Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Wolfgang Gourgé @, Donnerstag, 15. Mai 2014, 21:56 (vor 4551 Tagen)
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Freitag, 16. Mai 2014, 14:02

Schließlich dann ab 15.00 Uhr die von dem Musikjournalisten Claus Fischer moderierte Podiumsdiskussion mit mehreren "Runden". Fischers unkonventionelles Aussehen ließ nicht unbedingt einen Orgelkenner vermuten - doch er wußte sehr gut, worum es ging und erwies sich als profunder Gesprächsleiter.

In den Runden selbst wurden die bereits skizzierten Positionen nochmals ausgetauscht, was nicht ganz ohne Wiederholungen abging. Ich will mich deshalb weitgehend auf die fotografische Dokumentation beschränken. Immerhin kamen beim Themenkomplex "neu oder historisch konzipierte Westorgel" und "Denkmalschutz und Prospektgestaltung" nochmals Diskussionen auf, an denen dann auch ich mich beteiligte. Als sehr sympathisch empfand ich es, daß Marienpastor Robert Pfeifer nach einer Wortmeldung von mir zum Denkmalschutz und zur Diskrepanz zwischen Baudenkmal- und Orgeldenkmalpflege auf mich zukam und sich längere Zeit mit mir unterhielt. Auch bekam ich einigen Zuspruch von anderen Teilnehmern für mein Eintreten für eine moderne, nicht an der Zeit Buxtehudes orientierte neue große Orgel.

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(Unger, Pfeifer, Fischer, Petersen, Gast, Mühleisen)

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(Radulescu, Lohmann, Winterhalter u.a.)

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(Fischer, Ortgies, van Dijk, Klais)

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(Woehl, Wegscheider, Böhme, Fischer, Elshout, Fritts, Dieck)

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(Wegscheider)

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(Böhme)

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(Woehl)

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(Unger, Lohmann, Zerer, Wulf, Fischer, Radulescu, Petersen, Sander, Haas)

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Bleibt am Ende die Frage: wofür ist man selbst, und warum? Ich will eine Begründung meines Standpunkts versuchen, wobei mir klar ist, daß jeder Standpunkt in dieser Frage anfechtbar ist.

Ich bin für eine unbelastet von historischen Vorgaben konzipierte neue große Orgel. Die Orgelmusik ist auch in St. Marien nicht bei Buxtehude stehengeblieben - dem muß ein heutiger Orgelbau Rechnung tragen. Hinzu kommt - und das ist das wesentliche Argument gegen eine Rekonstruktion der Orgel Buxtehudes -, daß über diese so gut wie nichts bekannt ist, abgesehen vom Prospekt. Man kann aber nur etwas rekonstruieren, von dem man weiß, wie es war. Alles andere ist keine belastbare Rekonstruktion, sondern eine gutgemeinte Phantasmagorie.

Auch spricht gegen eine Rekonstruktion der Schulze-Orgel mehr als dafür. Kristian Wegscheider, der die größte erhaltene Schulze-Orgel in Markneukirchen wiederhergestellt hat, riet entschieden davon ab - schlechte Mechanik, problematische Pfeifenbauweise. Zudem stellt sich dann die Frage, ob man die Schulze-Orgel hinter einen rekonstruierten Hering-Prospekt baut. Die Schulze-Orgel stand hinter dem historischen Prospekt mit Ausnahme des als Lettner-Orgel ausgebauten Rückpositivs. Sie zu rekonstruieren, würde entweder bedeuten, sich mit einem neuen Prospekt in Widerspruch zum Rekonstruktionsgedanken zu setzen oder aber mit einem "neuen" historischen Prospekt einen kaum vermittelbaren Widerspruch zwischen "Außen" und "Innen" zu provozieren. Schließlich muß auch die Frage erlaubt sein, warum die Schulze-Orgel so sehr viel besser sein sollte als eine moderne Orgel. Mir leuchtet das nicht ein.

