Bericht: neue gotische Orgel mit Taubenei-Mensur

Orlos @, Donnerstag, 28. August 2014, 23:35 (vor 4447 Tagen)

In Bremen-Walle steht zur Zeit für ein paar Wochen die neue "früh-mittelalterliche" Orgel, erbaut von van der Putten. Auf der Homepage wird von dem Instrument berichtet, auch hier.
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Es gibt ein 8'-Grundregister. Laut Homepage ist es zweifach besitzt. Um ehrlich zu sein, ist mir das beim Spielen überhaupt nicht aufgefallen, es gab keinerlei Verstimmungen (vielleicht ziehen sich die Pfeifen auch an, weshalb man keine Unsauberkeiten hört). Zwei Register sind dazuschaltbar: Eine Quinte 5 1/3' und eine Oktave 4'. Die Schieber befinden sich rechts:
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Alle Pfeifen haben die gleiche Mensur, das berühmte Taubenei.
Das führt dazu, dass der Bass im 8' wie ein Streicher klingt, der Diskant im 4' dagegen wie eine weite Flöte. Hält man sich überwiegend in der Mittellage des 8' auf, ist das nicht weiter störend. Spielt man in extremen Lagen, ist es auffällig. Vor allem der Flötenton bei den hohen Pfeifen hat mich irritiert, das ist das Gegenteil eines einheitlichen Registerklangs.
Schaut man sich die Pfeifen genau an, erkennt man bei den tiefsten Pfeifen im 8' Seitenbärte. Wahrscheinlich würden sie sonst nicht ansprechen. Ich halte das für fragwürdig, ob man im frühen Mittelalter tatsächlich Seitenbärte baute oder nicht doch eine weitere Mensur genommen hätte (oder kleinere Tastaturumfänge!).
Die Quinte 5 1/3' ist extrem irritierend. Einstimmig ergibt sich ein typischer Organum-Effekt (Quintparallelen), aber im akkordischen Spiel klingt es sehr befremdlich.
Die Orgel ist nicht mitteltönig, sondern pythagoreisch temperiert. Das mag extravagant erscheinen, in der Praxis ist das aber eine erstaunlich schöne Temperierung, die auch bei den Halbtönen für ein entspanntes Hören sorgt, deutlich weniger Härten als bei der Mitteltönigkeit. Man hat mir erzählt, dass auch Kirchenorgeln in Ostfriesland (vielleicht) so gestimmt waren. Aus meiner Sicht spricht da wenig dagegen, wenn man damit herumspielt.
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Die Tasten sind ungewohnt kurz und breit, aber nach einer kleinen Eingewöhnung kam ich damit zurecht, sogar mit Obertasten zu spielen. Da die Orgel viel Wind hat, macht das akkordische Spiel Freude, die tiefsten Töne kann man auch mit einem einfachen Pedal drücken.
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Die Bälge in Form von Schmiedebälgen kamen mir reichlich "labberig" vor, die Betätigung erfordert viel Übung. Es gibt hier aber auch ein verstecktes elektrisches Gebläse.

Ist das nun eine gotische Orgel? Roland Eberlein sieht das sehr kritisch, ein erhellendes pdf-Dokument dazu gibt es hier.
Wenn die Orgeln damals tatsächlich so geklungen haben, wie diese Putten-Orgel, waren es vielseitige, nützliche und wohlklingende Instrumente. Man kann damit viel mehr machen, als einstimmig die "Pfundnoten" der frühen Mehrstimmigkeit (Organa) zu spielen.


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