Symposion Lübeck, St. Marien (II).....

Wolfgang Gourgé @, Donnerstag, 15. Mai 2014, 21:56 (vor 4553 Tagen)
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Dienstag, 20. Mai 2014, 00:46

Nach der Kaffeepause ging es weiter mit einem virtuellen Orgelkonzert: zu diesem Zweck wurden Aufnahmen auf der Stellwagen-Orgel in St. Jakobi (Johannes Unger, Arvid Gast, Franz Danksagmüller mit Tunder, Buxtehude und Improvisationen) über per Kran auf Höhe der untergegangenen Totentanzorgel aufgehängte Lautsprecher wiedergegeben.

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(links ist der rote Arm des Krans erkennbar, rechts - unscharf - Johannes Unger bei der Einführung)

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(Lautsprecher am originalen Standort der Totentanzorgel - jetzt: astronomische Uhr; rechts die Führer-Orgel)

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Johannes Unger bat ausdrücklich darum, während des Abspielens der Aufnahmen in der Kirche herumzugehen und so die Klangabstrahlung von verschiedenen Punkten aus zu beurteilen.

Dieses "virtuelle Konzert" war ganz sicher ein Höhepunkt. Man konnte nicht nur die wirklich bezaubernde Schönheit der Stellwagenorgel in St. Jakobi erleben, sondern die überraschend gute Klangabstrahlung selbst "um die Ecke" - die Orgel war im Chor klar und deutlich zu hören.

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(die Orgel spielt, die Toten tanzen....)

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(Gewölbe in der Totentanzkapelle)

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Kaum war das Konzert zu Ende, erklang aus der Richtung des Buxtehude-Grabs ein seltsamer Klang: ich dachte zuerst an ein Handy-Signal, doch die Erklärung war ganz einfach: es war der Cembalo-Stimmer, der mittels Stimmgerät....

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...das Cembalo nachstimmte. Buxtehude wird ihm eine Etage tiefer wohlwollend zugehört haben.....

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- kurze Pause.....

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....bis zum ersten Vortrag um 14.30 mit Volker Scherliess zur "Musizierpraxis an St. Marien am Beispiel der Lübecker Abendmusiken" im Chorsaal der Holstentorhalle, der sich leider schnell als ziemlich ungeeignet für das Symposion erwies: stickig und deutlich wärmer als die Holstentorhalle selbst, zudem mit sehr ungünstigem Blickwinkel für die außen Sitzenden.....

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(Volker Scherliess in der Diskussion mit Mads Kjersgaard)

Scherliess' Vortrag war interessant, doch naturgemäß weniger "konfliktträchtig" als der sich anschließende des kirchlichen Denkmalpflegers Heiko Seidel...

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...zum Raumkonzept des Wiederaufbaus, an dessen Ausführungen sich die erste Diskussion entwickelte. Seidel stellte ausführlich die damaligen Diskussionen und langen Entscheidungsprozesse dar (der durch die Kirche favorisierte Architekt Denis Boniver wollte erst nicht) - am interessantesten fand ich jedoch die Entwürfe für den Orgelprospekt der Westorgel. Bei diesen wurde nämlich deutlich: es hätte durchaus....

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...schlimmer kommen können als mit dem tatsächlich realisierten Entwurf, dessen Alternativen in einer unter das Gewölbe gequetschten Barockorgel oder in übereinander gestaffelten Freipfeifenfeldern bestanden. In diesem Trio ist der dann gefundene und umgesetzte Weg sicher noch der beste gewesen; aus den Zeichnungen wird erkennbar, wie Boniver die enorme Höhe zu vermitteln und den Spitzbogen unter der Orgel einzubeziehen versuchte. Beides geht den anderen Orgelentwürfen ab.

Die Marienpastorin Annegret Wegner-Braun wies....