Und weiter: im Lübecker Dom wird in absehbarer Zeit eine Rekonstruktion der Schnitger-Orgel entstehen. Ginge man in St. Marien ebenfalls rekonstruierend "ans Werk", gäbe es innerhalb der Lübecker Altstadt gleich drei Rekonstruktionen. Von Ibo Ortgies wurde dagegen eingewandt, daß auch zwischen der Orgel in St. Katharinen in Hamburg und der in St. Jakobi ein erheblicher Unterschied bestünde. Schon richtig - aber trotzdem läuft man so Gefahr, Lübeck zu einem einzigen großen Orgelmuseum zu machen. Museales Epigonentum ist aber das Gegenteil von Kunst.

St. Marien ist die mit Abstand größte Lübecker Kirche, ein gewaltiger Raum. Wo haben Liszt, Reubke, Reger, Messiaen, Dupré, Duruflé, Demessieux, Ligeti, Escaich, Enjott Schneider, Willscher, Langlais, Widor, Karg-Elert ihren angemessenen Platz, wenn nicht an *dieser* Stelle? Was für eine Vorstellung, Wolfgang Seifen an diesem Ort mit einer Stummfilm-Improvisation zu hören, wie letztes Jahr zu Murnaus "Faust" im Hamburger Mariendom! - Sicher, bis zu einem gewissen Grad wird sich Moderne auch auf einer Rekonstruktion darstellen lassen - aber das hat Grenzen. Die groß angelegte, symphonische Improvisation, das geht nicht mehr. Und unter Ernst-Erich Stender ist jahrzehntelang die gesamte Orgelliteratur in St. Marien erklungen, mit Johannes Unger erklingt sie zur Zeit weiter auf beiden Orgeln - mir leuchtet nicht ein, wieso man hinter diesen Standard zurück sollte.

Auch das Argument der "Gravität" für Buxtehude überzeugt mich nicht. Die Totentanzorgel hat um die 40 Register auf drei Manualen gehabt. Wenn eine solche Orgel in diesem Raum keine Gravität gehabt hat, lohnt sich ihre Rekonstruktion nicht. Hat sie sie aber gehabt, eignet sie sich exzellent für Buxtehude, zumal ihr Klangbild transparent bleibt, und dann braucht es keine zweite "Buxtehude-Orgel". Wer die Buxtehude-Gesamteinspielung von Walter Kraft an der Kemper-Rekonstruktion der Totentanzorgel von 1955 kennt, wird verstehen, was ich meine. Die Aufnahmen sind heute noch überzeugend.

Mein Vorschlag wäre deshalb: Bau einer neuen symphonischen Westorgel (Ausgangspunkt: 85 Register auf vier Manualen und Pedal), Rekonstruktion der Totentanzorgel unter Inkaufnahme der wegen der unsicheren Quellenlage nicht vermeidbaren Ungenauigkeiten. Den Wiederaufbau des Lettners sähe ich eher skeptisch, aber ein "no go" wäre er für mich nicht.

Wobei: es hätte ja eine Möglichkeit gegeben, in Lübeck zu einer Entscheidung zwischen den unterschiedlichen Lagern zu kommen - sie fand sich im Erdgeschoß der Holstenhalle, beim Kaffeeautomaten.

Aber mir fehlte ein wenig der Mut, diesen Weg....

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.....vorzuschlagen......;--).....

Fröhliches Diskutieren wünscht:
Wolfgang....

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

florianf, Graz (A), Donnerstag, 15. Mai 2014, 22:30 (vor 4551 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

von mir ein herzliches Dankeschön für die detailierte Dokumentation dieses interessanten Symposions, wie von Ihnen gewohnt zudem geschmückt mit vielen netten Fotoeindrücken.

freundliche Grüße,
Florian

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Dorforganist, Donnerstag, 15. Mai 2014, 23:59 (vor 4551 Tagen) @ florianf

In meiner (längst vergangenen) Jugend habe ich bewundernd zur Kemper-Orgel hochgeblickt. Damals gab es für mich nur die Doktrin der Orgelbewegung.

