Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 29. Mai 2014, 22:31 (vor 4540 Tagen)

Hallo Forum,

10. Oberkasseler Orgelfrühling, Auferstehungskirche Düsseldorf-Oberkassel, 5. Konzert am 28.05.2014, Thema: Niederlande. Markus Hinz (Kantor der benachbarten Kirche St. Antonius), der Niederländer zu seinen Vorfahren zählt, spielte Kompositionen von Andriessen, Sweelinck, Wammes, van Noordt und Welmers. Leichte Kost? Mitnichten. Und gar nicht einfach zu kommentieren.

Es ging los mit Hendrik Andriessen (1892-1981), Toccata (1912). Klar, daß Andriessen hier an die französische Orgeltoccata andockt. Spätromantisch und noch wenig modern ist das Werk aufgelockert, ja süffig. Der junge Komponist will viel erzählen und baut immer neue Ideen ein. Ein schöner Einstieg.

Jan-Pieterzoon Sweelincks Echo-Fantasia (dorisch) hat man schon öfter gehört. Hinz machte das sehr genau, ja ruhig. Daß Sweelinck mit den physikalischen Gegebenheiten eines Echos nicht vertraut war, ist merkwürdig. Daß die Wiederholungen der längeren und kürzeren Phrasen auf einem anderen Manual in leiserer Weise hier trefflich umgesetzt wurden, steht außer Frage. Andererseits ist es aber schon ein wenig kurios, wenn das Echo nach einer kurzen Passage sofort antwortet, bei einer längeren Passage aber brav wartet, bis diese ganz abgesetzt ist, um dann erst zu antworten.

Mit Toccata chromatica (Echoes of Sweelinck, 2008)) von Ad Wammes (*1953) knüpft dieser an Sweelincks Musik an. Die Passagen wiederholten sich chromatisch versetzt. Wammes komponiert im Stile der Minimal-music. Also muß man gut auf die geringen, aber häufigen Veränderungen unter der Oberfläche achten.

Sehr stilvoll, getragen und fein registriert folgten 3 Verse aus Psalm 24 von Anthoni van Noordt (um 1619-1675). Auch hier machten Orgel und Spieler eine gute Figur.

Nun war etwa eine halbe Stunde vergangen. Es stand nur noch ein Werk auf dem Programm: Sequens (1979) von Jan Welmers (*1937). “Wer es durchstehen kann, möge es durchstehen” könnte in Abwandlung des Bibelworts (Quis capere potest, capiat - Wer es fassen kann, möge es fassen) als Motto über diesem Werk stehen. Denn es birgt für Spieler und Hörer große Schwierigkeiten. Über 25 Minuten minimal-music vom Feinsten. Die Ketten müssen ständig durchlaufen; da darf nichts verkrampfen; weder die Fingern des Spielers noch die Hirne der Hörer: Beide müssen hellwach bleiben, denn da läuft nichts von selbst. So gleichartig das Geschehen äußerlich ist, im Innern tut sich immer was. Mitunter tritt eine choralartige, gregorianisch anmutende Melodie hinzu. Dann läuft es über zwei Seiten nur manualiter. Es gibt Steigerungen bis hin zu Maschinenlärm. Die Lager laufen gleichmäßig unrund...usw. Kurz, für den, der dranbleibt, ist es spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Ja man bedauert das Ende. Hinz war ein großartiger Anwalt dieser Musik.

Die fast 90 Hörer applaudierten sofort heftig und anhaltend. Schließlich improvisierte Hinz noch ein wenig in milderen Gefilden (mit Klangrafinesse!). Ein wunderbares Konzert.

Gruß Clemens Schäfer

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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

ado ⌂ @, Freitag, 30. Mai 2014, 00:31 (vor 4540 Tagen) @ Clemens Schäfer

Daß Sweelinck mit den physikalischen Gegebenheiten eines Echos nicht vertraut war, ist merkwürdig. Daß die Wiederholungen der längeren und kürzeren Phrasen auf einem anderen Manual in leiserer Weise hier trefflich umgesetzt wurden, steht außer Frage. Andererseits ist es aber schon ein wenig kurios, wenn das Echo nach einer kurzen Passage sofort antwortet, bei einer längeren Passage aber brav wartet, bis diese ganz abgesetzt ist, um dann erst zu antworten.

vielen dank für den bericht! die anmerkungen zu sweelincks verständnis (oder nicht-verständnis) der physikalischen eigenschaften eines echos finde ich aber ihrerseits kurios. echo-effekte werden ja in älterer orgelmusik häufig eingesetzt; mir war aber der gedanke noch gar nicht gekommen, daß je beabsichtigt gewesen sein könnte, ein natürlich auftretendes echo zu imitieren. der begriff echo wird doch hier als metapher verwendet (definition metapher bei wikipedia: "Ausdruck, der statt des wörtlich Gemeinten etwas bezeichnet, das ähnlich ist").

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

MAT @, Freitag, 30. Mai 2014, 10:51 (vor 4540 Tagen) @ ado
bearbeitet von MAT, Freitag, 30. Mai 2014, 10:58

Ja, ich musste auch über die Echo-Bemerkung Herrn Schäfers schmunzeln. Natürlich war es nicht Sweelincks Absicht, physikalisch korrekte Echos zu komponieren! Es heißt ja auch "Fantasie op de manier van een echo", also in der Art eines Echos.

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Gruß
MAT

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Karsten @, Freitag, 30. Mai 2014, 12:58 (vor 4540 Tagen) @ MAT

Ja, ich musste auch über die Echo-Bemerkung Herrn Schäfers schmunzeln. Natürlich war es nicht Sweelincks Absicht, physikalisch korrekte Echos zu komponieren! Es heißt ja auch "Fantasie op de manier van een echo", also in der Art eines Echos.

