Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
CB, Dienstag, 17. Juni 2014, 12:57 (vor 4519 Tagen)
Liebe „Forianer“, liebe Orgelfreunde,
Nun nähern wir uns ja in großen Schritten dem Max Reger-Jahr 2016 und viele Interpreten und Verlage widmen sich verstärkt der Aufführung und Einspielung dieser großartigen Musik.
Obwohl ich es nicht sicher sagen kann, gehe ich einmal davon aus, dass dabei bei der Fantasie und Fuge d-moll op. 135b, zumindest in den meisten Fällen, auf die gekürzte und bekanntere Druckfassung zurückgegriffen wird.
Ohne dass ich hiermit und in diesem Rahmen eine Grundsatzdiskussion zu diesem Thema lostreten möchte, lade ich alle Interessierten herzlich dazu ein, sich einmal einen Höreindruck von der ungekürzten und damit ca. fünf Minuten längeren Urfassung dieser Komposition zu verschaffen.
Ein herzliches Dankeschön an Jörg Glebe, der seine Hausorgel zu dieser Einspielung zur Verfügung gestellt hat!
http://www.youtube.com/watch?v=G6EKm3PwTMk
Viele Grüße und eine schöne Fußball-Woche :-)
CB
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Posaune16, Freitag, 20. Juni 2014, 11:25 (vor 4516 Tagen) @ CB
Die ungekürzte Version hat zwar auch etwas, aber es entspricht halt einfach nicht dem ausdrücklichen Wunsch und den vom Komponisten selbst vorgenommenen Kürzungen. Die Anregung zur Kürzung stammt zwar von Karl Straube, aber Reger fand diese sehr gut und hat sie deshalb auch umgesetzt. Zudem kann man hier nicht von Kürzungen im Sinne vom Weglassen Wesentlichen sprechen, sondern von Straffung im Dienste des inneren Aufbaus des Werkes und der dramaturgischen Linie. Die Komposition bekommt damit den Chrakter von kurz&knackig&prägnant, und bleibt immer noch lang genug und spielersich sehr anspruchsvoll.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Freitag, 20. Juni 2014, 12:07 (vor 4516 Tagen) @ Posaune16
bearbeitet von Karsten, Freitag, 20. Juni 2014, 12:17
Die ungekürzte Version hat zwar auch etwas, aber es entspricht halt einfach nicht dem ausdrücklichen Wunsch und den vom Komponisten selbst vorgenommenen Kürzungen. Die Anregung zur Kürzung stammt zwar von Karl Straube, aber Reger fand diese sehr gut und hat sie deshalb auch umgesetzt.
Die Auswertung der Quellen durch das MRI haben mittlerweile sogar ergeben, dass Reger die Kürzungen in zwei Schritten ganz ohne Einfluss Straubes machte und erst dann die wohl gekürzte Fassung mit Straube besprach.
Zudem kann man hier nicht von Kürzungen im Sinne vom Weglassen Wesentlichen sprechen, sondern von Straffung im Dienste des inneren Aufbaus des Werkes und der dramaturgischen Linie.
Da kann man geteilter Meinugn sein. Denn in der Fantasie wird Material herausgeschnitten, das in der "Reprise" (Takte 45/56 der gekürzten Fassung) zitiert wird. Das wirkt dann ohne den Bezug wiederum etwas zusammenhanglos.
Bei der Fuge kann man eher von Straffung sprechen. Aber das ist dann auch vor allem eine Geschmackssache. Was der eine als Straffung empfindet, beurteilt ein anderer als Verlust einer organischen Entwicklung...
Die Komposition bekommt damit den Charakter von kurz&knackig&prägnant, und bleibt immer noch lang genug und spielersich sehr anspruchsvoll.
Ja, und gerade dieses "kurz&knackig&prägnant" bedauern manche Hörer und Spieler vielleicht. Wobei der Zeit-Aspekt vor allem bei Reger so eine Sache ist: An der reinen Spielzeit erkennt man definitiv nicht, ob es die gekürzte oder die ungekürzte Fassung ist.
Martin Weyer schlägt übrigens folgenden Kompromiss vor: Fantasie ungekürzt, Fuge gekürzt.
Ein Kunstwerk führt ein Eigenleben und es wäre nicht das erste Mal, dass eine offiziell verworfene "Urfassung" von den Rezipienten als "besser" beurteilt wurde...
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Posaune16, Freitag, 20. Juni 2014, 13:32 (vor 4516 Tagen) @ Karsten
Bei allem Respekt für heutige Organisten und Musikwissenschafteler, die die niemals intendierte "Langfassung" bevorzugen: Es ist der explizite Wille und Wunsch des Komponisten, die "gestraffte" Fassung aufgeführt zu wissen. Daher hat Reger auch nichts anderes vorher oder nachher publiziert. Es ist m.E. sachlich falsch und im Grunde anmaßend, anders zu verfahren. Musikwissenschaftlich es es sicherlich interessant, die herausgenommenen Passagen zu betrachten und im Kontext zu sehen. Aber die letzendlich vom Komponisten publizierte Fassung hinten an zustellen und nur noch eine "Langfassung" zu spielen und ausschließlich zu vertreten, ist völlig verfehlt. Diese Vorgehensweise verdreht den Willen des Komponisten und verkennt die Meisterschaft Max Regers.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
stein
, Freitag, 20. Juni 2014, 15:00 (vor 4516 Tagen) @ Posaune16
Es ist der explizite Wille und Wunsch des Komponisten, die "gestraffte" Fassung aufgeführt zu wissen. Daher hat Reger auch nichts anderes vorher oder nachher publiziert. Es ist m.E. sachlich falsch und im Grunde anmaßend, anders zu verfahren.