Es ist hochinteressant, sie jetzt als Diskussionsobjekt hochkarätiger Spezialisten zu erleben und extrem unterschiedliche Ansätze einer Neu- (oder auch Rück-)Orientierung zu hören. Vielen Dank für den Bericht - und: gerne noch mehr...

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Christoph @, Freitag, 16. Mai 2014, 23:01 (vor 4550 Tagen) @ Dorforganist

Auch von mir vielen Dank für W. Gourgés gelungene Dokumentation! Sehr atmosphärisch, Inhalte stimmig wiedergegeben und gut fotografiert!

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Nur zwei kleine Anmerkungen am Rande: Prof. Sander wollte meiner Erinnerung nach nicht die Schulze-Orgel rekonstruiert haben, sondern ein „modernes“ Instrument, das sich aus der Schulze-Orgel entwickelt. Herr Kjersgaard benutzte einen fremden Rechner, so dass der Bildschirmschoner auch für ihn eine Überraschung war.

Grüße in die Runde!
Christoph

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Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Freitag, 16. Mai 2014, 03:00 (vor 4550 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Hallo Wolfgang Gourgé,

herzlichen Dank für diesen schönen Bericht und diese persönliche Stellungnahme, der ich gerne folge. Wenn der Wiederaufbau des Lettners Wirklichkeit wird, sollte dort eine Art Echo- oder Fernwerk zur Westwerkorgel entstehen.

Gruß Clemens Schäfer

--
Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 17. Mai 2014, 23:31 (vor 4549 Tagen) @ Clemens Schäfer

Hallo Wolfgang Gourgé,

herzlichen Dank für diesen schönen Bericht und diese persönliche Stellungnahme, der ich gerne folge. Wenn der Wiederaufbau des Lettners Wirklichkeit wird, sollte dort eine Art Echo- oder Fernwerk zur Westwerkorgel entstehen.

Gruß Clemens Schäfer

....welches dies aber nicht sein könnte, da es näher am Publikum ist...!

Eine "englische Lösung" wäre denkbar, aber englische Lettner-Orgeln beziehen große Teile ihrer Kraft und Vielseitigkeit aus "Satelliten" an den Seiten, das schrieben ja schon die Kollegen.

Ich persönlich fände einen neuen Lettner durchaus schön, aber ich habe in Lübeck selbst erlebt, dass (ältere) Menschen dankbar über die kriegsbedingte Entwicklung und das Verschwinden von Lettner und Hochaltar sind, denn sonst könnte man den "gotischen Raum" ja nicht erleben...
Solange diese Kräfte stark sind, wird es wohl keinen neuen Lettner (er sollte dann auch als Neubau erkennbar sein) und auch keine Wiedererrichtung des beschädigten, aber vorhandenen Fredenhagen-Altars geben.

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

daggies @, Freitag, 16. Mai 2014, 08:36 (vor 4550 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Auch von mir herzlichen Dank! Hochspannend, das alles!

Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt die Möglichkeit bestünde, über eine so weitgreifende Neugestaltung des Raumes zu reden! Lettner? Das wäre ja was!

LG,
daggies

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elfengeschrey, Freitag, 16. Mai 2014, 13:17 (vor 4550 Tagen) @ daggies

lettner nur, wenn wir die hexenverbrennung auch wieder einführen...

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

ado ⌂ @, Freitag, 16. Mai 2014, 13:30 (vor 4550 Tagen) @ daggies
bearbeitet von ado, Freitag, 16. Mai 2014, 13:34

...Kristian Wegscheider, dessen Wortmeldungen - ebenso wie die von Ibo Ortgies - einigen Unterhaltungswert hatten: er plädierte für den Wiederaufbau des Lettners als Standort einer modernen "Zweitorgel" als Gegenpart für eine rekonstruierte Buxtehude-Orgel im Westen.

