Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

Flûte harmonique, Donnerstag, 31. Juli 2014, 09:55 (vor 4480 Tagen)

Im Zusammenhang mit einer hörenswerten Einspielung hatte ich schon auf die Orgel der St. Thomas Church in New York aufmerksam gemacht.

Nun hat Dobson Pipe Organ Builders den Auftrag für einen Orgelneubau (unter Verwendung vorhandenen Pfeifenwerks und des rechten Gehäuses) erhalten. Der Abbau der aktuellen Orgel beginnt im Juni 2016, die Montage des neuen Instruments voraussichtlich nach Ostern 2017 und Fertigstellung/Einweihung 2018. Siehe auch den aktualisierten Eintrag im New York City Organ Project. Organist und Director of Music an St. Thomas ist John Scott.

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

kjz1, Donnerstag, 31. Juli 2014, 11:01 (vor 4480 Tagen) @ Flûte harmonique

Ich war zwar schon in der Kirche, konnte aber die Orgel nie live hören. Allerdings ist das schon 'recht viel Orgel' (wie auch bisher schon) für diesen Raum. Nach hiesigen Maßstäben würde man da wohl höchstens 50 Register bauen. Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, wie in den USA das Geld für solche Projekte zusammenkommt (die Vorgängerorgel ist ja noch nicht allzu alt), wo man hierzulande für Orgelneubauten quasi jahrzehntelang jeden Cent 'zusammenkratzen' muss.

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

Contrebasson 32' @, Wien, Donnerstag, 31. Juli 2014, 15:08 (vor 4480 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von Contrebasson 32', Donnerstag, 31. Juli 2014, 15:17

Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, wie in den USA das Geld für solche Projekte zusammenkommt (die Vorgängerorgel ist ja noch nicht allzu alt), wo man hierzulande für Orgelneubauten quasi jahrzehntelang jeden Cent 'zusammenkratzen' muss.

Das Projekt "A new chancel organ for St. Thomas" läuft inzwischen schon etwas länger und ist im Internet relativ gut dokumentiert. Neben der gänzlich anderen Stiftungskultur in den USA gebe ich drei Dinge zu bedenken, die dieses Projekt und dessen Finanzierung begünstigen:
1. In St. Thomas wurde jahrelang mit Gerre Hancock Orgelmusik (konzertant und liturgisch) auf höchstem Niveau geboten, die auch entsprechend wertgeschätzt und gewürdigt wird.
2. An St. Thomas ist eine sehr ambitionierte Choir school angeschlossen, deren Chor, der ein reiches Repertoire pflegt, regelmäßig auftritt und die Gottesdienste gestaltet, in der anglikanischen Tradition steht. Hier ist der Ruf nach einem ebenbürtigen Partner zum Musizieren wohl nachvollziehbar.
3. St. Thomas befindet sich an der Fifth Avenue und die Kirch- und Konzertgänger entsprechen dieser exklusiven Lage und sind wohl finanziell sehr viel potentieller als die meisten der Damen und Herren, die wir in unseren Gemeinden vorfinden (Ausnahmen mögen die Regel bestätigen).

Alles im Detail kann man sich dann in diesem Video anschauen.

Mit besten Grüßen
Contrebasson 32'

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

Martin Kondziella, Donnerstag, 31. Juli 2014, 22:19 (vor 4479 Tagen) @ Contrebasson 32'

Mich macht dieses Projekt traurig. Ich habe die Orgel letzten Herbst in Evensong und Konzert gehört. Das Instrument ist von einer solchen Schönheit und Ausgewogenheit, dass es unvorstellbar erscheint, dass dort irgendetwas besser wird.
Ein unersetzlicher Verlust. New York bekommt sein Passau.

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

Friedrich @, Donnerstag, 31. Juli 2014, 23:21 (vor 4479 Tagen) @ Martin Kondziella

Mich macht dieses Projekt traurig. Ich habe die Orgel letzten Herbst in Evensong und Konzert gehört. Das Instrument ist von einer solchen Schönheit und Ausgewogenheit, dass es unvorstellbar erscheint, dass dort irgendetwas besser wird.
Ein unersetzlicher Verlust. New York bekommt sein Passau.

