(leicht OT): Romanik aus dem Jahr 1960......

Wolfgang Gourgé @, Freitag, 25. Juli 2014, 22:24 (vor 4482 Tagen)
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Samstag, 26. Juli 2014, 01:42

..."Romanik mit neuem Gesicht", so heißt ein etwas selbstgefällig moderierter Clip des Bistums Hildesheims zur in wenigen Wochen anstehenden Wiedereröffnung des Doms nach der umfangreichen Sanierung und Neugestaltung.

Ohne Zweifel hat der Dom durch die Neugestaltung sehr gewonnen; was die Inneneinrichtung angeht, ist die Ausstattung mit Stühlen statt Bänken hervorzuheben. Diese Idee ist wirklich gut und würde auch bei vielen anderen Kirchen den Raumeindruck wesentlich verbessern, da die Stühle sehr viel transparenter und leichter wirken. Der Boden ist jetzt aus Sandstein statt aus Marmor, alles wirkt heller, moderner, der Muff der Nierentisch-Ära hat sich verzogen.

Was allerdings außerordentlich ärgerlich ist, ist der Bär, der der Allgemeinheit mit dem Begriff "Romanik" aufgebunden wird. Der Hildesheimer Dom wurde beim großen Bombenangriff auf Hildesheim im März 1945 nahezu völlig zerstört. Das barockisierte Innere ging völlig unter, es standen bei Kriegsende noch Teile von Westwerk, Apsis und Mauerreste. Hierzu die Wikipedia:

"Bei den Luftangriffen auf Hildesheim im Zweiten Weltkrieg wurde das Bauwerk bis auf das Westwerk und die Außenmauern völlig zerstört und musste nach dem Wiederaufbau als einziger Dom in Deutschland neu geweiht werden. Das Sakralgebäude wurde zwischen 1950 und 1960 in vereinfachter Form wieder aufgebaut. Dabei wurden barocke Elemente aufgegeben und eine Form angestrebt, die auf angenommene frühromanische Gestaltung Bezug nimmt. Die von außen am ehesten sichtbare Maßnahme war, dass die von 1840 stammenden oberen Geschosse und Flankentürme des Westwerks abgetragen wurden und, unter Anlehnung an das Westwerk des Doms von Minden, der alte Zustand rekonstruiert wurde. Auch das Portalhaus vor dem Westwerk wurde um etwa die Hälfte abgetragen. Ansonsten blieb die äußere Erscheinung wie vor der Zerstörung, insbesondere wurde der barocke Vierungsturm rekonstruiert.

Der Wiederaufbau fand unter Verwendung einfachster Mittel statt. Wegen des Mangels an Sandstein­platten wurde der Fußboden mit Marmor ausgelegt. Die Decken des Langhauses sowie der Seiten- und Kreuzschiffe wurden in Beton gegossen und von innen verbrettert, um den Eindruck von flachen Balkendecken zu erwecken. Die Innenmauern sowie die Mauern des Langhauses wurden mit Hohlziegeln bzw. Kalksandstein aufgemauert, von außen mit Naturstein­mauerwerk verblendet, und von innen glatt verputzt. Das Bodenniveau wurde um 60 cm erhöht, was besonders in den Seitenschiffen einen gedrungenen Raumeindruck zur Folge hatte. Die Säulen des Langhauses wurden aus Beton gegossen und die Pfeiler mit Sandstein verblendet. (....)"

"Romanisch" ist hier also gar nichts mehr - es sei denn, man dehnt diese allgemein zwischen 1000 und 1400 verortete Epoche bis ins Jahr 1960 aus, was dann vielleicht doch ein wenig kühn erscheint. Vermutlich geht es wohl darum, durch die mindestens unaufrichtige "Besetzung" des Begriffs den Eindruck eines historischen Bauwerks zu vermitteln, obwohl höchstens noch Teile der Innenausstattung wie die Bernwardstüren und die mittelalterlichen Leuchter diesem Anspruch gerecht werden. Der Hildesheimer Dom ist als Bauwerk allenfalls ein Denkmal der Wiederaufbauphase der Nachkriegszeit, aber sicher nicht mehr der Romanik. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß z.B. in den samstäglichen Orgelkonzerten im Hamburger "Michel" ausdrücklich darauf verwiesen wird, daß St. Michaelis 1906 komplett niederbrannte und in den Folgejahren rekonstruiert wurde (was auch damals übrigens umstritten war). Zu solcherlei historischer Korrektheit (und Bescheidenheit) sieht man in Hildesheim anscheinend keinen Grund.