Freilich drängen sich da sofort die Fragen auf: was, wenn die Rekonstruktion des Lettners, die eine deutliche Abkehr vom Einraum-Konzept des Wiederaufbaus darstellen würde, nicht möglich ist? Und könnte man auf einem Lettner eine raumbeherrschende symphonische Orgel unterbringen? Im Nachhinein erscheint mir das ziemlich zweifelhaft. Der zerstörte Lettner hatte zwar eine gar nicht mal so kleine Orgel (s.o. Teil I), aber keine raumbeherrschende. Kristian Wegscheider schwebte, so wie ich ihn verstand, eine Lösung wie in englischen Kathedralen vor. Vielleicht ist diese Idee nicht so schlecht, aber ein solcher Lettner - Statik, Architektur - wäre dann doch noch etwas anderes als der untergegangene.

Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt die Möglichkeit bestünde, über eine so weitgreifende Neugestaltung des Raumes zu reden! Lettner? Das wäre ja was!

LG,
daggies


spannende idee, in der tat. wenn da ein lettner war (muß ich mal gewußt haben, war mir aber nicht mehr präsent), dann will ich den wiederhaben. vielraum-kirche ist heutzutage sowieso wieder viel praktischer. einen einzigen großen raum kriegt die gemeinde doch wohl kaum noch voll...

lettner halten übrigens einiges an orgel aus, aus, wie englische beispiele zeigen.

gloucester: die orgel (von 1666, die bemalten prospektpfeifen sind samt dekor original) befand sich ursprünglich im südlichen vierungsbogen, wurde 1718 an den jetzigen standort transloziert, dabei der alte lettner durch einen neuen ersetzt. bei dem blieb es auch nicht, der heutige ist von 1820 und sieht recht massiv aus. langhausseite:

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chorseite mit dem chorgestühl des 14. jhs.:

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dagegen geradezu frappierend exeter: der filigrane lettner von 1319 trägt die massive orgel von 1665, die 1891 durch vergrößerung der gehäusetiefe (und doppelung des rückpositivs?) noch massiver gemacht wurde. langhausseite:

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chorseite:
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beide orgeln wurden im 19.jh. bedeutend vergrößert, und die pfeifen sind nicht auf die historischen gehäuse beschränkt, sondern überwuchern heute unsichtbar diverse triforien usw. wenn aber wolfgang gourgé schreibt, daß die virtuelle reinkarnation der totentanzorgel trotz ihres abseitigen standorts in weiten teilen der kirche deutlich hörbar war, so muß das für eine lettnerorgel erst recht gelten.

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

ado ⌂ @, Freitag, 16. Mai 2014, 14:02 (vor 4550 Tagen) @ ado

...ah, und das hab ich noch: norwich. hier ist die orgel neu (gehäuse von 1950):

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Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Karsten @, Freitag, 16. Mai 2014, 18:14 (vor 4550 Tagen) @ ado

Hallo!

Sehr schöne Anregungen. Aber man sollte eine andere britische (bzw. spanische) Lettner-Lösung, die Orgeln mit zwei Gehäusen gegenüber zu platzieren, z.B. wie in Westminster Abbey, nicht vergessen:

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(Quelle: Wikipedia)

Man darf aber nicht übersehen, dass bei vielen dieser Lettner-Lösungen "getrickst" wird, indem Register auf den Triforien oder in den Seitenschiffen untergebracht sind...

Gruß
Karsten

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Karsten @, Freitag, 16. Mai 2014, 08:45 (vor 4550 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Hallo!

Auch von mir herzlichen Dank für den - in der Tat - mit Spannung erwarteten Beitrag.

Die Dokumentation des Symposiums wird sicher eine wahre Fundgrube sein. Ein so solches offenes Symposium ist eine tolle Sache und bei solch ambitionierten Plätzen und Orgeln ein absolutes "Muss".

