Notizen aus Nordspanien

chp @, Mittwoch, 13. August 2014, 23:11 (vor 4470 Tagen)

Hallo,

nach meinem beruflich bedingten Aufenthalt in Logroño (Autonome Region La Rioja, wer Restauranttipps möchte, kann sich gerne per PM an mich wenden oder hier nachlesen) war ich weitere 2 Wochen in Nordspanien unterwegs. Auf der Weiterreise habe ich zunächst das Kloster San Millan in Yuso besucht. Dort gibt es eine schön restaurierte barocke spanische Orgel auf der Evangelienseite im Chor, die auch relativ gut gepflegt erscheint (die letzte Ausreinigung liegt nach Auskunft der Führerin erst 2 oder 3 Jahre zurück). Interessant im Rückblick auf die Diskussion zu den optischen Prospektvergrößerungen stehen hier in den beiden äußeren Prospektflügeln 4 Holzpfeifen, die optisch sogar zu bemalten Metallpfeifen "aufgewertet" wurden, um ein einheitliches Prospektbild zu liefern.

[image]

Das Kloster verfügt auch über eine wichtige und große Sammlung alter Schriften und ist vor allem wichtig, weil hier das älteste Dokument in Castellano („Spanisch“) gefunden wurde, eine zweisprachige Handschrift Castellano/Baskisch fanden. Daneben wird eine große Sammlung an Cantionales aufbewahrt.

[image]

Wer in der Gegend ist und kunsthistorisch interessiert, sollte unbedingt auch die Klöster in Suso (nur weniger Autominuten entfernt, man muss aber laufen oder den Pendelbus benutzen) und Cañas besuchen.

Die nächste Station war León in der autonomen Region Castilla y León, eine ebenfalls sehenswerte Stadt, wo man sich unbedingt (so man kein „Vegetario“ ist) auch die lokale Spezialität, den Rinderschinken Cécina schmecken lassen sollte (z.B. im Ezequiel in der Calle Ancha, ca. 200m von der Catedral entfernt). Ein doppeltes Highlight in Bezug auf Architektur/Kunstgeschichte und Orgel stellt die Kathedrale dar. Die Klais-Orgel (ja, Kleis, Bonn; Disposition: Jean Guillou; wer spanisch lesen kann, findet hier viele Informationen) ist zu beiden Seiten im Chor aufgestellt, der sich etwa in der Mitte des Kirchenbaus befindet. Was so aussieht, als wären es 4 Orgeln sind 4 Werke einer Orgel mit identischen Prospekten, die über den zentralen Spieltisch (vorne rechts zu erahnen) gespielt werden.

[image]

Ob man da spielen kann, weiß ich nicht, als „Aficionado“ (Hobby-Spieler) frage ich in solchen zentralen Touristenpunkten nicht nach. Möglich wäre es sicher gewesen, in der Basilika San Isidro die Orgel (19. Jh.?, II/P?) auszuprobieren. Die Kirche gehört zum Komplex eines alten Klosters bzw. Colegios, in das interessanterweise Bauten vieler Jahrhunderte integriert sind, angefangen mit einem Stück der römischen Stadtmauer. Die Kirche ist auch Station des Jakobswegs, täglich gibt es eine Pilgermesse um 19.30 Uhr. Ein Teil des Komplexes wurde vor ein paar Jahren in ein Hotel umgewandelt (ca. 30 Zimmer), wo ich auch gewohnt habe. Die täglich angebotene Führung durch den Komplex führte auch auf die Empore, allerdings hat der Hotelchef keinen Orgelschlüssel bzw. Zugang zur Orgel selbst. Ich hätte aber im gleichen Komplex bei den Mönchen wegen der Orgel fragen können, leider war dazu aber dann zu wenig Zeit. Vermutlich würden die Geistlichen sich sogar gefreut, wenn man anbietet, in einem Gottesdienst ein bisschen Orgel zu spielen. In den beiden Gottesdiensten, die ich mitbekommen habe, wurden die Begleitung des Gemeindegesangs sowie das Stück zur Kommunion von einer CD eingespielt. Das empfand ich schon als recht befremdlich, scheint aber in Spanien zum Regelfall zu werden, wenn überhaupt Musik im kath. Gottesdienst eingesetzt wird.