Die in wesentlichen Teilen neue Hauptorgel sieht man - wiederum ziemlich selbstgefällig kommentiert - ab Minute 2:05. Hier nochmal zum Vergleich der Prospekt von 1960 - hier in der Totalen - mit der Klais-Orgel von 1989, die noch 2006 von der Erbauerfirma überholt, gereinigt und nachintoniert wurde. Disposition und Beschreibung z.B. hier: www.klais.de/_klais/bilder/pdf/hildesheim.pdf

Gruß,
Wolfgang

(leicht OT): Romanik aus dem Jahr 1960......

Große Pfeife @, Samstag, 26. Juli 2014, 09:49 (vor 4482 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Ja, Herr Wolfgang,
irgendwie ist die Romanik ziemlich brandneu. Mir scheint, "man" wiederholt das, was schon einmal
vor gut 50 Jahren geschah: Die zeitgenössische, um nicht zu sagen gerade aktuelle, Vorstellung von Romanik wird in Stein gegossen. Mit Beton geht das ja ganz gut. Entlarvend finde ich die vielen Baumaßnahmen: Bei vorhandener Originalsubstanz wäre das alles sicher aus denkmalpflegerischen Gründen nicht zulässig gewesen.
Die Galle kommt mir hoch, wenn ich die Laubsägearbeit aus Anröchter Dolomit sehe: Die "Anmoderation" in den Bistumsveröffentlichungen, Kreidezeit trifft Mittelalter, ist doch ein schlechter Scherz, so viel jünger wird der obernkirchener Sandstein auch nicht sein. Immerhin älter als Beton, Kalksandstein und Hohlziegel. Was ich aber nicht verknusen kann ist das Gefeiere von Rückriems großem Wurf: Ich halte das für Wiederverwertung einer älteren Idee und Gewinnmaximierung. Ich begründe diese meine persönliche, unmaßgebliche Auffassung
mit diesem Bild: Altar der Kapelle des Priesterseminars St. Georgen/FFM
Zwei Anmerkungen: Den Krieg überstanden hat von den Außenmauern die südliche Längsschiffinnenwand und die südwestlichste Seitenkapelle, der Rest des Bauwerkes wurde bis auf Turm und erstes Turmgeschoß zerstört.
Die andere: Immer, wenn ich das Bild der alten Domorgel in der Totale sehe, frage ich mich, wieso man sie nicht hat stehengelassen. Sie stand ja komplett im Turmbogen, man hätte nur das RP von der abzureissenden Empore nehmen und am Turm verankern
müssen. Die alte Domorgel besaß eh nur eine angebauten Spieltisch an der Stelle, wo vorher der Breilsche Spielschrank war.

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

Große Pfeife @, Sonntag, 10. August 2014, 09:43 (vor 4467 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Der NDR bringt heute von 11.30 Uhr bis 12.00 Uhr eine Reportage über den tiefergelegten und runderneuerten Dom.
Ich jedenfalls bin seehr gespannt.

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

Orlos @, Sonntag, 10. August 2014, 13:55 (vor 4467 Tagen) @ Große Pfeife

Hier der Link zur Mediathek. Ab 23:30 geht es um die neue Orgel und man hört ein paar Klänge der Chororgel.
Der ganze Bericht verkündet, das nun alles besser, heller und schöner ist als früher. Man muss es sich live anschauen. Mir sind die vielen Kirchen, die nun hauptsächlich in weiß gehalten sind, ein zu starker Purismus. In ein paar Jahren wird man das nicht mehr mögen und wieder farbige Fenster haben wollen. Man könnte fast darauf wetten...

