Mythos Betonpfeifen

friedemannw @, Gießen, Freitag, 07. Februar 2014, 19:35 (vor 4637 Tagen)

Heute wurde ich mal wieder mit dem Thema "Betonpfeifen" konfrontiert. Ein erfahrener Kollege meinte, er hätte in der Midmer-Losh-Orgel in der Boardwalk-Hall in Atlantic City GESEHEN, dass der 64' labial aus Beton wäre. Als Besitzer des Buches von Stephen D. Smith über diese beeindruckende Instrument weiß ich natürlich, dass der 64' im Baß aus Diaphone-Pfeifen mit gekröpften Holzbechern besteht. Aber ich wollte mich nicht mit ihm rumstreiten. Beim Thema "Doppelkern-Pfeifen" schien er auch nichts genaues dazu sagen zu können, dabei sind bestimmt über 50% der Pfeifen in der Orgel mit einem zweiten Kern versehen! DAS kann man eigentlich gar nicht übersehen!

Doch nun zu meiner Frage: Kennt jemand eine Orgel mit Betonpfeifen, oder hat es mal ein solches Instrument gegeben?

Orgeln aus Stein gibt es ja, aber das sind eher "überschwere" Positive:
http://organos.ivanlarrea.com/index2.htm

Ich dachte da bisher immer an einen richtig fetten 32', der gemauert irgendwo an der Wand steht oder im Fußboden liegt. Trotz vieler Kuriositäten, die mir im Orgelbau bisher begegnet sind - davon habe ich noch kein Foto o.Ä. gesehen.
Vielleicht kann mir jemand weiterhelfen???

VG Friedemann

Mythos Betonpfeifen

Rochus Schmitz ⌂ @, Münster, Samstag, 08. Februar 2014, 12:16 (vor 4637 Tagen) @ friedemannw

Ich dachte da bisher immer an einen richtig fetten 32', der gemauert irgendwo an der Wand steht oder im Fußboden liegt. Trotz vieler Kuriositäten, die mir im Orgelbau bisher begegnet sind - davon habe ich noch kein Foto o.Ä. gesehen.
Vielleicht kann mir jemand weiterhelfen???

Ich denke, Herr Döring müßte es wissen. Hier ist allerdings nur von Porzellan, Bambus und Marmor die Rede.

Mythos Betonpfeifen

florianf, Graz (A), Montag, 10. Februar 2014, 21:48 (vor 4634 Tagen) @ friedemannw

Hallo,

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man eine Betonpfeife zum Klingen bringen kann - dafür habe ich allerdings keine wissenschaftl. Belege...

ratlose Grüße,
Florian

Mythos Betonpfeifen

ado ⌂ @, Montag, 10. Februar 2014, 23:35 (vor 4634 Tagen) @ florianf

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man eine Betonpfeife zum Klingen bringen kann - dafür habe ich allerdings keine wissenschaftl. Belege...

warum sollte sie denn nicht klingen? den klang erzeugt die schwingende luftsäule, und die schwingt unabhängig von den eigenschaften der wandung. die eigenschwingung der wandung hat wohl in der tat einen (geringen) einfluß auf den klang -- und das dann eben auch hier, indem sie eben wegfällt.

Mythos Betonpfeifen

friedemannw @, Gießen, Dienstag, 11. Februar 2014, 19:32 (vor 4633 Tagen) @ ado

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man eine Betonpfeife zum Klingen bringen kann - dafür habe ich allerdings keine wissenschaftl. Belege...


warum sollte sie denn nicht klingen? den klang erzeugt die schwingende luftsäule, und die schwingt unabhängig von den eigenschaften der wandung. die eigenschwingung der wandung hat wohl in der tat einen (geringen) einfluß auf den klang -- und das dann eben auch hier, indem sie eben wegfällt.