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...auf die sich aus der Beschaffenheit des riesigen Raumes ergebenden Besonderheiten hin, wobei ihre Feststellung, man könne in St. Marien nicht mal so eben mit der Gitarre ein neues Lied singen, auf launige Zustimmung stieß (etwa im Sinne von "sehr gut, prima Kirche!")....

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(zuhörende Orgelprominenz...)

Den letzten Vortrag vor dem Imbiß bestritt die staatliche Denkmalpflegerin Irmgard Hunecke....

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...; sie sprach sich insbesondere gegen eine Rekonstruktion des Prospekts der Hauptorgel aus, was sogleich Widerspruch von mehreren Seiten auslöste (u.a. von Ludger Lohmann) und Kristian Wegscheider später in der Diskussion zu der Bemerkung veranlaßte, über ein solches Denken sei man schon lange wieder hinweg.

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In diesem Punkt vermochte ich Hunecke ebenfalls nicht zu folgen. Ein richtiger Ansatz schien mir allerdings, daß die Frage der Orgeln nicht von der Raumnutzung zu trennen sei und deshalb ein schlüssiges Raumkonzept für die Neukonzeption nötig wäre (dieser Gedanke klang auch schon bei ihrem Kollegen Seidel von der kirchlichen Denkmalpflege an).

Pause.....

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...und Imbiß....

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vor der letzten Runde des Tages, die Hans Martin Petersen einleitete mit seinem Vortrag über den derzeitigen Zustand der Orgeln:

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Petersen sprach insbesondere die Entwicklung seit der Erstellung seines Gutachtens aus dem Jahr 2011 an: so ist die Führer-Orgel, die äußerlich völlig unversehrt wirkt, inzwischen derart intensiv mit Schimmel befallen, daß fraglich ist, ob der Schimmel überhaupt wieder herauszubekommen ist. Das stellt die weitere Existenz der Orgel ernsthaft in Frage; sie wird allerdings zumindest in der Bauphase einer neuen Hauptorgel als dann einzige Orgel der Kirche dringend gebraucht werden. Daraus ergibt sich das Dilemma, daß die Orgel in absehbarer Zeit und mit ungewisser Erfolgsaussicht erneut gereinigt werden müßte (die Reinigung und Entschimmelung 2003 hat keinen durchgreifenden Erfolg gehabt), obwohl für sie möglicherweise in der endgültigen Planung dann kein Platz mehr ist.

Zur Hauptorgel betonte Petersen, daß diese nicht weiter verwendet werden könne; neben der verfehlten akustischen und klanglichen Konzeption ergeben sich hier weitere Probleme durch die hohe Schadstoffbelastung (Formaldehyd).

Fraglich erscheint allerdings der bisherige Standpunkt des Orgelausschusses, nach dem die Hauptorgel unabhängig von den Entscheidungen über die Führer- und Totentanzorgel neu geplant werden könne. Wenn die Rekonstruktion des Lettners - mit was für einer Orgel? - möglich erscheint, beeinflußt das ebenso die Konzeption der Hauptorgel.

Im Anschluß an Petersen: geladene Organisten zu den musikalischen Aspekten der künftigen Orgelkonzeption.

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(Michael Radulescu)

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(Pieter van Dijk)

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(Ludger Lohmann)

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(Martin Sander)

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(Bernhard Haas)

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(Ulrich Böhme)

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(Arvid Gast)

Unumstritten ist nach meinem Eindruck bei allen der Wunsch gewesen, die Totentanzorgel zu rekonstruieren. Hinsichtlich der Hauptorgel reicht die Bandbreite dagegen von einer Rekonstruktion der Buxtehude-Orgel (freilich: über deren inneren Aufbau weiß man so gut wie nichts...) über eine solche der Schulze-Orgel (dafür plädierte insbesondere Martin Sander, wenn ich es richtig in Erinnerung habe) bis zu einem modernen Konzept (z.B. Lohmann).

Damit war der erste Tag zu Ende....

Symposion Lübeck, St. Marien (II).....

