Einweihung Hildesheim

Holger Friedrich @, Montag, 18. August 2014, 00:08 (vor 4465 Tagen)

Gerade zurück aus Hildesheim möchte ich kurz berichten was ich erlebt habe,
aber erstmal ein paar Bilder:

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Die Orgelweihe war mir ein bisschen zu Chorlastig, gab es doch nur wenige Momente in denen die Orgel solistisch eingesetzt wurde.

Zunächst mal das Programm:

Kyrie, Gloria, Sanctus, Agnus Dei: Widor, Messe für 2 Orgeln und 2 Chöre op. 36
Zur Gabenbereitung gab es noch Cesar Franck, Alleluja Laudate Dominum (Psalm 150)
Zur Kommunionausteilung erklang Frank Bridge, Adagio in E, op. 63,2
Zum Auszug dann Vierne, Finale aus der 6. Symphonie.

Als ich dachte "So, jetzt kannste die Orgel geniessen" brachen auf einmal (fast) alle Gottesdienstbesucher auf und schwirrten wild quatschend durch den Dom, was ich eine Unverschämtheit fand. Der Domorganist wurde dann am Zentralspieltisch belagert von einer Horde Leute die Ihre Smartphones und Kameras gezückt haben, aber das nur am Rande.

Klanglich: Was ich von der Orgel gehört habe hat mich absolut überzeugt. Sie ist
im voll besetzten Dom mächtig und Kraftvoll, aber nicht erdrückend oder gar laut brüllend. Das Instrument klingt ziemlich romantisch und warm, vor allem die kleine Orgel aus der mehr rauskommt als man vielleicht anhand der Disposition vermutet!
Es gab nach der Weihe stündlich die Gelegenheit die Orgel zu hören, was ich dann auch nutzte. Verschiedene Organisten wechselten sich damit ab, somit gab es immer wieder etwas neues zu hören, wie zum Beispiel "Bolero de Concert" von Lefebure-Wely.
Anschliessend war dann immer eine kleine Domführung angesagt.

Sicher werde ich nochmal eines der vielen angekündigten Konzerte besuchen.
Fazit: Tolle Orgel, gut intoniert, passt.
Die Chororgel gefällt mir optisch etwas besser, sieht man hier doch viel warmes Holz wie es sich in den restlichen Einrichtungsgegenständen fortsetzt. Die Hauptorgel ist da mehr Pfeifenlastig angelegt, aber was sich die Architekten manchmal dabei denken muss man ja nicht verstehen. Viel wichtiger ist: Das Ding klingt, und zwar genial.

Einweihung Hildesheim

perotin, Montag, 18. August 2014, 00:24 (vor 4465 Tagen) @ Holger Friedrich

Als ich dachte "So, jetzt kannste die Orgel geniessen" brachen auf einmal (fast) alle Gottesdienstbesucher auf und schwirrten wild quatschend durch den Dom, was ich eine Unverschämtheit fand.

... wie leider oftmals üblich in katholischen Kirchen.

Der Bischof (oder wer sonst dem Gottesdienst vorsteht) sollte es - wenigstens in solchen speziellen Fällen - schaffen, unmittelbar vor der Entlassung eine entsprechende Ansage zu machen. Etwa:
"Zum Schluss spielt uns Herr ... ein besonders schönes und freudiges Orgelstück, und zwar..... Das hören wir uns alle zusammen jetzt noch an. Wer schon gehen möchte, möge dies bitte möglichst leise tun."

Einweihung Hildesheim

3rd_astronaut, Montag, 18. August 2014, 01:09 (vor 4465 Tagen) @ perotin

Als ich dachte "So, jetzt kannste die Orgel geniessen" brachen auf einmal (fast) alle Gottesdienstbesucher auf und schwirrten wild quatschend durch den Dom, was ich eine Unverschämtheit fand.

... wie leider oftmals üblich in katholischen Kirchen.

Der Bischof (oder wer sonst dem Gottesdienst vorsteht) sollte es - wenigstens in solchen speziellen Fällen - schaffen, unmittelbar vor der Entlassung eine entsprechende Ansage zu machen. Etwa:
"Zum Schluss spielt uns Herr ... ein besonders schönes und freudiges Orgelstück, und zwar..... Das hören wir uns alle zusammen jetzt noch an. Wer schon gehen möchte, möge dies bitte möglichst leise tun."

Noch viel einfacher ist es, wenn der Bischof sich zum Nachspiel hinsetzt. Dann wagt *keiner* den Aufbruch. Natürlich muss dann im Gequatsche ausgezogen werden, aber das ist dann halt mal bei dem Anlass so...

Einweihung Hildesheim

Wolfgang Gourgé @, Montag, 18. August 2014, 02:57 (vor 4465 Tagen) @ Holger Friedrich


Kyrie, Gloria, Sanctus, Agnus Dei: Widor, Messe für 2 Orgeln und 2 Chöre op. 36
Zur Gabenbereitung gab es noch Cesar Franck, Alleluja Laudate Dominum (Psalm 150)
Zur Kommunionausteilung erklang Frank Bridge, Adagio in E, op. 63,2
Zum Auszug dann Vierne, Finale aus der 6. Symphonie.

Als ich dachte "So, jetzt kannste die Orgel geniessen" brachen auf einmal (fast) alle Gottesdienstbesucher auf und schwirrten wild quatschend durch den Dom, was ich eine Unverschämtheit fand. Der Domorganist wurde dann am Zentralspieltisch belagert von einer Horde Leute die Ihre Smartphones und Kameras gezückt haben, aber das nur am Rande.