Im Verbotenen liegt der Reiz! Ich würde darauf achten, dass sich Reger nicht unter den Zuhörern befindet.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
JSBach
, Freitag, 20. Juni 2014, 15:09 (vor 4516 Tagen) @ stein
er wäre vermutlich nicht zu übersehen und mittlerweile überriechen ...
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
stein
, Freitag, 20. Juni 2014, 15:45 (vor 4516 Tagen) @ JSBach
Er könnte allerdings auch verkleidet daher kommen.
http://www.ev-weihnachtskirche.de/Reger_auf_Kur_Meran_1914.JPG
P.S. Wir hatten einmal die Diskussion, ob Reger ein humorvoller Mensch sei.
Hier hatte er sich in Meran alse alte Frau verkleidet, also keine Anstaltskleidung.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Freitag, 20. Juni 2014, 15:57 (vor 4516 Tagen) @ Posaune16
bearbeitet von Karsten, Freitag, 20. Juni 2014, 16:22
Bei allem Respekt für heutige Organisten und Musikwissenschafteler, die die niemals intendierte "Langfassung" bevorzugen:
So "niemals intendiert" war die Langfassung auch nicht, denn immerhin hat sie es bis zur Stichvorlage und einem Korrekturabzug "geschafft".
Es ist der explizite Wille und Wunsch des Komponisten, die "gestraffte" Fassung aufgeführt zu wissen. Daher hat Reger auch nichts anderes vorher oder nachher publiziert. Es ist m.E. sachlich falsch und im Grunde anmaßend, anders zu verfahren. Musikwissenschaftlich es es sicherlich interessant, die herausgenommenen Passagen zu betrachten und im Kontext zu sehen.
Zumindest musikwissenschaftlich ist es zwingend notwendig, die Langfassung auch in Bezug zur Druckfassung zu Rate zu ziehen. Denn zahlreiche Vortragsangaben ergeben nur in Bezugnahme auf die Langfassung Sinn und sind teilweise in die anderen Druckfassungen "hineingerutscht". Auch das hat das MRI in der Neuausgabe zu korrigieren oder zumindest anzumerken versucht.
Aber die letzendlich vom Komponisten publizierte Fassung hinten an zustellen und nur noch eine "Langfassung" zu spielen und ausschließlich zu vertreten, ist völlig verfehlt.
Für ein solch hartes entweder-oder hat sich doch hier niemand ausgesprochen (zumindest was ein Verwerfen der Druckfassung angeht). Letztlich ist es eine persönliche Entscheidung des Interpreten und Hörers. Ich bin jedenfalls froh, dass es beide Fassungen gibt.
Diese Vorgehensweise verdreht den Willen des Komponisten und verkennt die Meisterschaft Max Regers.
In Anbetracht der Vorgehens- bzw. Spielweise zahlreicher Organisten kann man das auf sehr viele Wiedergaben und Aufnahmen Reger'scher Orgelwerke sagen, wenn man da mal genau mitliest. Da ist die Frage einer Kurz- oder Langfassung fast das kleinere Übel...
Ich glaube, Reger wäre es ziemlich egal, ob die Lang- oder Kurzfassung gespielt wird, solange er überhaupt gespielt wird und die Tantiemenkasse klingelt ;)
Er hatte ja auch nichts gegen die Straube-Ausgaben seiner Werke...
Aber es ist dennoch bemerkenswert, wieviele große Komponisten ihre eigene Meisterschaft und Willen verkennen, wenn sie aus niederen praktischen Gründen in ihren größten Meisterwerke der Musikgeschichte Kürzungen zulassen...
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Manuel, Freitag, 20. Juni 2014, 22:53 (vor 4516 Tagen) @ Karsten
Es gibt ja schon seit langem eine Einspielung der Urfassung - die berüchtigte Aufnahme von Rosalinde Haas. Im Beiheft wird sie als die "gültige Version" angesprochen, dem würde ich zustimmen. Für mich klang die gekürzte Version immer irgendwie amputiert.
Ich bin jedenfalls dankbar, wenn die Originalfassung gespielt wird.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Freitag, 20. Juni 2014, 23:06 (vor 4516 Tagen) @ Manuel
bearbeitet von Karsten, Freitag, 20. Juni 2014, 23:54
Es gibt ja schon seit langem eine Einspielung der Urfassung - die berüchtigte Aufnahme von Rosalinde Haas. Im Beiheft wird sie als die "gültige Version" angesprochen, dem würde ich zustimmen. Für mich klang die gekürzte Version immer irgendwie amputiert.
Ich bin jedenfalls dankbar, wenn die Originalfassung gespielt wird.
Es gibt neben der Aufnahme von Rosalinde Haas mittlerweile noch ein paar CD-Aufnahmen der Urfassung mehr (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
- Stefan Schmidt an der Seifert-Orgel in Kevelaer (Aeolus, 1997)
- Christian Larsen an der Walcker-Orgel der St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz (Romantische Orgelmusik Vol.3+4, Paula, 2001)
- Jean-Baptiste Dupont (im Rahmen seiner Gesamtaufnahme) an der Schuke-Orgel in Kaliningrad (Hortus, 2012)
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Friedrich
, Samstag, 21. Juni 2014, 00:44 (vor 4516 Tagen) @ Manuel
Es gibt ja schon seit langem eine Einspielung der Urfassung - die berüchtigte Aufnahme von Rosalinde Haas. Im Beiheft wird sie als die "gültige Version" angesprochen, dem würde ich zustimmen.
Wenn gültig heißt »So wie ich mir das aussuche und für richtig halte«, kann ich das auch. Wenn nicht, dann nicht.
Aus Regers Sicht war es gerade nicht die gültige Version. Er hat gestrichen und die gestrichene Version zum Verleger zurückgeschickt. Die ist dann veröffentlicht worden. Das ist die Fassung letzter Hand des Komponisten. Nach allem, was man quellenkundlich darüber sagen kann, ist das die gültige Fassung.
