Hallo zusammen,
zum Konzert von Olivier Latry in Bamberg kommenden Sonntag fand ich gerade folgenden Hinweis auf der Homepage der Bamberger Symphoniker:
Die im Programm ursprünglich vorgesehene Fassung von Igor Stravinskys "Le Sacre du printemps" für Orgel zu vier Händen muss wegen einer kurzfristigen Intervention des Verlages leider entfallen.
Weiß jemand näheres, warum der Verlag "interveniert" hat? Aufgeführt werden sollte die vierhändige Klavierfassung Stravinskys, die gibt es zu kaufen und sogar auf imslp...
Latry jetzt ohne Sacre?
untersatz32, Donnerstag, 27. März 2014, 22:33 (vor 4591 Tagen) @ Tobias
bearbeitet von untersatz32, Freitag, 28. März 2014, 09:26
Tsts..., dasselbe "Theater" gab es ja bei Haas' genialer CD mit Stravinsky auf der Tonhallen-Orgel.
Anstatt "die" froh wären, diese Musik kompetent auf der Orgel ausgeführt & verbreitet zu hören...
Ja, das liebe Geld.
Grüsse
TH
Latry jetzt ohne Sacre?
Tobias
, Freitag, 28. März 2014, 10:30 (vor 4590 Tagen) @ untersatz32
wenig neues über die Hintergründe, aber Latry äußerte sich gestern beim Konzert in London mit Unverständnis, dass der Verlag die Aufführung der Version speziell an der Orgel untersagt hätte. Es sei wohl auch für London schon vorgesehen gewesen, nicht erst (wieder) für Bamberg.
Latry jetzt ohne Sacre?
Flûte harmonique, Freitag, 28. März 2014, 11:57 (vor 4590 Tagen) @ Tobias
bearbeitet von Flûte harmonique, Freitag, 28. März 2014, 12:12
wenig neues über die Hintergründe, aber Latry äußerte sich gestern beim Konzert in London mit Unverständnis, dass der Verlag die Aufführung der Version speziell an der Orgel untersagt hätte. Es sei wohl auch für London schon vorgesehen gewesen, nicht erst (wieder) für Bamberg.
Ich bin kein Jurist, aber auf IMSLP ist unmissverständlich festgehalten, dass sämtliche Werke von Strawinsky nach wie vor dem Urheberrecht in Kanada, der EU, Japan u. a. unterliegen und daher jederzeit aus IMSLP entfernt werden könnten.
Die vierhändige Klavierfassung des Sacre wurde 2011 als Reprint bei Dover Publications neu herausgegeben. Laut IMSLP ist diese Fassung nur in den USA gemeinfrei ("public domain"), aber nicht in Kanada und der EU "or elsewhere".
Wenn der Verlag (ob es Boosey & Hawkes oder Dover Publications war, weiß ich nicht) nun im Falle von Olivier Latry interveniert hat, scheint offensichtlich jede Form der Bearbeitung, auch für die Orgel, gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Übrigens ist der Videomitschnitt von Latrys Konzert aus der St.-Bavo-Kathedrale in Haarlem, wo er mit seiner Frau Shin-Young Lee die besagte vierhändige Orgelbearbeitung des Sacre spielte, nicht mehr online zu finden. Gab es hier Probleme mit dem Urheberrecht, und das Video musste entfernt werden? Ich frage mich auch, wie es sich mit der Einspielung dieser Bearbeitung für BNL verhält (siehe den Fall von Bernhard Haas' Orgelbearbeitung des Sacre und der CD aus der Tonhalle Zürich).
Auch Jean Guillous Orgelbearbeitung der 3 Tänze aus Petruschka kann nicht veröffentlicht werden. Guillou hatte sich von Strawinskys Witwe noch zu ihren Lebzeiten eine spezielle Erlaubnis geholt, die sich allerdings nur auf seine eigene Person beschränkte.
Keith John hatte in den Achtziger Jahren in Brüssel seine Orgelbearbeitung der "Circus Polka" von Strawinsky bei Priory eingespielt; ist sie je im Druck veröffentlicht worden, oder hat auch hier das Urheberrecht gegriffen?
Latry jetzt ohne Sacre?
JSBach
, Freitag, 28. März 2014, 13:18 (vor 4590 Tagen) @ Flûte harmonique
Aber wo ist denn bitte der Sinn des Urheberrechts, die Verbreitung/Aufführung zu be/verhindern? Das kann ja so auch nicht im Sinne des Komponisten sein...
Bearbeitung erlaubt? - War: Latry jetzt ohne Sacre?
jrbecker
, Freitag, 28. März 2014, 14:04 (vor 4590 Tagen) @ JSBach
Aber wo ist denn bitte der Sinn des Urheberrechts, die Verbreitung/Aufführung zu be/verhindern? Das kann ja so auch nicht im Sinne des Komponisten sein...
