Gespielt: Sandtner-Orgel in St. Ottilien und Ahrend-Orgel in München
Es sind keine nagelneuen Orgeln und so mancher hier im Forum wird sie vielleicht sogar kennen. Im Rahmen eines Familienausfluges ergaben sich zufällig zwei Möglichkeiten, Orgel zu spielen.
In der Benediktiner-Abtei in St. Ottilien wurden 1994 von Sandtner zwei neue Orgeln gebaut: eine dreimanualige Hauptorgel und eine eigenständige zweimanualige Chororgel im Querhaus. Die Chororgel besitzt zwei identische Gehäuse, die sich gegenüber stehen, der freistehende mechanische Spieltisch steht in der Mitte auf der Nordempore. Von hier aus ist das HW der Hauptorgel elektrisch anspielbar, um die Gemeinde zum Singen zu animieren.
Die Hauptorgel besitzt ebenfalls mechanische Spiel- und Registertraktur, dazu eine (vor kurzem erweiterte) Setzeranlage, also eine Doppeltraktur. Die Chororgel ist von hier aus (leider) nicht spielbar. Das Gehäuse ist imposant und passt meines Erachtens sehr gut in die Kirche. Die neogotische Anmutung passt zum avisierten Klangbild der Orgel.
Ich kenne nur wenig Sandtner-Orgeln; vor ein paar Jahren habe ich die Orgel in Tutzing gespielt, die dem Instrument in St. Ottilien sehr ähnlich ist.
Technisch ist die Abtei-Orgel in einem hervorragenden Zustand. Nach 20 Jahren ständiger Benutzung (Chorgebet!) präsentiert sie sich völlig einwandfrei, auch die Setzeranlage funktioniert leise und zuverlässig. Die Spieltraktur ist sehr angenehm, auch mit Koppeln ist virtuoses Spiel mühelos möglich.
Der Klang entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Die französischen Registernamen führen nicht zu einem "französischen" Klangbild. Die 8'-Grundstimmen sind erstaunlich kräftig und füllig, doch die Zungen sind eher "deutsch", es fehlt der französische "Krawall". Da wollte man vielleicht Rücksicht auf die Dimensionen der Klosterkirche nehmen: die ist zwar lang, doch die Gemeinde sitzt nah an der Hauptorgel. Gut gefielen mir die drei unterschiedlichen 8'-Prinzipale: im RP hell, im SW weich und im HW voll. Den Quintatön 8' im RP empfand ich als zu eng und arg "säuerlich", das Register passte nicht recht ins Konzept. Im HW gibt es eine "Gambe", die mich irritierte, weil sie weder wie eine barocke, noch wie eine romantische Gambe klingt. Sie ist laut und sehr hell, aber ohne die solistischen Qualitäten einer romantischen Gambe. Im Vergleich zu ganz neuen Orgeln dieser Größenordnung fällt auf, wie stark sich die Streicherintonation in den letzten Jahren verändert (verbessert) hat.
Die Mixturen sind hell und eher deutsch-barock. Sie im Grand-Jeu hinzuziehen, bewirkt ein Klangbild, welches mit der (behaupteten) französischen Ausrichtung wenig gemein hat. Man kann das schon bei den kleinen Ausschnitten der CD-Aufnahme mit Franz Lörch hören. (Diese Aufnahme besteht aus recht - objektiv ausgedrückt - eigenwilligen Interpretationen, bei denen auch die Registrierhinweise bei Franck und Boëllmann nicht immer "eingehalten" werden.)
Schön fand ich Flûte harmonique, Cromorne und Hautbois sowie die Aliquot-Mischungen. Im Pedal funktionierte die Quinte 10 2/3' recht gut, während der Principal 16' etwas schwach wirkte. Leider vergaß ich auszuprobieren, ob es sich um eine Transmission aus dem HW handelt. (Besser finde ich die Lösung der Klais-Orgel in Mainz, St. Stephan, wo der Praestant 16' zwar ins Pedal transmittiert wird, dort aber noch eine kräftige Offenflöte 16' aus Holz das nötige Fundament gibt.)