Das Problem, das Karsten erwähnt – Formteile, die in einer verworfenen Fassung eher Sinn ergeben als in der endgültigen –, gibt es auch andernorts bei Reger, z. B. im Sinfonischen Prolog. Wenn man dann »rekonstruiert«, muss man sich darüber im Klaren sein, dass man sich über das Urteil und die Absicht des Komponisten hinwegsetzt. Man spielt dann nicht mehr Reger, sondern man spielt Musik, die man sich nach eigenem Urteil bastelt.
»War ja schon genial, aber auch so’n bisschen dumm und hatte keinen Geschmack und Alkoholiker war er sowieso und diesem Straube hörig, sagt man jedenfalls« – hört sich das so an, wenn man einen Künstler posthum entmündigt? Einen, der auf extrem hohem Niveau eine oft äußerst reflektierte, intellektuell gebrochene Musik schreiben konnte – und Opus 135b gehört in die einsame Spitzengruppe seiner Werke?
Aber Frau Haas spielt ja auch die gestrichene Variation im Opus 73, die reines Zwirn ist – Reger wusste genau, warum er die gestrichen hat. Dass diese Variation überhaupt in Druckausgaben vorkommt, ist Hans Klotz’ massiv verfehltem Begriff von Editionspraxis zu verdanken – und jetzt spielen die Leute das …
Ich sehe ein, dass es da graduelle Unterschiede gibt und dass im Fall von Opus 135b die verworfene (ja, das ist sie immer noch!) Fassung es bis ganz dicht vor die Veröffentlichung geschafft hat. Ich finde es auch interessant, dass man beide Fassungen kaufen, lesen und hören kann. Aber man sollte sich beim Spielen darüber im Klaren sein, dass man vielleicht einen Diskussionsbeitrag liefert – aber eben auch am Komponisten vorbeispielt.
Viele Grüße
Friedrich
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Manuel, Sonntag, 22. Juni 2014, 01:01 (vor 4515 Tagen) @ Friedrich
Mit Verlaub, das ist jetzt sehr apodiktisch.
Wenn Reger ein eigenes Werk kürzte, dann tat er das meist, weil andere (in erster Linie Karl Straube) ihm reingeredet haben. Dass er sich gerade bei diesem Werk so spät noch für Streichungen entschied, spricht ja auch eher dafür.
Und die Variation aus opus 73, die weggelassen wurde, hat - Martin Weyer zufolge - eine wichtige Rolle in der Gesamtanlage. Einfach zu sagen, das sei "verworfene Musik", geht dann doch etwas an der Situation vorbei. Reger hat später auch seine sämtlichen Frühwerke zu "heillosem Blödsinn" erklärt. Ist die Suite e-moll opus 16 "heilloser Blödsinn"?
Ich glaube, dass Reger sein opus 135b gekürzt hat, weil ihm Zweifel kamen. Kurz nach dem von Straube verursachten Desaster mit dem Lateinischen Requiem ist das auch nicht weiter verwunderlich. Auch ein Komponist hat zu seinem Werk nur ein subjektives Verhältnis.
Spielen kann ich allerdings keine von beiden Fassungen, das muss ich den A-Musikern dieses Landes überlassen.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Friedrich
, Sonntag, 22. Juni 2014, 14:07 (vor 4514 Tagen) @ Manuel
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 22. Juni 2014, 14:15
Wenn Reger ein eigenes Werk kürzte, dann tat er das meist, weil andere (in erster Linie Karl Straube) ihm reingeredet haben. Dass er sich gerade bei diesem Werk so spät noch für Streichungen entschied, spricht ja auch eher dafür.
Hier gibt es eine Darstellung, die Regers Briefe (und Postkarten) an Straube und die Arbeit an den Korrekturbögen parallel aufführt. Da gibt es schon klare Hinweise, dass Straube die Kürzung vorchlug und Reger sie ausgeführt hat. Trotzdem hat er nachdrücklich Rat gesucht und angenommen. Ich bin – jetzt wirklich – neugierig, ob und wie sich in der Komposition ablesen ließe, dass Reger damit insgeheim nicht einverstanden war.
Und die Variation aus opus 73, die weggelassen wurde, hat - Martin Weyer zufolge - eine wichtige Rolle in der Gesamtanlage. Einfach zu sagen, das sei "verworfene Musik", geht dann doch etwas an der Situation vorbei.
Bei dieser Variation ist es noch weitaus klarer als bei Opus 135b: Die wurde in einem frühen Stadium des Kompositionsvorgangs tatsächlich verworfen. Reger hatte in dieser Zeit wenig Kontakt zu Straube, der bekam Opus 73 erst gedruckt zu Gesicht. Die fragliche Variation hat Reger schon im Manuskript gestrichen – sie ging also vor Klotz’ fragwürdiger Gesamtausgabe nie in den Stich –, und es fehlt die gesamte rote Ebene, also die Vortragsangaben; es gibt nur Noten und eine gründliche eigenhändige Schraffur drüber.
Nach Regerschen Maßstäben fehlt damit eine ganze Kompositionsschicht. Der Spieler weiß nicht, wie er das Stück in die Gesamtdynamik einfügen soll. Auch Martin Weyer weiß das nicht. Wissen sollte er, dass bei Reger die Entwicklung der Dynamik über das ganze Werk hinweg sehr wichtig ist. Was die gestrichene Variation angeht: In dieser Hinsicht ist sie ein Loch, da ist nichts. Im übrigen ist Weyers Darstellung des Opus 73 eine der gründlichsten, die man zu lesen bekommt, trifft aber meiner Meinung nach nicht ins Schwarze (außerdem setzt er Walter Fischer zur Uraufführung am 3. März 1905 in Berlin an die falsche Orgel; es war die Neue Garnisonkirche am Südstern, Sauer II/ca. 40, nicht die große Sauer in der Alten Garnisonkirche).
