Etienne Walhain in St. Lambertus, D-Altstadt
Hallo Forum,
Internationale Orgelkonzerte in St. Lambertus, Düsseldorf-Altstadt. Erster Montag im Monat, 19.30h. Am 05.05.2014 war es Etienne Walhain aus Tournai (Belgien), dem Autor von mehreren Auftritten bei der hiesigen “Sonntagsorgel in St. Andreas” in guter Erinnerung. Nun also erstmals an der prächtigen Riegerin, bestehend aus Turm und Chororgel - ein luxuriöses Orgelensemble in dieser vergleichsweise kleinen Kirche mit schönem Nachhall.
Walhain begann mit Bach C-Dur BWV 564. Das war gänzlich unakademisch. Frische Tempi (aber nicht gehetzt!), mutige Farben und viele Manualwechsel (W. spielte am gut einsehbaren zentralen Spieltisch im Chorraum). Da hatte er sich offenbar viele Gedanken gemacht. Herrlich das klagende Adagio mit einem tiefromantischen Abgesang (“abgestiegen zu der Hölle” - hier eine Art Wolfsschlucht). Walhain (*1980, Titular an Notre-Dame in Tournai) hatte hier die Möglichkeiten einer französischen Orgel und nutzte sie gekonnt. Das war nie übertrieben oder gar aufgesetzt. Eine prima Aufführung mit zahlreichen Aha-Effekten.
Danach folgte überaus präzise und klanglich genau differenziert, überwiegend in 2’ und 4’-Lagen Mozarts Andante F-Dur LV 616. Die strenge, automatenhafte Wiedergabe täuschte nicht über die Tiefe der Musik mit ihren schmerzlich chromatischen Wendungen hinweg. Hinter der Maschinenmaske stecken Abgründe.
Nun hatte Walhain ein Problem und rief um Hilfe. Aber auch Marcel Andreas Ober, Kantor und Gastgeber konnte nicht heilen: Ein hoher Ton fehlte im SW. Und den braucht Walhain im folgenden Orpheus (Liszt, Bearb. Guillou) als Zielpunkt der aufsteigenden Ketten am Anfang. Während sich Ober beim Publikum entschuldigte und um Verständnis bat, daß hin und wieder ein Tönchen fehlen müsse, besann sich der Ton eines Besseren und meldete sich wieder zum Dienst.
Und so konnte Walhain das Programm mit der großartigen Einrichtung der symphonischen Dichtung Nr. 4 fortsetzen. Große Bögen, schöne Klangfarben, stimmige Agogik.
Den Abschluß bildeten die Bilder einer Ausstellung von Mussorgski, wiederum in einer Bearbeitung von Jean Guillou, dessen Schüler Walhain auch war. Dieses Werk hatten wir 2012 bereits in St. Andreas von ihm gehört. Und was wir damals schrieben, kann, behutsam kommentiert, hier wiederholt werden.
“Kommet und eilet”, so schien das Motto zu Beginn. Mit eiligem Schritt ging es in die Galerie, mit gespannter Erwartung und in gänzlich ungewohnten Klangfarben: Hier war bereits so registriert, wie es der Gnomus erfordert; mit großen Lücken in den Fußlagen. Und Gnomus konfrontierte den Hörer dann auch sofort und heftig. Ein wenig Temporücknahme hätte hier gutgetan.
Ja, auch diesmal ging es hurtig in die Ausstellung. Der Gnom war etwas arg baßlastig.
Hohl und verwunschen, aber recht rasch dann Promenade und Altes Schloß, ..., quirlig die Tullerien. Der Bydlo kam regelrecht angetrabt. Ein so schnelles Ochsengespann dürfte Seltenheitswert haben.
Ja, auch diesmal im Eiltempo. Aber dennoch beeindruckend.
Promenade und Küchlein dann delikat. Mit größerem Atem Samuel Goldberg und der lästige Bittsteller Schmyle. Wildes Treiben auf dem Markt zu Limoges. Scharfer Einschnitt: Catacombae, cum mortuis in lingua mortuorum. Harte, brechende Akkorde zielten ins Mark. Wild und von beängstigendem Zauber die Baba Yaga. Dann ein genial gestalteter Übergang zum großen Tor. Leider hat die Orgel kein Glockenspiel. Man hörte es dennoch. ...
Die Orgel in St. Lambertus wurde der Guillou-Bearbeitung natürlich noch besser gerecht als die von von Beckerath in St. Andreas. Hier konnte Walhain aus dem Vollen schöpfen. Umso mehr gilt jetzt das damals gesagte:
Was nun Walhain und was Guillou geschuldet war, egal, die Registrierungen waren exquisit, oft weit von der im Ohr befindlichen Vorstellung Ravels entfernt, stets durchhörbar, Einwürfe und Antworten von verschiedenen Klangebenen. So hatte man den Eindruck, daß hier nicht Genrebilder des 19. Jahrhunderts sondern Kunst des 20. betrachtet wurden. Ob das noch Mussorgski war, mag dahinstehen. Eines war es jedenfalls nicht: Langweilig. Über 80 Hörer applaudierten begeistert.
Und selbst die Zahl der Hörer läßt sich übernehmen, leider. Der Beifall war aber groß, und so gab es zwei Zugaben (beide Vivaldi). Ein wirklich schönes Konzert, ein sympathischer Künstler und interessante Gespräche danach mit demselben.
Gruß Clemens Schäfer
P.S. Das nächste Konzert dieser Reihe: 02.06.2014, 19.30h: Henri-Franck Beaupérin aus Angers mit Werken von Bach und Jean-Louis Florentz (“L’anneau de Salomon”) sowie Improvisationen.
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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)
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Clemens Schäfer,
06.05.2014, 12:28
- Ergänzung owt: Walhain spielte auswendig. C.S. - Clemens Schäfer, 07.05.2014, 13:43