...tja - das ist der Nachteil von Spieltischen, die unten stehen und nicht vom Publikum abgeschirmt sind, sei es durch Sperren, eine Plazierung auf einem höheren Podest oder ähnliches (ich weiß es aus eigener Erfahrung...). Hier bekommt man am Schluß etwas von der einsetzenden "Völkerwanderung" mit. Ebenso unmöglich wie die "Belagerung" des Organisten ist allerdings auch das Filmen...(in der Münchner Frauenkirche steuerte sogleich eine Domwache auf mich zu, als ich 2009 zu Beginn einer Vorabendmesse noch die Kamera in der Hand hatte...). Ich glaube übrigens nicht, daß der mechanische Spieltisch oben über eine Alibi-Rolle hinauskommt. So, wie er positioniert ist, dürfte es bei kräftigeren Registrierungen an ihm so laut zugehen, daß der Spieler keine akustische Kontrolle mehr hat.

Klanglich: Was ich von der Orgel gehört habe hat mich absolut überzeugt. Sie ist
im voll besetzten Dom mächtig und Kraftvoll, aber nicht erdrückend oder gar laut brüllend. Das Instrument klingt ziemlich romantisch und warm, vor allem die kleine Orgel aus der mehr rauskommt als man vielleicht anhand der Disposition vermutet!

....mich interessiert z.B., ob sich die Contrebombarde 32', die ganz hinten in der Nische steht, in großen Registrierungen noch klanglich durchsetzt und ob das weit in den Raum ragende RP nicht "überpräsent" ist im Verhältnis zu den anderen Teilwerken. Bei der Chororgel fällt auf, daß sie den Chor nur von der Seite "bestrahlt" (was anders wohl auch nicht möglich war), also nicht flächig von hinten, wie es bei einem Chor eigentlich der Idealfall sein dürfte. - Ich werd's mir wahrscheinlich noch im August selbst anhören.

Gruß,
Wolfgang

Einweihung Hildesheim

Holger Friedrich @, Montag, 18. August 2014, 04:24 (vor 4465 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Ich hatte schon den Eindruck dass die Teilwerke gut ausgeglichen sind und da nichts heraus sticht oder Überpräsent ist. Die 32' machen das was sie sollen, "gut grummeln von unten" Sicherlich nicht so wie man es aus Paris kennt, aber an manchen Stellen im Dom kracht es schon ganz gut. Der Dom ist ja auch nicht übermäßig groß somit finde ich es grade richtig wie es jetzt ist. Es ist ja auch nicht der Normalfall dass der Dom so voll ist. Die Orgel wird auf ein gut gefülltes Mittelschiff hin intoniert worden sein.
Interessant wäre es die Orgel mal im leeren Dom zu hören ohne störende Geräusche.

Einweihung Hildesheim

Rochus Schmitz ⌂ @, Münster, Montag, 18. August 2014, 17:42 (vor 4465 Tagen) @ perotin

Als ich dachte "So, jetzt kannste die Orgel geniessen" brachen auf einmal (fast) alle Gottesdienstbesucher auf und schwirrten wild quatschend durch den Dom, was ich eine Unverschämtheit fand.

... wie leider oftmals üblich in katholischen Kirchen.

Ja, normal halt ...

Einweihung Hildesheim

MAT @, Dienstag, 19. August 2014, 07:46 (vor 4464 Tagen) @ Holger Friedrich
bearbeitet von MAT, Dienstag, 19. August 2014, 07:55

Ist es nicht wunderbar, wie sich der neue Prospekt der romanischen Formensprache bedient? ggg

Auch die Chororgel fügt sich harmonisch in den gotischen Spitzbogen ein. Man beachte den ausgefeilten Verlauf der Labien. Ein zumindest optisch ganz großer Wurf. pfft

--
Gruß
MAT

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Friedrich @, Dienstag, 19. August 2014, 09:21 (vor 4464 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Friedrich, Dienstag, 19. August 2014, 11:16

… Ich werd's mir wahrscheinlich noch im August selbst anhören.

Dann bin ich mal gespannt.

Aber zu diesem kalten, harten In-Reih-und-Glied-Prospekt fällt mir einstweilen wirklich nichts anderes ein als: postmoderner Fascho-Kitsch.

Ich will dem Architekten da nichts unterstellen – außer dass er es offenbar nicht für nötig hielt, sich die Zeit zu nehmen, das Musikinstrument Orgel als musikalisch-architektonischen Funktionszusammenhang zu verstehen. Wie es eben Leute wie Joseph von Glatter-Götz, Fritz Leweke, Josef Schäfer und Jakob Schmidt taten.

Man sieht aber auch keine einzige musikalische Funktion in irgendeinem architektonischen Glied. Die gestaffelten Pfeifenflächen spielen Kulissenschieben und verzerren die Perspektive. Deswegen gibt die Gestaltung auch keinen Sinn für ein maßstäbliches Groß-Klein an die Hand, wie es einem Ding angemessen wäre, das in solchen Verhältnissen funktioniert – dem Musikinstrument Orgel nämlich, mehr als jedem anderen.

Wo hier der Mensch Platz hat, der das Ding spielen soll, wird von der Gestaltung komplett verschleiert, es ist ein menschenloses, unmenschliches Ding – »die Orgel spielt«, und die hier spielt Lieder von vor siebzig Jahren. Die Maßstäblichkeit und Menschlichkeit, die hier fehlen, sind wichtige Elemente der Reformbewegungen zurück zur in sich geschlossenen, mechanisch traktierten Orgel mit Spielschrank. Nicht so hier.

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyerer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.

Meint ganz im Ernst
Friedrich

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

MAT @, Dienstag, 19. August 2014, 09:29 (vor 4464 Tagen) @ Friedrich

Besser kann man es nicht ausdrücken!

--
Gruß
MAT

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

JRorgel @, Dienstag, 19. August 2014, 11:07 (vor 4464 Tagen) @ Friedrich

… Ich werd's mir wahrscheinlich noch im August selbst anhören.


Dann bin ich mal gespannt.

Aber zu diesem kalten, harten In-Reih-und-Glied-Prospekt fällt mir einstweilen wirklich nichts anderes ein als: postmoderner Fascho-Kitsch.

Ich will dem Architekten da nichts unterstellen – außer dass er es offenbar nicht für nötig hielt, sich die Zeit zu nehmen, das Musikinstrument Orgel als musikalisch-architektonischen Funktionszusammenhang zu verstehen. Wie es eben Leute wie Joseph von Glatter-Götz, Fritz Leweke, Josef Schäfer und Jakob Schmidt taten.

