Nashorn & Co. - Reisebericht Ostfriesland
Familienurlaub an der Nordseeküste. Wetterbedingt war der Strand nicht so attraktiv, so sind wir viel herumgefahren und haben uns schöne Orte angeschaut. Dabei sind natürlich auch einige Orgeln vor die Kameralinse geraten. Manche Orgeln konnte man in Konzerten oder Gottesdiensten erleben, andere durfte ich selbst spielen, manchmal sogar spontan ohne vorige Kontaktaufnahme.
Um zuerst die seltsame Überschrift aufzulösen: In Dornum gibt es im HW das Register "Nashorn 3'". Das herrlich geschnitzte Orgelgehäuse der Holy-Orgel thront mächtig über der Empore.
Das dreimanualige Instrument ist 1998 von Ahrend restauriert worden. Am Spielschrank klingt es sehr ausgewogen, schöne Einzelstimmen, ganz reizvolle Zungenstimmen, vor allem die kurzbechrigen. Die Trompeten sind eher dunkel und nicht gerade donnernd, aber das ist hier oft so.
Der Spielschrank benötigt etwas Zeit, bis man die Verteilung der Register verstanden hat, Koppeln und Sperrventile gefunden hat (oder eben nicht, weil es einige erwartete Koppeln nicht gibt!). Gefehlt hat mir auch ein Cymbelstern. Das Plenum klingt voll, aber nicht brutal. Man könnte es auch als vornehm bezeichnen. Das Nashorn ist ein schöner Nasard.
Im Sommer finden freitags um 21 Uhr Konzerte bei Kerzenschein statt, die Werbung dafür ist in der ganzen Region omnipräsent.
Eine ganz frische (in beiden Bedeutungen!) Restaurierung erlebte ich in Buttforde.
Ahrend brachte 2012 das kleine Instrument wieder auf Vordermann.
Die Orgel hat mir sehr gut gefallen. Man sitzt am Spielschrank direkt unter der Lade und bekommt den kernigen Klang sehr gut mit. Der klare, transparente Prinzipalchor mit glänzender Mixtur, die man mit dem Sesquialter zur Terzmixtur färben kann. Die erstaunlich kraftvolle Trompete lässt sich mit dem Sesquialter auch schön einfärben, dann geht es fast schon Richtung Grand-Jeu. Der Nassat passt zu den schönen Flöten. Irritierend ist, dass die Aliquotregister durch das ganze Manual laufen, man kann sie also nicht leiser begleiten. Da das Pedal nur angehängt ist, gibt es hier auch keine eigenständige Begleitung.
Mir gefällt die zupackende Intonation des Instruments von 1681. Ich fühlte mich an die hiesigen neueren Restaurierungen erinnert (Klais, Rainer Müller, Förster&Nicolaus), die den Stumm-Orgeln auch ihre mitreißende Pracht wiedergegeben haben. Wie mir erzählt wurde, ist dieser neue (kräftigere) Ansatz in Ostfriedland nicht unumstritten.
In Leer konnte ich bei Ahrend eine neue Orgel für Japan bewundern. In der Stadt habe ich leider keine Orgel hören können, die Orgel in der Großen Kirche wird gerade restauriert. Hier immerhin ein Bild von der Lutherkirche
Die große Schnitger-Orgel in Norden konnte ich in einem langen und sehr gut besuchten Orgelkonzert erleben.
Abends wird das Photographieren nicht brillant, aber die Orgel lässt sich sowieso nicht als Ganzes auf ein Bild bringen. Wahrscheinlich klingt die Orgel an jeder Stelle der Kirche ein wenig anders. Ich saß im Langschiff, wo das Pedal natürlich sehr präsent zu hören ist, auch das Rückpositiv ist hier klar zu orten. Das Hauptwerk ist ein bisschen verschattet, der Rest kommt äußerst reizvoll als Echowerk zum Zuhörer. LKMD Winfried Dahlke vom Organeum in Weener ist Spezialist und für solche Orgeln ein äußerst kompetenter Interpret. Er fand schöne Registrierungen. Präludien von Böhm kamen sehr gut, auch in der Polyphonie gut durchhörbar. Von Bach gab es "Kuckuck und Henne" sowie zwei Vivaldi-Bearbeitungen. Das große C-Dur-Konzert kam mir dann doch recht lang und langatmig vor, was nicht am Spieler liegt.
