ION: David Briggs - Mahler

Flûte harmonique, Donnerstag, 29. Mai 2014, 10:25 (vor 4539 Tagen)

Auf der Webseite des BR wird auf den Mahler-Zyklus hingewiesen, den David Briggs derzeit in St. Sebald im Rahmen der Internationalen Orgelwoche Nürnberg spielt. Heute (29.5.) steht die 5. Symphonie von Mahler an, morgen die Sechste, und am Sonntag die Dritte. Am vergangenen Dienstag war bereits die 2. Symphonie in St Sebald zu hören.

War schon jemand im ersten Konzert am Dienstagabend, oder vielleicht in Ingelheim (24. Mai) oder Oppenheim (25. Mai), wo David ebenfalls die 2. Mahler-Symphonie gespielt hatte? Zu Oppenheim konnte ich diese Besprechung finden.

ION: David Briggs - Mahler

Matthias @, Donnerstag, 29. Mai 2014, 13:56 (vor 4539 Tagen) @ Flûte harmonique

Über das Konzert vom 27. Mai (2. Sinfonie) steht heute eine Kritik in der Nürnberger Zeitung, online konnte ich die aber noch nicht finden. Es sang ein Projektchor der ION unter der Leitung von K.-F. Beringer. Bei Interesse kann ich dir den Bericht zukommen lassen.

Kann es sein, daß Mahler die Fünfte ursprünglich für Orgel komponiert hat?

Dorforganist, Donnerstag, 29. Mai 2014, 20:50 (vor 4539 Tagen) @ Flûte harmonique

Ich bin absolut kein Fan von Orgeltranskriptionen und meine Frau war bisher kein Fan von Mahler, aber D.Briggs hat uns heute beide eines Besseren belehrt: es war einfach vollkommen logisch, diese Musik auf einer Orgel zu hören!

Es klang so, als wäre sie immer schon Orgelmusik gewesen - auch die volkstümlichen Partien klangen nie wie Karikaturen, die musikalische Dichte in den Ecksätze war um Potenzen höher als bei vielen hochgelobten französischen Virtuosenstücken (wahrscheinlich kriege ich dafür jetzt wieder einen Rüffel), und die Spannung ließ in den rund 80 Minuten organistischer Höchstleistung - bei gleichzeitig absoluter Ruhe im Vortrag - keine Minute nach.

D.Briggs wirkt vollkommen unprätentiös, sein Spiel - auf eine Großleinwand übertragen - hat keinerlei artistische Elemente, seine eher kurzen und dicken Finger bewegen sich in einer beeindruckenden Ruhe über den ganzen Tonumfang der drei Manuale (und zwischen diesen mit Daumenuntersatz und zweimanualigem Spiel pro Hand) und finden darüberhinaus auch noch jede Menge Zeit, zusätzlich zu Setzer und Sequenzer auch noch von Hand punktgenau auf- und abzuregistrieren und dabei Klangnuancen für einzelne Phrasen oder sogar Töne herauszuarbeiten, die man dieser Orgel kaum zugetraut hätte. Soweit ich es sehen konnte, hatte der Assistent lediglich die Aufgabe, umzublättern, wenn der Meister gerade wirklich keine Hand frei hatte.

Die Orgel war für diese Musik wie erwartet nur bedingt geeignet - es fehlte doch einiges an symphonischer Tragfähigkeit, und wir waren froh, daß unser Platz in Reihe 10 nahezu unmittelbar vor der an der rechten Seite stehenden Orgel war, dafür hörte man gut die knarzenden Schwellwerkslamellen und manche schnatternde Gehäusefüllung (was hoffentlich bei der anstehenden Renovierung korrigiert wird) - andererseits bot sie D.Briggs aufgrund ihrer reichlichen Aliquoten viele Möglichkeiten, die auch von Mahler verwendeten Verfremdungseffekte in der Instrumentalisierung adäquat abzubilden, was er detailliert nutzte (laut Zeitungsbericht hatte er genau fünf Stunden Zeit, sich mit der Orgel vertraut zu machen, war aber früher schon öfter auf dem Instrument zu hören). Weiter hinten dürfte davon aber nicht mehr allzuviel angekommen sein. Doch das ist ein prinzipielles Problem dieser Kirche, das uns oft von einem Konzertbesuch abhält.

Uns persönlich hat die Fünfte heute noch mehr beeindruckt als die Zweite am Dienstag, obwohl auch diese ein Erlebnis war, das durch einen vom ehemaligen Dirigenten des Windsbacher Knabenchors, Karl-Friedrich Beringer, geleiteten Projektchor zu einem höchst beeindruckenden Finale geführt wurde - und (im Unterschied zu heute) auch für ION-Verhältnisse sehr gut besucht war.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ bei uns die Projektion auf Großleinwand (vielleicht gewöhnt man sich irgendwann daran?): obwohl sie wirklich nur auf die Tastatur des Generalspieltischs ausgerichtet war, fühlten wir uns irgendwie voyeuristisch (obwohl auch der Spieltisch ebenerdig stand), wenn wir am Bildrand im Großformat ansehen mußten, wie sich D.Briggs in den Pausen mit einem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht wischte.

Andererseits war es wirklich aufschlußreich, seine Hände in Aktion zu sehen, doch es lenkte auch vom musikalischen Geschehen ab. Ich glaube, ich könnte gut darauf verzichten, eine Projektion scheint aber heutzutage unabdingbar zu sein.