Reger hat später auch seine sämtlichen Frühwerke zu "heillosem Blödsinn" erklärt. Ist die Suite e-moll opus 16 "heilloser Blödsinn"?
Vielleicht meinte er eher so Sachen wie das d-Moll-Quartett mit Kontrabass oder die drei Stücke op. 7. Heillos sind die zwar nicht, aber sie halten keinem Vergleich mit den späteren Sachen stand. Immer die jüngsten Werke für die besten zu halten, scheint außerdem ein unter Komponisten verbreitetes Syndrom zu sein.
Ich glaube, dass Reger sein opus 135b gekürzt hat, weil ihm Zweifel kamen. Kurz nach dem von Straube verursachten Desaster mit dem Lateinischen Requiem ist das auch nicht weiter verwunderlich. Auch ein Komponist hat zu seinem Werk nur ein subjektives Verhältnis.
Wer, wenn nicht der? Muss man ein Werk gegenüber seinem Komponisten verteidigen?*
Viele Grüße
Friedrich
P. S.
Gut, dass wie auf Pfeifenorgelforum.net Bruckner nicht zu verhandeln brauchen! Puh!
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:25 (vor 4514 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Karsten, Sonntag, 22. Juni 2014, 16:08
Wenn Reger ein eigenes Werk kürzte, dann tat er das meist, weil andere (in erster Linie Karl Straube) ihm reingeredet haben. Dass er sich gerade bei diesem Werk so spät noch für Streichungen entschied, spricht ja auch eher dafür.
Hier gibt es eine Darstellung, die Regers Briefe (und Postkarten) an Straube und die Arbeit an den Korrekturbögen parallel aufführt. Da gibt es schon klare Hinweise, dass Straube die Kürzung vorchlug und Reger sie ausgeführt hat. Trotzdem hat er nachdrücklich Rat gesucht und angenommen. Ich bin – jetzt wirklich – neugierig, ob und wie sich in der Komposition ablesen ließe, dass Reger damit insgeheim nicht einverstanden war.
Hallo!
Ich erwähnte, dass das MRI in der Reger-Werk-Ausgabe darlegt, dass Straube eher nicht für die Kürzungen verantwortlich war und sie allenfalls billigte. Die erwähnten "Änderungen" waren wohl eher Vortragsangaben und Manualverteilungen.
Es wundert mich sowieso dass das MRI, für das die Urfassung eigentlich auch nicht auf das Notenpult gehört, diese Fassung gedruckt(!) in den Anhang gibt, während sonst solche Alternativen als pdf-Dokument auf die DVD verbannt wurden. Wie ich gehört habe, ist das wohl auch dem Einsatz der Praktiker, die immerhin um ihre Meinung gefragt wurden, zu verdanken.
Ich bin so frei, mal ausführlich aus dem Vorwort der RWA zu zitieren, was die Kürzungen betrifft.
Besonders bemerkenswert an Regers 1. Korrekturabzug sind drei großflächige Kürzungen, die eine Verringerung des Werkumfangs von 20 auf 16 Druckseiten zur Folge hatten: In der Phantasie strich er die Takte 40-49 (S. 9 der Korrekturfahnen), in der Fuge die Takte 44-63 (S. 15-16) und 74-81 Taktmitte (S.18); an den Anschlussstellen nahm er Anpassungen durch Überklebungen vor. Mit diesen Kürzungen scheint Reger jedoch erst nach dem 1. März 1916 begonnen zu haben, da er an diesem Tag gegenüber Straube noch von »20 Druckseiten Umfang« sprach (s.o.). Aufgrund des Quellenbefunds (vgl. Kritischer Bericht) ist davon auszugehen, dass die Streichung der Takte 44-63 der Fuge den beiden anderen Kürzungen zeitlich voranging: Zum einen finden sich in diesem Abschnitt keine Korrekturen Regers mit roter Tinte, zum anderen ist die Paginierung der ursprünglichen Seiten 17-20 in zwei Schritten auf zunächst 15-18 und dann 14-16 geändert. Somit ergibt sich, dass Reger die ursprünglichen Seiten 15 und 16 entfernte, bevor er Korrekturen mit roter Tinte eintrug, während die ursprünglichen Seiten 9 (Phantasie, T. 40-49) und 18 (Fuge, T. 74-81) in einem späteren, diesem Korrekturgang nachgelagerten Schritt entfielen.
Bisher sind alle drei genannten Kürzungen mit einem abendlichen Treffen Regers und Straubes am 11. April 1916 in Leipzig in Verbindung gebracht worden. Denn von Jena aus, wohin er am folgenden Morgen weitergereist war, berichtete Reger bereits am 12. April abends: »Die Änderungen in dem Orgelwerk hab' ich schon alle gemacht! Ich sende es morgen nach Berlin und lasse Dir sobald als möglich einen exemplarmäßigen Abzug machen! Ich denke, daß ich Dir denselben balde senden kann. Es war doch fein, daß wir uns gestern abend getroffen haben.«(87) Neben den nicht näher spezifizierten »Änderungen« besprachen die beiden Freunde an diesem Abend offenbar auch, dass Straube das Werk in Hannover uraufführen sollte.(88)
Die Streichungen der Takte 40-49 der Phantasie sowie der Takte 74-81 der Fuge können Gegenstand dieser Besprechung gewesen sein. So finden sich im Korrekturabzug an der entsprechenden Stelle in der Fuge Bleistifteintragungen Regers, die den geänderten Anschluss skizzieren. Sie sind entweder als Visualisierung für Straube oder als Gedächtnisstütze Regers interpretierbar. Die oben dargelegte Streichung der ursprünglichen Takte 44-63 der Fuge jedoch dürfte bereits vor diesem Treffen stattgefunden haben, denn es ist kaum anzunehmen, dass sowohl der Korrekturdurchgang mit roter Tinte (mindestens ab S. 15) als auch alle drei Kürzungen innerhalb eines halben Tages durchgeführt wurden.(89) Außerdem findet sich an einer bereits im Zuge der ersten Kürzung durch eine Überklebung bearbeiteten Stelle (Fuge, T. 40) eine auffällige Änderung der Manualverteilung, die somit nach dieser Kürzung stattgefunden haben muss. Die neue Manualverteilung wiederum dürfte zu den von Straube angeregten »Änderungen« gehören.(90)
Bei Rücksendung des 1. Korrekturabzugs am 13. April an den Verlag erläuterte Reger ausführlich den technischen Kürzungsvorgang und bestellte eine weitere Korrekturfahne sowie den Straube zur Vorbereitung der Uraufführung versprochenen Abzug. Zugleich bat er »dringendst darum, daß ich die alten, ketzt an Sie abgesandten Abzüge wieder zurückerhalte«.(89) Laut Vermerk auf der 1. Korrekturfahne waren die beiden neuen Abzüge »b[is] 18/4 bestimmt« herzustellen; bereits am 22. April konnte Reger das Übungsexemplar an Straube senden.(92) Sechs Tage später erhielt der Verlag von Reger auch den bearbeiteten 2. Korrekturabzug: »[...] es fehlt da fast gar nichts mehr; nur ein paar Kleinigkeiten!«(92) Aus dem wunschgemäß zurückerhaltenen 1. Korrekturabzug musizierte Reger am 3. Mai am Klavier mit Fritz Busch,(94) der die Korrekturfahne geschenkt bekam.