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

untersatz32, Sonntag, 10. August 2014, 17:10 (vor 4467 Tagen) @ Orlos

Ich habe in Amriswil eine "helle, nüchterne, weisse Kirche..."

Die wahre Freude ist das nicht... Sehr schlicht. Sehr.

Gruss TH

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

tiratutti @, Sonntag, 10. August 2014, 19:33 (vor 4466 Tagen) @ untersatz32

Ich habe in Amriswil eine "helle, nüchterne, weisse Kirche..."

Die wahre Freude ist das nicht... Sehr schlicht. Sehr.

alles wiederholt sich. Vor 50 Jahren wollte man bei uns alles rausschmeißen, den Stuck abschlagen, die Verzierungen entfernen. Es ist dann doch nicht passiert, nur das Auge Gottes über dem Hochaltar wurde auf einer Seitenempore eingelagert ... und ist inzwischen wieder da.

Grüße von tiratutti

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

Horn 8', Sonntag, 17. August 2014, 09:36 (vor 4460 Tagen) @ tiratutti

Natürlich bin ich als jemand, der direkt in die Domsanierung eingebunden war und ist, voreingenommen. Trotzdem - oder gerade deshalb - behaupte ich, dass das ganze Sanierungsprojekt nur von dem (richtig) beurteilt werden kann, der die Geschichte des Domes kennt, der weiß, dass viele Kunstschätze letztlich liturgische Funktion besitzen. Sie können nur dann richtig genutzt werden, wenn sie in einer gewissen Anordnung im Raum und zueinander stehen. Bernwardstür, Taufbecken, Hezilo- und Thietmarleuchter, Christussäule und Irmensäule kommen natürlich in einem auch farbig nicht überladenen Raum wesentlich besser zur Geltung.
Deshalb: kommt nach Hildesheim, schaut Euch in der Stadt um, besucht die Welterbestätten St. Michael und den Dom und beurteilt nicht allein aus der Ferne und nach dem, was die Fernsehbilder zeigen! Das gilt auch - wir befinden uns ja in einem Orgelforum - für die Orgeln, ihren Aufbau, die Prospektgestaltungen, die Standorte usw.
Herzliche Grüße

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

Große Pfeife @, Sonntag, 17. August 2014, 21:26 (vor 4459 Tagen) @ Horn 8'