Aber auch wenn dies nur der Anfang ist und es natürlich naiv wäre zu erwarten, dass St. Marien nach dem Symposium mit einem unterzeichneten Orgelbauvertrag nach Hause kommt, irgendwie bleibt ein "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

Wolfgang sagte schon, dass ein Hauptergebnis des Symposiums war: zukünftiges Raumkonzept und Orgelkonzept bedingen einander. Und ich befürchte, dass diese Konstellation zu massiven Verzögerungen und Konflikten führen könnte. Zumal zahlreiche Gremien mehr ein Wörtchen mitreden müssen/dürfen/können/wollen.

Was war zuerst da: das Huhn oder das Ei? da werden sicher noch einige "Schwarze Peter" zugeschoben werden...

Es ist und bleibt spannend!

Gruß
Karsten

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

stein @, Freitag, 16. Mai 2014, 19:13 (vor 4550 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Ohhh, vielen Dank für den spannenden Bericht und die tollen Bilder. Viele Namen haben für mich zum ersten mal Gesichter bekommen.
War das Symposium öffentlich? Sehr viele Interessierte konnte ich nicht ausmachen.
Den Standpunkt, hinten was neues und vorne den Versuch aus einigen Genpartikeln etwas zu klonen, finde ich sehr am plausibelsten. Der Lettner zerstört vermutlich die heutige Architektur. Für das Überleben des Kempermonsters hat sich ja wohl keiner eingesetzt. Selbst vermutlich brauchbares Material will man nicht mehr sehen.
Mensch muss der Hass tief stecken (kann ich verstehen).

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Orlos @, Freitag, 16. Mai 2014, 20:00 (vor 4550 Tagen) @ stein

Och, das muss gar nicht mal so viel mit "Hass" zu tun haben. Man muss eben genau schauen, wie viele Pfeifen vom Material her gut genug sind. Problematisch sind die Mensuren, die damals nicht wirklich für den großen Raum eingerichtet worden sind, sondern einfach die "normalen" Kemper-Mensuren waren, die in bedeutend kleineren Kirchen durchaus funktionieren können.
Ich habe hier auch mit dem Umbau einer neobarocken Orgel zu tun: Obwohl die Pfeifen an sich gut und haltbar gemacht sind, müssen sie alle umgebaut und um mehrere Halbtöne gerückt werden. Deshalb macht es preislich gar nicht viel aus, solche Pfeifen zu übernehmen.
Da könnte es sinnvoller sein, die Kemper-Orgel auf mehrere (allenfalls mittelgroße) Kirchen, die bislang gar keine Orgel haben, zu verteilen. Die Mensuren würden dann auch passen.
Ganz nebenbei: Wer kennt denn eine wirklich überzeugende Umgestaltung einer neobarocken Orgel in ein anderes Konzept? Mir fallen jetzt ganz viele Beispiele ein, wo die Übernahme von neobarocken Registern (insbesondere Grundstimmen und Zungen sind problematisch) nicht richtig funktioniert hat!

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Wolfgang Gourgé @, Freitag, 16. Mai 2014, 20:45 (vor 4550 Tagen) @ stein

Ohhh, vielen Dank für den spannenden Bericht und die tollen Bilder. Viele Namen haben für mich zum ersten mal Gesichter bekommen.
War das Symposium öffentlich? Sehr viele Interessierte konnte ich nicht ausmachen.
Den Standpunkt, hinten was neues und vorne den Versuch aus einigen Genpartikeln etwas zu klonen, finde ich sehr am plausibelsten. Der Lettner zerstört vermutlich die heutige Architektur. Für das Überleben des Kempermonsters hat sich ja wohl keiner eingesetzt. Selbst vermutlich brauchbares Material will man nicht mehr sehen.
Mensch muss der Hass tief stecken (kann ich verstehen).

