Brustwerk/Rückpositiv
Daniel, Freitag, 14. März 2014, 12:10 (vor 4603 Tagen)
Abgesehen von gotischen Orgeln mit 1 Manual Blockwerk (+evtl. Prinzipal 16‘) und 1 Manual mit bereits Einzelregistern):
Was gab es bei 2-manualigen Orgeln früher: ein Brustpositiv oder ein Rückpositiv?
Technisch einfacher (hängende Traktur, vielleicht sogar ohne Wellenbrett) wäre ein Brustpositiv gewesen.
Klanglich/architektonisch interessanter, aber traktur-/registraturmäßig mit Wippen/Winkel und evtl. Registerzügen im Rückpositiv-Gehäuse hinter dem Organisten, aufwändiger, ein Rückpositiv.
Brustwerk/Rückpositiv
Hilbrands
, Freitag, 14. März 2014, 23:45 (vor 4602 Tagen) @ Daniel
Was gab es bei 2-manualigen Orgeln früher: ein Brustpositiv oder ein Rückpositiv?
Wohl das Rückpositiv.
Das Standardwerk für den niederländischen Raum ist Vente, Die Brabanter Orgel. Ich exzerpiere etwas daraus ab S. 12: Bei niederländischen zweimanualigen Werken ist offensichtlich das Rückpositiv zuerst da. In Zwolle wird ein RP erstmals 1447 erwähnt, 1455 eines in Delft. Da man diese Orgel mit Utrecht verglich, muss diese schon vorher ein RP gehabt haben. Eine Pedalklaviatur gibt es in NL seit Beginn des 15. Jh. Das HW war das Prinzipalwerk als Blockwerk. Das RP hatte zunächst Doppelladen oder häufig 3 Register (Principal, Mixtur, Scharff), später auch Schleifladen mit anderen Registern wie z.B. Flöten. Das RP diente als klanglicher Kontrast zum HW durch ein anderes Plenum und die anderen Stimmen.
1505 stehen bei einer Orgel in Antwerpen (Daniel van der Distelen) Pedalpfeifen im Rückpositiv und Brustwerk (BW hatte Krummhorn, Trompete und Zimbel).
Im 16. Jh. ersetzt das Oberwerk vielfach das BW (Kampen, Zwolle), da letzteres für langbechrige Zungen nicht geeignet war (in Franeker hatte das BW nur ein Regal). Das ist aber ganz spezifisch für den Brabanter Orgelbau. Johann von Koblenz baute schon 1505 ein OW in Zwolle.
Unser lieber Praetorius bietet fantasievolle Abbildungen der Orgel des Doms in Halberstadt von 1361 mit zwei Diskant- und einem Bassmanual sowie einer Pedalklaviatur.
In Frankreich wird 1433 eine Rückpositivklaviatur für St. Etienne/Troyes geliefert (Klotz, Über die Orgelkunst der Gotik, 29). Weitere RPs sind im 15.Jh. bezeugt für Dijon (1447), Koblenz 1467 und Zürich (1479).
Die spätgotische dreimanualige Orgel in Nürnberg hatte HW, RP und BW, so auch in Freiberg/Mariendom (1506).
Positive Gruß, Walter
Brustwerk/Rückpositiv
Florian-L
, Samstag, 15. März 2014, 08:37 (vor 4602 Tagen) @ Hilbrands
Unser lieber Praetorius bietet fantasievolle Abbildungen der Orgel des Doms in Halberstadt von 1361 mit zwei Diskant- und einem Bassmanual sowie einer Pedalklaviatur.
Fantasievolle Abbildungen? Zumindest hat Praetorius diese Spielanlage noch selbst gesehen, oder?
Gruß, Florian
Brustwerk/Rückpositiv
Hilbrands
, Samstag, 15. März 2014, 10:15 (vor 4602 Tagen) @ Florian-L
Fantasievolle Abbildungen? Zumindest hat Praetorius diese Spielanlage noch selbst gesehen, oder?