Wenn die Kunstwerke nur innerhalb des Kontextes "funktionieren", warum haben die Hildesheimer nicht den Mumm gehabt, die anderen Kunstwerke im Dom zu lassen bzw. sie wieder dahin zu stellen? Der Lettner wäre hier an erster Stelle zu nennen, aus späteren Zeiten gibt es auch einige qualitätvolle Kunst, ich habe sie während meiner Ferienjobs mal bewacht. Die leeren Seitenkapelle erfüllen mich mit Trauer. Und sie als Stuhllager zu nutzen, wie über die Domhomepage zu sehen, na ja, ist keine liturgische Funktion.
Genausogut hätte man einen anderen Zustand rekonstruieren können, etwa den vom März 1945, vor der Zerstörung. (Dr. Epe hätte ja gerne aus den Fragmenten den barocken Hochaltar rekonstruiert und mit den geretteten Figuren vervollständigt).
Und zur These der liturgischen Funktion: Wenn liturgisches Gerät funktioniert, dann unabhängig von anderen litirgischen Geräten, Kunst hin oder her. Das Taufbecken neben dem Wrisbergholzen-Bild hat doch jahrzehntelang gut bestehen können.
Einen Raum vorbildlos zu entfärben und dann zu behaupten, in einem
nicht farbüberladenen Raum kämen Kunstwerke besser zur Geltung, ist eine Verdrehung der Tatsachen. Die Domkunstwerke sind in der jeweiligen Entstehungszeit in das Ensemble hineingeschaffen worden. Und wir reden heute von Kunstwerken, weil für den praktisch-liturgischen Gebrauch geschaffene Alltagsgeräte so geartet waren, daß sie geschätzt, gehegt und gepflegt wurden, daß sie überkommen konnten. Dieses Verständnis konnte man bei einigen inzwischen verstorbenen Domherren gut spüren.
Natürlich wirken sie isoliert und vor weiße Wände gestellt auffälliger als in der Funktion, für die sie geschaffen wurden. Aber der in Deinem
Posting beschworene Zusammenhang wird doch so nachträglich verändert.
Das, was in Hildesheim gemacht wurde, ist eine künstliche Angelegenheit. So war es
sicher nie. Allein zwischen Türen und Taufbecken liegen über zweihundert Jahre. Und darauf nimmt der Renaissancelettner bezug, die barocken Altäre, der Naumann-Orgelprospekt von 1703-06. Und die Orgelanlage paßt ja nun überhaupt nicht in die Retroromanik in weiß.
Liebes Horn, ich will die Hildesheimer Neuschöpfung nicht kleinreden, sie ist ein Wurf, der eine
mutige Entscheidung erfordert hat. Wenn Du, so wie ich das getan habe, das Protokoll uch des Domkapitels in der Zeit zwischen 1900 und Wiedeaufbau des Domes 1960 gelesen hast, wirst Du das wissen. Vor der Entscheidung habe ich Respekt, auch wenn ich sie nicht teile und das Ergebnis nicht als "ehrlich" erachte. Beeindruckend scheint die Lösung aus der Ferne zu sein - die m.E. apologetische Begründung ist es nicht.
Aber ich hät da eine orgelspezifische Frage: Wieso ist die Hillebrand-Truhenorgel aus der Dom-Krypta eingelagert worden?

Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

Wolfgang Gourgé @, Sonntag, 17. August 2014, 23:29 (vor 4459 Tagen) @ Horn 8'

Natürlich bin ich als jemand, der direkt in die Domsanierung eingebunden war und ist, voreingenommen. Trotzdem - oder gerade deshalb - behaupte ich, dass das ganze Sanierungsprojekt nur von dem (richtig) beurteilt werden kann, der die Geschichte des Domes kennt, der weiß, dass viele Kunstschätze letztlich liturgische Funktion besitzen. Sie können nur dann richtig genutzt werden, wenn sie in einer gewissen Anordnung im Raum und zueinander stehen. Bernwardstür, Taufbecken, Hezilo- und Thietmarleuchter, Christussäule und Irmensäule kommen natürlich in einem auch farbig nicht überladenen Raum wesentlich besser zur Geltung.

....darüber mag man diskutieren. Was mich stört (und nach meinem Eindruck auch "Große Pfeife", aber ich möchte mir nicht anmaßen, für ihn zu sprechen), ist, daß es (diplomatisch formuliert) unaufrichtig ist, hier von "Romanik" bzw. "Gotik" zu sprechen. Ein Bauwerk von 1960 ist weder das eine noch das andere, und es ist auch niemals neogotisch bzw. neoromanisch, weil das ebenfalls längst abgeschlossene Stilepochen des Historismus sind. Und um das zu erkennen, muß man nicht nach Hildesheim fahren. Da kommt nunmal der Verdacht auf, daß unbedarfte Zeitgenossen hinters Licht geführt werden sollen, um die gut 30 Millionen, die die Sanierung gekostet hat, unter PR-Gesichtspunkten besser "verkaufen" zu können - würde man ehrlich sagen, daß es um die Korrektur nachkriegstypischer architektonischer Fehler und Baumängel einer Kirche von 1960 geht, täte man sich wesentlich schwerer mit der öffentlichen Begründung der Kosten. Btw: die teure neue Bischofsgruft ist aus meiner bescheidenen Sicht überflüssig - aber was dem einen das Koi-Becken, ist halt dem anderen seine Gruft.

Gruß (durchaus freundlich übrigens),
Wolfgang

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