Man sieht aber auch keine einzige musikalische Funktion in irgendeinem architektonischen Glied. Die gestaffelten Pfeifenflächen spielen Kulissenschieben und verzerren die Perspektive. Deswegen gibt die Gestaltung auch keinen Sinn für ein maßstäbliches Groß-Klein an die Hand, wie es einem Ding angemessen wäre, das in solchen Verhältnissen funktioniert – dem Musikinstrument Orgel nämlich, mehr als jedem anderen.

Wo hier der Mensch Platz hat, der das Ding spielen soll, wird von der Gestaltung komplett verschleiert, es ist ein menschenloses, unmenschliches Ding – »die Orgel spielt«, und die hier spielt Lieder von vor siebzig Jahren. Die Maßstäblichkeit und Menschlichkeit, die hier fehlen, sind wichtige Elemente der Reformbewegungen zurück zur in sich geschlossenen, mechanisch traktierten Orgel mit Spielschrank. Nicht so hier.

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.

Meint ganz im Ernst
Friedrich

Du sprichst mir aus der Seele. Ich verstehe nicht, warum der Trend immer mehr zu "sowas" geht. Gegen diesen "Prospekt" sehen Speyer und Regensburg (ja, Regensburg!) ja direkt schön aus! Ich frage mich, was der Architekt des Prospektes sich dabei gedacht hat, in einem (sehr neo-)romanischen Raum, der ja eigentlich von Rundungen (Rundbögen etc.) dominiert ist, dann so einen Würfel hinzusetzen. Das gehört ja fast verboten!!
Ich weiß nicht, ob ihr Lüneburg, St. Johannis, die neue Orgel von Kuhn kennt. Das ist auch so ein Würfel, wobei der im Raum nicht so überdominant wirkt.
Ich stimme dir da total zu, dass diese "Orgel" in Hildesheim eher aussieht wie eine, die im Auftrag von Goebbels in den HJ-Heimen gebaut wurde! Ich bin mir sicher,
es gibt den einen oder anderen älteren Semesters, der das erkennen würde.
Warum baut man das so?

Denkt ganz ehrlich
JRorgel

--
"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Seraphonium, Dienstag, 19. August 2014, 19:52 (vor 4464 Tagen) @ Friedrich

Ruhig Blut...
zunächst mal: Was konnten die Orgeln der 30er/40er Jahre dafür dass Sie genau in der Zeit des Nationalsozialismus entworfen wurden? Würden Orgeln der 70er nicht genauso beschimpft werden wenn zu DIESER Zeit die NS Zeit gewesen wäre? Diese Aussagen finde ich daher einfach nur dumm.
Der Entwurf stammt vom Architekturbüro Schilling aus Köln und wurde von einem
ganz jungen Mitarbeiter entworfen der von orgelbau nicht die geringste Ahnung hat und somit autonom gehandelt hat. Das die Orgel mit Ihren Wahnsinns Pfeifenüberlängen so geworden ist ist also ein absoluter Zufall. Dass die Orgel so ist wie sie ist hat viele Gründe die auch mit dem sich immer wiederfindenden Rechteck im Dom zu tun haben. Der neue alte Dom hat viele moderne Zutaten. Etwa die Beichtstühle welche die ähnliche Form haben, oder die moderne Bestuhlung, die Fenster, und auch liturgische Einrichtungsgegenstände. Dass die alte Orgelbühne, die eine Zutat aus den 60er Jahren war, abgerissen wurde hat nur den Grund dass man die Liturgische Achse, die bei der Bernwardtür beginnt, sich mit dem Taufbecken, dem Heziloleuchter, dem Altar, der Irmensäule, ja sogar dem hinter der Apsis liegenden wieder sichtbaren Rosenstock fortsetzen und wieder herstellen wollte. Die Orgel befindet sich ebenfalls in dieser Achse. Der Aufbau der Orgel ist für mich sehr interessant und wirkt im Raum so ganz anders als auf den eindimensionalen Fotos.
Sie soll auch zur Diskussion anregen, klar, aber sie direkt als Naziorgel zu zerreissen
finde ich hier mehr als unangebracht.

Es grüßt freundlich,
Seraphonium

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Große Pfeife @, Dienstag, 19. August 2014, 21:25 (vor 4464 Tagen) @ Seraphonium

