Symposion Lübeck, St. Marien (I).....

Wolfgang Gourgé @, Donnerstag, 15. Mai 2014, 21:55 (vor 4550 Tagen)

....offenbar schon heiß erwartet: hier mein Bericht aus Lübeck. Es waren zwei sehr intensive Tage, in deren Verlauf schnell deutlich wurde, daß die Neuplanungen die liturgische wie musikalische Nutzung der Marienkirche insgesamt betreffen und deren Nachkriegsgestaltung grundlegend in Frage stellen - die derzeit vorhandenen Instrumente und deren Probleme lassen sich kaum isoliert sehen.

Einzige bisherige "Gewißheit": die Kemper-Orgel wird nicht überleben, und der Fortbestand der jetzigen "Totentanzorgel" - die eigentlich eher eine Chororgel ist, wie auch schon ihre Vorgängerin von 1955, da sie nicht an der Stelle der untergegangenen Totentanzorgel steht (siehe dazu weiter unten), ist sehr fraglich.

Das gesamte Symposion wurde aufgezeichnet. Es wird, so wie ich es verstanden habe, eine Dokumentation geben.

Freitag (09.05.) morgen....

[image]

...im Lübecker Hauptbahnhof....

An St. Marien....

[image]

...und innen drin:

[image]

[image]
...die schweigende Kemperin.....

[image]
links: LKMD Wulf, Mitte: Philipp Klais, Gerald Woehl; im Hintergrund ist deutlich der Rest des 1942 zerstörten Lettners zu erkennen, der im weiteren Verlauf der Diskussionen noch eine erhebliche Rolle spielen sollte.

Die Tagung begann mit der angenehm straffen Begrüßung durch den Marienpastor Robert Pfeifer...

[image]

....und Bernd Saxe, den Oberbürgermeister von Lübeck, als Schirmherrn.

[image]

Den ersten Fachvortrag hielt Ibo Ortgies, der mit beeindruckender Detailkenntnis und großem Engagement, mit dem er später auch an den Diskussionen teilnahm, die Orgelgeschichte von St. Marien nachzeichnete.

[image]

[image]

[image]

[image]

Hier wurden die tiefgreifenden Veränderungen durch die Zerstörung und den Wiederaufbau der Marienkirche im 2. WK deutlich: vor dem Palmsonntag eine "Vielraumkirche" mit Totentanzkapelle, Briefkapelle, durch den Lettner abgegrenztem Chorraum mit dem barocken Fredenhagen-Altar (dieser überstand den Brand der Kirche, wurde aber dann beim Wiederaufbau nach langen Diskussionen entfernt), Marientidenkapelle, diversen weiteren Kapellen und natürlich dem Hauptschiff, setzte sich nach dem Krieg ein musikalisches wie liturgisches "Einraumkonzept" durch, da die ehemals abgegrenzten Bereiche wie die Totentanzkapelle und der durch den Lettner abgegrenzte Chorraum nun offen waren.

Damit machte Ortgies sehr plastisch deutlich, worin die Hauptschwierigkeit bei den künftigen Planungen besteht: Raum- und Orgelkonzeptionen bedingen einander gegenseitig. Solange nicht klar ist, ob das Einraumkonzept beibehalten wird, fehlt den Orgelplanungen die Grundlage; andererseits aber hängt das Raumkonzept auch wieder davon ab, welche grundsätzlichen Absichten man mit den Instrumenten bzw. deren Neubauten verfolgt.

Ortgies' eigene Vision vom Wiederaufbau lieferte denn auch schon reichlich Diskussionsstoff: er plädierte für eine kompromißlose Rückkehr zum historischen Konzept wie zu Zeiten Buxtehudes mit Wiederaufbau des Lettners und "Wiederbelebung" der Kapellen als Musikorte, Neubau der großen Orgel im Stil der Buxtehude-Zeit, Rekonstruktion der Schulze-Orgel "an einem anderen Ort", Rekonstruktion der Totentanzorgel am historischen Ort (wo jetzt die astronomische Uhr steht) und insbesondere auch mit Wiedererrichtung der gotischen Orgel an der Stelle der jetzigen Führer-Orgel:

[image]

Das löste ein gewisses "Raunen" im Auditorium aus: immerhin geht es da um den zweimaligen Wiederaufbau der Westorgel, wobei der Nachbau der Schulze-Orgel nicht mehr an der Westwand unterkäme......

Aber egal: das gesamte Symposion stand unter der Devise, finanzielle Grenzen bewußt unberücksichtigt zu lassen und frei "draufloszudenken".

Johannes Unger folgte mit einem sehr ausführlichen Vortrag über die Entstehung der Schulze-Orgel und die Rolle des damaligen Marienorganisten Johann Hermann Jimmerthal, der allerdings hinsichtlich der Person Jimmerthals etwas detailüberfrachtet war.

[image]

[image]
Spieltisch der Schulze-Orgel

[image]
Ausgelagerte Pedalpfeifen hinter einer Holzverkleidung neben den Musik-Balkonen

Die Schulze-Orgel war ein interessantes Instrument. Aber sollte man sie rekonstruieren? Daran gab es auch von orgelbaulicher Seite einige Zweifel....(siehe dazu weiter unten....)

Sehr interessant dieses von Unger präsentierte Foto des ehemals vorhandenen Lettners. Man kann das gar nicht mal so kleine Orgelpositiv, das bei dem Bau der Schulze-Orgel aus dem Rückpositiv der großen Orgel gebildet wurde, bei genauem Hinsehen erkennen:

[image]

Den nächsten Vortrag bestritt Thomas Lipski mit der Geschichte der Firma Kemper und deren Rolle in der Orgelbewegung und beim Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg.

[image]

Lipski machte deutlich, wie die Firma Kemper sich zunächst in der beginnenden Orgelbewegung einen guten Ruf erarbeitet hatte u.a. durch die vergleichsweise einfühlsamen Arbeiten der 1920er Jahre in Altenbruch und Neuenfelde (beides zusammen mit Hans Henny Jahnn); kurz vor der Zerstörung der Marienkirche war bereits eine neue Orgel hinter dem historischen Prospekt mit 111 Registern auf der Grundlage eines Entwurfs von Walter Kraft bei Kemper in Auftrag gegeben worden. Die Zerstörung wenige Tage später machte diese Planungen obsolet, führten dann aber in der Nachkriegszeit zur erneuten Auftragsvergabe. Jedoch dominierte in der Nachkriegszeit zunehmend eine rein betriebswirtschaftliche Untenehmensphilosophie - mit den entsprechenden Folgen für die Qualität der Instrumente.

[image]

Drei detailreiche Vorträge - Zeit für eine Pause! In der Briefkapelle mit dem ostpreußischen Positiv (das übrigens auf der von Johannes Unger eingespielten CD mit einem ganz erstaunlich schönen Klang aufweist, gleichwohl es weit von seinem Ursprungszustand entfernt ist) gab es Kaffee und Kekse, hochwillkommen als kleine Stärkung vor dem Mittagskonzert mit der virtuellen Totentanzorgel-Rekonstruktion....

[image]

[image]

[image]

[image]
(ganz hinten: das Positiv)

[image]

...to be continued.....

powered by my little forum