St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Contrebasson 32'
, Wien, Samstag, 23. Mai 2015, 11:06 (vor 4126 Tagen)
bearbeitet von Contrebasson 32', Samstag, 23. Mai 2015, 11:12
Liebes Forum,
wie ihr ja u.a. dank der Konzertberichte aus der Feder von Clemens Schäfer bemerkt haben dürftet, findet sich in Düsseldorf eine überaus lebendige, über die Jahre gewachsene "Orgelszene" mit vielen bemerkenswerten Konzerten auf teilweise ebenso bemerkenswerten Instrumenten.
Angesichts dieser Konkurrenz ist es nicht verwunderlich, dass so manches Instrument an weniger prominter Stelle eher ein Schattendasein fristet. Ein Beispiel hierfür ist die Orgel in St. Apollinaris Düsseldorf-Oberbilk (III/37), die 1951-1962 von Seifert erbaut wurde.
St. Apollinaris ist eine von Caspar Clemens Pickel im neugotischen Stil entworfene, fünfschiffige (Grundriss) Hallenkirche im ehemaligen Düsseldorfer Arbeiterstadtteil Oberbilk.
Ursprünglich war die Kirche in der Zwischenkriegszeit mit einer spätromantisch-orgelbewegten Klaisine (III/60 - mit zwei Schwellwerken) ausgestattet worden (Klais Information 1928,5), die den zweiten Weltkrieg aber leider nicht überlebte.
Nach dem Krieg wurde die Kirche in nüchterner Form (vgl. Turm alt, Turm neu) wiederaufgebaut und in mehreren Schritten die oben erwähnte Seifert-Orgel (Disposition) eingebaut. Angesichts einer sehr regen Kirchenmusik und dem Wiedererblühen des katholischen Milieus blieb dies nicht folgenlos für die Orgel, so wurden die die ursprünglichen Prospektpfeifen des Prinzipal 8' gegen Kupferpfeifen getauscht, das Positiv hing zeitweise in einem eigenen Gehäuse an der Turmwand, eine neue Orgelempore musste gebaut werden, weil die alte für den Chor zu klein geworden war, die Orgel erhielt eine Rohrschalmei als Horizontalregister im Positiv, sowie einen neuen viermanualigen Spieltisch, der bis vor kurzem noch davon zeugte, wie ambitioniert man war. Bis zum Schluss blieb das vierte Manual jedoch ungenutzt und somit funktionslos.
Nachdem man vor einigen Jahren in Folge der Umstrukturierungen im Erzbistum Köln gezwungen war, den alten Pfarrsaal der Gemeinde aufzugeben, baute man einen kleineren Gemeindesaal, der mit einer Ecke auf dem Kirchvorplatz steht, dessen Hauptfläche aber in die Kirche hineingebaut wurde. Die aus dieser Baumaßnahme resultierenden Verschmutzungen, sowie die längst überfällige Ausreinigung und Überholung der Orgel wurden zum Anlass genommen, etwas größer zu denken und die Orgel nicht bloß auszureinigen, sondern im Zuge dessen auch zu reorganisieren.
Fortsetzung folgt...
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Seraphonium, Samstag, 23. Mai 2015, 13:57 (vor 4126 Tagen) @ Contrebasson 32'
Diese Orgel ist mir bekannt. Danke für den Bericht. Bin auf die Fortsetzung gespannt und auf das was draus geworden ist. In der Kirche gibt es übrigens einen neuen Gemeinderaum der Grottenhäßlich aussieht und wie ein fremdartiger Klotz in das linke Seitenschiff geknallt wurde. Er besitzt eine teure Tonplattenverkleidung. Für dieses "gebilde" hätte man übrigens eine neue Orgel bekommen.
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Clemens Schäfer
, Düsseldorf, Samstag, 23. Mai 2015, 14:12 (vor 4126 Tagen) @ Contrebasson 32'
Hallo,
danke für den Bericht und die mit Spannung erwartete Fortsetzung. Ich war länger nicht dort, finde aber Kirchenbau und Orgel recht interessant. Ich konnte dort schon Karg-Elert und Messiaen hören. Das ging!
Mein Vater, Lehrer am nahen Lessing-Gymnasium, war dort öfter zur Schulmesse. Er fand die Kirche scheußlich! Aber erstens hatte er die ganzen Nachkriegsprovisorien und Baustellen mit zu erleben und zweitens galten seinerzeit die Kirchenneubauten vor 1918 (also neugotisch, neuromanisch) als allesamt häßliche Imitationen der echten mittelalterlichen Vorbilder. Wie sich die Zeiten ändern! Heute wird diese Archtektur durchaus geschätzt.
Gruß Clemens Schäfer
--
Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Frank Berger
, Wassenberg, Samstag, 23. Mai 2015, 17:10 (vor 4126 Tagen) @ Contrebasson 32'
Ebenfalls herzlichen Dank für Informationen, insbesondere für den Hinweis auf die Klais-Seite. Die Seifert- Dispo hatte ich mir in den 70er Jahren vom Spieltisch abgeschrieben (da wa er aber noch 3manualig(?), habe mir jedenfalls damals kein 4. Manual notiert). Spätere Veränderungen habe ich nicht mitbekommen. Darf ich die Informationen und Bilder in meine private Düsseldorf-Orgel-Datensammlung übernehmen? Vernünftige eigene Bilder habe ich von Kirche und Orgel bislang nicht.
Die Datensammlung (eine .doc - Datei) ist bislang rein privat (und naturgemäß immer in Arbeit), ich habe allerdings vor, sie in Kürze dem Stadtarchiv Düsseldorf auf CD-ROM zur Verfügung zu stellen, damit die Informationen nicht verloren gehen.
