Reubke-Orgel Niederdorla

friedemannw @, Gießen, Dienstag, 18. April 2017, 01:16 (vor 3424 Tagen)

Am Ostersonntag wurde im thüringischen Niederdorla (5 km südlich von Mühlhausen) ein ungewöhnliches Instrument nach seiner Restaurierung wieder eingeweiht. Die Orgel wurde 1874 durch Emil Reubke (Hausneindorf) mit III/31 erbaut. 1899 erfolgte ein technischer Neubau durch Robert Knauf & Sohn (Bleicherode), wobei das Reubke-Pfeifenwerk von mechanischen Kegelladen auf neue pneumatische Kegelladen gestellt wurde. Durch mangelhafte Pflege und Wassereinbrüche wurde das Instrument ab 1977 nicht mehr gespielt; im Altarraum wurde eine Kleinorgel von Rudolf Böhm eingebaut. Von 2013-2016 wurde die Reubke-Orgel dann durch Firma Brode (Heilbad Heiligenstadt) restauriert.

Disposition:
I.Manual C-f3
Bordun 16'
Principal 8'
Gambe 8'
Hohlflöte 8'
Bordun 8'
Octave 4'
Flöte harmonique 4'
Quarte 2' (2 2/3' + 2')
Cornett 4' 3f (ab g0)
Mixtur 2' 4f
Trompete 8' (durchschlagend)

II.Manual
Gedackt 16'
Geigenprincipal 8'
Quintatön 8'
Flöte harmonique 8'
Salicional 8'
Octave 4'
Gemshorn 4'
Waldflöte 2'
Mixtur 3f

III.Manual (schwellbar)
Gedackt 8'
Harmonika 8'
Vox coelestis 8'
Flöte 4'
Oboe 8' (durchschlagende Physharmonika)

Pedal C-d1
Violon 16'
Subbaß 16'
Offenbaß 8'
Cello 8'
Gedacktbaß 8'
Posaune 16' (durchschlagend)

Koppeln: II/I, III/II, I 4'/I, I/P, II/P
3 feste Kombinationen (p, mf, ff), 1 freie Kombination (additiv wirkend zu Handregistern)

Herr Brode erzählte mir, dass sie die Orgel buchstäblich "freischaufeln" mussten, so viel Dreck hatte sich angesammelt. Die Bilder auf seiner Homepage sprechen für sich.
Ich habe kurz mal probiert: Das Spielgefühl... Naja, natürlich nicht mit Pneumatiken von Sauer, Rühlmann & Co. vergleichbar, aber akzeptabel. Der Klang ist überraschend: Schöne Flöten und Principale, interessante originale Zungenregister, die sich gut mischen. Die Streicher haben keine gängigen Ansprachehilfen, deswegen leider nicht so überragend. Mixturen sehr kräftig.

Das Einweihungskonzert spielte David Schlaffke, Organist der Amsterdamer Sloterkerk, jedoch gebürtiger Mühlhäuser. Er spielte mit hervorragender Technik und fein abgestuften Registrierungen Weckmann (geboren 1616 in Niederdorla!), Bearbeitungen von Alexander Wilhelm Gottschalg (Wagner, J.S.Bach), Mendelssohn Bartholdy (Andante und Variationen D-Dur), Reubke (Trio Es-Dur) und Ritter (Sonate Nr.1). Ein ähnliches Programm hat Schlaffke schon vor einem halben Jahr auf CD veröffentlicht - ohne Weckmann, Mendelssohn und Ritter (leider...), dafür mit Liszt (Weinen, Klagen) und dem 94. von Reubke. Erhältlich beim Label Querstand, im Booklet auch detaillierte Angabe der Registrierungen.

Hier noch ein paar Bilder:
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Pedal (vorne Posaune 16')
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Vordergrund und Hintergrund: I. Manual mit Vorder- und Hinterlade; oben: II.Manual; Prospekt rechts
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Reubke-Orgel Niederdorla

fluteceleste @, Dienstag, 18. April 2017, 05:41 (vor 3424 Tagen) @ friedemannw

Vielen Dank für den Bericht. Hier noch ein Link zur Presse.

Reubke-Orgel Niederdorla

Friedrich @, Dienstag, 18. April 2017, 12:28 (vor 3424 Tagen) @ friedemannw

... Das Einweihungskonzert spielte David Schlaffke, Organist der Amsterdamer Sloterkerk, jedoch gebürtiger Mühlhäuser. Er spielte mit hervorragender Technik und fein abgestuften Registrierungen Weckmann (geboren 1616 in Niederdorla!), Bearbeitungen von Alexander Wilhelm Gottschalg (Wagner, J.S.Bach), Mendelssohn Bartholdy (Andante und Variationen D-Dur), Reubke (Trio Es-Dur) und Ritter (Sonate Nr.1). Ein ähnliches Programm hat Schlaffke schon vor einem halben Jahr auf CD veröffentlicht - ohne Weckmann, Mendelssohn und Ritter (leider...), dafür mit Liszt (Weinen, Klagen) und dem 94. von Reubke. Erhältlich beim Label Querstand, im Booklet auch detaillierte Angabe der Registrierungen.

Die CD habe ich gerade für Musik und Kirche besprochen. Hat mir sehr gut gefallen, besonders die durchweg perfekt kontrollierte und trotzdem passionierte Spielweise in der Reubke-Sonate. "Weinen, Klagen" ist hier nicht Liszts Orgelstück, sondern Winterbergers Orgelbearbeitung des Klavier-Präludiums, also ein insgesamt viel zahmeres Stück Musik.

Zwei Dinge waren mir noch in der Aufnahme aufgefallen: Erstens schienen die Mixturen enger gehalten zu sein als der Rest der Prinzipalchors, setzten sich also tendenziell eher schneidend auf den Gesamtklang drauf, anstatt sich ganz mit ihm zu verbinden -- tendenziell wohlgemerkt, alles mischt sich schon akzeptabel; zweitens sind alle Zungenregister, auch die Hauptwerkstrompete, durchschlagend gebaut, sie mischen sich also nahtlos in den Gesamtklang und dominieren ihn nie.

Das mit den Registrierungen im Booklet finde übrigens bemerkenswert bei einem Programm, das ganz romantisch ist und zum Teil sogar aus Bearbeitungen von Orchesterstücken besteht (Tristan-Vorspiel!).

Insgesamt finde ich toll, dass es jetzt endlich eine Reubke-&-Reubke-Einspielung der Sonate gibt; des einen Bruders Sonate auf des anderen Orgel. Das allein lohnt das Hören.

Viele Grüße
Friedrich

Reubke-Orgel Niederdorla

hardy @, Dienstag, 18. April 2017, 21:31 (vor 3423 Tagen) @ friedemannw

Vielen Dank für den Bericht und den Hinweis auf die Internetseite von Fa. Brode. Diese war mir bisher nicht bekannt, doch gefällt mir ihre Internetpräsenz sehr gut und für meine Begriffe deuten die Fotos auf sehr sorgfältige Arbeit hin. Die von Herrn Brode entworfenen Prospekte gefallen mir auch. Wieder was dazugelernt :)

Reubke-Orgel Niederdorla

fluteceleste @, Sonntag, 07. Mai 2017, 17:05 (vor 3404 Tagen) @ friedemannw

Programmhinweis: Dazu passend heute abend um 22Uhr das Orgelmagazin auf MDR Kultur.

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