Friedrich @, Montag, 19. Mai 2014, 18:23 (vor 4549 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Friedrich, Montag, 19. Mai 2014, 18:32

Den letzten Vortrag vor dem Imbiß bestritt die staatliche Denkmalpflegerin Irmgard Hunecke;
sie sprach sich insbesondere gegen eine Rekonstruktion des Prospekts der Hauptorgel aus, was sogleich Widerspruch von mehreren Seiten auslöste (u.a. von Ludger Lohmann) und Kristian Wegscheider später in der Diskussion zu der Bemerkung veranlaßte, über ein solches Denken sei man schon lange wieder hinweg.

Ich frage mich, was er damit wohl gemeint haben könnte. Dafür muss ich allerdings erst einmal die Überheblichkeit ausblenden, die aus der Anmerkung herausklingt. »Solches Denken«?

Was ist es denn im Umkehrschluss für ein Denken, das die Rekonstruktion eines untergegangenen, an eine ganz bestimmte historische Situation gebundenen Kunstwerks für unproblematisch hält? Selbst wenn sich das mit dem Prospekt tatsächlich machen ließe – z. B. hat Julius Milde wohl zur Umgestaltung des Unterbaues recht detailgenaue Risse der gotischen Front angefertigt* –, würde man sich doch eine ganze Reihe großer Probleme damit einhandeln. Spätestens seit Stellwagen war klar, dass der Prospekt nicht mehr recht zum dahinterstehenden passte. Wie soll das erst bei einer im 21. Jahrhundert »rekonstruierten« Orgel sein, deren Inneres wahrscheinlich komplett auf Hypothesen aufbauen müsste? »König Ludwig«, könnte man denken; in den guten alten Zeiten europäischen Suprematiedenkens hätte man »Disneyland!« gerufen.

Welche Gründe gäbe es denn für eine »Rekonstruktion«? Der positive: Weil’s so schööön war. Wir wollen’s wieder so schön haben wie auf den alten Fotos. (Schon gemerkt: Fotos klingen nicht!) Der negative: Harrjasses, was sollen wir denn machen, es ist so schwer, eine eigene Aussage zur komplizierten Lage zu finden! Entledigen wir uns also der Gestaltungsfrage per Rekonstruktion.

Als ob das so einfach wäre. Zur Erinnerung: Schaut euch mal alte und neue Bilder der Frauenkirchenorgel in Dresden an – und dann sagt mir, dass da rissgetreu rekonstruiert wurde! In meinen Augen reicht die Präsenz des großen Cis im Mittelfeld, um der Architektur eine andere Dimension zu geben – Silbermann brauchte diese zweitgrößte Zinnpfeife einfach nicht unterzubringen. Die heutige Orgel wirkt fetter und weniger elegant als die verbrannte.** Wer schon einmal oben war, kennt den Spieltischgraben, in den der Organist hinabsteigen muss – diese fast groteske Grube gleicht Unvereinbares der Rekonstruktionsbemühungen aus (die ermittelten Dimensionen der Empore passen nicht zu denen des Gehäuses). Viel Spaß beim viermal so großen Gehäuse der Marienorgel!

Kurz gesagt: Willkürlich wäre eine Rekonstruktion ebenso wie ein Neubau. Dass in der Marienkirche einmal dieser großartige Prospekt stand, gibt ihr keine höhere Wahrheit. Und ich weiß immer noch nicht, was »solches Denken« bedeuten soll.

Viele Grüße
Friedrich

* Interessante Frage: Wer soll denn die ca. vierfach überlebensgroße Marienplastik herstellen – und vor allem: Warum soll er oder sie es tun? Weil sie eben da war? Achso.

** Ich mag die neue Orgel übrigens durchaus, aber dieser Aspekt zeigt die Probleme eben ziemlich gut auf.

Symposion Lübeck, St. Marien (II).....