...dochdoch, Konrad Mühleisen! Sein Vorschlag war ja gerade ein niedriger an der Westwand angebrachter technischer Neubau mit Verwendung der brauchbaren Kemper-Register. Aber der Einwand von Hans Martin Petersen kam prompt: es würde nicht wirklich billiger werden als ein kompletter Neubau, und die Mensuren würden dann immer noch nicht passen.

Hass? Nein, das kann man nicht sagen. Eine klare Diagnose ist kein Hass. Eher war sogar Bedauern darüber zu spüren, daß die Kemperin nicht erhaltungsfähig ist; die Kosten würden in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen.

Ja, das Symposion war öffentlich. Du hättest auch kommen können.....;--)....

Gruß,
Wolfgang

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

fluteceleste @, Samstag, 17. Mai 2014, 09:12 (vor 4549 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

von mir auch danke für den tollen fotobericht- kann man etwas über die zahl der Teilnehmer sagen?zumindest der eröffnungsvortrag sah doch gut besucht aus...
strichflötige Kempergrüße
Stefan

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

kjz1, Freitag, 16. Mai 2014, 20:03 (vor 4550 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Vielen Dank für den Bericht und die Fotos!

Ich würde auch zu der Lösung tendieren, über dem Eingang eine große 'moderne' Orgel zu platzieren und dann dazu im Chorbereich eine historisch orientierte Stilkopie. Eine 'Buxtehude-Orgel' müsste ja immer 'imaginär' bleiben, denn Reste sind da ja nicht vorhanden. Das wäre letztendlich eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Für eine Lettner-Orgel müsste der Lettner statisch sicher erheblich verstärkt und vergrößert werden. Und selbst dann würden wohl nicht alle Pfeifen in ein solches Gehäuse passen. Da wäre man (nach englischem Vorbild) wieder auf eine (zumindestens teilweise) elektrische Traktur angewiesen, um einen Teil der Pfeifen irgendwohin (Triforien, Seitenschiff) auslagern zu können. Auch nicht unbedingt die allerbeste Lösung.

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

untersatz32, Samstag, 17. Mai 2014, 12:01 (vor 4549 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Lieber Wolfgang,

den Dankeslorbeeren und Meriten für diese - wie immer - tolle und geistreiche Berichterstattung, die nicht zuletzt dazu beiträgt, dieses Forum so spannend und interessant zu machen, schliesse ich mich gerne an!


Viele Grüsse

Thomas

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Hilbrands @, Samstag, 17. Mai 2014, 14:33 (vor 4549 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Lieber Wolfgang,
wie gewohnt eine äußerst informative wie zugleich unterhaltsame Dokumentation, die Schneisen in den ideologisch belasteten Fragenkomplex schlägt.
Vielmals merci!
Walter

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

tombecher @, Saarbrücken, Sonntag, 18. Mai 2014, 00:11 (vor 4549 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Hallo Wolfgang,

auch ich möchte mich ganz herzlich für den ausführlichen, überaus interessanten und - wie immer kurzweilig zu lesenden - Bericht über das Lübecker Symposium bedanken. Bin in der Sache neutral, aber sehr gespannt, worauf es letztlich hinausläuft...

Viele Grüße,
Thomas

P.S. Wenn alle Optionen offen sind: Wie wäre es mit einer (amerikanischen) Lösung à la St. John the Divine in New York: Hauptorgel beidseitig im Chor (oder auf einem Lettner), ergänzend dazu im Westen nur ein "Antiphonal" mit Hochdruck-Solotrompete. (Um Buxtehude nicht unerwartet in Rage "auferstehen" zu lassen, müsste natürlich unbedingt zusätzlich die Totentanzorgel an ursprünglicher Stelle rekonstruiert werden... ;-))

Symposion Lübeck, St. Marien (IV).....

