… war enorm spannend, und es erklärt viele Züge englischer Orgeln, die man bis heute sofort als englisch ausmacht.
Eine Art, genaueres darüber zu erfahren: Thistlethwaite lesen (mache ich gerade, endlich): The Making of the Victorian Organ. Eine andere, für den ersten Überblick, findet sich hier und macht großen Spaß, wenn man ein bisschen Englisch kann. Man kann das Video herunterladen oder auch nur die Tonspur.*
Es lohnt sich!
Viele Grüße
Friedrich
* Im Internet ist die Klangqualität leider sehr schlecht, die Downloads klingen etwas besser.
Was in England von 160 Jahren passierte …
daggies
, Dienstag, 29. Juli 2014, 13:07 (vor 4476 Tagen) @ Friedrich
Vielen Dank für den Link! Ein herrlich interessanter Vortrag - sehr zu empfehlen!
Was in England von 160 Jahren passierte …
ado
, Dienstag, 29. Juli 2014, 21:05 (vor 4476 Tagen) @ daggies
dieses video habe ich schon vor längerer zeit einmal mit einem gewissen kopfschütteln angeschaut, meine erinnerung ist also nicht ganz frisch. was mich seinerzeit vor allem beeindruckt hat war die unwissende herabwürdigung der eigenen, englischen orgelmusik- und orgelbautradition der zeit bis ins frühe 19. jahrhundert und die selbstverständlichkeit, mit der sie erfolgt, als communis opinio. natürlich hat das "german system" seine vorteile. aber fiele es einem italiener ein, die italienische orgeltradition der zeit bis weit ins 19. jahrhundert, die mit noch weitaus "beschränkteren" instrumenten operierte als die ältere englische orgeltradition, in dieser weise zugleich zu ignorieren und zu verwerfen? andere beispiele ließen sich anführen.
unbeschadet dessen finde ich das buch von thistlethwaite ganz großartig!
Meinung und Geschichte (war: Was in England …)
Friedrich
, Dienstag, 29. Juli 2014, 22:43 (vor 4476 Tagen) @ ado
dieses video habe ich schon vor längerer zeit einmal mit einem gewissen kopfschütteln angeschaut, meine erinnerung ist also nicht ganz frisch. was mich seinerzeit vor allem beeindruckt hat war die unwissende herabwürdigung der eigenen, englischen orgelmusik- und orgelbautradition der zeit bis ins frühe 19. jahrhundert und die selbstverständlichkeit, mit der sie erfolgt, als communis opinio.
Mit ziemlicher Sicherheit folgt Robert Quinney hier in seinem Urteil Thistlethwaite, vielleicht auch Bicknell. Als »unwissend« würde ich ihn nicht qualifizieren; er weiß, wovon er spricht und kennt höchstwahrscheinlich die in Frage kommenden Instrumente, denn das ist Teil seiner Ausbildung. Ich finde es im Gegenteil erfrischend, wenn jemand sich die Freiheit nimmt, zu historischen Entwicklungen, die eineinhalb Jahrhunderte zurückliegen, Stellung zu beziehen. Das ist auch nicht ohne Grundlage: Quinney wäre nicht, was er jetzt ist und spielte nicht an der Orgel, an der er amtiert (Westminster Abbey), wenn sich der insuläre Orgelstil bewahrt hätte, und sei es auch nur ein paar Jahrzehnte länger. Der damalige Widerstand prominenter Vertreter der britischen Kirchenmusiker gegen das “German system” zeigt, dass die Hinwendung zu einem universelleren Orgelbau- und Orgelmusikstil in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war, auch wenn Mendelssohns Konzertreisen erkennen ließen, dass der historische Moment reif war.
Mit der gegenseitigen Öffnung der europäischen Kulturen musste sich einfach irgendwann jeder Organist die Frage stellen: Warum habe ich eine Orgel, auf der ich keine Bach-Fuge pedaliter spielen kann? Dabei ist noch nicht einmal von Klangstilen die Rede, sondern von ganz primitiven technischen Voraussetzungen wie Tastaturumfängen und dem Vorhandensein von gleichrangigen Ensembles auf mehreren Klangebenen. Und man muss es einfach sagen: Bach-Fugen sind ein Maßstab. Glücklich, wer sie spielen kann – neidisch, wer nicht. Wo und wann immer Bachs Orgelmusik greifbar war, setzte sich diese Ansicht durch.
Die eigenartige Auffassung vieler englischer (und in der Folge auch amerikanischer) Orgelbauer und Organisten davon, wie ein Pedal zu klingen hat, ist durchaus kritikwürdig, und sie wurde auch innerhalb der britischen Orgelwelt immer wieder kritisiert. Ich finde es richtig, dass Quinney den schweren, grundtönigen Klang vieler englischer Pedalwerke als Eigenheit herausstellt und somit ins Verhältnis zu kontinentalen Lösungen setzt, die musikalisch viel für sich haben, z. B. größere Beweglichkeit.
natürlich hat das "german system" seine vorteile. aber fiele es einem italiener ein, die italienische orgeltradition der zeit bis weit ins 19. jahrhundert, die mit noch weitaus "beschränkteren" instrumenten operierte als die ältere englische orgeltradition, in dieser weise zugleich zu ignorieren und zu verwerfen? andere beispiele ließen sich anführen.