Was genau ist denn im Sinne des Komponisten? Ich habe einmal einen höchst interessanten Chorsatz für gemischten Chor mit Orgel gehört, woraufhin ich beim Verlag (Butz) anfragte, ob der Komponist (Chr. Tambling) diesen Satz vielleicht auch für 4-stg. (!) Frauenchor gesetzt habe oder ob ich ggf. selbst eine Bearbeitung für meinen solchen vornehmen dürfe. Die Antwort war, dass man bei dem Komponisten nachgefragt hätte und dieser einer entsprechenden Bearbeitung nicht zustimme, da die von ihm gewünschte Wirkung des Stückes mit einem Frauenchorsatz nicht erreichbar sei. Schließlich gebe es genügend ebenso interessante Originalkompositionen für Frauenchor, die ähnliche Herausforderungen aufwiesen, auf die könne ich ja dann zurückgreifen.
Von dieser Antwort war ich ehrlich gesagt ein wenig überrascht, ich habe sie in die Kategorie "Ist an einer Verbreitung seiner Stücke wohl nicht sehr interessiert" eingeordnet. Man hätte sich doch wenigstens einmal meine Idee anschauen und dann darüber urteilen können, ob die Bearbeitung wirkt oder nicht. Mit einem 4-stg. Frauenchorsatz erreicht man nämlich tatsächlich eine ganz andere Wirkung als mit dem hierzulande ja weit verbreiteten 3-stimmigen. Da fehlt auch mir ganz klar die harmonische Rafinesse...
Gruß
Bearbeitung erlaubt?
Willscher, Samstag, 29. März 2014, 11:20 (vor 4589 Tagen) @ jrbecker
Was genau ist denn im Sinne des Komponisten? Ich habe einmal einen höchst interessanten Chorsatz für gemischten Chor mit Orgel gehört, woraufhin ich beim Verlag (Butz) anfragte, ob der Komponist (Chr. Tambling) diesen Satz vielleicht auch für 4-stg. (!) Frauenchor gesetzt habe oder ob ich ggf. selbst eine Bearbeitung für meinen solchen vornehmen dürfe. Die Antwort war, dass man bei dem Komponisten nachgefragt hätte und dieser einer entsprechenden Bearbeitung nicht zustimme, da die von ihm gewünschte Wirkung des Stückes mit einem Frauenchorsatz nicht erreichbar sei. Schließlich gebe es genügend ebenso interessante Originalkompositionen für Frauenchor, die ähnliche Herausforderungen aufwiesen, auf die könne ich ja dann zurückgreifen.
Von dieser Antwort war ich ehrlich gesagt ein wenig überrascht, ich habe sie in die Kategorie "Ist an einer Verbreitung seiner Stücke wohl nicht sehr interessiert" eingeordnet. Man hätte sich doch wenigstens einmal meine Idee anschauen und dann darüber urteilen können, ob die Bearbeitung wirkt oder nicht. Mit einem 4-stg. Frauenchorsatz erreicht man nämlich tatsächlich eine ganz andere Wirkung als mit dem hierzulande ja weit verbreiteten 3-stimmigen. Da fehlt auch mir ganz klar die harmonische Rafinesse...
Mich verwundert das sehr. Gerade bei Chor mit Orgelbegleitung könnte ich mir einen vier- (vielleicht sogar sechs-)stimmigen Frauenchor gut vorstellen. Allerdings stünden dem Bearbeiter dann (geringe!) Gema-Anteile zu, wenn der Komponist die Bearbeitung genehmigt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand sooo geizig ist. Tatsächlich sollte man sich doch freuen, daß das aufgeführt wird........
mein Andreas
Latry jetzt ohne Sacre?
Karsten
, Freitag, 28. März 2014, 17:40 (vor 4590 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von Karsten, Freitag, 28. März 2014, 17:47
wenig neues über die Hintergründe, aber Latry äußerte sich gestern beim Konzert in London mit Unverständnis, dass der Verlag die Aufführung der Version speziell an der Orgel untersagt hätte. Es sei wohl auch für London schon vorgesehen gewesen, nicht erst (wieder) für Bamberg.
Ich bin kein Jurist, aber auf IMSLP ist unmissverständlich festgehalten, dass sämtliche Werke von Strawinsky nach wie vor dem Urheberrecht in Kanada, der EU, Japan u. a. unterliegen und daher jederzeit aus IMSLP entfernt werden könnten.
Die vierhändige Klavierfassung des Sacre wurde 2011 als Reprint bei Dover Publications neu herausgegeben. Laut IMSLP ist diese Fassung nur in den USA gemeinfrei ("public domain"), aber nicht in Kanada und der EU "or elsewhere".
