Widor-Toccata

mh @, Donnerstag, 11. September 2014, 19:39 (vor 4435 Tagen)

Hallo,
eine Frage an alle Spieler der Widor-Toccata:
Im Takt vor dem ersten Pedaleinsatz ist auf Schlag 3 und 4+ in der linken Hand das e2 zu spielen. Während das erste und zweite e recht bequem mit der rechten Hand mitzugreifen ist, sieht es beim dritten e schon schwieriger aus.
Wenn man diverse youtube-videos ansieht, finden sich die unterschiedlichsten Ansätze, bis hin zum weglassen aller drei Töne.
Wie meistert ihr diese Stelle?
Grüße
MH

Widor-Toccata

hintersatz, Donnerstag, 11. September 2014, 20:15 (vor 4435 Tagen) @ mh
bearbeitet von hintersatz, Donnerstag, 11. September 2014, 20:20

Wie meistert ihr diese Stelle?

ich denke, auch wenn das Stück bei Hobbyisten wegen seiner tollen Wirkung sehr beliebt ist, richtet sich diese (s..schwere) Orgel-Literatur schon eher an Spieler, die das zweite System in einer Hand greifen können, die somit aus der spielerischen Routine über eine entsprechende Griffweite verfügen. Wobei die große Dezime wohl noch nicht das Ende ist, was die französischen Romantik vom Spieler verlangt - Töne aus dem zweiten System mit der rechten Hand mitzugreifen geht hier interpretatorisch gar nicht, zumal ich die linke Hand wohl auch auf ein etwas "zungiger" registriertes Manual legen würde. Knie dich ruhig auch mal in die anderen Sätze rein, auch wenn die als ganzes Stück (nicht nur für Hobbyisten) nicht zu schaffen sind.
LG und viel Spaß mit dem Großmeister der Französichen Orgelschule

Widor-Toccata

mh @, Montag, 15. September 2014, 12:26 (vor 4431 Tagen) @ hintersatz

Wie meistert ihr diese Stelle?


ich denke, auch wenn das Stück bei Hobbyisten wegen seiner tollen Wirkung sehr beliebt ist, richtet sich diese (s..schwere) Orgel-Literatur schon eher an Spieler, die das zweite System in einer Hand greifen können, die somit aus der spielerischen Routine über eine entsprechende Griffweite verfügen. Wobei die große Dezime wohl noch nicht das Ende ist, was die französischen Romantik vom Spieler verlangt - Töne aus dem zweiten System mit der rechten Hand mitzugreifen geht hier interpretatorisch gar nicht, zumal ich die linke Hand wohl auch auf ein etwas "zungiger" registriertes Manual legen würde. Knie dich ruhig auch mal in die anderen Sätze rein, auch wenn die als ganzes Stück (nicht nur für Hobbyisten) nicht zu schaffen sind.
LG und viel Spaß mit dem Großmeister der Französichen Orgelschule


Die Dezime an sich ist nicht das Problem. In Verbindung mit den anderen Tönen und der für die linke Hand recht hohe Lage ergibt sich ein unangenehmer Griff. Vor allem ist dieser Griff im Tempo ein großer Unsicherheitsfaktor.
Für mich ist also die Konstellation dieser Faktoren das Problem. Den Anfangsteil con Francks E-Dur-Choral kann ich recht prima greifen.
Mit der rechten Hand auszuhelfen sehe ich völlig unproblematisch - jrbecker hat in seiner Videoanalyse auf Latry verwiesen, der das sehr überzeugend macht.
Die Toccata auf zwei Manualen zu spielen finde ich einen sehr gewagten Vorschlag. Die Noten lassen nicht darauf schließen. Widor hätte sicherlich die Manualverteilung entsprechend notiert (wie ja auch im Verlauf des Stückes).

