Pfeif(ch)en, Lautstärke (Solo und Chamaden) Neobarock (Obertonregister etc.) und ein bisschen Romantik (Schwellwerk). Erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus Lübeck St. Marien und der Querhausorgel in Köln...


Wie gesagt – Klais bis in die Fußspitzen, generationenweise.

Viele Grüße
Friedrich

Ah, dann ist das ganze also vielleicht als eine "Generationen-Orgel" in Auftrag gegeben worden? ;-)

--
"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Friedrich @, Freitag, 03. Oktober 2014, 11:55 (vor 4419 Tagen) @ JRorgel

Ah, dann ist das ganze also vielleicht als eine "Generationen-Orgel" in Auftrag gegeben worden? ;-)

Tüpisch China, Land der Familienbande.

Vorurteilt
Friedrich

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Friedrich @, Freitag, 03. Oktober 2014, 10:55 (vor 4419 Tagen) @ Orlos

In den letzten Jahren sind viele Konzertsaalorgeln gebaut worden, vor allem in Asien. Es sah so aus, als entwickle sich dafür eine Art Standard-Disposition. Umso erstaunter war ich, als ich die Beschreibung der neuen Klais-Orgel in China las. …

Es mag natürlich sein, dass der ungewöhnlich große Gewürzgarten von Kleinzeug deswegen so großzügig über die Beete dieser Orgel verteilt wurde, weil man in Shenyang nach hohen Pfeifenzahlen giert. Aber im Prinzip hat die Orgel doch alles, was sie braucht, selbst im Pedal, gesunde Mensuren vorausgesetzt. Unten verlangt ein Konzertsaal von der Orgel Volumen. Das kann sich der Organist mit den Achtfüßen und den Koppeln zurechtfärben. Ein Violonbass z. B. kann in trockener Akustik danebengehen. 16’-Klang in jedem Manual ist auch vorhanden.

In meinen Augen hat die Orgel übrigens auch einen gelungenen Prospekt – nicht viele Konzertsaalorgeln sind so einfallsreich und spannungsvoll gestaltet (die bescheuerten Architektenindeen zur Elbphilharmonie verheißen Doofes – so viel Zeit ung Geld fließt da in Kompensationsmaßnahmen …).

Lustig finde ich, wie das HW unter den mutmaßlichen Vorgaben zu einem Rückgriff auf Hans-Gerd-Klais-Zeiten wird – ganz klassisch bis hinauf zum 2’. Eine solche Disposition insgesamt dürfte den älteren Klais-Mitarbeitern aus der Zeit vor dreißig bis vierzig Jahren recht vertraut vorkommen, inklusive der Verteilung der wenigen Achtfüße auf die Schwellwerke. Einsame Flûtes harmoniques im großen Schwellwerk? Schau nach bei HGK.

Viele Grüße
Friedrich

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Martin Kondziella, Freitag, 03. Oktober 2014, 11:04 (vor 4419 Tagen) @ Friedrich

Der Prospekt sieht nach Axt aus und die Disposition nach Spaltklang. Sehr einheitliches und durchdachtes Konzept.

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Friedrich @, Freitag, 03. Oktober 2014, 11:39 (vor 4419 Tagen) @ Martin Kondziella

Der Prospekt sieht nach Axt aus und die Disposition nach Spaltklang. Sehr einheitliches und durchdachtes Konzept.

:-)

83 Register, aber kaum Achtfüßer

ThomasMP @, Freitag, 03. Oktober 2014, 12:27 (vor 4419 Tagen) @ Orlos

Die Dispo erinnert mich an die Hauptorgel des Würzburger Doms. Und die hat es immerhin, allen Unkenrufen zum Trotz, zu einiger Berühmtheit gebracht

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Orlos @, Samstag, 04. Oktober 2014, 00:38 (vor 4419 Tagen) @ ThomasMP

