Temporelationen in BWV 552,2

Karsten @, Samstag, 22. März 2014, 13:48 (vor 4598 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von Karsten, Samstag, 22. März 2014, 14:10

Hallo!

Wie die Temporelationen der Fugenabschnitte in BWV 552,2 zu realisieren ist, ist nicht ganz unumstritten.

Ewald Kooiman in "Zur Interpretation der Orgelmusik Johann Sebastian Bachs" (Merseburger, 1995, S. 57):

"Problematischer ist der zweite Teil der Fuge Es-Dur BWV 552. In dieser Fuge gibt es drei Taktarten:
C - 6/4 -12/8
Die Temporelation zwischen den Außenteilen liegen auf der Hand: [Halbe] = [Viertel punktiert].
Für den zweiten Teil wird oft folgende Relation angenommen:
1. [Halbe] = 2. [Halbe punktiert] = 3. [Viertel punktiert]
Gegen diese Relation spricht, daß hier die Achtel im 6/4 einer Sechzehntel im 12/8 entspricht, statt des 6/4 entsteht hier also ein 6/8. Richtiger scheint mir deshalb folgende Relation:
1. [Halbe] = 2. [Halbe] = 3. [Viertel punktiert]
Die Hemiolen im letzten Takt der zweiten Fuge bewirken einen fließenden Übergang zum 12/8 und sind ein gutes Beispiel zu Kimbergers Anmerkung über das Verhältnis von 6/4 und 3/2 (s.o. S.47)."

Jon Laukvik führt in seiner "Orgelschule zur historischen Aufführungspraxis, Teil 1 - Barock und Klassik" (Carus, S.256) zu der Temporelation aus:

"[...]
Die allgemeinen Regeln zum Rahmen hinsichtlich der Temponahme im Spätbarock wurden in Teil A. Kap. II.1. erörtert. Hinzu kommt, daß mehrteilige Stücke, wie bei G. Frescobaldi (s. Kap. I.1.) so auch bei Bach, eine Temporelation zwischen den einzelnen Abschnitten erfordern. Mit diesem Problem konfrontiert uns vor allem die Fuge in Es aus dem III. Teil der Clavierübung (552/2).
Die Taktvorzeichnung des ersten Teiles ist im Originaldruck C (also nicht [Allabreve]). Nehmen wir das 6/4 des zweiten Teiles wörtlich, ist das Verhältnis: alt Ganzenote = neu punktierte Ganzenote (oder einfacher: Halbenote = punktierte Halbenote). Dies ergibt, spielt man die erste Fuge langsam-gravitätisch, für den zweiten Teil ein ruhig fließendes Tempo, was dessen Taktart, Notenbild und Charakter entspricht.
Ein noch schnelleres Tempo würde den Mittelteil zu einem kurzen, unbedeutenden Intermezzo zwischen den beiden gewichtigen Außenteilen reduzieren. Soll der mittlere Teil den Sohn in der Gottes-Trinität vertreten, ist ein zu kindliches "Weglaufen" hier keineswegs angebracht.
Schwieriger ist der Fall beim Übergang zum dritten Teil der Fuge. Hier bestehen zumindest folgende zwei Möglichkeiten:
1. Alt Halbenote (der Hemiole der abschließenden Kadenz) = neu punktiertes 4tel, oder
2. Alt punktierte Halbenote = neu punktiertes 4tel.
1. müßte die adäquatere Lösung sein, weil 12/8 mit 16teln als kleinsten Notenwerten ein recht schnelles Tempo anzeigt, und weil dieser Teil eine Gigue ist, der "Tanz des lebendigen Heiligen Geistes"! Vgl. hierzu "Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist" (631) aus dem Orgelbüchlein, Bsp. 89 und das Duo aus Grignys Hymne "Veni creator", Bsp. 124.
Von Teil zu Teil nimmt durch diese Temporelationen die Geschwindigkeit zu, was dem Aufbau dieser Fuge entspricht."

Wie machen's die Profis hier im Forum?

Gruß
Karsten


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