Ich weiß nicht, ob diese Trauer wirklich angebracht ist. Ich habe schon lange vor der Ankündigung des Neubaus gehört, dass die Orgel unzuverlässig und klanglich sehr problematisch war – wenn sie gut klang, soll das eher an den Improvisations- und Registrierkünsten von Gerre Hancock gelegen haben als an der Substanz, die nach vielen Umbauten und Eingriffen einen eher chaotischen Status erreicht haben sollte.

Mit Passau ist die Lage auch deswegen nicht vergleichbar, weil das Instrument in seinem letzten Zustand kaum einem bestimmten Orgelbauer oder Stil zuzuordnen war. Weder von einer Skinner- noch von einer Æolian-Skinner-Orgel ließ sich mit Recht sprechen, über den Adams-Umbau habe ich Gemischtes gehört und gelesen, und wahrscheinlich hätte Lawrence Trupiano gelacht, wenn er vor dem Bindestrich seinen Namen gelesen hätte. Von dem Instrument, das man z. B. in der berühmten Dupré-Einspielung mit Francks Chorälen, der Pièce héroïque und Widor-Stücken hört, war zuletzt nicht mehr viel übrig.

Sachverständiger Berater der Gemeinde war außerdem Jonathan Ambrosino, und der ist Fachmann – vielleicht der Fachmann –, was Instrumente des American-Classic-Stils angeht, und hat viele Restaurierungen begleitet. Wenn etwas von diesem Stil in dieser Orgel zu retten gewesen wäre und die Gemeinde trotzdem auf einem Neubau beharrt hätte, hätte er – so vermute ich zumindest – den Ort des Geschehens unter Protest ver- und seine publizistischen Muskeln spielen lassen. Hat er nicht getan. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich glaube nicht, dass Lynn Dobson in seiner Projektbeschreibung Ambrosino nennen würde, wenn der gegen das Projekt gewesen wäre.

Abgesehen davon … Nun ja, das Verständnis unter Amerikanern abseits der OHS für den historischen Wert einer Orgel war noch nie sehr ausgeprägt. Insofern hat New York bereits zahllose Passaus erlebt und wird noch viele kommen und gehen sehen.

Viele Grüße
Friedrich

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

stein @, Freitag, 01. August 2014, 09:45 (vor 4479 Tagen) @ Friedrich

Andere Klänge in fremden Ländern haben immer eine besondere Faszination. So habe ich einmal in Canterbury vor etwa 10 Jahren einen beeindruckenden Sonntagsgottesdienst miterlebt. Zum Schluss spielte der Organist noch den letzten Teil vom Feuervogel. Genial - Diese Orgel wird nun "endlich" ersetzt. Das hat mich doch sehr verwundert. Aber ausser meiner CD-Sammlung und den seltenen Liveerfahrungen mit diesen Instrumenten (Hereford, Gloucester, Salisbury, Winchester) kann ich nichts darüber sagen. Ich weiss nur, dass viele englische Organisten über diese Orgel nichts gutes sagen. So beeindrucken im Ausland immer wieder einige deutsche Schrotthaufen.
Man könnte ja die Orgel aus Lübeck St Marien dort zum Tausch anbieten?

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

Flûte harmonique, Freitag, 01. August 2014, 13:19 (vor 4479 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Flûte harmonique, Freitag, 01. August 2014, 13:46

Es lohnt sich auch, den Beitrag "The Arents Memorial Organ" zu lesen, den Lawrence Trupiano für das Booklet zur Gerre Hancock-Einspielung verfasst hat (nach unten scrollen).

Das Instrument, wie es in den Dupré-Aufnahmen von 1957 zu hören ist, war bereits ein umfassender Umbau und Erweiterung der Ernest Skinner-Orgel von 1913 durch G. Donald Harrison Mitte der Fünfziger Jahre. Bereits Anfang der Sechziger Jahre gab es massive Probleme mit den übernommenen Skinner-Windladen. 1965 wurden die Windladen des Grand Choeur und des Swell (nach Wasserschäden) durch neue Schleifladen ersetzt, die Prinzipale umintoniert und die Harrison-Zungenregister ausgetauscht. Kurze Zeit später wurde die Trompette en Chamade umintoniert und das Harrison-Positif durch ein neues Teilwerk ersetzt, aufgeteilt in ein vom selben Manual spielbares französisches "Positif" und ein deutsches "Oberwerk", das später in "Vorwerk" umbenannt wurde... Bei dieser Gelegenheit wurde der Schwellkasten des Positif entfernt. 1967 folgten weitere Umintonationen der Pedalzungen und der Prinzipale von Grand Choeur und Great.