Du findest fragwürdig, dass Quinney (mit vielen andere) sich herausnimmt, eine historische Situation zu bewerten. Kann man es nicht auch umgekehrt fragwürdig finden, historische Erscheinungen als prinzipiell gleichwertig zu betrachten? Man darf durchaus den Kopf schütteln über S. S. Wesleys Konservatismus – der Mann ist tot, das Brett hat er aber immer noch vor seinem Kopf. Vor den historischen Entwicklungen standen Werturteile, und die lassen sich benennen und nachvollziehen.
Viele Grüße
Friedrich
Meinung und Geschichte (war: Was in England …)
ado
, Mittwoch, 30. Juli 2014, 13:57 (vor 4475 Tagen) @ Friedrich
Mit ziemlicher Sicherheit folgt Robert Quinney hier in seinem Urteil Thistlethwaite, vielleicht auch Bicknell.
hm, bicknell verteidigt die "alte" englische orgel eigentlich eher, und thistlethwaite hat sie gar nicht im fokus, wenn ich das richtig erinnere.
Als »unwissend« würde ich ihn nicht qualifizieren; er weiß, wovon er spricht und kennt höchstwahrscheinlich die in Frage kommenden Instrumente, denn das ist Teil seiner Ausbildung.
unwissend nur insofern, als ich mich frage, wieviel er (oder überhaupt ein in den letzten 150 jahren in england ausgebildeter organist) je mit englischer orgelmusik vor 1800 zu tun hatte. sie wurde bis vor kurzem kaum in konzerten gespielt und wird wohl auch nicht gelehrt; überdies ist sie auf den in england in aller regel allein verfügbaren, viktorianischen oder in der viktorianischen tradition stehenden orgeln nicht befriedigend darstellbar, der klang ist zu dick. jeder spielt natürlich mal die eine oder andere voluntary von john stanley, aber das war´s dann auch.
Mit der gegenseitigen Öffnung der europäischen Kulturen musste sich einfach irgendwann jeder Organist die Frage stellen: Warum habe ich eine Orgel, auf der ich keine Bach-Fuge pedaliter spielen kann? Dabei ist noch nicht einmal von Klangstilen die Rede, sondern von ganz primitiven technischen Voraussetzungen wie Tastaturumfängen und dem Vorhandensein von gleichrangigen Ensembles auf mehreren Klangebenen. Und man muss es einfach sagen: Bach-Fugen sind ein Maßstab. Glücklich, wer sie spielen kann – neidisch, wer nicht. Wo und wann immer Bachs Orgelmusik greifbar war, setzte sich diese Ansicht durch.
weitestgehend d´accord, mit zwei einschränkungen. die allgemeine auffassung, JSB sei orgeltechnisch das maß aller dinge, geht mir um einige größenordnungen zu weit. mag man selbst zugestehen, daß er der bedeutendste komponist von orgelmusik aller zeiten ist, so doch nicht um den gefühlten faktor 500, um den er anderen vorgezogen wird. und zum zweiten: bach spielen zu wollen ist ja verständlich, es muß aber nicht wie in england mit der vollständigen abkehr von der eigenen tradition einhergehen.
S. S. Wesleys Konservatismus – der Mann ist tot, das Brett hat er aber immer noch vor seinem Kopf. Vor den historischen Entwicklungen standen Werturteile, und die lassen sich benennen und nachvollziehen.
kommt SSW in dem video vor? er hatte aber doch gar nichts gegen das german system? er war doch als pedalvirtuose und bachspieler bekannt. wogegen er sich dickköpfig gewehrt hat war meines wissens zum einen gegen die aufgabe es in england bis um 1850 üblichen "GG-compass" (d.h. das hauptwerk begann eine halbe oktave unter dem großen C), und zum anderen gegen die abkehr von der mitteltönigen stimmung -- obwohl diese etliche seiner eigenen harmonisch kühnen chorwerke (mit orgelbegleitung) unspielbar machen würde...
(häufig wird samuel sebastian wesley ja mit seinem vater samuel wesley durcheinandergebracht, der zu mendelssohns zeiten die bach-begeisterung in england energisch vorantrieb -- weshalb er seinem sohn ja eben diesen namen gab -- und der eigentlich nicht als konservativer bekannt ist. musikalisch war aber auch SSW kein konservativer.)