Friedrich @, Sonntag, 18. Mai 2014, 17:05 (vor 4548 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 18. Mai 2014, 20:29

Lieber Wolfgang,

auch von mir nun endlich der gebührende Dank – wie Du weißt, habe ich Nachricht aus Lübeck mit großer Spannung erwartet, und Deine Berichte haben meine Erwartungen mehr als erfüllt. Von den wie üblich schönen Bildern ganz zu schweigen.

Danke auch für die ausführliche Darstellung Deines Standpunkts. Da mache ich ebenfalls vieles mit. Die große Orgel sollte auch meiner Meinung nach ein großes modernes Instrument werden. Wenn Wegscheider von einer Schulze-Rekonstruktion abrät, ist das ernst zu nehmen – ganz abgesehen davon, dass die große Orgel wohl nie systematisch dokumentiert wurde. Schließlich fiel sie, obwohl allseits respektiert, nicht mehr in den damaligen Toleranzbereich der Orgelbewegung.

Allerdings fände ich es überlegenswert, eine Annäherung an den Schulze’schen Klangstil zu versuchen, wie er vielleicht am ehesten in Doncaster oder Leeds überlebt hat. Brillante, kraftvolle Prinzipalchöre und viele verschiedene Flöten- und Streicherstimmen, kräftige Pedalstreicher, weniger dominante Zungen. Es wäre dann die Frage, welcher Schwellwerkstil dazu passt; dazu müsste man sich dann vielleicht bei Hill oder Lewis umsehen, die beide große Schulze-Fans waren und ihn beide um große Schwellwerke ergänzten (in scharfer Konkurrenz zu Willis – Lewis: »Wenn ich glaubte, Willis hätte recht, würde ich noch heute meine Werkstatt schließen!«) .

Mit einem solchen Instrument wäre auch eine eventuelle neue Totentanzorgel frei für den norddeutschen Stil – und mangels umfassender Dokumentation: Warum nicht dort eine »neue« norddeutsche Orgel bauen à la Göteborg? Auch was die Größe angeht, gebe ich Dir recht, Wolfgang: Mit 40 norddeutschen Registern kann man dort einigen Zauber veranstalten. Schnitger entwarf z. B. für den Bremer Dom eine Orgel von ähnlicher Größe mit Prinzipalbasen 16'-8'-8' für die Manuale, er nahm also an, dass das für einen Riesenraum durchaus reicht (die Bremer entschieden sich dann aber für einen üppigeren Entwurf).

Thema Lettnerorgel: Sehr reizvoll, aber spätestens da muss ganz klar sein, wie die neu entstehenden Räume liturgisch-musikalisch bespielt werden sollen. Eine Totentanzorgel hätte da meiner Ansicht nach nichts zu suchen, denn eine Lettnerorgel sollte einerseits eher schlanke Dimensionen und deswegen keine Pedaltürme haben (schließlich steht sie frei), andererseits aber durchdringend klingen, denn sie steht im Langschiff und kann nicht, wie die Totentanzorgeln, auf das nahe Gewölbe als Reflektor zählen. Stark ausgebildete Gesimsprofile oder ein modernes Gehäuse mit vergleichbaren Projektionseigenschaften wäre ebenfalls ratsam. So eine Orgel müsste erst noch entwickelt werden, denn hierzulande gibt es dafür keine Vorbilder. Dallam? Harris? Etwas Spanisches?

Gedankenspiele sind möglich – auf einem Lettner könnte z. B. auch eine Chorbegleitorgel stehen mit HW, SW und grundierendem Pedal, ähnlich dimensioniert wie in Köln, St. Maria im Kapitol. Eine solche würde schließlich auch nötig, wenn die Totentanzorgel eine norddeutsch-mitteltönige Orgel mit beschränkten Umfängen und ohne Schwellkasten würde.

Und schon wieder tief verstrickt ins Raum-, Stil- und Registerdisponieren … Auch ein Grund dafür, diese Kirche zu lieben!

Viele Grüße
Friedrich

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