Alles in allem ist es eine sehr solide und technisch überzeugende Orgel, die klanglich etwas zu glatt und vielleicht schon zu "perfekt" ist. Jedenfalls fehlte mir das positive Überraschungelement, etwas Individuelles/Einzigartiges. Ich hatte auch bei keinem einzigen Register den Effekt "oh wie schön, damit könnte ich jetzt fünf Minuten improvisieren".
Ganz anders die Ahrend-Orgel im Deutschen Museum in München von 1995. Im akustisch heiklen Saal gelang Ahrend eine überzeugende norddeutsche Stilkopie. Nicht aufdringlich, aber auch nicht zu zart, mit herrlichen Einzelregistern (Flöten, Gambe, Dulcian...), die zum ausführlichen Ausprobieren einladen. Der Principalchor ist transparent und besitzt trotzdem Fülle, die Pedalzungen sind sonor. Manchem wird der "lebendige" Wind schon zu "historisch" sein, aber an unseren alten Orgeln klingt es tatsächlich so. Die Ahrend-Orgel hätte ich am liebsten mitgenommen und mit mancher kleinen Dienstorgel ausgetauscht.
Übrigens konnte ich auch die seltsame romantische Orgel (im Hintergrund, mit sichtbaren Schwelltüren) von 1915 (?) spielen, mit einigen 8'-Registern und vielen Transmissionen und Koppeln, dazu einige wenige Röhrenglocken-Töne im Bass. Die labiale Oboe hat meines Erachtens keine Ähnlichkeit mit dem Orchesterinstrument oder einem Zungenregister. Man hätte ihr einen anderen Namen geben sollen, der weniger Assoziationen weckt.
Gespielt: Sandtner-Orgel in St. Ottilien und Ahrend-Orgel in München
Bei der "romantischen Orgel" in der Musikinstrumentenausstellung des Deutschen Museums handelt es sich um ein von der Fa. G.F. Steinmeyer 1923 erbautes und gestiftetes (!) Instrument mit elektropneumatischer Traktur, das - dem Konzept des Deutschen Museums folgend - den Orgeln der Sammlung mit traditioneller, historischer "Technik" ein zeitgenössisches Instrument mit moderner Technik gegenüberstellt. Der Grund-Idee des Museums folgend, Technik sichtbar und verständlich zu zeigen, hat diese Orgel u.a. als Besonderheit eine offene Pfeifenaufstellung ohne Prospekt, sichtbare Jalousien und Röhrenglocken (acht an der Zahl, geliefert von Fa. Effner/Berlin). Der Spieltisch stand übrigens ursprünglich an der der Orgel gegenüber liegenden Wand, um die moderne räumliche Unabhängigkeit der Bauteile zu demonstrieren.
Vorsicht: Das Register "Orchesteroboe" ist keineswegs labial, sondern eine Zungenstimme, die seinerzeit von Fa. Giesecke (ebenfalls kostenlos) geliefert wurde. Da die Orgel gänzlich auf die "sakralen" Stimmen eines Principalchors verzichtet, repräsentiert sie den Typ eines weltlichen Instruments, wie er in Salon-, Konzert- oder Kinoorgeln zu Tage tritt, sie gilt als eines der äußerst seltenen Instrumente dieser Art, das am originalen Aufstellungsort und im originalen Zustand (!) erhalten und spielbar ist.
Fotos auf der website des Museums.
Gruß polisire
Gespielt: Sandtner-Orgel in St. Ottilien und Ahrend-Orgel in München
Die Ahrend-Orgel im Deutschen Museum konnte ich letzten Herbst ebenfalls spielen:
ein Schmuckstück, das ich am liebsten als Chororgel mitgenommen hätte...
Zwei schöne CD Aufnahmen sind von dem Instrument (über diverse Internet-Forschungen...) erhältlich:
Karl Maureen mit Bach Werken
und
Lorenzo Ghielmi, ebenfalls mit Bach-Werken (auf iTunes) - Ars musici
Tolle Scheiben!
Viele Grüsse
Thomas Haubrich
pneumatische Steinmeyer-Orgel im Deutschen Museum
Ich besitze eine LP älteren Datums, auf der Edgar Krapp die Orgeln des Deutschen Museums einspielt.
Die romantische Orgel stellt er mit Reger, Weihnachten op. 140, vor. Ich finde das sehr überzeugend, mir gefällt es auch sehr. Bin aber auch ein Fan deutsch-romantischer Klänge.