[image]

Vom Organisten (auch ein „Aficionado“) von San Martín in Noia (Galicia, ca. 50 km westlich von Santiage de Compostela) hatte ich die Telefonnummer schon vom letzten Jahr, damals aber keine Zeit wegen der Urlaubspläne, so dass ich mich erst jetzt mit ihm treffen konnte. Er berichtete, dass die Orgel (19. Jahrhundert; II/P<20) in einem erbärmlichen Zustand gewesen sei, als er vor ca. 10 Jahren nach Noia kam. Da er selbst knapp 3 Jahre als Orgelbauer bei Blancafort in Montserrat gelernt und gearbeitet habe, habe er mit einem Schreiner aus dem Ort angefangen die Orgel wieder gängig zu machen und zu restaurieren. Gelder stünden dazu keine zur Verfügung, die Musik komme üblicherweise von der CD oder - etwa bei Hochzeiten etc. - es werden Musiker mit Keyboard und bestenfalls E-Pianos engagiert. Inzwischen ist die Orgel nach mehreren intensiven Arbeitsphasen wieder so weit, dass man die Flautados, Flautas (?), den Violon und die Contras (letztere haben die beiden zu einem erheblichen Teil neu gebaut) wieder spielen kann. Mixtur und Trompete gehen aber noch nicht. Die bisherigen Arbeiten sind mit vielen Vorher-/Nachher-Bildern dokumentiert, er wollte mir die Dokumentation demnächst noch schicken. Ich werde mit dem Organisten in Kontakt bleiben und ihn evtl. bei der Beschaffung benötigter Ersatzteile unterstützen.

[image]

In Ribadesella hatte ich dann noch einmal eine Gelegenheit, die musikalische Gestaltung eines Sonntagsgottesdienstes (volle Kirche um 12 Uhr) in der Pfarrkirche Santa María Magdalena (erbaut 1936) zu verfolgen. Und was soll ich sagen: Wieder kam die Musik vom Band bzw. von CD, wobei diesmal die Señora in der Sakristei en Start- und Stoppknopf auch noch etwas unpräzise betätigte. Aber auch davon abgesehen klang das noch gewöhnungsbedürftiger als in San Isidoro in León. Nach dem Gottesdienst habe in den Pastor nach der Orgel gefragt, zu der es hier noch ein paar Information gibt. Der "Cura" war ganz freundlich und hätte im Prinzip auch nichts dagegen gehabt, dass ich sie ausprobiere. Aber auch wenn die Orgel grundsätzlich funktionieren würde, könne sie wegen irgendeiner elektrischen Sache momentan nicht in Betrieb genommen werden. Ich habe den Grund nicht genau verstanden, es ging irgendwie um Starkstrom oder die Stromstärke und irgendetwas war mit 2 oder 3 Leitungen. Jedenfalls müsse demnächst erst ein Gutachten der Universität Oviedo erstellt werden, ob die Orgel betrieben werden könne. Ich habe mir das so zusammengereimt, dass es wohl um irgendeine elektrisch-technische Vorschrift ging.

Schließlich sei noch angemerkt, dass in vielen kleineren und auch größeren Kirchen, die ich besucht habe, bestenfalls elektronische Instrumente, Keyboards oder auch einmal ein Harmonium stehen.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

Notizen aus Nordspanien

MAT @, Donnerstag, 14. August 2014, 08:29 (vor 4469 Tagen) @ chp

Vielen Dank für den informativen Bericht! Die span. und portug. Orgeln finde ich sehr reizvoll - wer weiß, vielleicht komme ich da ja mal hin.

--
Gruß
MAT

4'-Abneigung bei Guillou, war: Notizen aus Nordspanien

Solcena ⌂ @, Donnerstag, 14. August 2014, 11:19 (vor 4469 Tagen) @ chp
bearbeitet von Solcena, Donnerstag, 14. August 2014, 14:41

Vielen Dank für den interessanten Bericht auch von meiner Seite!

(...)

Die nächste Station war León in der autonomen Region Castilla y León, eine ebenfalls sehenswerte Stadt, wo man sich unbedingt (so man kein „Vegetario“ ist) auch die lokale Spezialität, den Rinderschinken Cécina schmecken lassen sollte (z.B. im Ezequiel in der Calle Ancha, ca. 200m von der Catedral entfernt). Ein doppeltes Highlight in Bezug auf Architektur/Kunstgeschichte und Orgel stellt die Kathedrale dar. Die Klais-Orgel (ja, Kleis, Bonn; Disposition: Jean Guillou; wer spanisch lesen kann, findet hier viele Informationen) ist zu beiden Seiten im Chor aufgestellt, der sich etwa in der Mitte des Kirchenbaus befindet. Was so aussieht, als wären es 4 Orgeln sind 4 Werke einer Orgel mit identischen Prospekten, die über den zentralen Spieltisch (vorne rechts zu erahnen) gespielt werden.

