Orgelkonzerte im Hildesheimer Dom

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 24. Juni 2014, 13:38 (vor 4511 Tagen) @ jrbecker
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Dienstag, 24. Juni 2014, 22:56

Ein opulentes Eröffnungsprogramm, Respekt!

Gruß Clemens Schäfer


Dem stimme ich uneingeschränkt zu! - Allein: Warum muss schon wieder das "größte" so in den Vordergrund gestellt werden? Ist das für das Bistum oder den Dom so wichtig, die größte Orgel zu haben? Und was zählt hier als "größte Orgel Niedersachsens"? Wenn ich es richtig verstehe, ist doch die Kombination von Haupt- und Chororgel gemeint, also eigentlich eine "Orgelanlage", nicht ein einzelnes Instrument, oder? Die Hauptorgel alleine (mit 77+1 TM) wäre demnach wohl "noch nicht" die größte Orgel Niedersachsens? - Ich habe gerade die Orgellandschaft Niedersachsens nicht so im Kopf, aber vielleicht hilft mir jemand mit "engerem Regionalbezug":-)

LG
Jörg

.....wenn man Haupt- und Chororgel zusammenzählt, mag das schon hinkommen, nur besagt das ja für sich gesehen nicht viel.

Meine Euphorie ist, was Hildesheim betrifft, ziemlich gebremst, was diejenigen, die meine bisherige Meinung dazu kennen, nicht wundern wird. Die Computersimulation des Prospekts ist nicht sehr realitätsnah. Die Orgel kragt nach den Fotos vom Orgelbau, die ich bisher über die FB-Präsenz von Thomas Viezens kenne, sehr viel weiter und "massiger" aus der Öffnung im Westwerk aus, als die Simulation es vermuten läßt. Sie wirkt dadurch ungefähr so wie eine ausgefahrene Balgenkamera. Optisch in sich stimmig wäre dieser Entwurf - sieht man von dessen unseligen stilistischen Parallelen zum ("groß"-)deutschen Orgelbau der 1930er Jahre ab - imho nur mit dem Verzicht auf das Rückpositiv umzusetzen gewesen. Zudem stören die teils extremen Überlängen der Prospektpfeifen. Die Bombarde 32', anscheinend von Giesecke und vergleichsweise "schmal" mensuriert (wie ein Forumsmitglied auf FB anmerkte), steht ganz hinten im Westwerk - also sozusagen "am Ende des Tunnels" an der Wand. Ob sie sich von diesem Standpunkt aus im Dom durchsetzen kann, scheint mir ziemlich fraglich. - Da die betreffenden Fotos nicht von mir, sondern vom Dommusikdirektor sind, kann ich sie hier nicht einfach einstellen. Diejenigen Forumsmitglieder, die auch auf FB sind, finden sie in der Gruppe "Organisten im Bistum Hildesheim".

Die Bilder der Chororgel, die ich bisher sah, lassen mich auch ein wenig zweifeln - sie steht anscheinend in einer ehemaligen Kapelle, wo sie ziemlich "hineingezwängt" wirkt, und sie klingt durch nicht sehr hohe Rundbögen in den Dom. Akustisch scheint mir das ebenfalls fragwürdig (in der leeren Kirche mag das noch gehen, aber auch in der vollen?). Aber gut, die mir bekannten Bilder lassen das nicht genau erkennen. Die Notwendigkeit der Chororgel will ich nicht in Frage stellen, der Wunsch nach einer solchen ist nachvollziehbar.

Der wichtigste Punkt ist für mich aber nach wie vor, daß die Klais-Orgel von 1989 im Breil/Wolf-Prospekt von 1960 völlig intakt war, noch 2006 durch Klais gereinigt und nachintoniert wurde und der Prospekt zusammen mit der Empore ein wichtiges Zeitzeugnis des Wiederaufbaus war. Dagegen lasse ich auch nicht das Argument gelten, daß Empore und Orgel nicht in den neugestalteten Dom gepaßt hätten. Imo hätten sie das sehr wohl, sie hätten dort sehr wirkungsvoll an die Wiederaufbauzeit erinnert. Und das letzte mal, als man in der Kategorie "Stilreinheit" dachte und "tabula rasa" machte, richtete man mit dieser Mentalität aus konservatorischer Sicht eine Katastrophe an: nämlich im 19. Jahrhundert, als gotische Kirchen der Reihe nach "purifiziert" wurden unter Auslöschung ganzer historischer Schichten und deren Ersatz durch banale Tischlergotik. Eigentlich sollte dieses Denken heute überwunden sein - ist es anscheinend aber nicht.

Und deshalb kommt bei mir nunmal keine Begeisterung über Hildesheim auf.

Gruß,
Wolfgang

PS/Edit: ein paar Eindrücke - die im Hinblick auf den Baufortschritt inzwischen überholt sind - gibt es am Ende dieses Clips (der mit einer "Musik" unterlegt ist, wie man sie eher in den Toiletten von Autobahnraststätten erwarten würde). Den Aufbau der Chororgel gibt's hier, und da stimmt dann immerhin die Musik.


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