Liebes Seraphon,
über Deinen Beitrag habe ich mich sehr geärgert. Was für ein Beitrag!
Die Orgeln der 30er und 40er können nichts für ihr Aussehen. Friedrich ist ja nicht blöd. Aber die Planer und Auftraggeber können das schon. Orgelbauer nur bedingt (Interessante Ausführungen bei G. Walcker-Mayer zur Bestellung der Reichsparteitagsorgel). Und ja,
Bild gewordene Ideologie anderer Zeiten (etwa sozialistische Kunst wie auch Kunst anderer Epochen) wird
kritisiert. Nur hat sich der Sozialismus nicht für Orgeln interessiert oder ist gar epochebildend im Orgelbau geworden.
Dumm ist Friedrichs Beitrag daher nicht. Ich habe vorhin lange gesucht und in acta organologica 2004 erhellende Bilder, Zeichnungen und Aufsätze gefunden. Ich kann anhand dessen Friedrichs Thesen gut nachvollziehen. (Auch Lipski, Konzertsaalorgel, 37ff.)
Auf jeden Fall sollten wir heute um das alles wissen und verständiger und sensibler arbeiten. Man muss halt einiges wissen und können,
um Großartiges zu erschaffen. Grosse Würfe sind keine Zufallsprodukte, sondern zeugen von Können.
Dass der Prospekt der Hauptorgel ein Zufallsprodukt eines organologisch unbedarften Menschen ist, war interessant zu erfahren. Danke dafür!
Zum "wiederkehrenden Rechteck": Sind nicht fast alle unsere Kirchen von Rechtecken geprägt? Die Romanik hat das Quadrat entdeckt. St.
Michael im Hildesheim ist ein Lehrstück dafür. Lies das mal
nach, es ist phantastisch, was die damals gemacht haben!
Bei dem Geschwafel mit der liturgischen Achse kriege ich die Krise. Da werden willkürlich Kunstwerke hindrapiert und genauso willkürlich andere Kunstwerke (ebenfalls sehr hohen Ranges) weggelassen, was hier im Forum
immer totgeschwiegen wird), und dann irgendetwas behauptet. Es ist gar nicht gesichert, ob die Bernwardstürenf für den Dom geschaffen wurden. Unklar, ob es im Dom früher ein Westportal gab oder nicht etwa, wie damals üblich, eine Vorhalle. Und wenn ihr sacrosanctum concilium ernst nehmt, dann muss der Tisch des Wortes dem Tisch des Brotes korespondieren. Ist nicht erkennbar. Die aus der Achse gerückte Kathedra liesse sich theologisch hinterfragen (ja, ich weiss, eine
seitliche Position ist erlaubt).
Dass mit wieder sichtbaren Rosenstock in der Sichtachse finde ich unglaublich dreist.
Entweder hast Du keine Ahnung oder willst sie nicht haben. Der Rosenstock war aus dem
Längsschiff nicht zu sehen: Gegen die Vierung wurde es durch den Renaissancelettner abgeschlossen. Als der 1942 ausgebaut und eingelagert wurde, konnte man den Rosenstock immer noch nicht sehen, weil der barocke Hochaltar in der Apsis stand. Kann man nachlesen: Drr Hildesheimer Dom, Wiederaufbau, Aufsatz Heise, 124ff. Tolle Bilder.
Erhellende Bilder in dem Buch: 1953 ist das untere Geschoss des Lettners wieder im Dom aufgestellt.
Wahnsinnsbilder. Auf den Kanzelkorb des Lettners gehört übrigens der
Bronzeadler (Hohlguss 14. Jhd.), der jetzt als Lesepult verwendet wird. Dass ist nicht die irsprungliche Position.
Und wäre er wieder am Lettner, wäre er in der liturgischen Achse, also im ursprünglichen Aufbau...

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 19. August 2014, 21:58 (vor 4464 Tagen) @ Friedrich

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyerer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.

Meint ganz im Ernst
Friedrich

....ich unterschreibe jedes der (brillanten) Worte. Das einzige, was noch fehlt, ist eine Bach-Büste auf dem Rückpositiv, in der Lücke zwischen den zwei Außenfeldern. Und ich wüßte auch schon eine passende.

Gruß,
Wolfgang

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Friedrich @, Dienstag, 19. August 2014, 22:34 (vor 4464 Tagen) @ Seraphonium
bearbeitet von Friedrich, Donnerstag, 21. August 2014, 00:54

Danke erstmal der Großen Pfeife, dass sie für meine Polemik in die Bresche gesprungen ist.

zunächst mal: Was konnten die Orgeln der 30er/40er Jahre dafür dass Sie genau in der Zeit des Nationalsozialismus entworfen wurden? Würden Orgeln der 70er nicht genauso beschimpft werden wenn zu DIESER Zeit die NS Zeit gewesen wäre? Diese Aussagen finde ich daher einfach nur dumm.

Das sei dahingestellt – aber es war natürlich eine Verkürzung. Das Zusammenfallen von Baustilen mit bestimmten epochalen politischen Prägungen ist nie zufällig. Architektur ist öffentliche, politische Kunst, sie prägt das Zusammenleben aller Menschen, die ihr ja nun mal nicht aus dem Weg gehen können, sobald sie einmal da ist.

Dass die Nazis und andere totalitäre Regime einen etwas leeren, dafür monumentalisierten Klassizismus vorzogen, hat damit zu tun, dass sie jeden einschüchtern wollten, der sich dieser Architektur aussetzte. Das sollte alles strenger und größer sein als die Erfahrung des kleinen Volksgenossen, und es sollte militärische Ordnung ausstrahlen. Sockel, Säulen, Simse, riesige Plätze, Massentheater bigger than life.

Dieser Prospekt zitiert die Parteitagsmoderne geradezu erschreckend exakt. Strenge Dimensionen, scharfe und harte Kanten, kulissenartige Staffelung, Großes, das dem Blick durch weniger Großes entzogen wird und dadurch eher größer wirkt, eine Gesamtform, die schwer zu erfassen und einzuordnen ist, hier auch dank der inszenierten umgekehrten Perspektive (das Kleinere schiebt sich diagonal nach vorne). So erzeugt man kalkuliert Erhabenheit. Und diese Funktion scheint absolut im Vordergrund zu stehen, denn instrumentenbauliche, nachvollziehbar musikalische Kriterien scheinen keine Rolle gespielt zu haben – siehe mein erstes Posting. Kein Platz für den Musiker hier, gebaute Kälte. »Die Orgel spielt.«

Ich finde es verfehlt,
a) solche Formen in einer Kirche zu errichten, denn sie wirken abweisend und einschüchternd (was sie vor siebzig, achtzig Jahren auch sollten – warum heute???),
b) solche Formen auf eine Orgel anzuwenden, die als Musikinstrument mit nachvollziehbarer Struktur zahllose interessantere Gestaltungsmöglichkeiten geboten hätte.

Dass ich dabei von kastiger Biederkeit oder Neodies-Neodas nix halte, habe ich hier ja wohl oft genug deutlich gemacht. Aber interessante Architektur arbeitet sich immer in der Spannung zwischen gestalteter Form und funktionaler Einschränkung ab. Das hier ist uninteressant, es ist eine bloße Maske. Dafür aber ganz schön aufwendig, ganz schön teuer und ganz schön hässlich.

Um meine schöne Polemik ganz kaputtzuerklären:
Natürlich ist das keine »Naziorgel«. Aber es ist ein unschönes Designobjekt, das blind ist gegenüber seiner Funktion und der Geschichte, die architektonische Formen nun mal mit sich herumschleppen. Es ist laut und unbedarft. Es sollte dort nicht sein.