Fussnote:
(89) Jedenfalls könnte dann wiederum die Streichung der Seite 18 schwerlich mit Straube besprochen gewesen sein; es ist nicht vorstellbar, dass Reger diese am Tag darauf dennoch zunächst mit roter Tinte redigiert hätte.
(Reger-Werk-Ausgabe, Band I-3, Carus, S. XVIf.)
Gruß
Karsten
P.S. Die ungekürzte Urfassung findet man als Digitalisat auch online. Wunderschönes Manuskript.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
JSBach
, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:40 (vor 4514 Tagen) @ Karsten
wieso schreibt Reger einige der Notenköpfe als x?
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:46 (vor 4514 Tagen) @ JSBach
bearbeitet von Karsten, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:52
wieso schreibt Reger einige der Notenköpfe als x?
Reger hatte eine gestochen scharfe Notenschrift mit recht kleinen Notenköpfen. Von den gedruckten Notenlinien sind die geschriebenen Noten gut zu unterscheiden und ihre Platzierung gut zu erkennen. Bei den geschriebenen Hilfslinien wird es jedoch schwieriger: der kleine Notenkopf hat ja die gleiche Strichstärke wie die Hilfslinie. Daher schreibt er die Noten, die auf einer Hilsflinie stehen als Kreuz X, die über einer Hilfslinie mit Abstand als -.
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
JSBach
, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:50 (vor 4514 Tagen) @ Karsten
könnte hier irgendjemand aus so einem Regerschen Manuskript spielen?! ...
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Friedrich
, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:56 (vor 4514 Tagen) @ JSBach
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Friedrich
, Sonntag, 22. Juni 2014, 15:46 (vor 4514 Tagen) @ Karsten
Ich bin so frei, mal ausführlich aus dem Vorwort der RWA zu zitieren, was die Kürzungen betrifft.
Lieber Karsten,
danke, dass DU Dir die Arbeit gemacht hast! Das ist genau die Information, die jetzt noch fehlte! Ich habe die Werkausgabe hier nicht zur Verfügung. Der Kommentar ist ja ziemlich klar.
Das Manuskript habe ich auch schon entdeckt – fand ich auch einen schönen Fund.
Viele Grüße
Friedrich
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
CB, Sonntag, 22. Juni 2014, 20:30 (vor 4514 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von CB, Sonntag, 22. Juni 2014, 20:49
P.S. Die ungekürzte Urfassung findet man als Digitalisat auch online. Wunderschönes Manuskript.
Die folgenden Zeilen sind zwar zugegebenermaßen etwas aus dem Zusammenhang gerissen, aber es lohnt sich auch gerade diesen Autographen einmal genauer zu lesen. Dann man wird man u. U. feststellen, dass die 96 für die 1/8 in Takt 106 in den Editionen zur einer 66 geworden ist. Warum weiß ich nicht und es wird an dieser Stelle auch sicher niemand pedantisch auf die Stoppuhr schauen. Aber man wird es doch anmerken dürfen, dass es sich dabei um zwei gravierend unterschiedliche Aussagen im Hinblick auf eine vom Komponisten intendierte Tempokonzeption handelt -> die 66 sind zumindest dann schlichtweg zu langsam, möchte man das ritardando der verbleibenden sechs Takte ernst nehmen und möchte man zudem das Thema im Bass auch noch als ein solches erkennen können.
Es gibt übrigens auch einen käuflich erwerblichen Autographen von op. 46 - und auch den lohnt es sich unvoreingenommen einmal zu studieren. In Takt 41 beispielsweise lese ich da und spiele entsprechend in der Tenorstimme ein a. Zumindest in der Editionen Breitkopf ist anstatt des Auflösungszeichens des Autographen ein b notiert. Warum und woher darf man doch fragen?!
In der Wachet auf - Fuge gibt es einen fragwürdigen Themeneinsatz und zwar zunächst in allen mir bekannten Quellen identisch. Unterstellt man an dieser Stelle trotzdem einen Stichfehler, ein Druckfehler, einen Verschreiber des Komponisten, was auch immer und korrigiert sie entsprechend um eine Terz nach oben, ist die Stelle plötzlich musikalisch nicht nur logischer, sondern durch das Eliminieren der Parallelen auch satztechnisch richtig.
Ist das „Anmaßung“ oder etwa ein „Verkennen der Meisterschaft Max Reger´s“? Nach meiner Einschätzung ist es genau das Gegenteil.
