Was Reger so spielt (war: Trotter in Trondheim)
Laut William Whitehead, dem art.director des Reger Projektes, ist eine Einspielung mit Reger in Trondheim geplant.
Und was spielt Reger dann voraussichtlich? ;-)
Das erinnert mich daran, dass ich das Forum auf diese Doppel-CD aufmerksam machen wollte.
Das Musikautomatenmuseum Seewen hat nicht nur eine hervorragend restaurierte Welte-Philharmonie-Orgel, sondern unterhält auch ein Restaurierungsprogramm für historische Rollen. Dort hat man alle verfügbaren Kopien der berühmten Reger-Rollen von 1913 gesammelt, ausgewertet und daraus verlässliche neue Wiedergaberollen gewonnen. Außerdem haben die Seewener inzwischen einigermaßen sicher herausgefunden, wie schnell die Rollen zu laufen hatten. Man kann also in hervorragenden Aufnahmen Regers Originalinterpretationen am Originalinstrument hören, und das klingt zum Teil ziemlich anders als auf den bisher veröffentlichen Schallplatten von den Rollen.
Was er spielt: Lauter »sanfte Heinriche«. Das Benedictus aus Opus 59 dreht am meisten auf, alles andere ist lyrisch, homophon und grundstimmig und ziemlich frei in Tempo und Notentext – trotzdem schön zu hören. Und es stimmt, was im Booklettext zu lesen ist: Es wird immer besser – die Rollen wurden in einer bestimmten Reihenfolge aufgenommen und nummeriert, und in der erklingen sie auch auf der CD. Der Meister spielt sich hörbar warm. Das macht ihn nicht zum Meister-Organisten, aber zum achtbaren immerhin.
Zu dem Album gehört aber noch eine zweite CD. Auf der spielen Günther Ramin, Kurt Grosse, Walter Fischer und Joseph Messer große Reger-Sachen. Ramin mit Toccata und Fuge aus op. 129: rasend expressiv, Fritz-Lang-mäßig; Walter Fischer (der am 3. 3. 1905 in der Neuen Garnisonkirche Berlin Opus 73 uraufgeführt hatte) mit Kyrie und Gloria aus op. 59: ein Arpeggio-Künstler, der mit unvorhersehbaren Brechungen das Stimmengewebe in Fluss hält; ähnlich Joseph Messner, damals schon Salzburger Domorganist. Gänzlich umwerfend sind Kurt Grosses B-A-C-H und »Wachet auf«. Vor allem in den Fugen sind zwar auch viele Fehler zu hören. Aber der hat ein Feuer, einen virtuosen Biss, da geht einem der Hut hoch – musikalisch in der Liga Ander-Donath, wenn auch nicht ganz mit dessen Virtuosität. Grosse ist im 2. Weltkrieg verschollen, sonst hätte die Orgelwelt sicher noch von ihm gehört.
Ein bisschen nervt der den großen Stücken beigegebene digitale Schluss-Nachhall, den es in dem Museum nicht gibt. Er ist aber sehr dezent, und vielleicht tut er der sehr energischen, streicher- und zungenbetonten und zwangsläufig aus der Nähe aufgenommenen Welte-Orgel insgesamt auch gut.
Und bei all dem nicht vergessen: Reger-Aufnahmen aus der Regerzeit oder unmittelbar danach, zwischen 1913 und 1923 – volldigital. Higher-Fi geht nicht. Großer Spaß, große Empfehlung!
Viele Grüße
Friedrich
Was Reger so spielt (war: Trotter in Trondheim)
Das Musikautomatenmuseum Seewen hat nicht nur eine hervorragend restaurierte Welte-Philharmonie-Orgel, sondern unterhält auch ein Restaurierungsprogramm für historische Rollen. Dort hat man alle verfügbaren Kopien der berühmten Reger-Rollen von 1913 gesammelt, ausgewertet und daraus verlässliche neue Wiedergaberollen gewonnen. Außerdem haben die Seewener inzwischen einigermaßen sicher herausgefunden, wie schnell die Rollen zu laufen hatten. Man kann also in hervorragenden Aufnahmen Regers Originalinterpretationen am Originalinstrument hören, und das klingt zum Teil ziemlich anders als auf den bisher veröffentlichen Schallplatten von den Rollen.