"Fantasievoll" ist wohl nicht ganz treffend gesagt. Ich meinte eher "die Fantasie anregend"/fantastisch". Leider kenne ich die Schrift von Bormann, Die gotische Orgel zu Halberstadt, nicht. Im Allgemeinen wird aber Praetorius' Beschreibung als glaubwürdig betrachtet. Er kannte allerdings nur den umgebauten Zustand. Die Faber-Orgel von 1361 wurde 1495 von Gregorius Kleng auf die andere Empore umgesetzt und instandgesetzt. Sie erhielt in diesem Zuge eine neue Pedalklaviatur oder überhaupt die erste. Der Manualumfang reichte von H-g'a', umfasste also 23 Tasten. Nach Praetorius wurde das dritte Bass-Clavier wohl mit den Knien gespielt, die Diskantmanuale mit den Fäusten.
Eberlein hat in seiner kritischen Besprechung der Rekonstruktionsversuche mittelalterlicher Orgeln übrigens einige schöne Abbildungen und stellt die wichtigen Quellen zusammen. Die 6 cm breiten Tasten der Halberstadter Orgel stellen einen gewissen Anachronismus dar, da bereits Jahrhunderte vorher normal breite Tasten, die man mit einem Finger bedienen konnte, die Regel waren. Auf der Abbildung im Rutland-Psalter aus der Mitte des 13. Jh. (Eberlein, S. 2) finden sich noch handbreite (diatonische) Tasten, allerdings ohne Obertasten.
Gruß, Walter
Detailtreue historischer Abbildungen
Karsten
, Samstag, 15. März 2014, 11:25 (vor 4602 Tagen) @ Hilbrands
bearbeitet von Karsten, Samstag, 15. März 2014, 11:30
Hallo!
Was mich bei diesen Rekonstruktionsversuchen irritiert, ist die "Wörtlichkeit" mit der die Bildquellen interpretiert wurden. Sicher, sie sind neben schriftlichen Quellen die einzigen Zeugen, wie diese alten Instrumente damals ausgesehen haben könnten und wurden je nachdem sogar unter "Aufsicht" eines Fachmannes angefertigt. Aber dennoch scheint mir in allen Darstellungen ein großes Maß an Stilisierung und Vereinfachung vorhanden zu sein, dass man kaum definitive musikalische oder orgelbautechnische Rückschlüsse aus diesen Darstelungen ziehen kann. Den Malern waren maltechnische Aspekte wie Raumaufteilung, Proportionen, Perspektive, Farbkombinationen und und und wohl meist wichtiger als eine detaillierte Bauplan-genaue Abbildung, auch wenn manche Details sicher gut wiedergegebene wurden. Oder würde man ernsthaft aus diesem historische Gemälde auf eine tatsächliche übliche Position des Notenständers links außen schließen? (Ganz zu schweigen davon, dass der Deckel wohl nach außen umkippen würde, sofern er nicht durch ein Seil oder Gurt gesichert wäre, der durchaus vorhanden sein könnte, aber im Gemälde leider nicht erkennbar ist.)
Gruß
Karsten
Brustwerk/Rückpositiv
Daniel, Samstag, 15. März 2014, 11:27 (vor 4602 Tagen) @ Hilbrands
Beim Rutland-Psalter scheint es sich eher um ein Positiv zu handeln.
Mit Bordun-Pfeifen auf der Baßseite. Und ca. 18-20 Tasten bzw. Stecherknöpfen.
Vielleicht hat der Maler die (vorhandenen) Halbtöne nur nicht extra gemalt, um das Bild nicht mit allzu vielen Details zu überladen.
Seit wann gibt es überhaupt Halbtöne? Für einfache Melodien in C-Dur wären sie (anfangs) eventuell entbehrlich gewesen.
Brustwerk/Rückpositiv
Orlos
, Samstag, 15. März 2014, 11:51 (vor 4602 Tagen) @ Daniel
Den Ton "b" gibt es schon in der Gregorianik, durchaus im Wechsel zu "h". Man wird wohl davon ausgehen müssen, dass es zumindest diesen Halbton schon bei den ersten Kirchenorgeln gegeben haben wird. Zwar wurde viel transponiert, aber mit der C-Reihe bekommt man auch bei Transponierungen den Wechsel von "b" und "h" nicht hin.