Widor-Toccata

Wolfgang Gourgé @, Donnerstag, 11. September 2014, 23:03 (vor 4435 Tagen) @ mh

Hallo,
eine Frage an alle Spieler der Widor-Toccata:
Im Takt vor dem ersten Pedaleinsatz ist auf Schlag 3 und 4+ in der linken Hand das e2 zu spielen. Während das erste und zweite e recht bequem mit der rechten Hand mitzugreifen ist, sieht es beim dritten e schon schwieriger aus.
Wenn man diverse youtube-videos ansieht, finden sich die unterschiedlichsten Ansätze, bis hin zum weglassen aller drei Töne.
Wie meistert ihr diese Stelle?
Grüße
MH

....indem man das besagte e unterschlägt. Es fällt nicht weiter auf. (Vielleicht kann man ja bei entsprechend ausgestatteten Orgeln mit Pedal-Superkoppel das e mit dem rechten Fuß antippen und vor dem Pedaleinsatz dann blitzschnell noch die Kombination wechseln....achung, nicht so ganz ernstgemeint.....) Am ehesten könnte ich es noch mit der rechten Hand spielen, aber das hängt dann auch von den Tastenmensuren ab, und die Versuchung, die Achtel dann als Sechzehntel zu spielen, ist natürlich da.

In den 1980ern gab es mal Aufnahmen aus Notre-Dame mit Philippe Lefebvre, die im NDR als Ein-Stunden-Film ("Orgelromantik") bzw. Halbstunden-Special ("Die Orgel in Notre-Dame") liefen, moderiert von Günther Bock, Hans Haselböck bzw. dem früheren Lübecker Domorganisten Uwe Röhl und Gerd Albrecht. Am Ende spielte Lefebvre - zu spätsommerlichen Impressionen aus Paris - dann die Widor-Toccata als unglaublichen "Höllenritt" (schon die Improvisation, mit der er die Aufnahmen aus Notre-Dame eröffnete, hätte den Titel "Nacht in Transsylvanien, Dracula erwacht" haben können......), ein psychologisch atemberaubender 4 1/2-Minuten-Rausch. Ich nahm den Film auf - und als ich dann die Noten hatte, siehe da: er ließ das besagte e auch weg. Man konnte es sehen, weil diese Stelle im Film von halb unten aufgenommen worden war: da, wo die e-Taste ist, bewegte sich nichts. Im Zeitlupenmodus des Videorekorders war es deutlich auszumachen.

Ähnlich ist es übrigens bei der 6. Symphonie: bei den vollgriffigen Akkorden vor allem in deren 1. und letzten Satz käme ich auch an die Grenzen (wenn ich's denn mal ernsthaft üben würde). Widor, Franck, Vierne - die müssen Riesenpfoten gehabt haben. Guilmant hatte kleine Hände - was ihn nicht nur von den anderen, sondern auch von Rachmaninov unterschied....

Gruß,
Wolfgang

Widor-Toccata

hintersatz, Freitag, 12. September 2014, 09:21 (vor 4434 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von hintersatz, Freitag, 12. September 2014, 09:26

....indem man das besagte e unterschlägt. Es fällt nicht weiter auf.

Bei einer Bach-Fuge Töne wegzulassen, würde wohl als Sakrileg angesehen, bei einem Stück aus dieser romantischen Zeit ist ein Weglassen von Tönen oder Verändern des Stücks aus technischer Notwendigkeit durchaus zulässig.


Am Ende spielte Lefebvre - zu spätsommerlichen Impressionen aus Paris - dann die Widor-Toccata als unglaublichen "Höllenritt"

Unbedingt auch Widors fragliche Originalaufnahme http://www.youtube.com/watch?v=J8vz1D_L_OE anhören, hier kann man sich ein Bild machen, welche Tempi auf Instrumenten dieser Zeit, d.h. in der Regel pneumatische Trakturen, üblich und machbar waren. Gespielte oder weg-gelassene e's hört man hier bestimmt nicht heraus.

Widor-Toccata

Karsten @, Freitag, 12. September 2014, 10:00 (vor 4434 Tagen) @ hintersatz
bearbeitet von Karsten, Samstag, 13. September 2014, 13:51

Am Ende spielte Lefebvre - zu spätsommerlichen Impressionen aus Paris - dann die Widor-Toccata als unglaublichen "Höllenritt"


Unbedingt auch Widors fragliche Originalaufnahme http://www.youtube.com/watch?v=J8vz1D_L_OE anhören, hier kann man sich ein Bild machen, welche Tempi auf Instrumenten dieser Zeit, d.h. in der Regel pneumatische Trakturen, üblich und machbar waren. Gespielte oder weg-gelassene e's hört man hier bestimmt nicht heraus.