Viele Grüße
Friedrich

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 19. August 2014, 22:36 (vor 4464 Tagen) @ Seraphonium
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 20. August 2014, 13:09

Ruhig Blut...

Der Entwurf stammt vom Architekturbüro Schilling aus Köln und wurde von einem
ganz jungen Mitarbeiter entworfen der von orgelbau nicht die geringste Ahnung hat und somit autonom gehandelt hat.

....seine Vorgesetzten haben aber auch nicht viel mehr Ahnung von Orgelbau und -architektur, denn sonst hätten sie ihren jungen Mitarbeiter schleunigst ausgebremst.

Das die Orgel mit Ihren Wahnsinns Pfeifenüberlängen so geworden ist ist also ein absoluter Zufall.

....wie bitte? Meinst Du das im Ernst? Der Entwurf war allen seit langem bekannt, es ist zudem davon auszugehen, daß er intensiv mit den Bistumsverantwortlichen und den Dommusikern sowie den Orgelbauern beraten wurde. Nix "Zufall"!

Dass die Orgel so ist wie sie ist hat viele Gründe die auch mit dem sich immer wiederfindenden Rechteck im Dom zu tun haben. Der neue alte Dom hat viele moderne Zutaten.

....Verzeihung, Seraphon, aber an diesem Dom ist nahezu nichts "alt", jedenfalls nicht in dem Bereich, um den es hier geht. Er ist ein nahezu kompletter Neubau von 1960. Der große Bombenangriff vom März 1945 hat den Dom pulverisiert.

Etwa die Beichtstühle welche die ähnliche Form haben, oder die moderne Bestuhlung, die Fenster, und auch liturgische Einrichtungsgegenstände. Dass die alte Orgelbühne, die eine Zutat aus den 60er Jahren war, abgerissen wurde hat nur den Grund dass man die Liturgische Achse, die bei der Bernwardtür beginnt, sich mit dem Taufbecken, dem Heziloleuchter, dem Altar, der Irmensäule, ja sogar dem hinter der Apsis liegenden wieder sichtbaren Rosenstock fortsetzen und wieder herstellen wollte.

...nochmal Verzeihung, aber anscheinend ist Dir nicht bekannt, daß auch der 1945 zerstörte "barockisierte" Dom eine Orgelempore hatte. Ansonsten habe ich den Eindruck, daß Du den (Des-)Informationen des Bistums auf den Leim gegangen bist. Die Formulierung "die alte Orgelbühne war eine Zutat aus den 1960er Jahren" suggeriert, daß der alte Dom noch bestanden habe und in diesen dann in den 1960ern die jetzt abgerissene Empore eingebaut worden sei. Das Gegenteil ist richtig: sie war von Anfang an Bestandteil des des Domes bei dessen Wiederaufbau von 1950 - 1960. Aber so wird (wohl aus PR-Gründen) bewußt wahrheitswidrig der Eindruck erweckt, man habe aus einem erhaltenen romanischen Dom einen störenden Zubau aus den 1960er Jahren wieder entfernt - was natürlich etwas anderes ist als der völlig unnötige Abriß eines bautechnisch einwandfreien Gebäudeteils einer 1960 wiedererrichteten Kirche, was die ebenso überflüssige millionenteure Neuplanung der Orgel erst nach sich zog.

Es grüßt freundlich,
Seraphonium

...ausdrücklich freundliche Grüße zurück,
Wolfgang

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

MAT @, Mittwoch, 20. August 2014, 08:38 (vor 4463 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Wolfgang!!!! ;-)

--
Gruß
MAT

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

ado ⌂ @, Mittwoch, 20. August 2014, 10:34 (vor 4463 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Das einzige, was noch fehlt, ist eine Bach-Büste auf dem Rückpositiv, in der Lücke zwischen den zwei Außenfeldern. Und ich wüßte auch schon eine passende.

Gruß,
Wolfgang

das löste bei mir jetzt buchstäblich einen anfall von *lol* (laughing out loud) aus...! wo kommt die denn her?

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

elfengeschrey, Mittwoch, 20. August 2014, 12:38 (vor 4463 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

...das wär doch auch was für unsere teutsche orgel?
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Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 20. August 2014, 12:51 (vor 4463 Tagen) @ ado
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 20. August 2014, 15:54

Das einzige, was noch fehlt, ist eine Bach-Büste auf dem Rückpositiv, in der Lücke zwischen den zwei Außenfeldern. Und ich wüßte auch schon eine passende.

Gruß,
Wolfgang


das löste bei mir jetzt buchstäblich einen anfall von *lol* (laughing out loud) aus...! wo kommt die denn her?

....das ist Bach, wie ihn die Nazis gerne gehabt hätten. Zu finden in "Orgel und Nationalsozialismus" von Michael Gerhard Kaufmann sowie auf der HP von Gerhard Walcker-Mayer im Kapitel "Opus diabolo", in dem er die Entstehung der (zweiten) Reichsparteitagsorgel beschreibt (die Vorgängerin ist in der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf erhalten, einer Kirche, die eine seltsame und gespenstische Mischung aus NS-Symbolik und Art deco darstellt).