Die Würzburger Domorgel mag ich sehr und ich habe sie immer verteidigt. Sicher ist aber, dass sie heute nicht mehr so gebaut würde, das hat Hans-Gerd Klais selbst gesagt. Man kann froh sein, wenn sie überhaupt in dieser Intonation "überlebt", denn die meisten größeren Klais-Orgeln sind längst neu intoniert worden, worüber ich mich schon gelegentlich ausließ. Einerseits klingen die Orgeln dann tatsächlich "besser" im Sinne von universaler, geschmeidiger. Aber ihnen geht auch das Charakteristische dieser Zeit verloren. Die Würzburger Domorgel finde ich ein grandioses Instrument, so wie sie ist. Ich glaube aber nicht, dass sie irgendjemand in Europa noch einmal genauso als Neubau würde haben wollen, und das irritierte mich an der neuen Orgel in China, die scheinbar (die Intonation kennen wir nicht) nicht den sonst so üblichen Dispositionswegen folgt. Wobei ich mir eine solche Orgel am ehesten noch in einer großen Kirche (wie eben den Würzburger Dom mit recht klarer Akustik trotz Nachhalls) vorstellen kann als in einem trockenen Konzertsaal.
Die neobarocken Konzertsaalorgeln, die ich erlebt habe, haben in der Regel nicht überzeugt, weil sie gegen das Orchester nicht bestehen, auch in den leisen Passagen nicht. Es fehlt an Fundament und Intensität. Die tollen Einzelfarben sind eher in einem Solo-Orgelkonzert zu gebrauchen, dafür gehen die Zuhörer aber lieber in eine Kirche als in einen Konzertsaal.

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 07. Oktober 2014, 13:00 (vor 4415 Tagen) @ Orlos

Die Würzburger Domorgel mag ich sehr und ich habe sie immer verteidigt.

...richtigerweise, denn sie ist ein großer Wurf ihrer Zeit, und in der ziemlich dicken Festschrift zur Einweihung, die ich mal in den Händen hatte, kann man nachlesen, wieviele Überlegungen für ihre Konzeption angestellt wurden.

Gruß,
Wolfgang

83 Register, aber kaum Achtfüßer

stein @, Dienstag, 07. Oktober 2014, 13:35 (vor 4415 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Die Würzburger Domorgel mag ich sehr und ich habe sie immer verteidigt.


...richtigerweise, denn sie ist ein großer Wurf ihrer Zeit, und in der ziemlich dicken Festschrift zur Einweihung, die ich mal in den Händen hatte, kann man nachlesen, wieviele Überlegungen für ihre Konzeption angestellt wurden.

Es gibt sogar ein dickes Buch über dieses Instrument

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Karsten @, Samstag, 04. Oktober 2014, 08:15 (vor 4418 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von Karsten, Samstag, 04. Oktober 2014, 08:34

[...] aber kaum Grundstimmen. Im Pedal gibt es drei labiale 8'- und 4'-, aber nur zwei 16'-Register. In den Manualen gibt es nur einen einzigen 8'-Streicher, bei 83 Registern in einem Konzertsaal. Ist es nicht gerade das romantische Repertoire, das in einem Konzertsaal im Zusammenklang mit einem (Streich-)Orchester besonders gut zur Geltung kommt? Und braucht ein eher trockener Raum nicht gerade eine vielseitige Äquallage? (Im Positiv gibt es eine Harmonia aetheria, aber keine Streicher darunter.)

Gerade im Zusammenspiel mit einem großen romantischen Orchester muss eine Orgel vor allem eins sein: laut*, sonst wird sie von dem Orchester schlicht untergebuttert. Und das wird diese Orgel Dank des vorhandenen Plenums, der HD-Stimmen und Oktavkoppeln wohl eher nicht.

Gruß
Karsten

*) Entgegen der weitverbreiteten Meinung vieler Dirigenten, denen die Orgel immer zu "laut" ist.