Oh, ich glaube hier wirfst du einiges durcheinander.
Widors eigene Aufnahme der Toccata ist für die grundsätzlichen spieltechnischen Möglichkeiten der damaligen Zeit kein guter Zeuge. Langsame, wenn nicht gar "breite" Tempi waren - vor allem bei polyphonen Werken - eine der Grundtugenden der Pariser Orgelschule (Guilmant, Widor,...), vor allem in großen Räumen. Man höre sich auch mal Viernes Bach-Aufnahmen aus Notre-Dame an. Das Alter Widors mag natürlich auch eine Rolle gespielt haben, aber so "tatterig" kommt er nun auch wieder nicht rüber ;)
In der Videobeschreibung ist zu lesen, dass Widor sich Zeit seine Lebens auf eine Reduzierung der F-Dur-Toccata zu einem Paradestückchen gewehrt hat und bei den verschiedenen Neuauflagen die MM-Angaben immer weiter reduziert - auch um eben diese "Grandeur" dieses Werkes hervorzuheben.
Ein solches "ruhigeres" Tempo (und damit auch die deutlicher realisierbare Artikulation) kommt den Barkermaschinen der Cavaillé-Coll-Orgeln natürlich auch sehr entgegen (meintest du das mit "pneumatischer Traktur"?). Spieltechnisch kann man auch schlicht schneller spielen, wie zahlreiche Aufnahmen an Orgeln mit Barkermaschinen bezeugen.

Ben van Oosten hat in seiner Widor-Biographie einige Erinnerungen der Beteiligten zu den Aufnahmen abgedruckt.

Gruß
Karsten

Widor-Toccata

hintersatz, Freitag, 12. September 2014, 11:23 (vor 4434 Tagen) @ Karsten

Oh, ich glaube hier wirfst du einiges durcheinander.

Du hast selbstverständlich recht.
Hier habe ich noch was Interessantes zu Hrn. Barker gefunden:

St-Augustin. Wieder einmal keine Cavaillé- Coll-Orgel aus einem Guß. Erbaut wurde die Orgel 1868 als eine der ersten Orgeln mit elektro- pneumatischer Traktur durch Verschneider (zusammen mit Charles Barker, den Erfinder des gleichnamigen Hebels, der für den französischen Orgelbau so immens wichtig werden sollte). 1899 mechanisierte Cavaillé-Coll die Orgel, die modernere Traktur war wohl nicht überzeugend gelungen. Barker hatte übrigens mit seinen eigenen Orgelbauten nicht allzu viel Glück: Seine Orgeln wurden oftmals rasch ersetzt oder zumindest tiefgreifend umgebaut. Sein (mutmaßliches) Opus maximum in St-Eustache zerstörte er auch noch selbst, wenn gleich unabsichtlich: Eine im Orgelinnern fallengelassene Kerze vernichtete das gesamte Instrument und beinahe auch die Kirche.

http://www.orgelauskunft.de/orgeln_paris_text.html

Widor-Toccata

Florian-L @, Freitag, 12. September 2014, 17:01 (vor 4434 Tagen) @ Karsten

Spieltechnisch kann man auch schlicht schneller spielen, wie zahlreiche Aufnahmen an Orgeln mit Barkermaschinen bezeugen.

Allerdings!

Gruß, Florian

Widor-Toccata

Flûte harmonique, Samstag, 13. September 2014, 10:16 (vor 4433 Tagen) @ Florian-L
bearbeitet von Flûte harmonique, Samstag, 13. September 2014, 10:24

Spieltechnisch kann man auch schlicht schneller spielen, wie zahlreiche Aufnahmen an Orgeln mit Barkermaschinen bezeugen.


Allerdings!

Gruß, Florian


Was man hier hört und sieht, ist eine Hochgeschwindigkeitsstudie. Von Widor und der wohlkalkulierten Staccato-Artikulation bleibt nicht mehr viel übrig.

Gruß,
Martin

Widor-Toccata

Karsten @, Samstag, 13. September 2014, 10:28 (vor 4433 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von Karsten, Samstag, 13. September 2014, 10:36

Spieltechnisch kann man auch schlicht schneller spielen, wie zahlreiche Aufnahmen an Orgeln mit Barkermaschinen bezeugen.


Allerdings!

Gruß, Florian

Was man hier hört und sieht, ist eine Geschwindigkeitsstudie. Von Widor und der wohlkalkulierten Staccato-Artikulation bleibt nicht mehr viel übrig.