Gruß,
Wolfgang

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Donnerstag, 21. August 2014, 00:14 (vor 4462 Tagen) @ Große Pfeife
bearbeitet von Hausorgler, Donnerstag, 21. August 2014, 00:55

Bei dem Geschwafel mit der liturgischen Achse kriege ich die Krise. Da werden willkürlich Kunstwerke hindrapiert und genauso willkürlich andere Kunstwerke (ebenfalls sehr hohen Ranges) weggelassen, was hier im Forum
immer totgeschwiegen wird), und dann irgendetwas behauptet. Es ist gar nicht gesichert, ob die Bernwardstürenf für den Dom geschaffen wurden. Unklar, ob es im Dom früher ein Westportal gab oder nicht etwa, wie damals üblich, eine Vorhalle. Und wenn ihr sacrosanctum concilium ernst nehmt, dann muss der Tisch des Wortes dem Tisch des Brotes korespondieren. Ist nicht erkennbar. Die aus der Achse gerückte Kathedra liesse sich theologisch hinterfragen (ja, ich weiss, eine
seitliche Position ist erlaubt).
Dass mit wieder sichtbaren Rosenstock in der Sichtachse finde ich unglaublich dreist.
Entweder hast Du keine Ahnung oder willst sie nicht haben. Der Rosenstock war aus dem
Längsschiff nicht zu sehen: Gegen die Vierung wurde es durch den Renaissancelettner abgeschlossen. Als der 1942 ausgebaut und eingelagert wurde, konnte man den Rosenstock immer noch nicht sehen, weil der barocke Hochaltar in der Apsis stand. Kann man nachlesen: Drr Hildesheimer Dom, Wiederaufbau, Aufsatz Heise, 124ff. Tolle Bilder.
Erhellende Bilder in dem Buch: 1953 ist das untere Geschoss des Lettners wieder im Dom aufgestellt.
Wahnsinnsbilder. Auf den Kanzelkorb des Lettners gehört übrigens der
Bronzeadler (Hohlguss 14. Jhd.), der jetzt als Lesepult verwendet wird. Dass ist nicht die irsprungliche Position.
Und wäre er wieder am Lettner, wäre er in der liturgischen Achse, also im ursprünglichen Aufbau...

Ein Problem ist, daß wir heute solche Kirchen völlig anders nutzen, als dies früher der Fall war. Schon das Tridentinum hat einen massiven Einschnitt in die Liturgie und die Raumnutzung gebracht:

Für die mittelalterliche Gesellschaft war die korporative Gliederung eines Gemeinwesens ungemein wichtig. Die Mitgliedschaft in Zünften und Sippen sicherte dem Individuum die Existenz. Diese Solidarität reichte über den Tod hinaus: Zünfte und Sippen sicherten ihren verstorbenen Mitgliedern das Totengebet. Dazu errichteten diese Körperschaften in den Kirchen ihre zahlreichen Altäre und bezahlten einen eigenen Priester, welcher täglich am Sippen- oder Zunfaltar eine Messe für die lebenden und verstorbenen Mitglieder zu lesen hatte. In der Apsis versammelte sich ein Klerikerkapitel, welches als eigene Körperschaft dort residierte und seinen Bereich durch einen Lettner abgrenzte. Der Lettner war vor allem eine soziale und keine liturgische Schranke, denn Altäre gab es im Schiff zahlreich. Manchmal verwendete man den Lettner noch als Kanzel, was aber nicht zwingend war.
Die Messe des Kapitels hinter dem Lettner ging die Leute im Schiff nichts an. Die hatten dort ihre eigenen gruppenspezifischen Kultorte. Dazu kamen noch diverse "heiligere" Orte mit Gnadenbildern oder Reliquien.
Allerdings gab es dann noch Menschen, die keine solchen Privilegien hatten, die nirgendwo dazugehörten. Und für die war der (meistens so genannte) Kreuzaltar vor dem Lettner in der Mittelachse mit einem Leutpriester zuständig. Alle diese Messen konnten durchaus gleichzeitig stattfinden und sich auch akustisch überschneiden. Es gab keine Bänke. Jede Gruppe versammelte sich vor ihrem Altar. Zuweilen gab es Prozessionen innerhalb der Kirche, zb. wenn das Kapitel zum Salve Regina zu einer verehrten Marienstatue ins Schiff zog.
Natürlich hatten diese Kirchen schon aufgrund des basilikalen Stiles eine Achse. Aber ich sehe sie eher architektonisch, denn liturgisch verwendet.
Eine mittelalterliche Großkirche war eher eine Ansammlung vieler Kapellen unter einem Dach, denn ein gemeindeumfassender Raum, wie wir es heute kennen. Eine mittelalterliche Kirche war wie eine Stadt: Quirlig und mit vielen gleichzeitigen Aktivitäten. Und neben dem Sakralen konnte auch Profanes darin abgehandelt werden.

Das Tridentinum brachte hier eine einschneidende Reform. Man stärkte (nicht zuletzt der Disziplin halber) den Gemeindegedanken. Daher mußten all diese Sondergruppen als Messgruppen verschwinden. Man richtete die gesamte Gemeinde nun auf den Hochaltar aus - der nicht zuletzt deshalb im Barock derart gigantisch emporwuchs. Hier zelebrierte man nun die Messe für alle. Und aus diesem Grund wurden die meisten Lettner abgetragen. Die Nebenaltäre blieben erhalten, aber nicht mehr für Gruppenmessen, sondern für Privatmessen der Priester, die hier vielleicht immer noch, aber mit schwindendendem Umfang die alten Messintentionen der Stifter bedienten. Das trocknete langsam aus und die Seitenaltäre wurden reine Zelebrationsaltäre für "überschüssige" Kleriker, an denen die Gemeinde nicht mehr teilnahm. Dies deshalb, weil die Konzelebration nicht üblich war. Mit der Einführung der Konzelebration in den 1960ern wurden diese Nebenaltäre dann völlig funktionslos.
Auch das Kirchenschiff erfuhr eine Änderung: Ausgehend vom predigtbegeisterten Protestantismus entstanden Gestühle, damit eben die langen Predigten aufmerksam gehört werden konnten. Herumgehen war nun nicht mehr gefragt. Der gegenreformatorische Katholizismus setzte sehr schnell ebenfalls auf Predigt und Disziplin - und so füllte sich auch hier das Schiff mit Bänken. Die Großkirche als eine begehbare Sakrallandschaft war praktisch vergangen.