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Friedrich @, Samstag, 04. Oktober 2014, 10:54 (vor 4418 Tagen) @ Karsten

Gerade im Zusammenspiel mit einem großen romantischen Orchester muss eine Orgel vor allem eins sein: laut*, sonst wird sie von dem Orchester schlicht untergebuttert. Und das wird diese Orgel Dank des vorhandenen Plenums, der HD-Stimmen und Oktavkoppeln wohl eher nicht.

Stimmt.
Kirchenorganisten und ihre Zuhörer sind sich meistens nicht im Klaren darüber, dass Orgeln keine besonders lauten Musikinstrumente sind. Meistens wirkt ihr Klang nur im Raum laut, Klangbreite und Obertönigkeit tun das ihrige hinzu. Wie wenig Intensität eine Orgel eigentlich hat, merkt man erst, wenn ein Schlagzeuger daneben sitzt oder drei bis vier gute Blechbläser: Da ist die Orgel ganz schnell weg.

Deswegen sind Konzertsaalorgeln ja auch eigentlich musikalisch grundsätzlich anders angelegt als Kirchenorgeln, und deswegen kosten sie auch mal locker ein Vielfaches. Sie brauchen laute und leise Stimmen mit allen Zwischenstufen, am besten mehrere sehr effiziente Schwellkästen, viele Grundstimmen, mächtige Pedalmensuren, eine großzügige Windversorgung und sehr solide Machart; außerdem sollten sie widerstandsfähig und servicefreundlich sein – das spart Zeit beim Unterhalt – und möglichst besondere Schutzvorrichtungen haben, z. B. Türen. Doppeltraktur ist zumindest in Deutschland Standard.

Seid verschlungen, Millionen.

Viele Grüße
Friedrich

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Florian-L @, Sonntag, 05. Oktober 2014, 09:12 (vor 4417 Tagen) @ Friedrich

Deswegen sind Konzertsaalorgeln ja auch eigentlich musikalisch grundsätzlich anders angelegt als Kirchenorgeln, und deswegen kosten sie auch mal locker ein Vielfaches. Sie brauchen laute und leise Stimmen mit allen Zwischenstufen, am besten mehrere sehr effiziente Schwellkästen, viele Grundstimmen, mächtige Pedalmensuren, eine großzügige Windversorgung und sehr solide Machart; außerdem sollten sie widerstandsfähig und servicefreundlich sein – das spart Zeit beim Unterhalt – und möglichst besondere Schutzvorrichtungen haben, z. B. Türen. Doppeltraktur ist zumindest in Deutschland Standard.

Provokant gefragt: Von welchen Konzertsaalorgeln kann man all das schon behaupten?

Gruß, Florian

83 Register, aber kaum Achtfüßer

Karsten @, Sonntag, 05. Oktober 2014, 09:37 (vor 4417 Tagen) @ Florian-L
bearbeitet von Karsten, Sonntag, 05. Oktober 2014, 09:46

Deswegen sind Konzertsaalorgeln ja auch eigentlich musikalisch grundsätzlich anders angelegt als Kirchenorgeln, und deswegen kosten sie auch mal locker ein Vielfaches. Sie brauchen laute und leise Stimmen mit allen Zwischenstufen, am besten mehrere sehr effiziente Schwellkästen, viele Grundstimmen, mächtige Pedalmensuren, eine großzügige Windversorgung und sehr solide Machart; außerdem sollten sie widerstandsfähig und servicefreundlich sein – das spart Zeit beim Unterhalt – und möglichst besondere Schutzvorrichtungen haben, z. B. Türen. Doppeltraktur ist zumindest in Deutschland Standard.


Provokant gefragt: Von welchen Konzertsaalorgeln kann man all das schon behaupten?

Gruß, Florian

Naja, zumindest diese deckt einige der Punkte ab...