1968 erhielt die St. Thomas Church einen Brief der Aeolian-Skinner Company mit der Bitte, das Firmenschild mit dem Namen von G. Donald Harrison vom Spieltisch zu entfernen, da sich der Charakter und das Klangbild der Orgel seit 1956 völlig verändert habe und nicht mehr als das Werk von Harrison oder der Aeolian-Skinner Company zu erkennen sei.

Es erfolgten weitere Arbeiten, bei denen die Antiphonal Organ entfernt wurde und somit das Swell das einzige schwellbare Teilwerk verblieb, in einer Orgel mit mehr als 100 Registern. Weitere nicht näher beschriebene Arbeiten erfolgten in den Achtziger Jahren durch Mann & Trupiano.


Ebenfalls im CD-Booklet enthalten, aber nicht auf der genannten Webseite von Raven zu lesen, ist "A Message from Judith Hancock," die (nicht überraschend) den geplanten Orgelneubau in ihrer früheren Kirche kritisch sieht. Sie schreibt unter anderem:
"It is so appropriate that Todd Wilson has done this recording which will remind us of that special style of Gerre Hancock, but it will also allow us to hear the registration of these pieces as Gerre intended them to sound. Years from now, when the organ heard on this recording is no longer at St. Thomas, this CD will assist our memory of the uniquely thrilling and beautiful qualities of that instrument - sounds that were so closely associated with Gerre's own playing and composing."


Befürchtungen zu einem "zweiten Passau" halte ich für unbegründet; die akustischen Bedingungen dieses Raumes sind mit Passau überhaupt nicht zu vergleichen, ebensowenig wie die Intonation, Ästhetik und Aufgabenverteilung der aktuellen wie der geplanten Orgel, wie sie in der St. Thomas Church erforderlich ist bzw. angestrebt wird. Wie sieht es denn mit der Orgelanlage in der nicht weit von der St. Thomas Church entfernten St. Bartholomew's Church aus? Siehe hier. Der Raum ist allerdings noch erheblich größer als der der St. Thomas Church.

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

kjz1, Freitag, 01. August 2014, 17:53 (vor 4479 Tagen) @ Flûte harmonique

Ebenfalls im CD-Booklet enthalten, aber nicht auf der genannten Webseite von Raven zu lesen, ist "A Message from Judith Hancock," die (nicht überraschend) den geplanten Orgelneubau in ihrer früheren Kirche kritisch sieht. [...]

Im Jahre 2004 trat ein neuer Organist seinen Dienst in St. Thomas an. Ab 2008 gab es dann Pläne für einen Orgelneubau. Bei mir keimt natürlich dann direkt im Hinterkopf der Gedanke: neuer Organist, dann folgt eine gewisse 'Schamfrist' und dann wird eine neue Orgel bzw. zumindestens ein Orgelumbau in Angriff genommen. Solche Geschichten habe ich in der Vergangenheit schon dutzende Male gelesen. Oder geht da mein erster Gedanke in die völlig falsche Richtung?

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

Flûte harmonique, Samstag, 02. August 2014, 10:11 (vor 4478 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von Flûte harmonique, Samstag, 02. August 2014, 10:15

Ebenfalls im CD-Booklet enthalten, aber nicht auf der genannten Webseite von Raven zu lesen, ist "A Message from Judith Hancock," die (nicht überraschend) den geplanten Orgelneubau in ihrer früheren Kirche kritisch sieht. [...]


Im Jahre 2004 trat ein neuer Organist seinen Dienst in St. Thomas an. Ab 2008 gab es dann Pläne für einen Orgelneubau. Bei mir keimt natürlich dann direkt im Hinterkopf der Gedanke: neuer Organist, dann folgt eine gewisse 'Schamfrist' und dann wird eine neue Orgel bzw. zumindestens ein Orgelumbau in Angriff genommen. Solche Geschichten habe ich in der Vergangenheit schon dutzende Male gelesen. Oder geht da mein erster Gedanke in die völlig falsche Richtung?


