Bericht: Thomas Trotter in Trondheim....

Gast @, Montag, 18. August 2014, 14:46 (vor 4465 Tagen)

Hi folkens,
Dann versuche ich mich auch einmal an einer Konzert- und Orgelkritik :-)
(Ich sage gleich vorweg: Bilder gibt es leider(?) keine. In der besagten Kirche sind sowohl Foto- als auch Videoaufnahmen streng verboten – auch wenn das in erster Linie wohl kommerzielle Gruende hat :-(, habe ich es trotzdem respektiert und die Kamera gleich im Hotel gelassen.)

In diesem Sommer haben meine Frau und ich eine 2-Wochen-Tour durch Mittelnorwegen gemacht, und Hoehepunkt dieser Tour sollte das Abschlusskonzert der St.-Olavs-Festtage am 3.8. werden. Immerhin haben wir anscheinend sehr frueh das Ticket bestellt – wir haben Nr. 33 und 34 bekommen :-)
Nun gab es aber keine nummerierten Plaetze, und wir sind eigentlich nur zuefallig ca. 1 Stunde vorher am Dom vorbeigekommen (Wer es nicht weiss: Die eigentliche Innenstadt von Norwegens drittgroesster Stadt ist nicht mehr als ungefaehr 2 Quadratkilometer gross…).
Ich habe auf jeden Fall nicht erwartet, dass sich bereits da eine Schlange von ca. 150 Menschen vor dem Tor gebildet hat: Also schnell anstellen, beim Einlass (= eine halbe Stunde vorher) war die Schlange schon auf ueber 400 Meter angewachsen, dass Ende reichte schon fast ums Quartal…..

Nein, diesmal war es nicht CC :-)
Aber das Programm hat sich trotzdem wohl ziemlich „lecker“ gelesen (auch wenn wir beide anscheinend den Altersdurchschnitt der Besucher augenscheinlich doch deutlich gesenkt haben):
Thomas Trotter an der frisch restaurierten und erst am 18.5. diesen Jahres wiedereingeweihten Steinmeyerorgel von 1930 (127 Register + 11 Tr. verteilt auf 7 Werke, Restaurierung durch Kuhn) zusammen mit dem Trondheim Symfoniorchester unter Leitung von Peter Szilvay.
Da wir dann doch noch relativ frueh da waren, haben wir grade noch mit Ach und Krach zwei Sitzplaetze im Westschiff ergattern koennen – direkt vor der Vierung des Turmes, und direkt gegenueber dem Solowerk – was sich spaeter noch als etwas unguenstig erweisen sollte. Wir sassen so vielleicht ca. 20-25m (???) von Orchester und Orgel entfernt.
Das Kirchenschiff war zu Konzertbeginn durchaus gut gefuellt, auch wenn es ganz hinten im Chorraum noch vielleicht 3-5 frei Sitzreihen gab und die Seitenschiffe gar nicht besetzt waren. Es ist natuerlich schwer abzuschaetzen, aber ca. 1200 Besucher duerften wohl schon gekommen sein?
Dann ging es los: Begruessung durch eine leider ziemlich uebersteuerte (und zudem das ganze Konzert ueber rauschende  ) Lautsprecheranlage. Aber das war auch leider wirklich noetig, um den „Tumult“ der Masse irgenwie einzudammen…

Erstes Stueck war die „Cortege et litanie“ von Dupre.
Da ich das Stueck noch nie vorher gehoert habe, habe ich mich eine sehr ganze Zeit langt gefragt, wo eigentlich die Orgel bleibt? Trotter hat die Orgel wirklich sehr geschickt in den Orchesterklang eingebettet, und hat dabei auch weitestgehend auf Zungen- und Aliquotstimmen verzichtet, was der Balance sehr zugute kam – erst gegen Ende hat er – fast unmerkbar! – die Grundstimmen des Solowerkes nahtlos eingeblendet. Mit 7 Minuten leider ein wirklich zu kurzes Stueck – aber mit Sicherheit das Highlight dieses Konzertes!
Der Beifall war auch dementsprechend.