Aber in der Tat sind jahrzehntelang viele Verantwortliche in Deutschland beim Einbau von Konzertsaalorgeln von Orgelsololiteratur und Kirchenorgeln ausgegangen. Man vergleiche mal die Disposition und das Konzept der Klais-Orgeln in Ingolstadt (Münster) und Münchener Gasteig. Im Gasteig wurden die Horizontaltrompeten nachträglich eingebaut, um der Orgel noch mehr Kraft in diesem schwierigen Raum zu geben.
Die von Friedrich genannten Erfordernisse musste man hier erst langsam (wieder) lernen und erkennen. In GB und den USA, wo dieser Orgeltyp eine besondere Prominenz hatte, ergaben sich diese Punkte sozusagen von selbst, eben weil die Orgeln ein Sinfonieorchester ersetzen sollten.

Gruß
Karsten

Konzertsaalorgel – eine Lücke gibt’s noch (war: 83 Register …)

Friedrich @, Sonntag, 05. Oktober 2014, 13:07 (vor 4417 Tagen) @ Florian-L
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 05. Oktober 2014, 14:09

Deswegen sind Konzertsaalorgeln ja auch eigentlich musikalisch grundsätzlich anders angelegt als Kirchenorgeln … Sie brauchen laute und leise Stimmen mit allen Zwischenstufen, am besten mehrere sehr effiziente Schwellkästen, viele Grundstimmen, mächtige Pedalmensuren, eine großzügige Windversorgung und sehr solide Machart; außerdem sollten sie widerstandsfähig und servicefreundlich sein – das spart Zeit beim Unterhalt – und möglichst besondere Schutzvorrichtungen haben, z. B. Türen. Doppeltraktur ist zumindest in Deutschland Standard.


Provokant gefragt: Von welchen Konzertsaalorgeln kann man all das schon behaupten?

Ich glaube, die Essener haben mit ihrer Orgel einen recht guten Griff getan. Klais hat wohl auch sehr dazugelernt über die vergangenen drei Boom-Jahrzehnte des Konzertsaalorgelbaus. Allgemein gelobt wird auch die Fisk-Orgel in der Meyerson Symphony Hall in Dallas, deren Disposition sich zwar eher verwegen liest, die aber sehr gut zufunktionieren scheint, sei es solistisch (man höre besonders Mary Prestons sensationelle, hervorragend aufgenommene Naxos-Aufnahmen in der Dupré-Reihe) oder zusammen mit dem Orchester (Beispiel, auch für zwei unterschiedliche Abmischungen der Balance: Die Dorian-CD mit der Saint-Saëns-Sinfonie und der Sinfonia concertante von Jongen – Guillou als wirklich fabelhafter Solist).

In Deutschland kann da nun nicht mehr viel kommen, nach dem Neubau-Boom der letzten Jahrzehnte. Freiburg ist noch ohne Orgel – sie war ursprünglich geplant –, aber da stemmt sich das Konzerthausmanagement dagegen. Der Saal sei als Mehrzweckraum ausgelastet, die Orgel würde wenig genutzt werden und sehr teuer, das Publikum für Orgelmusik in der Stadt sei ausgelastet, der ganze übliche Schmonz – kurz, es fehlt der politisch-programmatische Mut und Wille. Dabei hatte, soweit ich weiß, der damalige KMD Carsten Klomp schon sehr weitgehende Angebote gemacht, was das Etablieren einer Konzertreihe angeht. Vielleicht schafft es ja Cameron Carpenter, allgemein ein neues Interesse am Konzertorgelspiel zu schüren – und im Südwesten haben wir ja nun einen bedeutenden Klangkörper weniger, dank ätzender bundespolitischer Schiebereien und einer kunstverstandfreien SWR-Intendanz.

(Jetzt ’ne zweckgebundene Spende von fünf bis zehn Millionen, inklusive Unterhalt und Konzertreihenmanagement! Aber ich habe die leider nicht übrig.)

Die nächste moderne Konzertsaalorgel der Region steht übrigens – naja, eben nicht in der Region. Stuttgart nach Norden, Zürich und Luzern nach Süden. Magere Gegend, die wohlhabendste in Deutschland übrigens. Tja.

Und dieses Jahr geben wir in Freiburg sowohl Zarathustra als auch Taras Bulba, beides vom Sample *heul*.

