Arno Ruus in der Neanderkirche, D-Altstadt

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 24. Juli 2014, 14:04 (vor 4482 Tagen)

Hallo Forum,

Arno Ruus (Kantor der Tersteegenkirche) gehört zu den treuesten Mitwirkenden bei den Sommerlichen Orgelkonzerten in der Neanderkirche, Düsseldorf-Altstadt. Und er scheint abonniert auf besonders heiße Tage. Dabei pflegt er immer auch ein höchst anspruchsvolles Programm. Anstrengung also für ihn selbst wie auch die Hörer. Die freilich wissen, daß Ruus Gehaltvolles bietet und waren mit über 300 Anwesenden denn auch zahlreich. Kein Wunder, daß da der Sauerstoff bei über 30° knapp wurde; allenthalben wurde mit den Programmen gefächert.

In hellem E-Dur ging es los. Buxtehude-nahe gab es von Vincent Lübeck Praeludium und Fuge. Frisch und registermäßig schön nach Werken abgesetzt.

Ruus, der seinen pädagogischen Impetus nicht verbergen mag, hatte angekündigt (seine Vorrede war interessant und nicht gar so lang), bei den Choralvorspielen seines Programmes jeweils den Choral vorher zu spielen. So erklang jetzt “Vater unser im Himmelreich”, schön harmonisiert, und danach ohne bedeutsame Pause BWV 636. Im Kontrast zu der schlichten Harmonisierung (die übrigens auch hörenswert war) erschien die kunstvolle Bearbeitung umso eindrucksvoller. Eine Präsentation, die nachahmenswert ist.

Dieses Choralvorspiel und “Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ” BWV 639 (gleichermaßen präsentiert, rahmten die Sechste Triosonate BWV 530 ein. Frisch und konzentriert der erste Satz, etwas langsam und eine Geduldsprobe dann das Lento. Nicht ganz so stringent das Allegro. Nach dem verhaltenen BWV 639 ging es dann mit Mendelssohn weiter. Hier gab es Präludium und Fuge G-Dur. Ruus traf die richtigen Tempi ebenso wie die Klangfarben dieser etwas “saftigeren” Musik.

Am Ende Reger: Zuerst “Jesu. meine Freude”, in nämlicher Manier dargeboten und sehr schön gemacht. Dann Toccata und Fuge e-moll/E-Dur. Ruus warf sich mit Verve und Enthusiasmus ins Getümmel. Man spürt jederzeit: Er hat Freude an diesen Brocken, diesen ständigen Verwerfungen, harmonischen Übergängen, Stimmungsumschwüngen - diesem ständigen Suchen nach neuem Klang und neuen Ausdrucksformen. Und man sucht gerne mit ihm mit. Von Beginn an gefangen bleibt man als Hörer dran, der Sog ist unausweichlich. So war denn auch, kaum war der letzte Ton verklungen, der Beifall sofort da, lang anhaltend, stark und dankbar.

Gruß Clemens Schäfer

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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

Arno Ruus in der Neanderkirche, D-Altstadt

Orgelfritze, Donnerstag, 24. Juli 2014, 17:18 (vor 4482 Tagen) @ Clemens Schäfer

Hallo zusammen,

es ist immer wieder spannend wie unterschiedlich Konzerte wahrgenommen werden. Einigem schließe ich mich gern an, anderem so gar nicht...

Warm war es sicher allen, ob das aber der alleinige Grund für die doch recht hohe Quote falscher Töne war?

Artikulation (und das durchhalten der selben...), Tempi und Proportionen sind sicher zu einem großen Teil eine Sache des Geschmacks und deshalb spiegelt es auch nur meine Meinung wieder.
In der Triosonate passte das nämlich alles nicht so richtig und der Interpret nahm jede Klippe, die die motorischen Ecksätze bereithalten begierig mit, so dass jedem der das Stück "mal gespielt" hat, sofort klar war, wann denn die nächste Entgleisung erfolgt.
In keinem der drei Sätze gelang es ihm das Tempo zu halten, was in den schnellen Sätzen ohnehin eher auf der gemütlichen Seite gewählt war.

Eine absolute Karikatur war für mich der Mendelssohn: Zeitreise zurück in die Ära als seine Musik noch nicht "gefühlig und romantisch" klingen durfte (und man die Sonaten noch ohne langsame Sätze spielte...).
Da steht "mezzo piano" drüber... Und "Andante con moto" bedeutet nicht, dass es klingen muss, als wäre "Lützows wilde verwegene Jagd" hinter einem her... Wenigstens war bei dieser Art der Interpretation die akademisch trockene Fuge gut zu erdulden.

Den Reger fand ich auch ganz nett. Ist auf der dortigen Orgel sicher nicht ganz leicht.
Gut kamen auch die Orgelbüchleinchoräle rüber und die dabei gezeigten Farben des Instrumens. Ich hätte mir mehr gewünscht. Da sind mir zehn gut gespielte Orgelbüchleinsätze, farbig registriert, schön überlegt und vielleicht auch mal gewitzt artikuliert lieber, als verhudelte Großnummern wie der Lübeck, oder erst recht der Bach (Triosonate).

Abschließend sei gesagt, dass ich gestern das erste Mal in der Neanderkirche zum Orgelkonzert war, die dortige Situation und auch den Interpreten nicht kenne und daher nur meine Eindrücke des gestrigen Abends wiedergegeben habe. Das ist ja immer nur eine Momentaufnahme und wenn ich diesen Moment beurteile, dann muss ich einfach sagen, so tut man der Orgel als Instrument und dem Orgelkonzertbetrieb im allgemeinen keinen großen Gefallen.
Es war zwar kein vergeudeter Abend, aber ein zwiespältiger Eindruck bleibt doch zurück.

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