Denn ich denke, dass einem Interpreten niemals äußere Umstände oder Vorgaben von Außen, und seien es noch so gute Editionen, professionell betreute Einspielungen (auch dort gibt es nämlich die abstrusesten Kalauer) oder eine vermeintlich sichere Quellenlage, eine eigene kritische und intensive Auseinandersetzung mit einem Werk und der Musik ersetzen können.
LG, CB
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Montag, 23. Juni 2014, 10:42 (vor 4514 Tagen) @ CB
Die folgenden Zeilen sind zwar zugegebenermaßen etwas aus dem Zusammenhang gerissen,
Macht nichts, zu einigen kann ich Dank des Kritischen Berichts etwas ergänzen. :)
aber es lohnt sich auch gerade diesen Autographen einmal genauer zu lesen. Dann man wird man u. U. feststellen, dass die 96 für die 1/8 in Takt 106 in den Editionen zur einer 66 geworden ist. Warum weiß ich nicht und es wird an dieser Stelle auch sicher niemand pedantisch auf die Stoppuhr schauen. Aber man wird es doch anmerken dürfen, dass es sich dabei um zwei gravierend unterschiedliche Aussagen im Hinblick auf eine vom Komponisten intendierte Tempokonzeption handelt -> die 66 sind zumindest dann schlichtweg zu langsam, möchte man das ritardando der verbleibenden sechs Takte ernst nehmen und möchte man zudem das Thema im Bass auch noch als ein solches erkennen können.
Laut kritischem Bericht fand die Tempoänderung im nächsten Korrekturstadium statt. Das "Meno vivace 1/8 = 96" der Stichvorlage/Manuskript wurde auf dem 1. Korrekturabzug in das heutige "Moderato molto 1/8 = 66" des Erstdrucks geändert.
Eigene Vermutung: Diesen Korrekturabzug besprach Reger mit Straube. Solch eine Tempomodifikation könnte durchaus eine von Straube angeregte Änderung sein.
Es gibt übrigens auch einen käuflich erwerblichen Autographen von op. 46 - und auch den lohnt es sich unvoreingenommen einmal zu studieren. In Takt 41 beispielsweise lese ich da und spiele entsprechend in der Tenorstimme ein a. Zumindest in der Editionen Breitkopf ist anstatt des Auflösungszeichens des Autographen ein b notiert. Warum und woher darf man doch fragen?!
Universaledition (Erstdruck) und RWA haben ebenfalls ein "a" mit Auflösezeichen. Scheint also ein Druckfehler der B&H-Ausgabe zu sein.
In der Wachet auf - Fuge gibt es einen fragwürdigen Themeneinsatz und zwar zunächst in allen mir bekannten Quellen identisch. Unterstellt man an dieser Stelle trotzdem einen Stichfehler, ein Druckfehler, einen Verschreiber des Komponisten, was auch immer und korrigiert sie entsprechend um eine Terz nach oben, ist die Stelle plötzlich musikalisch nicht nur logischer, sondern durch das Eliminieren der Parallelen auch satztechnisch richtig.
Diese Stelle ist auch ein kurioses Beispiel für die genaue Arbeit der Musikwissenschaftler. In der RWA wurde diese Stelle mit einer Fußnote versehen und angemerkt. Dieser Satzfehler fände sich in allen Quellen, daher sei er auch hier so wiedergegeben.
Die naheliegende Möglichkeit, dass sich Reger schlicht verschrieben habe und der Fehler eben durch mehrere Korrekturgänge gerutscht sei, war nicht ausreichend um den Text zu ändern.
Ist das „Anmaßung“ oder etwa ein „Verkennen der Meisterschaft Max Reger´s“? Nach meiner Einschätzung ist es genau das Gegenteil.
Nun ja, diese Beispiele sind Details, die nicht mit der massiven Kürzung vergleichbar sind. Hier hilft die Musikwissenschaft und gut kritische Berichte natürlich sehr um zu einer eigenen begründeten und überzeugenden Interpretation zu kommen.
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
CB, Montag, 23. Juni 2014, 11:34 (vor 4513 Tagen) @ Karsten
Diese Stelle ist auch ein kurioses Beispiel für die genaue Arbeit der Musikwissenschaftler. In der RWA wurde diese Stelle mit einer Fußnote versehen und angemerkt. Dieser Satzfehler fände sich in allen Quellen, daher sei er auch hier so wiedergegeben.
Nun ja, diese Beispiele sind Details, die nicht mit der massiven Kürzung vergleichbar sind. Hier hilft die Musikwissenschaft und gut kritische Berichte natürlich sehr um zu einer eigenen begründeten und überzeugenden Interpretation zu kommen.
Und ich habe mich an keiner Stelle gegen die Musikwissenschaft oder deren Arbeit ausgesprochen! Im Gegenteil, wie käme ich denn dazu?
Ein kritischer Bericht, egal welcher Edition, setzt sich zudem aus unterschiedlichen Informationen, und zwar verschiedener Informanten (!) zusammen.
Ein „schlechter Reger“ und eine „Komposition durch Veränderungen verschlechtern“ sind m. E. zwei grundverschiedene Aussagen!
Sorry Karsten, aber das ist nicht mein Thema, war es auch nie und von daher bedanke ich mich für das Interesse und klinke mich an dieser Stelle höflich aus.
LG von unterwegs, CB
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Manuel, Sonntag, 22. Juni 2014, 22:42 (vor 4514 Tagen) @ Friedrich
Wer, wenn nicht der? Muss man ein Werk gegenüber seinem Komponisten verteidigen?*
Ja, selbstverständlich.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Montag, 23. Juni 2014, 11:04 (vor 4513 Tagen) @ Manuel
Wer, wenn nicht der? Muss man ein Werk gegenüber seinem Komponisten verteidigen?*
Ja, selbstverständlich.