Hmmh, wenn ich mir die Dispo so angucke (Link oben), frage ich mich, warum Guillou so eine Abneigung gegen 4'-Register hat. Keine 4'-Zunge in den Manualen ist noch eine Geschmacksfrage, aber bei 52 Manualregistern nur eine (edit: vorher "keine") Oktave 4', nur drei 4'-Flöten, ein Manualwerk ganz ohne labialen freien 4'! Es gibt auch ein Manualwerk ohne freien 2'.

Ich meine mich zu erinnern, anderes auch schon bei anderen Guillou-Dispositionen gesehen zu haben.

Wenn Guillou dann an solch einer Orgel improvisiert, klingt es genial, und viele andere Improvisatoren werden diese farbenreiche Disposition auch sinnvoll zu nutzen wissen, aber sind das nicht echte Defizite im Hinblick auf das Literaturspiel, wenn man sich echte Prinzipalchöre (an denen Guillou wohl nicht viel Interesse hat) gerade mal auf dem HW zusammenstellen kann und es sonst nur Farbe gibt? Muss mal in seinem Buch nachlesen, ob sich da ein Hinweis findet.

LG
Solcena

4'-Abneigung bei Guillou, war: Notizen aus Nordspanien

kjz1, Donnerstag, 14. August 2014, 11:33 (vor 4469 Tagen) @ Solcena

Zur Ergänzung hier noch der direkte Link zur Dispo bei Klais.

4'-Abneigung bei Guillou, war: Notizen aus Nordspanien

Solcena ⌂ @, Donnerstag, 14. August 2014, 11:37 (vor 4469 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von Solcena, Donnerstag, 14. August 2014, 11:50

Ah, danke! Hätte ich ja mal selbst draufkommen können, dass die Oktave im HW in 4'-Lage stehen sollte. Das macht die Sache nicht ganz so dramatisch. Werde das mal direkt bei Wikipedia ändern :-)

4'-Abneigung bei Guillou, war: Notizen aus Nordspanien

untersatz32, Donnerstag, 14. August 2014, 17:12 (vor 4469 Tagen) @ Solcena

Klingt auf der AUGURE CD mit dem Einweihungsprogramm jedenfalls klasse :-)

Notizen aus Nordspanien

stein @, Donnerstag, 14. August 2014, 22:57 (vor 4469 Tagen) @ chp

[image]

Danke für den schönen bebilderten Bericht, wer hat denn diese Orgel gebaut?
gruss stein

Notizen aus Nordspanien

chp @, Freitag, 15. August 2014, 12:24 (vor 4468 Tagen) @ stein
bearbeitet von chp, Freitag, 15. August 2014, 12:35

Hallo,

bei Facebook habe ich Folgendes gefunden:

"El órgano de San Isidoro (A. Amezua y Cía., 1912), es un instrumento de dos teclados y pedal, de 10 juegos, interesante y con valor en una zona como León donde apenas existen órganos románticos de esa calidad, estilo y época. Es un órgano presupuestado y diseñado por Aquilino Amezua y construido por sus discípulos para ese lugar. Me parece de poco aprecio hacia el pasado y de cierta insensibilidad que se les pasara por la cabeza la idea de quitarlo para colocar otro órgano que no está vinculado al edificio y que, si bien no es en mi opinión del todo carente de interés, es de menos calidad, aunque más grande, que el actual de S. Isidoro. El órgano no está en buenas condiciones por simple dejadez, pero una puesta a punto no tendría que ser cara y se recuperaría un instrumento muy adecuado para la música de su época. Es pequeño, pero en esos órganos de ese tamaño, sus contemporáneos (Guridi, Gabiola, Martín Rodríguez...) eran capaces de tocar piezas de gran repertorio romántico francés, sus propias obras y algunas cosas de Bach ¿por qué no podemos nosotros hacer lo mismo?"

d.h. zusammengefasst: Erbaut 1912 von Aquilino Amezua & Co. (bzw. von den Lehrlingen/Schülern der Firma eines der wichtigsten spanischen Orgelbauer der Romantik, wer spanisch kann siehe auch hier), II/P 10, eine der wenigen romantischen Orgeln dieser Qualität in der Region. Der FB-Autor (J. I. Saiz) ist der Ansicht, dass die Orgel zwar klein sein, man aber auf derartigen Orgeln auch Werke aus der französischen Roamtik und auch solche von Bach darstellen könne. Die Diskussion bei FB geht darum, dass überlegt (und inzwischen aus Platz- und akustischen Gründen abgelehnt) wurde, diese Orgel von San Isidro durch die alte Orgel der Kathedrale von León zu ersetzen.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.


P.S.: Sehe gerade, dass die Hausorgel im Palau Güell in Barcelona auch von Amezua stammt.

Notizen aus Nordspanien

stein @, Samstag, 16. August 2014, 23:07 (vor 4467 Tagen) @ chp

Danke!

powered by my little forum