Die Orgel klingt groß und farbig, aber nicht dominant. Der Raum ist voluminös, vor allem der hohe Chor. Obwohl die Orgel quasi in der Mitte der Kirche steht, ist der Klang eher zurückhaltend. Auf CDs klingt sie präsenter.
In der katholischen Kirche in Norden steht eine optisch interessante Orgel von 1890, allerdings hat Sauer 2007 dort ein neues Werk eingebaut.
Ausführlich konnte ich mir die Orgel in Werdum anschauen, eine zweimanualige mechanische Kegelladenorgel von 1898 (?). Die Mechanik wirkte etwas älter. Die Pedalkoppel funktionierte nicht ganz zuverlässig, ansonsten ist es ein robustes Instrument.
Sehr schön klingen die Flöten und die Streicher. Das Fehlen einer Mixtur ist auffällig, hier kommt einfach nicht der typische Orgelplenumklang zustande. Die Trompete verliert im Diskant an Lautstärke, so dass die Orgel eher basslastig klingt. So ganz überzeugte mich das Instrument nicht.
Hier noch ein paar schöne Prospekte in alten Dorfkirchen, die oft erstaunlich groß sind. (Mir hat man erzählt, die erhöht stehenden Kirchen dienten bei Sturmfluten auch als Evakuierungsort für die ganze Dorfbevölkerung, weshalb sie recht groß sein mussten.)
In Varel durfte ich am Wochenende die katholischen Messen spielen.
In der erstaunlich geräumigen Kirche aus den 1960er Jahren steht eine vielseitige Orgel aus Süddeutschland: Reinhart Tzschöckel baute hier 1996 eine neue Orgel. Mechanische Spieltraktur und elektrische Registertraktur (Setzerkombinationen), mit einer interessanten Disposition im Schwellwerk.
Die beiden unterschiedlichen 4' färben die 8' verschieden ein, die zweimal repetierende Rauschpfeife gibt eine Klangkrone. Ich hätte sie mir noch ein wenig tiefer vorstellen können. Die Oboe ist kräftig, so dass sich ein ordentlicher Schwellwerk-Sound ergibt. Am Spieltisch lässt sich das HW nur schlecht einschätzen, weil man direkt vor dem SW sitzt. Die Zungen sind ordentlich, hübsch auch das Cornett im HW. Nach den vielen norddeutschen Barock-Orgeln war das ein netter Kontrast. Schön die hallige Akustik, diesmal keine stumpfe Dorfkirche.
Hier noch die Orgel der Schlosskirche in Varel, nun mit einem Werk von Schuke:
Ohne Photoapparat waren wir in Aurich, wo ich die frühe Ahrend&Brunzema-Orgel von 1961 spielen konnte. Wer hiesige Instrumente aus dieser Zeit kennt, kann ermessen, welche revolutionäre Wirkung diese Orgel gehabt haben muss. Noch heute sind der Klang und das Spielgefühl überzeugend. Allerdings ist immer noch nicht das vorgesehene Brustwerk eingebaut und die fehlenden Tastenbeläge könnte man auch 'mal reparieren.
In der Nachbarschaft stehen eine recht neue Edskes-Orgel sowie eine durch van der Putten restaurierte Orgel von Gerd Sieben Janssen (1836/38).
Selbstverständlich waren das nicht alle bedeutenden Orgeln in Ostfriesland. Außerdem haben wir keine Orgelreise unternommen, sondern einen (verregneten) Familienurlaub. Ich bin froh, dass Ehefrau und Kinder tolerant genug sind, Papas Orgelinteresse mitzumachen. Insofern war die "Ausbeute" viel größer als gedacht bzw. geplant.