Auf diesem Hintergrund sollte man eben zugeben, daß es heute eine liturgische Achse noch viel weniger gibt: Die Achse wird allenfalls bei Prachtsein- und -auszügen genutzt. Der liturgische Ort ist ansonsten praktisch ausschließlich die klerikal besetzte Apsis. Prozessionen innerhalb der Kirche zu besonders heiligen Orten gibt es kaum noch.
Zu was die Irmensäule einstens genutzt wurde, weiß ich nicht. Heute wird sie sicher nur noch museal verwendet. Wie "nutzt" man den Heziloleuchter "liturgisch"? Ich vermute, daß er nur noch museal herumhängt. Wer wird schon wagen, dieses wertvolle Ding noch mit Kerzen zu versehen und zu bekleckern? Oder gar in der Osternacht anschubsen, damit das flackernde Licht die goldenen Heiligenscheine der zahlreichen Heiligenbilder (inzwischen sowieso nicht mehr vorhanden) zum Leben erweckt?
Insofern sind gerade heute diese ganzen Sprechweisen von liturgischen Achsen Euphemismen. Auf der Achse steht gerade noch der Altar. In der Antike, nicht aber im Mittelalter, gab es Ambonen, die in der Mittelachse standen. Das verschwand schon deshalb, weil es ja dann irgendwann zur Verlesung von Epistel und Evangelium auf verschiedenen Seiten kam: Epistel- und Evangelienseite. Im tridentinischen Ritus las man das Evangelium nach Norden gerichtet. Also wieder nichts mit "Achse".
Heute steht der Ambo praktisch immer auf der Seite. Und wenn dann auch noch die Kathedra oder die Sedilien seitlich stehen - ja wo soll dann noch eine liturgische Achse sein?
Eine wirklich erfahrbare liturgische Achse gibt es noch in de byzantinischen Liturgie: Dort findet alles Relevante auf dieser Achse statt und die Richtungen Ost und West werden deutlich eingehalten: Priester und Gemeinde beten gemeinsam nach Osten, die dialogischen Teile erfordern ein Umdrehen und Herausgehen des Priesters in westliche Richtung und auf die Gemeinde zu durch die Ikonostase hindurch. Hier hat die Schranke einen liturgischen Sinn, denn es gibt keine weiteren Altäre. Die Epistel wird vom Lektor in der Mittelachse inmitten der Gemeinde nach Osten gerichtet verlesen. Es ist der Platz des antiken Ambos.
Der Priester verliest das Evangelium wieder auf der Mittelachse auf der Stufe vor der Ikonostasentüre nach Westen gerichtet. Und die Kommunion wird ebenfalls auf der Mittelachse gespendet.
Die Taufe findet entweder in der Vorhalle (Westen) oder ganz hinten in der Kirche statt. Danach wird der Täufling vom Priester in die Gemeinde eingeführt (oder als Kind getragen). Auch dies auf der Mittelachse. Und da die Kirchen nach wie vor geostet sind, scheint bei der Morgenmesse das Licht der aufgehenden Sonne auf den Altar und am Vorabend in der Vesper beleuchtet die untergehende Sonne den Altar von Westen. Gewöhnlich stimmt die Richtung einmal im Jahr genau: am Patroziniumstag.

Überhaupt liegt der eigentliche Sinn der "liturgischen Achse" in der Ost-West-Anthithese, also in der liturgischen Nutzung und symbolischen "Aufladung" des Sonnenlaufs, begründet. Nur dieser erzwingt die Entstehung einer liturgischen Achse.

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Friedrich @, Donnerstag, 21. August 2014, 00:52 (vor 4462 Tagen) @ Hausorgler

Danke für diesen schönen Überblick!

Viele Grüße
Friedrich

der seine Achse jetzt in die Waagerechte verlagert

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Friedrich @, Donnerstag, 21. August 2014, 00:58 (vor 4462 Tagen) @ Friedrich

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyerer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.

Nachschieben möchte ich hier noch, dass sich meine Ablehnung nicht gegen den Orgelbauer richtet, der in beiden Fällen beteiligt war.

Viele Grüße
Friedrich

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

ado ⌂ @, Donnerstag, 21. August 2014, 12:21 (vor 4462 Tagen) @ Hausorgler

fabelhaft. hochinteressant.

Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Freitag, 22. August 2014, 17:22 (vor 4461 Tagen) @ Friedrich

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyerer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.


Nachschieben möchte ich hier noch, dass sich meine Ablehnung nicht gegen den Orgelbauer richtet, der in beiden Fällen beteiligt war.

Viele Grüße
Friedrich

Dann will ich auch mal wieder...:

Friedrich liefert eine sehr fundierte Erklärung für seine Abneigung. Ich persönlich sage gerne einmal mehr, dass ich den Prospekt von Hildesheim nicht so schlecht finde.
Ich kenne den Dom aber gar nicht, daher sollte ich mich zur Raumwirkung zurückhalten. Die Weihe habe ich kurz im NDR-Stream gesehen. Die Akustik war schon recht matt, was die aus meiner arroganten Rostocker Marienkirchen-Sicht etwas geringe Kubatur (kathedralmäßig gesprochen) für das Ohr darstellte. Aber nur an Heiligabend werden ähnliche Eindrücke vorzufinden sein, es wird im halbleeren pder leeren Dom noch besser klingen.
(ICh habe ausgezappt als Mozart (?) erklang. Ich bin leider von Jugend an mit Wiener Klassik überfüttert, zumindest, wenn sie im Verbund mit Gottesdiensten oder Hochämtern auftritt. Egal.)

Was ich unterstreichen möchte, auch aus eigener täglicher Erfahrung:
Der ausführliche Bericht weiter oben über den mittelalterlichen Gebrauch einer Großkirche enthält sehr wichtige Wahrheiten. Es war eine Bahnhofshalle. "Meine" Kirche ist es, jedenfalls sommers um die Mittagszeit, auch wieder, trotz des Mittagsgebetes. Und viele andere vielbesuchte Kirchen auch. Die Frage der Achsengestaltung und und und... auch ich teile die Vermutung, dass es vor allem eine architektonische Frage war, weniger eine liturgische. Dennoch, in der Kathedrale von Canterbury fand ich diesen Sommer noch einmal den deutlichen Hinweis darauf, dass das Langhaus dem eintretenden Pilger als langer vorbereitender Weg bis zum Lettner (Screen) erscheinen sollte, an dessen linkem Ende eine Pforte seinen Weg in die vorderen Seitenschiffe bzw. den Umgangschor - oder eine Etage tiefer in die Krypta, analog - weiterleiten soll.
ÜBrigens auch in Canterbury ein großer Seitengiebel als Eingangsbereich. Ein Hauptportal ist, ebenso wie auch der Mitteldurchgang im Lettner, wohl VIPs bzw. Klerikern vorbehalten gewesen.