Christoph @, Montag, 19. Mai 2014, 18:37 (vor 4549 Tagen) @ Friedrich

Was ich beim Anblick der Frauenkirchen-Orgel nicht verstehe, sind die Lücken zwischen Pfeifenmündungen und Schleierbrettern im großen Mittelfeld. Zwar ist diese Situation auch auf den Vorkriegsfotos zu sehen, aber ich kann mir nicht recht vorstellen, dass das der Urzustand gewesen sein soll. Gibt es hierzu gesicherte Erkenntnisse?

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Friedrich @, Montag, 19. Mai 2014, 19:40 (vor 4549 Tagen) @ Christoph

Was ich beim Anblick der Frauenkirchen-Orgel nicht verstehe, sind die Lücken zwischen Pfeifenmündungen und Schleierbrettern im großen Mittelfeld. Zwar ist diese Situation auch auf den Vorkriegsfotos zu sehen, aber ich kann mir nicht recht vorstellen, dass das der Urzustand gewesen sein soll. Gibt es hierzu gesicherte Erkenntnisse?

Gesicherte habe ich nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Statt füllenden Schleierwerks hat der Prospekt hier breite, hängende Bänder, die in ihren Dimensionen und ihrer Form weniger anpassungsfähig sind. Gestalterisch stört es meinen Eindruck deswegen nicht.

Viele Grüße,
Friedrich

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Orlos @, Dienstag, 20. Mai 2014, 00:07 (vor 4549 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Orlos, Dienstag, 20. Mai 2014, 17:28

Hallo Friedrich,

vielen Dank für die guten Ausführungen.
Witzigerweise kann man Euch beiden recht geben, also Wegscheider und Dir. Ich weiß nicht, ob Wegscheider es inhaltlich gutheißt, dass man Rekonstruktionen heute nicht mehr ablehnt, aber es durchaus zu beobachten, dass es in den letzten Jahren hier einen Schwenk gegeben hat, nicht nur im Orgelbau. Nehmen wir die Architektur: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Max Frisch, der ja Architekt war, noch lustig gemacht über die Häuser, die neben dem Frankfurter Römer neu erbaut worden waren. Sie nahmen auf Fachwerk Bezug, waren (und sind) aber unzweifelhaft als 50er-Jahre-Bauten zu identifzieren (rechts und links). Schon diese leichte Andeutung an etwas Überkommenes war damals suspekt. Später wurden gegenüber die Fassaden längst untergegangener Gebäude ungeniert rekonstruiert, freilich vor Betonhäusern (hier). Das Schloss in Braunschweig als Einkaufsparadies, jetzt das Berliner Schloss mit Betongerippe und Pseudo-Stuck davor - die Beispiele lassen sich beliebig verlängern. Die Schauseite wird "rekonstruiert" oder nachempfunden. Ein japanischer Tourist kann nicht entscheiden, ob das original oder neu ist. Die Ehrlichkeit voriger Jahrzehnte gibt es nicht mehr.
Wir haben hier eine Orgel mit einigen wenigen originalen Prospektpfeifen, die deutlich dunkler sind als die neuen. Heute würde man das angleichen. Beim Bau der Fuldarer Domorgel hieß es noch: So viel bewahren wie möglich, Neues soll aber als neu erkennbar sein. Diese Denkrichtung ist zur Zeit wohl nicht mehr entscheidend. Mit unserem ehemaligen Diözesankonservator habe ich einmal über die Gestaltung neuer Orgeln gestritten: Er wollte, dass neue Orgeln so aussehen, als wenn sie schon immer dort gestanden hätten, meines Erachtens sollte man neuen Orgeln ansehen, dass sie neu sind; dass unsere Zeit ein Recht auf eigene künstlerische Lösungen hat. Da können geniale Orgelprospekte herauskommen (ganz persönliche Meinung: Trier, Mainz, Limburg und viele andere, die zugleich neu und passend sind) oder fragliche Lösungen, bei denen ich nicht sicher bin, ob sie in 50 Jahren noch so dastehen werden (Loccum, Regensburg, Speyer, Koblenz, Goslar). Nicht alles ist erhaltenswert (die jetzige Kemper-Orgel in Lübeck meines Erachtens auch nicht), aber das entscheidet die Zeit.
Ich weiß noch, wie entsetzt ich vor zwanzig Jahren war, als ich die ersten Ausgaben vom "American Organist" in die Hände bekam, wo neue Orgeln in schweren neogotischen Gehäusen daherkamen und ich sofort an Disneyland denken musste. Jetzt gibt es bei uns auch die barocken Stilkopien, bald auch neugotische. (Wie schön eine neugotische Reminszenz wirken kann, sieht man dagegen in Memmingen.) Ich finde es eine Verarmung, wenn wir uns nicht mehr daran versuchen, alte Räume mit modernen Gehäusen zu versehen, die trotzdem passen können.