Ja, das kann man so sehen. Vielleicht wurde dieser (ja durchaus legitime) Interpretationsansatz wohlkalkuliert für das Video-Format eingesetzt (oder gar gewünscht)?
Robilliard kann dieses Stück auch ganz anders. Das Hörbeispiel stammt aus der folgenden CD-Aufnahme:

[image]
Charles-Marie Widor (1844-1937)
Orgelsymphonien Nr.5 & 10
Louis Robilliard an der Cavaille-Coll-Orgel Sainte-Croix Orleans
Festivo, DDD, 2008

Dieses war, wenn ich mich recht erinnere, die erste CD nach der umfangreichen Restaurierung 2004-2007 durch Bernard Hurvy - herzliche Empfehlung!

Gruß
Karsten

Widor-Toccata

Flûte harmonique, Samstag, 13. September 2014, 15:11 (vor 4433 Tagen) @ Karsten

Spieltechnisch kann man auch schlicht schneller spielen, wie zahlreiche Aufnahmen an Orgeln mit Barkermaschinen bezeugen.


Allerdings!

Gruß, Florian

Was man hier hört und sieht, ist eine Geschwindigkeitsstudie. Von Widor und der wohlkalkulierten Staccato-Artikulation bleibt nicht mehr viel übrig.


Ja, das kann man so sehen. Vielleicht wurde dieser (ja durchaus legitime) Interpretationsansatz wohlkalkuliert für das Video-Format eingesetzt (oder gar gewünscht)?
Robilliard kann dieses Stück auch ganz anders. Das Hörbeispiel stammt aus der folgenden CD-Aufnahme:

[image]
Charles-Marie Widor (1844-1937)
Orgelsymphonien Nr.5 & 10
Louis Robilliard an der Cavaille-Coll-Orgel Sainte-Croix Orleans
Festivo, DDD, 2008

Dieses war, wenn ich mich recht erinnere, die erste CD nach der umfangreichen Restaurierung 2004-2007 durch Bernard Hurvy - herzliche Empfehlung!

Gruß
Karsten

So sehr ich Louis Robilliard als Interpreten und die Cavaillé-Coll-Orgel in Orléans schätze, bei der Kombination Widor/Cavaillé-Coll gebe ich diesen beiden Einspielungen den Vorzug:

Widor: Sinfonien Nr. 5 und 6 - Daniel Roth (Saint-Sulpice, Paris)
Widor: Symphonie Gothique & Symphonie Romane - Daniel Roth (Saint-Sulpice, Paris)

Gruß,
Martin

Widor-Toccata

Karsten @, Samstag, 13. September 2014, 15:24 (vor 4433 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von Karsten, Samstag, 13. September 2014, 15:33

So sehr ich Louis Robilliard als Interpreten und die Cavaillé-Coll-Orgel in Orléans schätze, bei der Kombination Widor/Cavaillé-Coll gebe ich diesen beiden Einspielungen den Vorzug:

Widor: Sinfonien Nr. 5 und 6 - Daniel Roth (Saint-Sulpice, Paris)
Widor: Symphonie Gothique & Symphonie Romane - Daniel Roth (Saint-Sulpice, Paris)

Oh, meine CD-Empfehlung war allgemein und nicht im Sinne einer Referenzempfehlung gemeint.

Das Originalinstrument und Daniel Roth als Interpret sind natürlich (meistens) eine ideale Kombination. Die zweite Einspielung der Fünften (JAV) wurde ja heiß erwartet, vor allem wegen der tollen Aufnahme der Nummern 9 und 10. Mich enttäuschte die Neuauflage der 5ten aber insgesamt gesehen ein wenig, so dass ich der frühere Aufnahme in St. Sulpice (Motette) trotz der schlechteren Aufnahme-Qualität zumindest bei der Toccata den Vorzug gebe.
Um bei der Toccata zu bleiben: Bei der Neuaufnahme sind mir die agogischen Verzögerungen und Stauungen (z.B. vor dem ersten Pedaleinsatz oder Doppelpedaleinsatz) schlicht zu groß. Das ist in Relation zu den durchlaufenden 16tel fast schon eine Pause, die den Fluss unterbricht. Und dieses extreme rallentando der letzten 16tel-Gruppen vor den Schlussakkorden ist - sagen wir mal - "maniriert". Jedenfalls vergällt mir das etwas die Freude an dieser Neuauflage...
Aber das ist Jammern auf hohem Niveau :)


Gruß
Karsten

Widor-Toccata

Flûte harmonique, Samstag, 13. September 2014, 15:29 (vor 4433 Tagen) @ Karsten

Die frühere Aufnahme in St. Sulpice gefällt mir besser.