Könnte es sein, dass die Ironie in Herrn Schäfers Posting nicht ganz erfasst wurde?

Gruß
Karsten

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Samstag, 31. Mai 2014, 14:17 (vor 4539 Tagen) @ Karsten

Danke, Karsten!

Echos kommen in der Musik ja öfters vor. Normalerweise hat man keine Zeit, sich mit der naturwissenschaftlichen Kompatibilität zu beschäftigen, denn der Effekt wird fast immer nur sparsam eingesetzt; er nutzt sich halt schnell ab. Hier aber macht Sweelinck das Echo zum Grundprinzip des Stückes. Und so hat man mehrere Minuten Zeit, auch einmal über die Natur des Echos nachzudenken. Ich mußte innerlich grinsen, als mir klar wurde, daß hier Natur und Kunst sich nicht gefunden hatten, Das wollte ich dem Forum nicht vorenthalten. Ich probierte die Wirkung dieser Information denn auch gleich beim Interpreten Markus Hinz selbst aus: Der war verdutzt, räumte meine “Bedenken” ein und meinte, es würde aber schwierig, wenn der Rücklauf früher einsetzen würde.

Natürlich ist überlegenswert, ob echte Echos mit unterschiedlich langen Passage komponiert werden können. Denn dann platzt das Echo womöglich bereits in die Passage selbst hinein. Die Antwort ist einfach: Ja, klar. Das passiert in jedem Kanon, in jeder engeführten Fuge. Sweelinck hätte also gekonnt, wenn er gewollt hätte.

Bleibt noch die Frage, ob der Titel des Stücks wirklich von Sweelinck selbst stammt. Stücke sind oft nicht vom Komponisten sondern z.B. von Verlegern mit dem Ziel der Verkaufsförderung mit schückendem Namen oder Textzusatz versehen worden. Vielleicht schwebte Sweelinck ja auch ein Lehrer vor, der mit sonorer Stimme mehr oder weniger kurze Sätze spricht, welche ein Kind mit höherer, schwächerer Stimme korrekt zu wiederholen hat? Im übrigen verweise ich auf § 118 BGB.

Gruß Clemens Schäfer

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Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Karsten @, Samstag, 31. Mai 2014, 15:37 (vor 4539 Tagen) @ Clemens Schäfer
bearbeitet von Karsten, Samstag, 31. Mai 2014, 15:40

Natürlich ist überlegenswert, ob echte Echos mit unterschiedlich langen Passage komponiert werden können. Denn dann platzt das Echo womöglich bereits in die Passage selbst hinein. Die Antwort ist einfach: Ja, klar. Das passiert in jedem Kanon, in jeder engeführten Fuge. Sweelinck hätte also gekonnt, wenn er gewollt hätte.

Den Versuch eines "physikalischen Echos" eines Namensrufes hat Richard Strauss in seinem Opus magnum "Die Frau ohne Schatten" ganz gut hingekriegt. Man muss sich den Frauenchor dann natürlich auch noch hinter der Bühne vorstellen.
(Da das Forum ja musikalisch aufgeschlossen ist und gerne mal über den Tellerrand schaut, gehe ich davon aus, dass es vertretbar ist, eine Oper zu erwähnen ;) )

Gruß
Karsten

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

MAT @, Montag, 02. Juni 2014, 21:19 (vor 4537 Tagen) @ Karsten

Mag sein, ich sehe selbige auch jetzt nicht....aber egal.

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Gruß
MAT

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

3rd_astronaut, Freitag, 30. Mai 2014, 02:25 (vor 4540 Tagen) @ Clemens Schäfer

Sehr stilvoll, getragen und fein registriert folgten 3 Verse aus Psalm 24 von Anthoni van Noordt (um 1619-1675). Auch hier machten Orgel und Spieler eine gute Figur.


Mehr eine Frage an die Spieler als an die Hörer: Ich habe von dem Noordt-Psalm eine Ausgabe, wo im ersten Vers recht virtuoses Pedalspiel notiert ist. Also das macht Spaß zu spielen, aber "originaler" dürfte es wohl sein, wenn der Sopran ins Pedal kommt, oder? Wie spielt ihr das?

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

hardy @, Freitag, 30. Mai 2014, 22:30 (vor 4539 Tagen) @ Clemens Schäfer

Habe es gerade gefunden, was Herr Schäfer so gelobt hat (und wenn ich es mir so anhöre, zu recht - hier aber nur knapp 15 Min. lang):
http://www.youtube.com/watch?v=mnTISbpaDB4

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Freitag, 30. Mai 2014, 23:11 (vor 4539 Tagen) @ hardy

Habe es gerade gefunden, was Herr Schäfer so gelobt hat (und wenn ich es mir so anhöre, zu recht - hier aber nur knapp 15 Min. lang)

Hallo, es gibt eine CD von Markus Goecke (Goll-Orgel, St. Martin, Memmmingen) bei audite mit Musik von Welmers. Goecke braucht für die Sequens dort 21:17. Hinz hat es in gut 25 Minuten gemacht.

Gruß Clemens Schäfer

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Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

elsenp @, Samstag, 31. Mai 2014, 09:03 (vor 4539 Tagen) @ hardy

Hier kann man einen Blick in die Noten und die Ausführungsvorschriften werfen (rechts oben auf "Voorbeeld inzien" klicken).

Gruß
Peter

Markus Hinz, Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Samstag, 31. Mai 2014, 13:37 (vor 4539 Tagen) @ elsenp

Danke!

Ein lehrreicher Link. Jetzt leuchten die unterschiedlichen Spieldauern ein. Hinz hat offenbar die volle Fassung gespielt. Denn langsam kam mir das nicht vor.

Gruß Clemens Schäfer

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