Ich finde es ja irgendwie amüsant:
Man hat schon zu Lebzeiten Reger in fast jeglicher Beziehung seine Maßlosigkeit und seine Extreme vorgeworfen. Er habe zu schnell und zu exzessiv komponiert, die Spieanweisungen seien völlig übertrieben etc. und wenn er seine Kompositionen nur mal mit etwas gehörigem Abstand wieder durchgegangen wäre und korrigiert hätte, wäre der "wahre Reger" genauso gut wenn nicht besser verständlich gewesen usw. Darum gab es ja auch die Straube-Ausgaben.
Hier bei op.135b ist das nun genau geschehen: zwischen der Niederschrift der Stichvolrage und der Korrektur und der Kürzungen lag fast ein Jahr! Und wenn dann nach Meinung sehr vieler Reger-Kenner ein "schlechterer Reger" dabei herauskommt, kann man eigentlich froh sein, dass Reger nicht noch mehr seiner Werke korrigiert hat ;)
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
stein
, Montag, 23. Juni 2014, 12:16 (vor 4513 Tagen) @ Karsten
"Hier ist keine Note zuviel" oder so ähnlich, hat Reger irgendwo einmal gesagt.
ME sollte man beide Versionen aufführen, je nach Geschmack des Interpreten. Eine kurze Erläuterung der Problematik macht die Sache einfach nur noch spannender.
In diesem Forum diskutieren wir seit Tagen über die beiden Versionen. Das hat mich jetzt auf Erkundungstour geschickt. Das macht alles nur noch spannender.
gruss stein
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Montag, 23. Juni 2014, 12:35 (vor 4513 Tagen) @ stein
"Hier ist keine Note zuviel" oder so ähnlich, hat Reger irgendwo einmal gesagt.
ME sollte man beide Versionen aufführen, je nach Geschmack des Interpreten. Eine kurze Erläuterung der Problematik macht die Sache einfach nur noch spannender.
Das sehe ich auch so!
In diesem Forum diskutieren wir seit Tagen über die beiden Versionen. Das hat mich jetzt auf Erkundungstour geschickt. Das macht alles nur noch spannender.
Im Internet steht ja alles frei zur Verfügung:
Noten der Urfassung und der Druckfassung:
http://imslp.org/wiki/Phantasie_und_Fuge_f%C3%BCr_Orgel,_Op.135b_%28Reger,_Max%29
Aufnahmen der Erstfassung
Neben der von CB verlinkten eigenen Aufnahme
https://www.youtube.com/watch?v=G6EKm3PwTMk
gibt es auch eine schöne Aufnahme von Andrew Dewar
https://www.youtube.com/watch?v=RnxgnuNEQZQ
Aufnahmen der Druckfassung zB:
https://www.youtube.com/watch?v=DuyF9XjNves
Wäre interessant zu erfahren, wie ansosnten das "Stimmungsbild" bzgl. der beiden Versionen ist.
Gruß
Karsten
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
stein
, Montag, 23. Juni 2014, 15:45 (vor 4513 Tagen) @ Karsten
Im Internet steht ja alles frei zur Verfügung:
Noten der Urfassung und der Druckfassung:
http://imslp.org/wiki/Phantasie_und_Fuge_f%C3%BCr_Orgel,_Op.135b_%28Reger,_Max%29Aufnahmen der Erstfassung
Neben der von CB verlinkten eigenen Aufnahme
https://www.youtube.com/watch?v=G6EKm3PwTMk
gibt es auch eine schöne Aufnahme von Andrew Dewar
https://www.youtube.com/watch?v=RnxgnuNEQZQAufnahmen der Druckfassung zB:
https://www.youtube.com/watch?v=DuyF9XjNvesWäre interessant zu erfahren, wie ansosnten das "Stimmungsbild" bzgl. der beiden Versionen ist.
Danke für den gedeckten Tisch!
Ein Regerfan kann eigentlich nur dankbar für noch mehr Noten sein. Die Frühfassung gibt eine willkommene Abwechslung. Ob dabei 5 min mehr heraus kommen, dürften ihn nicht stören. Für mich sind beide Versionen interessant. Die zusützlichen Passagen ergeben einen Aha-Effekt, wenn man die Spätfassung gewohnt ist. Eine Gesamteinspielung sollte auch beide berücksichtigen.
Die Kuhn-Orgel von 1950 der ersten Aufnahme, ist ein weiterer Beweis, neben Zürich-Enge, für die hervorragenden Instrumente dieser Firma in dieser Zeit.
20 km nördlich im reichen Montreux wartet am Genfer See eine Kuhn-Orgel von 1904 auf ihre Restaurierung.
Die einzige romantische Orgel dieser Grösse in der Suisse romande.
Eine andere Orgel aus der Region wurde 1980 von der Oberlinger Orgel in Bonn-Beuel geschluckt.
gruss stein
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
stein
, Montag, 23. Juni 2014, 19:13 (vor 4513 Tagen) @ stein
Cameron Carpenters Badezimmer-Fassung ist allerdings mein persönlicher Favorit.
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
CB, Samstag, 21. Juni 2014, 12:02 (vor 4515 Tagen) @ CB
Auch unter Berücksichtigung des entsprechenden Kontextes und unter objektiven Kriterien - d. h. von inhaltlicher und formaler, über eine musikalische Analyse der Texte - bis hin zu einer Interpretation, hält m. E. die gekürzte Fassung einem Vergleich mit der Ungekürzten nicht stand.
Ich bin nach dieser Arbeit und auf dem Hintergrund eines Studiums der Orgelwerke Max Regers davon überzeugt, dass der Komponist zu diesen Änderungen motiviert worden ist und an der Art und Weise der Kürzungen lässt sich, zumindest nach meinem Dafürhalten, der Protest des Autors auch nicht überhören, geschweige denn überlesen. Wobei es anzumerken ist, dass die drei Kürzungen sicherlich nicht gleichermaßen zu beurteilen sind; über die Kürzung der ersten Fuge könnte man durchaus diskutieren.