Gruß
Karsten

Du meinst die Motette-CD von 1987 mit Widors 5. und 10. Symphonie? Interpretatorisch herrlich, aber die Orgel war damals in keinem guten Zustand.

Gruß,
Martin

Widor-Toccata

Karsten @, Samstag, 13. September 2014, 15:38 (vor 4433 Tagen) @ Flûte harmonique

Die frühere Aufnahme in St. Sulpice gefällt mir besser.

Gruß
Karsten


Du meinst die Motette-CD von 1987 mit Widors 5. und 10. Symphonie? Interpretatorisch herrlich, aber die Orgel war damals in keinem guten Zustand.

Ja, soviele CD-Aufnahmen der 5. Orgelsinfonie von Widor mit Roth an St. Sulpice gibt es ja (leider) nicht ;) Aber ich habe es präzisiert.

Gruß
Karsten

Töne weglassen

Willscher, Freitag, 12. September 2014, 11:06 (vor 4434 Tagen) @ hintersatz

Bei einer Bach-Fuge Töne wegzulassen, würde wohl als Sakrileg angesehen, bei einem Stück aus dieser romantischen Zeit ist ein Weglassen von Tönen oder Verändern des Stücks aus technischer Notwendigkeit durchaus zulässig.

Das meine ich auch. Ergänzend: Wenn ein Komponist so schreibt, daß es mit kleinen Händen nicht machbar ist, ist er schlicht unfähig. und selber schuld, wenn man dann Töne wegläßt. Aber Widor hätte sich bestimmt nicht beklagt, daß einer wegen kleiner Hände Töne wegläßt. Ich denke da auch an Langlais, der mir sagte, ich solle einfach Töne weglassen, wenn die Orgel den geforderten Manualumfang nicht hat.

Gruß

Andreas

Töne weglassen

hintersatz, Freitag, 12. September 2014, 20:33 (vor 4434 Tagen) @ Willscher

Ergänzend: Wenn ein Komponist so schreibt, daß es mit kleinen Händen nicht machbar ist, ist er schlicht unfähig. und selber schuld, wenn man dann Töne wegläßt.

es sei den, er arbeitet kontrapunktisch. Auch beim alten Bach gibt es bereits in den 3-stimmigen Sinfonien Stellen, die auf dem Klavier auch bei guter Handweite nicht spielbar sind. Es mag einerseits an der bei Cembalo und historischer Orgel kleineren Tastenbreite liegen, zum anderen vielleicht auch an der Intention des alten Herren, den Kontrapunkt auf den Punkt zu bringen, egal der technischen Machbarkeit - was spricht dagegen, als Koch dem Gast etwas vollkommen Unverdauliches vor-zu-setzten, und zu gucken, was der damit macht ?

Töne weglassen

Hilbrands @, Samstag, 13. September 2014, 11:53 (vor 4433 Tagen) @ Willscher
bearbeitet von Hilbrands, Samstag, 13. September 2014, 11:57

Gustav Leonhardt listet in seiner Abhandlung über die Kunst der Fuge zahlreiche Stellen in den Werken Bachs auf, die nicht mit zwei Händen (und Füßen) gespielt werden können. Die blumige Bach-Anekdote gewinnt dadurch wieder ganz neue Relevanz:

"Von Klangfülle war er so besessen, dass er - abgesehen von seinem fortwährenden exzessiven Pedalspiel - diejenigen Tasten mit einem Stöckchen im Mund herunterdrückte, die er im jeweiligen Augenblick weder mit Händen noch mit Füßen erreichen konnte." - Charles Burney, 1776

Gruß,
Walter

Töne weglassen

MAT @, Montag, 15. September 2014, 11:52 (vor 4431 Tagen) @ Hilbrands

Wie schade, dass sich keines dieser Stöckchen erhalten hat. Das wäre ja eine Reliquie mind. 2. Ordnung. :-)

--
Gruß
MAT

Widor-Toccata - OL und SKB-Videoanalyse...

jrbecker @, Freitag, 12. September 2014, 09:46 (vor 4434 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Hier gerade noch zu erkennen: Er spielt das "e" in der rechten Hand mit...

Und er lässt - wenn ich es richtig erkannt habe - das "e" weg...