Fazit: wer nahe genug beheimatet ist, daß er das Konzert am Freitag um 19:00 (Sechste) und/oder am Sonntag um 16:00 (Dritte) hören kann, sollte die Gelegenheit unbedingt nutzen. Er/sie wird es sicher nicht bereuen!

Kann es sein, daß Mahler die Fünfte ursprünglich für Orgel komponiert hat?

Karsten @, Donnerstag, 29. Mai 2014, 21:33 (vor 4539 Tagen) @ Dorforganist

- auch die volkstümlichen Partien klangen nie wie Karikaturen, [...]

Mh. Ob Briggs hier dann wirklich Mahler Ton "getroffen" hat?! ;)

Gruß
Karsten

Kann es sein, daß Mahler die Fünfte ursprünglich für Orgel komponiert hat?

Flûte harmonique, Donnerstag, 29. Mai 2014, 21:38 (vor 4539 Tagen) @ Karsten

- auch die volkstümlichen Partien klangen nie wie Karikaturen, [...]


Mh. Ob Briggs hier dann wirklich Mahler Ton "getroffen" hat?! ;)

Gruß
Karsten

Mahler und die Ironie in der Musik... Du kannst Dir hinsichtlich der Orgelfassung hier einen eigenen Höreindruck verschaffen - eine ganz andere Sache ist allerdings, warum wieder einmal (wie auch im Falle der Bernstein-DVDs mit allen Mahler-Symphonien und den Probenmitschnitten) eine komplette CD-Aufnahme auf YT hochgeladen wurde.

Kann es sein, daß Mahler die Fünfte ursprünglich für Orgel komponiert hat?

Karsten @, Donnerstag, 29. Mai 2014, 21:48 (vor 4539 Tagen) @ Flûte harmonique

- auch die volkstümlichen Partien klangen nie wie Karikaturen, [...]


Mh. Ob Briggs hier dann wirklich Mahler Ton "getroffen" hat?! ;)

Gruß
Karsten


Du kannst Dir hier einen eigenen Höreindruck verschaffen - eine ganz andere Sache ist allerdings, warum wieder einmal (wie auch im Falle der Bernstein-DVDs mit allen Mahler-Symphonien und den Probenmitschnitten) eine komplette CD-Aufnahme auf YT hochgeladen wurde.

Eben meine bisherigen Höreindrücke - live und von CD-Aufnahmen, darunter auch Bernstein - haben mich zu diesen Bemerkungen veranlasst. Wenn Dorforganist schreibt, die volkstümlichen Partien klangen gerade NICHT wie eine Karikatur, so irritiert das. Denn zu einem gewissen Grad sollen eben diese Partien ja eine Karikatur sein, nicht unbedingt als lächerliche Karikatur, sondern eben mit einer besonderen Doppelbödigkeit. Mahler gibt für manche solcher Passagen "mit Parodie" als Vortragsbezeichnung an. Aber auch hier gibt es selbstverständlich einen weiten Auslegungsspielraum...

Gruß
Karsten

Ironische "Volkstümlichkeit" bei Mahler

Dorforganist, Donnerstag, 29. Mai 2014, 23:17 (vor 4539 Tagen) @ Karsten

Ironisches Zitat vielleicht, aber nicht Karikatur. Denn ich denke, die Gefahr des Abrutschens einer übersteigerten Ironie in die Karikatur ist gerade bei einer Aufführung auf der Orgel wesentlich größer als beim Orchester. Liegt auch vielleicht am Raum, in dem es aufgeführt wird.

Abgesehen davon finde bei der Fünften (wie auch bei der Vierten) das "Volkstümliche" nicht allzu ironisch zitiert. Es klingt meinem Gefühl nach durchaus ein bißchen liebenswert.

ION: David Briggs - Mahler

Dorforganist, Montag, 02. Juni 2014, 00:51 (vor 4536 Tagen) @ Flûte harmonique

Meine Frau und ich haben uns alle vier Konzerte gegönnt. Heute war mit der Dritten der Abschluß des Zyklus: zwei Stunden konzentrierte Hochleistung, jede Phrase adäquat registriert in immer noch neuen Klangfarben, spannend bis zum Schluß - wenn auch nicht für alle: da die Chorpartien von zwei Kinderchören gesungen wurden, war wohl auch viel Oma- und Opa-Publikum vertreten, dem nicht von vorneherein bekannt war, welcher (und wie vieler Musik) sie sich aussetzten. Die Kommentare hinter uns (immerhin wenigstens nach den jeweiligen Sätzen) ließen jedenfalls nicht auf Mahler-Fans schließen...

Diese schienen bei der ION ohnehin nicht sehr zahlreich zu sein: nach dem gut besuchten ersten Konzert war bei den letzten drei Konzerten immer nur der vordere (immerhin akustisch beste) Teil der Lorenzkirche besetzt. D.Briggs hätte mehr Publikum verdient, der Applaus war jedoch anhaltend und wurde bescheiden entgegengenommen. Ein beeindruckender Künstler auf höchstem Niveau mit einem außergewöhnlichen Programm - ein Höhepunkt der ION!

ION: David Briggs - Mahler

Tobias @, Dienstag, 03. Juni 2014, 15:17 (vor 4534 Tagen) @ Dorforganist

War zufällig noch jemand beim Konzert der Tallis Scholars? Da gab es zwei die vorangegangenen Stücke aufgreifende Improvisationen von David Briggs...

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