Mutmaßungen zu irgendwelchen Umständen jedoch, die nicht zumindest durch eine Quelle belegbar sind, oder gar in weichgespülte Floskeln formulierte, subjektive Einschätzungen, verbanne ich dabei zunächst einmal prinzipiell aus meinem Meinungsbildungsprozess.
Ich bitte an dieser Stelle um Nachsicht, dass ich mich der zeitintensiven Aufgabe einer detaillierten Ausformulierung und insbesondere einer anschließenden, dialogisierenden Kommentierung meiner Standpunkte jetzt und im Moment nicht stellen kann. Ich versichere aber, dass ich das gerne zu späterer Zeit, hier oder an anderer Stelle tun werde.
Einen kurzen Gedanken noch: Dass Reger die gekürzte Fassung zum Druck autorisiert hat, ist im Rahmen einer solchen Diskussion letztlich das Totschlagargument, wenn auch unterm Strich das Einzige und zudem auch noch ein Außermusikalisches. Ob und inwiefern sich da die Mehrheiten trotzdem verlagern werden, wird sich wohl erst noch zeigen, denn die Interpreten der jüngeren Generation genießen hier nämlich schlicht und ergreifend das Privileg der Unvoreingenommenheit. Die ungekürzte Fassung ist ja erst durch die Edition Breitkopf überhaupt spruchreif geworden, ich glaube in den 80er Jahren.
Und ich frage mich gerade, wie es um meine Diplomatie stünde, wenn ich eine fiktive Urfassung beispielsweise der Halleluja-Fuge erlernen müsste.
Im Übringen sollte man sich bei der Analyse Regerscher Fugen und insbesondere seiner Fugenkompositionstechnik unbedingt einmal das Straube-Exemplar der Halleluja-Fuge zu Gemüte führen. Möglicherweise könnte man sich danach nicht nur grundsätzlich, sondern auch gerade in Bezug auf op. 135b etwas dezidierter äußern?!
Liebe Grüße, CB
p.s. Nichts für ungut, aber lasst uns an dieser Stelle zunächst einmal die Diskussion, die ich hier ohnehin nicht wollte, beenden. Aus gegebenem Anlass und mit den diplomatischen Worten Martin Weyer´s zu diesem Thema: „Wie sooft endet auch dieses Match 1:1, um nicht zusagen 0:0“. :-)
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
CB, Sonntag, 22. Juni 2014, 17:27 (vor 4514 Tagen) @ CB
Ich denke, dass man es zunächst einmal zur Kenntnis nehmen sollte, dass da unterschiedliche Diskussionen auf verschiedenen Schauplätzen geführt werden - und vielleicht auch so zu führen sind?!
Als Editor hat man wahrscheinlich letztlich keine andere Wahl, als auf die ursprüngliche Druckfassung zurückzugreifen?! Dazu weiß ich mich nicht zu äußern und das spielt sich zudem auch nicht auf meinem Hoheitsgebiet als Interpret ab, noch ist es meine Kritik oder letztlich mein Thema.
Ich könnte mir vorstellen, dass man als Musikwissenschaftler mit einem entsprechenden professionellen Hintergrund, mit einem Gespür für Musik - und Kompositionstheorie, mit fundierten Kenntnissen zu musikalischen Formen und Gattungen und mit der Fähigkeit zu einer musikalischen Analyse, nach einer entsprechenden Beschäftigung, zumindest in einen Zwiespalt geraten wird. Und Interpreten gewichten ihre Argumente innerhalb ihrer Erörterungen ->Interpretationen sicherlich nochmal etwas anders.
Um meinen persönlichen Standpunkt nochmal in aller Kürze und klar zu formulieren, den ich ja ohnehin mit meiner Aufführung vertrete:
Max Reger hat das Stück (op. 135b) nicht nachträglich verbessert, sondern verschlechtert und das ist auch m. E., zumindest objektiv, begründbar...Subjektiv kann man das und darf man das ja anders sehen. Was für den Einen dabei eine "Amputation" ist, empfindet ein Anderer eben als eine gelungene Straffung...damit aber aus solchen Floskel auch ernstzunehmende Argumente werden, muss man zunächst einmal dazu in der Lage sein und sich anschließend die Mühe machen, seine Standpunkte professionell, und das heißt richtig und in einem entsprechenden Vokabular zutreffend zu vertreten.
Da sich m. E. op. 135b in diesem Zusammenhang und in dieser Problematik – vorausgesetzt man kann mir in soweit folgen, dass man überhaupt eine Problematik erkennt - von anderen Werken unterscheidet, helfen mir persönlich keine gut gemeinten Verweise auf andere Opera (fis-moll, Morgenstern etc.), sozusagen Verweise, die vom Stück wegführen, denn meine Anschauungen beruhen ja genau auf dem Gegenteil: Auf einer kritischen und objektiven, musikalischen Auseinandersetzung mit den beiden Texten zu diesem Stück - und zwar zunächst einmal unabhängig von äußern Umständen und Äußerlichkeiten.
LG CB
Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Karsten
, Montag, 23. Juni 2014, 10:55 (vor 4513 Tagen) @ CB
Um meinen persönlichen Standpunkt nochmal in aller Kürze und klar zu formulieren, den ich ja ohnehin mit meiner Aufführung vertrete:
Max Reger hat das Stück (op. 135b) nicht nachträglich verbessert, sondern verschlechtert und das ist auch m. E., zumindest objektiv, begründbar...Subjektiv kann man das und darf man das ja anders sehen. [...]
Es wäre fantastisch, wenn du bei Gelegenheit für uns diese objektiven Gründe hier genauer ausführen könntest. Danke im Voraus!
Gruß
Karsten