Es ist schwer, die Situation aus der Entfernung einzuschätzen, sofern man nicht vor Ort die Orgel gespielt oder sowohl im Konzert als auch innerhalb der Liturgie gehört und erlebt hat.

Bereits 1978 gab es Planungen für einen Orgelneubau, neun Jahre nach dem Abschluss der umfassenden Arbeiten (und gravierenden Veränderungen des Instrumentes) durch G. F. Adams, und sieben Jahre, nachdem Gerre Hancock seine Tätigkeit in St. Thomas begonnen hatte. Offensichtlich hat die Kirchengemeinde in den letzten 35 Jahren erhebliche Summen in Reparaturen der Orgel investiert, um zumindest die Spielbarkeit zu gewährleisten. 2005 gab es zwei unabhängige Gutachten, die beide gegen einen weiteren Umbau oder Renovierung des existierenden Instruments und stattdessen für einen Neubau plädierten. Siehe auch diesen Beitrag von 2010, der bislang noch nicht in unserer Diskussion angesprochene Aspekte beleuchtet.

Die Probleme mit der Orgel begannen bereits kurz nach dem Umbau der Orgel in den Fünfziger Jahren durch G. Donald Harrison und nicht erst seit dem Weggang von Gerre Hancock und der Ernennung von John Scott 2004.

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

dhm ⌂, Rochester GB, Mittwoch, 06. August 2014, 10:58 (vor 4474 Tagen) @ kjz1

kjz1 hat geschrieben:
"die Vorgängerorgel ist ja noch nicht allzu alt"

Naja, das ist alles relativ.
Bei Konzerten mit meinem Chor in den USA habe ich diesen Unterschied zwischen uns Briten und den Amerikanern bemerkt (es könnte aber auch für andere Europäer gelten, nicht nur Briten):

"You think 100 years is a long time; we think 100 miles is a long way." :-)

Orgelneubau: St. Thomas Church, New York

untersatz32, Mittwoch, 06. August 2014, 11:36 (vor 4474 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von untersatz32, Mittwoch, 06. August 2014, 12:54

Ich denke auch, dass John Scott, langjähriger Organist der St. Paul's Cathedral, sowie der jahrzehntelange Betreuer und Kurator der Orgel (=Orgelbauer) die Situation VOR ORT am besten einschätzen können.
Ein (Aeolian)-Skinner-(Harrison)-Meilenstein ist diese Orgel nach den vielen Umbauten und diversen Erweiterungen anderer Orgelbauer jetzt so, wie sie ist, längst nicht mehr - siehe die, von der Erbauerfirma angeordnete Entfernung der Skinner-Plakette am Spieltisch.
Zudem scheinbar heutzutage noch technisch höchst anfällig.

Grüsse

TH

Canterbury, war: St. Thomas Church, New York

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Donnerstag, 07. August 2014, 00:29 (vor 4473 Tagen) @ stein

Andere Klänge in fremden Ländern haben immer eine besondere Faszination. So habe ich einmal in Canterbury vor etwa 10 Jahren einen beeindruckenden Sonntagsgottesdienst miterlebt. Zum Schluss spielte der Organist noch den letzten Teil vom Feuervogel. Genial - Diese Orgel wird nun "endlich" ersetzt. Das hat mich doch sehr verwundert. Aber ausser meiner CD-Sammlung und den seltenen Liveerfahrungen mit diesen Instrumenten (Hereford, Gloucester, Salisbury, Winchester) kann ich nichts darüber sagen. Ich weiss nur, dass viele englische Organisten über diese Orgel nichts gutes sagen. So beeindrucken im Ausland immer wieder einige deutsche Schrotthaufen.
Man könnte ja die Orgel aus Lübeck St Marien dort zum Tausch anbieten?

Schlechte Idee. Ich war grad da, also in Canterbury.
In der Akustik würde die Kemper (die man ja auch sehr umständlich in die Triforien verteilen müsste) auch wieder nur höchstens für den Chorraum reichen. Das LAnghaus ist zu groß und gleichzeitig zu matschig im Klang, als dass ein Teilwerk dort noch was ausrichten könnte.
Deswegen soll ja eine "Neue" kommen.

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