Als nächstes stand dann von Mendelssohn die „Reformationssymphonie“ auf dem Programm.
Ich habe dieses Stueck bereits einmal vorher live gehoert – kann mir aber trotzdem keine wirkliche Meinung ueber die Interpretation bilden. Hier merkte man eindeutig, dass eine Kathedrale eben doch kein Konzertsaal ist!
In den homophonen Passagen gab es ohne Zweifel etliche wirklich schoene und zauberhaft ausmusizierte Momente – aber vor allem der letzte Satz mit seiner ganzen Kontrapunktik war zumindest bei meiner Sitzposition nur noch ein komplettes „Wischiwaschi“, man hatte teilweise sogar den Eindruck, dass selbst das Orchester im Zusammenspiel „auseinandergefallen“ ist…
Wie haben wohl erst die Zuhoerer ganz hinten im Chorraum dieses Stueck wahrgenomen? Anscheinend genauso wie ich, denn der Applaus war eher hoeflich und zurueckhaltend.

Nun gab es eine Aenderung gegenueber dem urspruenglich veroeffentlichten Programm, was sowohl als Faltblatt als auch ueber (wiederum deutlich verzerrte  ) Lautsprecheransage kundgetan wurde…
1.) 5 Minuten Pause… (Haehh?!?!? Fuer wen: Publikum oder Ausfuehrende?!?!?)
2.) Widors Op. 42,1….. (OMG?!?!?!?!?!?!? WARUM!?!?!?!?)
Na gut, wie auch immer, da muss man dann halt durch :-P

Selbst wenn Trotter den Widor noch mit einen relativ gemaessigtem Tempo gespielt hat, war es in meiner Wahrnehmung immer noch deutlich(!!!) zu schnell fuer den Raum. Teilweise hoehrte sich sein Spiel sogar ziemlich unrhythmisch und gefuscht an - aber ich kann auch nicht ausschliessen, dass es seinerseits bewusste Rubatos gewesen waren….
Die Orgel hat sich definitiv amtlich „franzoesisch“ angehoehrt, und der Einsatz des Doppelpedals hatte schon seine Wirkung, als die 16- und 32-Bombarden richtig „losmarschieren“ durften – auch das Tutti zum Ende war schon ziemlich beeindruckend – wie sich allerdings spaeter herrausstellen sollte, war aber auch dieses noch lange vom „Generaltutti“ entfernt….
Trotter hielt sich relativ streng an die „orginalen“ Registeranweisungen von Widor – die Uebergaenge – speziell zur Reprise! – waren dadurch auf dieser Orgel schon SEHR abrupt, was fuer mich zu einem deutlichen „Fragezeichen“ fuehrt: Wie haette Widor selbst sein „Meisterstueck“ an einer derartigen Orgel gespielt? Haette er die Uebergaenge „gewalzt“ oder nicht?!?
(Ja – ich persoenlich haette die Walze benutzt!)
Auf jeden Fall ist schon etwas irritierend, wenn noch waehrend(!) des Schlussakkordes von den hinteren Plaetzen sowohl „standing ovations“ als auch „Bravo-Rufe“ kommen :-/

Gut, OK - weiter :-))

Letzes Stueck war natuerlich die Orgelsymphony von Saint-Saens – und hier hat Trotter musikalisch weitestgehend an den Dupre angeknuepft – die Balance zumindest in den ersten 3 Saetzen war traumhaft, wobei die Orgel mit wirklich fantastischen Floeten, Streichern und Prinzipalen diesmal doch deutlich mehr in den Vordergrund trat als beim Dupre. Einfach nur traumhaft ausmusiziert!!!

