(leicht OT): Romanik aus dem Jahr 1960......
..."Romanik mit neuem Gesicht", so heißt ein etwas selbstgefällig moderierter Clip des Bistums Hildesheims zur in wenigen Wochen anstehenden Wiedereröffnung des Doms nach der umfangreichen Sanierung und Neugestaltung.
Ohne Zweifel hat der Dom durch die Neugestaltung sehr gewonnen; was die Inneneinrichtung angeht, ist die Ausstattung mit Stühlen statt Bänken hervorzuheben. Diese Idee ist wirklich gut und würde auch bei vielen anderen Kirchen den Raumeindruck wesentlich verbessern, da die Stühle sehr viel transparenter und leichter wirken. Der Boden ist jetzt aus Sandstein statt aus Marmor, alles wirkt heller, moderner, der Muff der Nierentisch-Ära hat sich verzogen.
Was allerdings außerordentlich ärgerlich ist, ist der Bär, der der Allgemeinheit mit dem Begriff "Romanik" aufgebunden wird. Der Hildesheimer Dom wurde beim großen Bombenangriff auf Hildesheim im März 1945 nahezu völlig zerstört. Das barockisierte Innere ging völlig unter, es standen bei Kriegsende noch Teile von Westwerk, Apsis und Mauerreste. Hierzu die Wikipedia:
"Bei den Luftangriffen auf Hildesheim im Zweiten Weltkrieg wurde das Bauwerk bis auf das Westwerk und die Außenmauern völlig zerstört und musste nach dem Wiederaufbau als einziger Dom in Deutschland neu geweiht werden. Das Sakralgebäude wurde zwischen 1950 und 1960 in vereinfachter Form wieder aufgebaut. Dabei wurden barocke Elemente aufgegeben und eine Form angestrebt, die auf angenommene frühromanische Gestaltung Bezug nimmt. Die von außen am ehesten sichtbare Maßnahme war, dass die von 1840 stammenden oberen Geschosse und Flankentürme des Westwerks abgetragen wurden und, unter Anlehnung an das Westwerk des Doms von Minden, der alte Zustand rekonstruiert wurde. Auch das Portalhaus vor dem Westwerk wurde um etwa die Hälfte abgetragen. Ansonsten blieb die äußere Erscheinung wie vor der Zerstörung, insbesondere wurde der barocke Vierungsturm rekonstruiert.
Der Wiederaufbau fand unter Verwendung einfachster Mittel statt. Wegen des Mangels an Sandsteinplatten wurde der Fußboden mit Marmor ausgelegt. Die Decken des Langhauses sowie der Seiten- und Kreuzschiffe wurden in Beton gegossen und von innen verbrettert, um den Eindruck von flachen Balkendecken zu erwecken. Die Innenmauern sowie die Mauern des Langhauses wurden mit Hohlziegeln bzw. Kalksandstein aufgemauert, von außen mit Natursteinmauerwerk verblendet, und von innen glatt verputzt. Das Bodenniveau wurde um 60 cm erhöht, was besonders in den Seitenschiffen einen gedrungenen Raumeindruck zur Folge hatte. Die Säulen des Langhauses wurden aus Beton gegossen und die Pfeiler mit Sandstein verblendet. (....)"
"Romanisch" ist hier also gar nichts mehr - es sei denn, man dehnt diese allgemein zwischen 1000 und 1400 verortete Epoche bis ins Jahr 1960 aus, was dann vielleicht doch ein wenig kühn erscheint. Vermutlich geht es wohl darum, durch die mindestens unaufrichtige "Besetzung" des Begriffs den Eindruck eines historischen Bauwerks zu vermitteln, obwohl höchstens noch Teile der Innenausstattung wie die Bernwardstüren und die mittelalterlichen Leuchter diesem Anspruch gerecht werden. Der Hildesheimer Dom ist als Bauwerk allenfalls ein Denkmal der Wiederaufbauphase der Nachkriegszeit, aber sicher nicht mehr der Romanik. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß z.B. in den samstäglichen Orgelkonzerten im Hamburger "Michel" ausdrücklich darauf verwiesen wird, daß St. Michaelis 1906 komplett niederbrannte und in den Folgejahren rekonstruiert wurde (was auch damals übrigens umstritten war). Zu solcherlei historischer Korrektheit (und Bescheidenheit) sieht man in Hildesheim anscheinend keinen Grund.
Die in wesentlichen Teilen neue Hauptorgel sieht man - wiederum ziemlich selbstgefällig kommentiert - ab Minute 2:05. Hier nochmal zum Vergleich der Prospekt von 1960 - hier in der Totalen - mit der Klais-Orgel von 1989, die noch 2006 von der Erbauerfirma überholt, gereinigt und nachintoniert wurde. Disposition und Beschreibung z.B. hier: www.klais.de/_klais/bilder/pdf/hildesheim.pdf
Gruß,
Wolfgang