Hier spricht David Rumsey mit Kimberly Marshall und Henrico Stewen darüber (auf englisch).
Gruß, Florian
Was Reger so spielt (war: Trotter in Trondheim)
Hier spricht David Rumsey mit Kimberly Marshall und Henrico Stewen darüber (auf englisch).
Sehr interessant, danke für den Link.
Allerdings gibt es bei 4'00 eine problematische Ecke. »Ich versuche, das perfekte Tempo zu finden für das, was ich spiele« – genau das muss jeder Musiker tun, nur mit Ohren, Fingern und Geschmack, also d’accord – »und dann versuche ich, eine Erklärung dafür zu finden [ergänze: wie das zum Notentext passt]. Hier habe ich die Erklärung noch nicht gefunden, aber ich bin sicher, es wird sich eine finden.«
Wenn er so vorgeht und die Ergebnisse auch noch lehrt, dann hat das mit Wissenschaft nichts zu tun – falls er das im Sinn haben sollte, und es klingt so, wenn er die proportio sesquialtera zitiert. Nochmal zum Mitschreiben: Er macht sich intuitiv auf die Suche nach dem passenden Tempo. Dann versucht er, das Notierte mit dem intuitiv gefundenen Tempo in Einklang zu bringen. Damit stellt er Textkritik von den Füßen auf den Kopf. Falls er da – wie angedeutet – Stirnrunzeln im Publikum wahrnimmt, dann zu Recht.
Zum Beispiel lehrt er hier mit der Autorität des guten Regerspielers, dass die Metronomzahlen als »full swing«, als Doppelschläge zu lesen wären: Zählzeit = zweimal »klack«. »Nur bei diesen beiden Stücken da haut das nicht hin, mal sehen, was wir uns da überlegen.« Wie kommt er darauf? Welche Quellen kann er anführen, die belegen würden, dass Metronomzahlen als Doppelschläge pro Zählzeit zu verstehen wären – in einer Zeit, als Metronome bereits genormte Massenartikel waren und in der die Musiker ausgebildet wurden, die jene Musiker ausbildeten, bei denen viele von uns gelernt haben? Wann entschlossen sich alle Interpreten in der Musikwelt, von Doppel- auf Einzelschläge pro Zählzeit umzuschwenken? Wann in den letzten 100 Jahren vergaßen sie kollektiv die Doppelschlag-»Regel«?
Tut mir leid, aber so haut das nicht hin. Das ist After-Philologie. Es ist nicht seriös, nach der Formel »Was nicht passt, wird passend gemacht« zu arbeiten und das als Befund zu verkaufen, der Grundlage einer Interpretation sein soll.
Vielleicht ist es für einen in historischer Interpretationspraxis geschulten Spieler wie Stewen erträglicher, so vorzugehen, als einfach zu sagen: Regers Metronomangaben sind höchstens vage, oft auch unbrauchbare Fingerzeige in die Richtung, die das Tempo nehmen sollte. Die Minus-ein-Drittel-Regel, die Klotz von Straube weitergibt, finde ich da noch sympathischer als das Lehren von Hypothesen mit dem Zusatz, dass da schon noch eine philologische Begründung folgen werde.
Wie soll Reger auf die proportio sesquialtera kommen? Kein Wunder, dass Stewen da über sich selber lächeln muss. Es geht ja schließlich nicht um die »Marienvesper«, sondern um Stücke, die gerade einmal 100 Jahre alt sind.
Viele Grüße
Friedrich
Was Reger so spielt (war: Trotter in Trondheim)
Hier spricht David Rumsey mit Kimberly Marshall und Henrico Stewen darüber (auf englisch).
Sehr interessant, danke für den Link.Allerdings gibt es bei 4'00 eine problematische Ecke. »Ich versuche, das perfekte Tempo zu finden für das, was ich spiele« – genau das muss jeder Musiker tun, nur mit Ohren, Fingern und Geschmack, also d’accord – »und dann versuche ich, eine Erklärung dafür zu finden [ergänze: wie das zum Notentext passt]. Hier habe ich die Erklärung noch nicht gefunden, aber ich bin sicher, es wird sich eine finden.«
Schmunzel...da war so eine Geschichte mit Arnold Schoenberg...