Ueber den letzten Satz habe ich dagegen zwei Meinungen in meiner Brust :-/
Ich kann durchaus verstehen, dass Trotter – ganz zum Schluss! –die Orgel wirklich bis „zum letzten“ ausreizen moechte – andererseits hat dieses fantastische Orchester ein solches „Massaker“ (Und ja, es war ein solches!) definitiv nicht verdient 
Bis zur Haelfte war die Balance soweit noch ganz OK, auch wenn das Orchester schon fast alles gab, was sie hatten. Danach begann Trotter allerdings, weiter „aufzuruesten“ – eigentlich eine sehr gute Demostration darueber, was diese Orgel eigentlich dynamisch kann – aber natuerlich sehr zu Ungunsten des Orchesters. (Keine Ahnung, wo er das alles noch hergeholt hat – ich tippe auf die diversen Oktavkoppeln?)
Ca. 2 Minuten vor Schluss – vom Orchester war zumindestens aus meiner Position mittlerweile nur noch ganz entfernt ein letztes Zucken der Blechblaeser zu hoehren! - fielen wohl fast allen Besuchern gleichzeitig die Kinnlade runter, als die Hochdrucktuben (16,8,4 auf 380mm WS!) im Solowerk ins Spiel kamen… Bereindruckend, rund, weich und da plaerrte oder kreischte auch nichts. Aber alles in einer Lautstaerke, die ich definitiv als Gehoehrsturzgefaehrend einstufe – diese zwei Minuten haben bei mir definitiv dafuer gesorgt, dass ich fast noch den gesamten Abend „Watte auf den Ohren“ hatte…

Standing ovations und langanhaltender Applaus, natuerlich keine Zugabe.

Natuerlich ist es jetzt schwierig, ein Fazit ueber die Orgel zu geben – und leider habe ich es – trotz Kontake! – leider nicht geschafft, selbst mal spielen zu koennen. Aber auf jeden Fall macht die Orgel Lust auf mehr! Hier moechte ich mal gerne einen grossen Reger hoehren (natuerlich gewalzt, nicht gesetzt! ;-) ) oder einen grossen angelikanischen Symphoniker – alles was wirklich lueckenlose Dynamik und Orchesterverwandte Klaenge benoetigt, duerfte hier wirklich optimal sowohl auf die Orgel als auch in diesen Raum passen.

Zur Rekonstruktion muss ich mich selbst erst noch ein bisschen einlesen – das Pfeifenwerk war bis auf ca. 20(?) Register komplett mit den orginalen Aufschnitten(!) von 1930 erhalten. Die anderen 20 – die man beim Umbau in den 60er aus Platzmangel (betraf vor allem das Solowerk und einige 32-16- und 8-Fuesse) eingelagert hatte, gingen leider in den 80ern beim Brand des benachbarten Bischofsitzes verloren. Auch die urspruenglichen – und zum Schluss wirklich desolaten – Taschenladen wurden komplett wiederverwendet, und hier muss man der Firma Kuhn echt einmal Mut und Respekt aussprechen: Die Kirche ist ganzjaehrig beheizt(!), und nach Pflichtenheft muss die Orgel herunter bis 25% RF (!!!) einwandfrei funktionieren…
Die komplette technische Anlage (inkl. Spieltisch) ist natuerlich neu und mit allen moeglichen technischen Firlefanz ausgeruestet, aber in der grundsaetzlichen Anordnung mit dem alten Spieltisch absolut identisch – hier kann man sich also tatsaechlich einfach hinsetzen und die Orgel mit den Spielhilfen „anno 1930“ spielen.

Uebrigens: Fertig ist man in Trondheim immer noch nicht – im naechsten Jahr kommt noch eine norwegische Chororgel 40/II, die bei 6 Choeren im Dom auch dringend gebraucht wird. Beide Orgeln werden dann soweit vernetzt, dass die Chororgel immerhin noch Handregister fuer das Solo- und Fernwerk der Steinmeyerin bekommt (Was fuer die dortige Gemeindepraxis wirklich Sinn macht!), man aber ansonsten nur ueber einen Touchscreen (Was sich fuer mich ziemlich kompliziert anhoehrt…) die Register der jeweils anderen Orgel in die Setzerkombinationen einspeichern kann.
Ich finde es auf jeden Fall sehr sympathisch und respektvoll, dass man hier auf eine Art „Generalspieltisch“ im europaeischen Sinne verzichtet.

Zur Wagner-Orgel im Nordschiff schreibe ich jetzt mal lieber nichts – ich befuerchte, dass ich mich mit meiner Meinung hier auf ziemlich duennes (Glatt-)Eis bewege :-P


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