Viele Grüße
Friedrich

Konzertsaalorgel – eine Lücke gibt’s noch (war: 83 Register …)

ThoFi, Sonntag, 05. Oktober 2014, 15:11 (vor 4417 Tagen) @ Friedrich

für 2017 avisiert: renovierter Kulturpalast Dresden (Eule)

Thomas

Konzertsaalorgel – eine Lücke gibt’s noch (war: 83 Register …)

polisire1, Montag, 06. Oktober 2014, 11:19 (vor 4416 Tagen) @ Friedrich

Friedrich hat wohl vergessen (oder verdrängt), dass es in Freiburg einen Konzertsaal mit einer Orgel gibt, nämlich den der Hochschule für Musik (620 Plätze, Orgel von Karl Schuke 1985, III/59)
MfG
pol.

Konzertsaalorgel – eine Lücke gibt’s noch (war: 83 Register …)

Friedrich @, Montag, 06. Oktober 2014, 11:35 (vor 4416 Tagen) @ polisire1

Friedrich hat wohl vergessen (oder verdrängt), dass es in Freiburg einen Konzertsaal mit einer Orgel gibt, nämlich den der Hochschule für Musik (620 Plätze, Orgel von Karl Schuke 1985, III/59)

Danke für die Erinnerung daran.

Habe ich nicht vergessen, ich habe mir im Gegenteil meine Freiburger Erlebnisse durch den Kopf gehen lassen. Nach vielen Konzerten, die ich in der Hochschule gehört habe, meine ich, dass der Saal für das große sinfonische Repertoire mit Orgel nur eingeschränkt geeignet ist. Es wird zwar tendenziell alles dort gespielt, aber Saalgröße und Platzzahl sind beschränkt. Mahlers Achte hätte dort keine Chance, »Zarathustra« brächte den Saal bereits an die Grenze. Er ist eben ein Hochschulsaal – nicht besonders hoch, alles auf Klarheit und Nähe ausgerichtet, sehr gut für Kammermusik geeignet, mittelgut für Sinfonik. Die Orgel ist aus Studienzwecken für den Raum überdimensioniert, ein 8’-Instrument mit offenem 16’ im Pedal hätte für die Akustik durchaus gereicht; aber die Studenten sollen ja auch Orgelsinfonik studieren, üben und aufführen können. Der Klang bleibt stets ausgesprochen nüchtern.

Eine Konzertsaalorgel, wie ich sie meine, hätte doch eher Bamberger oder Essener Dimensionen und entsprechend viel Platz um sich herum. Und damit sie sich mit dem Orchester mischen könnte, stünde sie dahinter – nicht links daneben, wo sie immer wie eine Solistin wahrgenommen wird.

Viele Grüße
Friedrich

Konzertsaalorgel – wozu?

Heuler, Montag, 06. Oktober 2014, 12:15 (vor 4416 Tagen) @ Friedrich

Und damit sie sich mit dem Orchester mischen könnte, stünde sie dahinter – nicht links daneben, wo sie immer wie eine Solistin wahrgenommen wird.

Naja, je nach Werk haben beide Standorte einen Vorteil. Bei einem Konzert für Orgel und Orchester darf die Orgel ja ruhig auch räumlich als Solistin wargenommen werden.

Viele Kommentare in diesem Thread gehen von einer Verwendung der Orgel quasi als ein romantisches Continuoinstrument aus, das wie ein Orchesterinstrument fungiert. Das ist aber bei den meisten Sälen und Programmen der Orchester nur eine Facette. Gerade das macht es ja so schwierig...

Konzertsaalorgel – wozu?

Friedrich @, Montag, 06. Oktober 2014, 13:41 (vor 4416 Tagen) @ Heuler
bearbeitet von Friedrich, Montag, 06. Oktober 2014, 14:06

Viele Kommentare in diesem Thread gehen von einer Verwendung der Orgel quasi als ein romantisches Continuoinstrument aus, das wie ein Orchesterinstrument fungiert. Das ist aber bei den meisten Sälen und Programmen der Orchester nur eine Facette. Gerade das macht es ja so schwierig...