LG
Jörg

Widor-Toccata - OL und SKB-Videoanalyse...

jrbecker @, Freitag, 12. September 2014, 14:29 (vor 4434 Tagen) @ jrbecker

Hier gerade noch zu erkennen: Er spielt das "e" in der rechten Hand mit...

Wobei man an dieser Stelle erkennt, dass er sogar noch weiter greifen kann (c-f) - zugegeben, mit einem kleinen Trick...
LG
Jörg

Widor-Toccata - OL und SKB-Videoanalyse...

mh @, Montag, 15. September 2014, 12:33 (vor 4431 Tagen) @ jrbecker

Hier gerade noch zu erkennen: Er spielt das "e" in der rechten Hand mit...

Und er lässt - wenn ich es richtig erkannt habe - das "e" weg...

LG
Jörg

Sehr aufschlussreich - danke!
Leider kann man nicht mehr sehen, ob Latry das letzte der 3 e spielt oder nicht. Dieser Ton ist recht fies mit recht mitzugreifen.
Gruß
MH

Widor-Toccata

Flûte harmonique, Freitag, 12. September 2014, 12:17 (vor 4434 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Flûte harmonique, Freitag, 12. September 2014, 12:25

....indem man das besagte e unterschlägt. Es fällt nicht weiter auf. (Vielleicht kann man ja bei entsprechend ausgestatteten Orgeln mit Pedal-Superkoppel das e mit dem rechten Fuß antippen und vor dem Pedaleinsatz dann blitzschnell noch die Kombination wechseln....achung, nicht so ganz ernstgemeint.....) Am ehesten könnte ich es noch mit der rechten Hand spielen, aber das hängt dann auch von den Tastenmensuren ab, und die Versuchung, die Achtel dann als Sechzehntel zu spielen, ist natürlich da.

Was spricht denn dagegen (oder: wer verbietet es), das obere e des Akkordes mit der rechten Hand zu spielen? Die rechte Hand muss nur dreimal kurz eine Oktave greifen, und natürlich werden die notierten Achtel der linken Hand an dieser Stelle zu Sechzehnteln, da durch die repetierten Akkorde die Notenwerte halbiert werden.


Ähnlich ist es übrigens bei der 6. Symphonie: bei den vollgriffigen Akkorden vor allem in deren 1. und letzten Satz käme ich auch an die Grenzen (wenn ich's denn mal ernsthaft üben würde). Widor, Franck, Vierne - die müssen Riesenpfoten gehabt haben. Guilmant hatte kleine Hände - was ihn nicht nur von den anderen, sondern auch von Rachmaninov unterschied....

Überdurchschnittlich große Hände hatten Vierne und Widor nicht, was man anhand zahlreicher Bilder (und Zeitzeugenberichten) überprüfen kann. Eher schlanke Hände mit nicht sehr breitem Handrücken, aber längeren Fingern. Weitere Griffe als Dezimen wie c-e oder f-a habe ich in ihren Orgelwerken nicht gefunden.

Anders bei Franck: er hatte Hände, die ihm erlaubten, mühelos ein Intervall wie e-gis (z. B. im Mittelteil des "Final") zu greifen.

Dass Guilmant kleine Hände hatte, kann ich nicht ganz glauben: zwar schreibt Hans Uwe Hielscher in seinem Buch, dass Guilmant gerade noch eine None greifen konnte, aber andererseits spielte er regelmäßig Orgelwerke von Franck, Vierne und auch Rheinberger in seinen Konzerten, bei denen sich Dezimenspannen nicht immer umgehen lassen, und auch sein eigenes Werk "Marche funèbre et chant séraphique", das an exponierter Stelle am Schluss Dezimen in beiden Händen erfordert. Alexandre Guilmant hatte, anhand der existierenden Bilder zu urteilen, Hände mit nicht sehr langen Fingern, aber einem breiten Handrücken.

Gruß,
Martin

Widor-Toccata

mh @, Montag, 15. September 2014, 12:31 (vor 4431 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

....indem man das besagte e unterschlägt. Es fällt nicht weiter auf.

Finde ich schon: Die linke Hand läuft vorher eine Zeit lang dreistimmig und verdichtet sich dann vierstimmig zum Pedaleinsatz hin. Wenn ausgerechnet die letzten Akkorde wieder dreistimmig werden ist's schon dünn. Außerdem ergibt sich eine Linie cis-d-e (Leittonwirkung)-f die unterbrochen wird. Wenn, dann nur das letzte der drei e ...
Gruß
mh

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