andreas
Samuel S. Wesley (war: Was in England …)
ado
, Freitag, 01. August 2014, 10:38 (vor 4473 Tagen) @ Friedrich
nachtrag: dieses fiel mir erst auf (und die interessante chronologie wurde mir auch erstmals klar), nachdem ich meinen vorigen eintrag verfaßt hatte. von samuel sebastian wesley gibt es "variations on the national anthem", komponiert 1829 (zuerst veröffentlicht 1831). 1829 bereiste mendelssohn erstmals england. falls mendelssohn irgendetwas mit der sache zu tun hatte, so hat der damals 19jährige samuel sebastian verflixt schnell reagiert. man sehe sich etwa die 3. variation und speziell den pedalpart an:
![[image]](images/uploaded/2014080108263853db4f3eb242b.jpg)
arg viele orgeln gab es 1829 in england nicht, auf denen das überhaupt spielbar war, aber just aus diesem jahr stammt etwa die unverändert erhaltene (unlängst von goetze & gwynn wiederhergestellte) orgel in st james bermondsey, von james bishop:
![[image]](images/uploaded/2014080108324953db50b16a0b4.jpg)
man beachte die hilfsklaviatur links, mit der sich die pedalpfeifen ebenfalls anspielen lassen -- denn es gab offenbar auch noch nicht viele organisten, die sich auf das figurative pedalspiel einlassen mochten! mindestens der bau dieser orgel hatte aber sicher nichts mit mendelssohn zu tun, weist vielmehr darauf hin, daß der trend in england ohnehin zum pedal deutscher bauart ging.
Samuel S. Wesley (war: Was in England …)
Florian-L
, Freitag, 01. August 2014, 11:41 (vor 4473 Tagen) @ ado
arg viele orgeln gab es 1829 in england nicht, auf denen das überhaupt spielbar war, aber just aus diesem jahr stammt etwa die unverändert erhaltene (unlängst von goetze & gwynn wiederhergestellte) orgel in st james bermondsey, von james bishop:
Auf diesem Instrument lässt sich der Pedalpart der erwähnten Variation aber nicht ohne Oktavierungen spielen, denn offensichtlich reicht der Umfang von GG - g0.
Gruß, Florian
Samuel S. Wesley (war: Was in England …)
ado
, Freitag, 10. Oktober 2014, 14:38 (vor 4403 Tagen) @ Florian-L
arg viele orgeln gab es 1829 in england nicht, auf denen das überhaupt spielbar war, aber just aus diesem jahr stammt etwa die unverändert erhaltene (unlängst von goetze & gwynn wiederhergestellte) orgel in st james bermondsey, von james bishop:
Auf diesem Instrument lässt sich der Pedalpart der erwähnten Variation aber nicht ohne Oktavierungen spielen, denn offensichtlich reicht der Umfang von GG - g0.Gruß, Florian
schon eine weile her, dieser austausch... stimmt natürlich. aber offenbar haben die engländer auf eben dieser pedalklaviatur auch etwa bach gespielt. dazu dieser nachtrag aus dem (insgesamt mäßig guten) buch von david yearsley: bach's feet. the organ pedals in european culture (2012): "At the competition for the Bermondsey post [d.h. dem vorspielen für die organistenstelle an der neuen orgel, um die es hier ging] that followed later in 1829, [Henry] Gauntlett played the Fugue in B minor, BWV 544, and the fiendishly difficult final movement of the C minor Trio Sonata, BWV 526/3, as well as the Prelude in E flat, BWV 552/1, all without the assistance of a third hand. The Bermondsey pedal had a two-octave range but was displaced down a fourth from that of Bach's organs, from GG to g; Gauntlett and others would have had to make major adjustments to the pedal lines....The adaptability summoned by English organists like Gauntlett was in still greater demand from German visitors, for whom such compasses...were in every sense foreign. The most famous of these tourists was Felix Mendelssohn..." (s.203). auf der nächsten seite wird allerdings ein bericht von george smart (er stand der neuen pedalmode in england kritisch gegenüber) erwähnt, der mitteilt, daß 1825 bei mendelssohns zuhause felix auf der hausorgel eine "clever fugue" gespielt, den "very difficult pedal part" aber schwester fanny am klavier übernommen habe. genau dies war damals vielfach in england üblich: bachs orgelwerke statt mit (meist nicht vorhandenem) pedal drei- oder vierhändig zu spielen. aber yearsley weist darauf hin, daß es auch auf dem festland damals oft so gemacht wurde, etwa auch von liszt.
ich glaube, mein ausgangspunkt war, daß das aufkommen des pedals in england zunächst mit mendelssohn nichts zu tun hatte, dessen erste englandreise ja eben in das jahr 1829 fällt. mendelssohn spielte immer wieder die orgel der st paul's cathedral, die 1826 von james bishop umgebaut worden war -- also demselben orgelbauer, von dem auch das instrument in bermondsey stammt. nur daß (aus welchem grund auch immer!) in st paul's das pedal (ebenfalls zwei oktaven) beim C begann! (yearsley s. 207). yearsley zufolge hat mendelssohn auch nicht etwa eine virtuose pedaltechnik nach england mitgebracht (er war bis dato in dieser beziehung wohl eher schüchtern), sondern dort erst pedaltechnischen ehrgeiz entwickelt, was yearsley selbst "paradox" nennt. erst im lauf der 1830er jahre entwickelte sich mendelssohn zum (just in england dann vielbeachteten) pedalvirtuosen.