IMSLP konte mittlerweile Dank der eingegangenen Spenden mehrere Server in verschiedenen Ländern anmieten, auf denen jeweils die nach am Serverstandort geltendem Urheberrecht freien Noten abgespeichert wurden. Der IMSLP-Nutzer wird von IMSLP am "End-PC" beim Anklicken bzw. vor dem Download der entsprechenden pdf-Datei darüber informiert, dass er beim Download "seine" Urheberrechtsgesetze vor Ort berücksichten muss und für eventuelle Urheberrechtsverletzungen selbst haftet.
Die Klavierfassung wurde vor 1920 veröffentlicht und ist damit in den USA gemeinfrei.
Wenn der Verlag (ob es Boosey & Hawkes oder Dover Publications war, weiß ich nicht) nun im Falle von Olivier Latry interveniert hat, scheint offensichtlich jede Form der Bearbeitung, auch für die Orgel, gegen das Urheberrecht zu verstoßen.
Die Bearbeitung selbst ist in D (bis auf wenige Ausnahmen) durchaus erlaubt, aber diese Bearbeitung darf nur mit Erlaubnis des Autors des Originals "veröffentlicht oder verwertet" werden. D.h. man darf im stillen Kämmerleion alles mögliche bearbeiten und umschreiben, aber die eigenen Bearbeitung darf dann nicht veröffentlicht oder verwertet (gedruckt, eingespielt, aufgeführt...) werden.
Das war die Problematik bei Bernhard Haas und wohl nun auch bei Latry. Beide haben für die Einspieung und Aufführung wohl kein "OK" der Rechteinhaber gehabt.
Wenn die Rechteinhaber der Meinung sind, dass eine Bearbeitung dem Werk nicht gerecht wird, dann kann - und sollte - sie eben ihr Veto einlegen...
Es mag sein, dass die Orgel sich immer mehr als "weltliches" Konzertinstrument etabliert hat, aber sie wird nun mal im westlichen Kulturkreis vor allem mit Christentum und Gottesdienst in Verbindung gebracht. Und da passt die heidnische, vorchristliche Thematik eines "Sacre" nun wirklich nicht so richtig zusammen...
Gruß
Karsten
Latry jetzt ohne Sacre?
Friedrich
, Freitag, 28. März 2014, 18:31 (vor 4590 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 28. März 2014, 21:09
Übrigens ist der Videomitschnitt von Latrys Konzert aus der St.-Bavo-Kathedrale in Haarlem, wo er mit seiner Frau Shin-Young Lee die besagte vierhändige Orgelbearbeitung des Sacre spielte, nicht mehr online zu finden.
Das ist ein JAMMER !!!
Wenn wenigstens der erste Teil des Konzerts weiter online stünde – der war für sich schon aufregend genug.
So ein tolles Konzert, ich ärgere mich direkt, dass ich es nur zweimal geguckt habe!
Mit Strawinskys Musik sind solche Sachen notorisch, das hat mit nachvollziehbaren Gründen schon lange nix mehr zu tun. Der Meister ist aber auch selber Schuld, er hat durch Neubearbeitungen und Copyright-Erneuerungen seine Sachen in Beton gegossen. Ähnlich berüchtigt sind, glaube ich, nur die Weill-Erben …
Viele genervte Grüße,
Friedrich
Latry jetzt ohne Sacre?
Rolf
, Dienstag, 01. April 2014, 08:27 (vor 4586 Tagen) @ Flûte harmonique
Zumindest die CD ist bei jpc nicht mehr gelistet, bei Amazon ist sie als derzeit nicht erhältlich vermerkt.
Gruß
Rolf
Latry jetzt ohne Sacre?
Karsten
, Dienstag, 01. April 2014, 18:43 (vor 4586 Tagen) @ Rolf
Zumindest die CD ist bei jpc nicht mehr gelistet, bei Amazon ist sie als derzeit nicht erhältlich vermerkt.
Es goibt ja noch mehr als genug andere Anbieter, auich im Ausland, bei denen man die CD ordern kann. Trotz Nicht-Lieferbarkei der CD selbst sind dennoch Audiodateien noch offiziell als Download erhältlich. ALso eine weitere Inkonsequenz (oder Lücke, die der Verlag noch nicht entdeckt hat...)
Gruß
Karsten
… dafür mit Florentz, Messiaen und Widors Fünfter!
Friedrich
, Freitag, 28. März 2014, 20:21 (vor 4590 Tagen) @ Tobias
Die BBC feiert sich noch immer durch die Wiedereinweihungskonzerte in der Royal Festival Hall. John Scott und Thomas Trotter (mit einem sagenhaften »Ad nos«) müssten noch online sein – neu ist Olivier Latry: Florentz, Prélude from l'Enfant noir op. 17; Messiaen, »L’Ascension«; Widor V; Improvisation. Dazu ein Pausengespräch mit dem Kurator und OL.
Es lohnt sich!
Viele Grüße,
Friedrich