Ich schrieb hier schon im Lübeck-Thread, dass in der dortigen Marienkirche die einen noch stolz sind auf die mittelalterliche Sichtachse von der Turmhalle zur Ostapsis (wobei auch dort der überwiegend genutzte Eingang im Südquerhaus liegt, schon "immer"....), während die anderen bereits die Wiederaufstellung des beschädigt eingelagerten Hochaltars und eventuell sogar eine Lettnerrekonstruktion planen. Hier, typisch evangelisch vielleicht, keineswegs aus liturgischen, sondern akustisch-musikalischen Gründen...!

In unserer Marienkirche freue ich mich täglich an vier Sichtachsen: Drei Schiffe und das ebensolange Querhaus. Und durch die Kanzel am Vierungspfeiler gibt es mehre liturgisch deutbare Richtungen...

Ich bin gespannt auf die ersten brauchbaren Videos oder Tonaufnahmen aus Hildesheim. Denn wie hier schon reichlich festgestellt, der Erwartungsdruck auf Seifert ist ja hoch, bei dieser Vorgeschichte des Projekts.

Nachtrag zu Hildesheim... - war: Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 26. August 2014, 00:12 (vor 4457 Tagen) @ Friedrich

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyerer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.


Nachschieben möchte ich hier noch, dass sich meine Ablehnung nicht gegen den Orgelbauer richtet, der in beiden Fällen beteiligt war.

Viele Grüße
Friedrich


....heute bei mir in der Post: "Der Hildesheimer Dom - Zerstörung und Wiederaufbau". Für knapp 10 Euro - ursprünglicher Preis: knapp 30. "Große Pfeife" hatte das Buch schon angesprochen.

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Dieser Band ist eine heiße Empfehlung für alle, die sich für Hildesheim interessieren. Daß der Stand des Buches 1999 ist, ist absolut kein Nachteil: völlig unbefangen von der Domsanierung 2010 - 2014 werden das Ausmaß der Zerstörung und die Konzeption des Wiederaufbaus nach dem 2. WK geschildert.

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Ein eigenes Kapitel mit Abbildungen der erstaunlich zahlreichen Prospektentwürfe und -varianten von Heinz Wolff, geschrieben vom damaligen Domorganisten und heutigen Dommusikdirektor Thomas Viezens, erläutert ausführlich die Entstehung zunächst der Breil- und dann der Klais-Orgel. Dabei wird auch deutlich, daß die Wiedererstellung einer Chor- und Orgelempore im Westen von Anfang an Bestandteil der Planungen für den Wiederaufbau war; im Rahmen der Überlegungen über die Gestaltung der Empore wurde sogar ein Modell im Maßstab 1:1 (!) im Dom aufgebaut.

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Die auf Rudolf Reuter zurückgehende Disposition der Breil-Orgel mit ihren 52 Registern auf vier Manualen und Pedal (HW/RP/BW und Trompeteria 16'/8'/4'; mechanische Spiel- und elektische Registertraktur, drei freie Kombinationen) war stilistisch in sich konsequent, jedoch standen sich Breil (und Reuter?) wohl selbst im Weg, denn klanglich wie technisch war das Resultat nach dem, was ich immer gehört habe, unbefriedigend. Mit einem Innenleben von Marcussen, Beckerath oder Rieger wäre das vermutlich nicht passiert. Die gestalterische Qualität und Eleganz des Wolff-Prospekts ist jedoch auf den s/w-Fotos unübersehbar.

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Auf über 60 Seiten stellt Ulrich Knapp mit zahlreichen Fotos das Ausmaß der Kriegszerstörung und den Wiederaufbau dar. Einige Aussagen Knapps sind hier hervorzuheben (S. 80 bzw. 83):

"Seine(gemeint ist der Restaurator Josef Bohland sen.) Berichte an den Landeskonservator belegen, daß er zielstrebig darauf hingearbeitet hat, die romanische Gestalt des Domes zurückzugewinnen. Die langwierige Diskussion um die Gestaltung des Westwerks, die Ausbildung der Langhauskapitelle und die Gestaltung der Decke zeigte, daß ein solcher Ansatz aber notwendigerweise scheitern mußte. Wohl waren die Kubaturen der romanischen Anlage zu rekonstruieren, aber spätestens bei der Innengestaltung fehlten die dafür erforderlichen Anhaltspunkte. Notwendigerweise konnte hier nur ein zeitgenössischer Raum entstehen. (...) Trotz der Bezugnahme auf den hochmittelalterlichen Bau entstand so ein Raum der 50er Jahre, der den Kunstschätzen aus dem 10. bis 13. Jahrhundert einen angemessenen Rahmen bietet. Ein Raum also, dessen Qualitäten man nicht unterschätzen sollte."

Es wäre sehr zu begrüßen, wenn man in Hildesheim wieder zu dieser überzeugenden Aussage zurückfinden würde, als weiter die Legende vom "romanischen Dom" zu bemühen. Und man sollte sich im klaren darüber sein: auch wenn einem das Ergebnis der jetzt abgeschlossenen Domrenovierung optisch gefällt, ändert das nichts daran, daß damit ein Zeitdokument der 1950er Jahre "geschleift" worden ist. Was wohl die staatliche - indes aufgrund des Konkordats wohl zahnlose - Denkmalpflege dazu gesagt hat?

Also: kaufen, lesen. Eine interessante Wochenend-Lektüre für wenig Geld.

Gruß,
Wolfgang

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