Symposion Lübeck, St. Marien (II).....

MAT @, Dienstag, 20. Mai 2014, 08:15 (vor 4549 Tagen) @ Orlos

Es darf aber angemerkt werden, dass die "Ehrlichkeit vergangener Jahrzehnte" so manches Stadtbild verschandelt hat.

--
Gruß
MAT

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Orlos @, Dienstag, 20. Mai 2014, 13:50 (vor 4549 Tagen) @ MAT

> Es darf aber angemerkt werden, dass die "Ehrlichkeit vergangener Jahrzehnte" so manches Stadtbild verschandelt hat.

Völlig richtig. Und so manche Orgel verschandelt auch eine Kirche.
Andererseits: Den Eiffelturm hat man auch als Verschandelung empfunden, man wollte ihn schnell wieder loswerden. Heute ist man doch ganz froh darüber, ihn zu haben. Oder das Stadthaus in Ulm oder die Beethovenhalle in Bonn...
Wie ich schon sagte: Die Zeit wird es bestimmen (bzw. die Finanzen, die Moden, der technische Zustand...).

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kjz1, Dienstag, 20. Mai 2014, 14:22 (vor 4549 Tagen) @ Orlos

Wie ich schon sagte: Die Zeit wird es bestimmen (bzw. die Finanzen, die Moden, der technische Zustand...).

Mittlerweile stehen ja sogar schon die Fünfziger Jahre-Bauten unter Denkmalschutz.

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Clarinette, Dienstag, 20. Mai 2014, 18:14 (vor 4548 Tagen) @ kjz1

Zu Recht!

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MAT @, Mittwoch, 21. Mai 2014, 08:10 (vor 4548 Tagen) @ Clarinette

Na ja....

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Gruß
MAT

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ado ⌂ @, Dienstag, 20. Mai 2014, 12:24 (vor 4549 Tagen) @ Orlos

Berliner Schloss mit Betongerippe und Pseudo-Stuck davor - die Beispiele lassen sich beliebig verlängern. Die Schauseite wird "rekonstruiert" oder nachempfunden.

hier darf ich bitte pedantisch sein: kein stuck, das wird sandstein. aber der beton ist mir ebenfalls suspekt. ich hätte wieder ziegel genommen, verdammt nochmal. wenigstens zieht ins berliner schloß kein H&M ein, der planung nach, wie in diesem braunschweiger horror (von vorn sieht das schloß ja harmlos-alt aus, aber hinten quillt die shopping mall nur so aus ihm heraus -- buchstäblich).

Symposion Lübeck, St. Marien (II).....

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Dienstag, 20. Mai 2014, 19:44 (vor 4548 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von Hausorgler, Dienstag, 20. Mai 2014, 19:51