Die Wandungsstärke ist schon ziemlich wichtig! Z.B. bei den hölzernen Orgeln von Henk Klop sind die Wandungsstärken der Holzpfeifen auffällig dünn damit sie besser resonieren. Und gerade bei großen Pfeifen kann das sehr entscheidend sein, ob ein Ton kommt oder nicht.
Noch zwei Beispiele:
- Bei der Trostorgel in Waltershausen wurden bei der Restaurierung in den 60er Jahren die Prospektpfeifen mit Glasscherben abgezogen (!) um wieder glänzende Pfeifen zu bekommen. Als bei der Restaurierung in den 90er Jahren die großen 16'-Pedalprospektpfeifen wieder richtig zum klingen gebracht werden sollten, stellte man fest, dass die Wandungen einfach zu dünn waren/sind und die Pfeifen so keinen Grundton erzeugen. Das C hatte an einigen Stellen eine Stärke von ca. 0,5 mm!!! So wurden dann Stabilisierungsdrähte kreuzweise in die Pfeife gelötet damit sie einigermaßen im Grundton anspricht! Am Rande sollte noch bemerkt werden, dass die Prospektpfeifen nach der Glasscherben-Aktion NICHT mit Hanschuhen angefasst wurden und so heftige Oxidationsspuren bei der letzten Restaurierung zu beheben waren. Das geschah auf chemische Art und Weise ohne Materialverlust. Anschließend wurden die Pfeifen lackiert und sehen aus wie neu :)
- Da gibt es ja die Geschichte (ich hoffe, ich erzähle sie richtig...) mit E.F.Walcker und dem 32' der Frankfurter Paulskirche, der nicht richtig ansprechen wollte. Er hörte dann eines Tages einen richtig tiefen "Ton" in seiner Ludwigsburger Werkstatt. Daraufhin suchte er den Ursprung des Tones und wurde bei den Schornsteinen fündig. Wenn die Arbeiter Kohlen aufgelegten, gab es irgendwie eine Druckwelle, die einen tiefen Ton erzeugte. Da kam ihm die Idee, dass die Wandungsstärke des 32' vielleicht noch zu dünn ist und er versah die Pfeifen mit Eisenarmierungen und siehe da: Sie sprachen in vollem Ton an!

Mythos Betonpfeifen

ado ⌂ @, Dienstag, 11. Februar 2014, 21:49 (vor 4633 Tagen) @ friedemannw

wenn ich schrieb, "geringer" einfluß der wandung auf den klang, so ist das relativ gemeint. ich wäre der letzte, diesen einfluß zu leugnen! von mir aus bitte alles als sandguß und dann von hand nachbearbeitet :-) eben des klangs wegen. das hatten wir schon im alten forum. über den einfluß der wandstärke als solcher habe ich mir noch keine gedanken gemacht oder etwas darüber gelesen. den einfluß des materials, aus dem die pfeife gemacht wird, sehe ich in den eigenschwingungen der wandung begründet (das ist allerdings eine intuitive annahme). auf diese eigenschwingung hat natürlich neben dem material die wandstärke ebenso einen einfluß.

betonpfeifen hätten sicher keine zu geringe wandstärke. klingen müssen sie wohl; WIE ist eine andere frage...

Mythos Betonpfeifen

Daniel, Mittwoch, 12. Februar 2014, 15:51 (vor 4633 Tagen) @ florianf

Ich hörte anlässlich eines Orgelkonzertes in Bad Wörishofen, St.Justina, im September 1996 (so ganz vage) eine Unterhaltung zwischen 2 Orgelbauern, dass der Orgelbaumeister Gerhard Schmid, Kaufbeuren, mit Pfeife(n) aus Beton
experimentiere/experimentiert habe. Eventuell Vorversuche für einen größeren Orgel-Neubau/Umbau in München bzw. bayerischen Raum.

Vielleicht handelte es sich dabei um eine Art „Bass-Okarina“ – vielleicht ein Würfel von 80 cm Seitenlänge, mit 1 oder mehreren Test-Labien von Breiten zwischen 5 und 25 cm. Wandstärke vermutlich zwischen 5 und 15 cm. Oder zumindest sehr weite (und damit verkürzte) Pfeifen.

Konkreteres weiß ich hierzu leider nicht (mehr). Ich habe auch später in keinem Artikel/Buch/Internet darüber etwas konkretes gehört.

Mythos Betonpfeifen

orgelquaeler, Donnerstag, 13. Februar 2014, 08:52 (vor 4632 Tagen) @ Daniel

Morgen Forum!
In dem Zusammenhang fällt mir das hier ein. So dick wird der Stein auch nicht sein. Das hätte man sicherlich aus Beton genauso machen können.

LG

OQ

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