Genau!

Eine solche Orgel braucht also

– ein großes, vielfarbiges und 16’-basiertes Begleit-Schwellwerk, am besten nicht weit vom Orchester und vor allem vom Chor entfernt,
– ein großes, etwas weiter weg klingendes Schwellwerk, das ein Orgeltutti über die gesamte dynamische Bandbreite zur Verfügung stellt,
– die Fähigkeit, mit dem Orchester dynamisch Schritt zu halten und es, wo nötig, markant zu übertreffen,
– all das mit den jeweils passenden Pedalstimmen sowie einem Großpedal, das sich massiv unter das Orchestertutti schieben kann, sowohl mit Labial- als auch mit Zungenklangfarben.

Wenn dann noch Platz und Geld da ist, kann man noch konzertierende Plena und besondere Solostimmen einbauen.

Ich finde z. B. die neue Musikvereinsorgel da ziemlich einleuchtend konzipiert, auch wenn sie wohl ziemlich eng steht.

Viele Grüße
Friedrich

Konzertsaalorgel – wozu?

stein @, Montag, 06. Oktober 2014, 14:56 (vor 4416 Tagen) @ Friedrich

Ich finde z. B. die neue Musikvereinsorgel da ziemlich einleuchtend konzipiert, auch wenn sie wohl ziemlich eng steht.

Selbst bei nur 86 Registern ist für jeden etwas dabei.

Konzertsaalorgel – wozu?

Florian-L @, Dienstag, 07. Oktober 2014, 08:08 (vor 4415 Tagen) @ Friedrich

Ich finde z. B. die neue Musikvereinsorgel da ziemlich einleuchtend konzipiert, auch wenn sie wohl ziemlich eng steht.

Ja, aber der tatsächliche Klang hält meiner Meinung nicht das, was die Konzeption verspricht.

Gruß, Florian

Konzertsaalorgel – wozu?

Contrebasson 32' @, Wien, Dienstag, 07. Oktober 2014, 12:18 (vor 4415 Tagen) @ Florian-L

Ich finde z. B. die neue Musikvereinsorgel da ziemlich einleuchtend konzipiert, auch wenn sie wohl ziemlich eng steht.


Ja, aber der tatsächliche Klang hält meiner Meinung nicht das, was die Konzeption verspricht.

Gruß, Florian

Da muss ich dir Recht geben, Florian.
Der Orgel fehlt es irgendwie an etwas, mancher sagt, es läge an der fehlenden Klangkrone bzw. an zu zurückhaltenden Zungenstimmen, dem bin ich geneigt, mich anzuschließen.
Schaut man in den Ausschreibungstext, wird man feststellen, dass Rieger genau das geliefert hat, was die Expertenkommission gewünscht hat: Ein großes Orchesterinstrument, das solistisch letztendlich nicht zu überzeugen vermag (so erlebt bei Latrys Orgel solo-Abend).

Konzertsaalorgel – wozu?

stein @, Dienstag, 07. Oktober 2014, 13:30 (vor 4415 Tagen) @ Contrebasson 32'

Komisch, bei soviel Geld und soviel Register?

Die französische Art Orgeln zu bauen scheint mir häufig die angebrachtere.
Hier hat jedes Register eine ganz konkrete Aufgabe. Erfüllt es diese nicht, ist es nicht zu gebrauchen.
Da kommt man fast immer mit viel weniger aus. Daher haben dort nur wenige Instrumente 83 oder 87 Register.

24 Register, war: 83 Register, aber kaum Achtfüßer

Contrebasson 32' @, Wien, Dienstag, 07. Oktober 2014, 05:52 (vor 4416 Tagen) @ Orlos

Anderswo gibt man sich bescheidener, da reichen schon 24 Klais-Register für eine Konzertsaalorgel...

Orgel des Elma Arts Center in Zichron Ya'akov/Israel

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