Es ist ein ungeheuer vielfältiges Feld und ich muß zugeben, daß da zwei Herzen in meiner Brust schlagen.
Einerseits begrüße ich es, wenn die schlimmsten Kriegsverluste wenigstens in Rekonstruktionen wieder aufleben. Gerade die Dresdner Frauenkirche halte ich für ein Paradebeispiel: Die Stadt hatte mit diesem Bau ihr Herz verloren. Ebenso halte ich es mit der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau (diese fiel den Sowjets zum Opfer). Ich kenne die Stadt mit und ohne wiederaufgebaute Kathedrale. Der Bau ist städtebaulich eigentlich unverzichtbar. In Polen wurden ganze Altstädte rekonstruiert. Ich denke, auch als Rekonstruktionen erzählen solche Bauten Geschichte. Sie erzählen von den Jahrhunderten der Stadt und sie erzählen von der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts.
Auch der Wiederaufbau der Paderborner Marktkirche und dabei vor allem die Rekonstruktion des gigantischen Hochaltares halte ich für richtig. Der Bau hat mich begeistert.
Letzte Woche war ich in Siegburg. Und immer wenn ich in den Städten des Rheinlandes bin, sehe ich diese schrecklich verätzten Wunden, die der Krieg dort geschlagen hat. Für mich sind diese Städte in weiten Teilen seelenlos geworden. Die Nachkriegsbauten erzählen nurmehr von der Katastrophe, aber sie erzählen nichts mehr von der vorherigen Geschichte dieser Städte - und sie sind alle gleich. Zum Verwechseln ähnlich.
Andererseits gibt es da bei uns im Süden den Barock, der mit großem Mut Neues hervorbrachte: Ganze Abteien wurden abgetragen und neu erbaut. Es ging unglaublich viel Romanik und Gotik verloren. Aber es entstanden berauschende Bauten. Diese möchte ich auch nicht missen. Und sie wären ohne den Totalabriss nicht entstanden. Wo man nicht abriß, hatte man keine Hemmungen, gotische Rippen abzuschlagen und durch Wessobrunner Stuck zu ersetzen. Und selbstverständlich hatte man nirgendwo Hemmungen, in gotische Räume herrliche barocke Prachtorgeln oder Hochaltäre einzubauen. Gerade Kirchen leben durch die Jahrhunderte. Und ich finde, man darf ihnen dieses Leben, die Zeugnisse aus allen Jahrhunderten, ansehen. Die größten Katastrophen waren die Purifizierungen des 19. Jahrhunderts (zB Bamberger Dom), aber auch die Kahlschläge der 60er und 70er Jahre des 20. Jhdts. Meines Erachtens deshalb, weil man gleichzeitig nicht in der Lage war, das Hinausgeworfene durch Kraftvolles zu ersetzen. Was aber kraftvoll ist, vermag die jeweilige Gegenwart leider kaum zu beurteilen. Da gebe ich Ihnen völlig Recht.
Wenn allerdings aus einem Schloß ein Einkaufstempel wird, ist das nur noch lächerlich. In Hannover vermisse ich das Schloß bei den Herrnhäuser Gärten sehr. Ein Barockgarten ohne sein Schloß wirkt geköpft. Hoffentlich geschieht der Wiederaufbau seriöser als in Braunschweig. Und im Berliner Fall bin ich sehr gespalten. Immerhin hat man dort noch originale Spolien, die man wieder einsetzen kann. Andererseits ist die Rekonstruktion sehr halbherzig. Richtig indentifizieren kann ich mich da nicht.
Was die von Ihnen angesprochenen Orgeln anlangt, gehe ich bis auf ein Beispiel voll d'accord: Memmingen. Diesen Prospekt finde ich voll daneben. Ihre positive Einschätzung hat sicher genauso gute Gründe. Und das zeigt, wie schwierig es ist, die Dinge zu beurteilen. Objektivität gibt es wohl nicht.
Diesen Prospekt in meinem Heimatort habe ich nie gemocht. Ich fand die "gotischen Paraphrasen" weder Fisch noch Fleisch, empfand die Lösung allzu simpel. Noch mag ich den Prospekt nicht, aber ich finde ihn nicht mehr sooo katastrophal wie noch vor fünf Jahren. Ist es nun Gewöhnung oder reift meine Ästhetik nach? Ich weiß es nicht. Allerdings finde ich diese Lösung besser als die Memminger Lösung.

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