Alle Informationen in der Datei, die nicht auf meinem Mist gewachsen sind, werden selbstverständlich mit Quellenangabe versehen.
Gruß
Frank
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Contrebasson 32'
, Wien, Samstag, 23. Mai 2015, 18:37 (vor 4126 Tagen) @ Frank Berger
Ebenfalls herzlichen Dank für Informationen, insbesondere für den Hinweis auf die Klais-Seite. Die Seifert- Dispo hatte ich mir in den 70er Jahren vom Spieltisch abgeschrieben (da wa er aber noch 3manualig(?), habe mir jedenfalls damals kein 4. Manual notiert). Spätere Veränderungen habe ich nicht mitbekommen. Darf ich die Informationen und Bilder in meine private Düsseldorf-Orgel-Datensammlung übernehmen? Vernünftige eigene Bilder habe ich von Kirche und Orgel bislang nicht.
Servus Frank,
ich hab dir auf fb eine PM geschrieben.
Beste Grüße
Contrebasson 32'
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Gast
, Samstag, 23. Mai 2015, 18:19 (vor 4126 Tagen) @ Contrebasson 32'
Bis zum Schluss blieb das vierte Manual jedoch ungenutzt und somit funktionslos.
Ist bekannt, was mit dem vierten Manual passieren sollte? (evt. Chororgel oder Fernwerk?)
Ehrlich gesagt: Ich verstehe die "Hype" um das vierte Manual, was zur Zeit bei Neubauten vorherrscht, absolut nicht. Fuer den Organisten ist dieses eh total unergonomisch zu spielen (was dazu fuehrt, dass eh meist nur runtergekoppelt wird!), und damit bleibt ja eigentlich nur der Status (Oder sollte ich sogar "Phallussymbol" sagen?) als Erklaerung uebrig... :-P
Vor ein paar Wochen hatte ich die Moeglichkeit, dieses Instrument anzuspielen.
Ich fand es auf jedem Fall unglaublich entspannend, dass trotz der Groesse (=62 Register!) sowohl auf das vierte Manual als auch auf "Party-Hupen" verzichtet wurde!
Davon ab, dass der Spieltisch nicht wirklich zur Improvisation eingeladen hatte :-( (=GRADE Registertableaus!), war die Orgel sehr benutzerfreundlich. Es war auf Anhieb klar, was wohin gehoerte ohne mir grosse Gedanken ueber Koppeln, Auxaliers oder Werkszugehoerigkeit zu machen.
Die Beschraenkung auf drei Manuale fuehrt natuerlich dazu, dass die einzelnen Werke SEHR ueppig disponiert sind. Aber bei DEN Schwellwerken (auch das Positiv ist schwellbar!) verzichte ich gerne auf ein viertes Manual... :-)
Viertes Manual; war: St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Contrebasson 32'
, Wien, Samstag, 23. Mai 2015, 18:40 (vor 4126 Tagen) @ Gast
Bis zum Schluss blieb das vierte Manual jedoch ungenutzt und somit funktionslos.
Ist bekannt, was mit dem vierten Manual passieren sollte? (evt. Chororgel oder Fernwerk?)
Da entschieden worden ist, den Manualblock zu erneuern und keine Pläne in Richtung Chororgel oder Fernwerk existieren, wird das vierte Manual einfach entfernt. Vermissen wird man es nicht.
Beste Grüße
Contrebasson 32'
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
hardy
, Sonntag, 24. Mai 2015, 00:56 (vor 4126 Tagen) @ Gast
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Gast
, Montag, 25. Mai 2015, 13:35 (vor 4124 Tagen) @ hardy
Auf dieser Orgel hat der hier vor einiger Zeit schon erwähnte Mons Leidvin Takle in Youtube viele seiner Werke eingespielt. Das Instrument scheint gut zu klingen, allerdings hat die Kirche nicht sehr viel Nachhall.
Fuer norwegische Verhaeltnisse ist das schon RICHTIG viel! :-O
(Wobei der liebe Kollege auch sehr "kammermusikalisch barock" registriert hat und die dynamischen Moeglichkeiten nicht nur annaehernd ausnutzt - im Generaltutti kommt doch noch einmal deutlich mehr wieder zurueck.)
Ein horenswertes Instrument ist es auf jeden Fall!
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
hardy
, Montag, 25. Mai 2015, 15:52 (vor 4124 Tagen) @ Gast
Sicherlich, so manche der Schönheiten, die man in der Disposition liest, kommen möglicherweise registrierungsbedingt nicht so 'rüber, auch bei anderen Stücken habe ich diese Gefühl - oder der fast fehlende Nachhall "transportiert" einfach weniger. Für die Kirche sind 62 Register sicher auch nicht gerade wenig.
Ich kann mir vorstellen, daß in norwegischen Kirchen viel Holz verbaut und daher kaum Nachhall zu erzielen ist? Ähnliches gilt ja auch für die nach entsprechenden Vorbildern gebaute Stabkirche im Harz hier in Deutschland. Ich hörte mal von einer Gemeinde (in Ostwestfalen), die sich in ihrer Kirche künstlich (elektonisch) Nachhall erzeugen wollte. Ob das tatsächlich in Angriff genommen wurde, weiß ich leider nicht. Aber vielleicht eine Möglichkeit, denn ich finder, der Nachhall ist beim Orgelklang nahezu unerläßlich.
Gruß Hardy
St. Apollinaris, D-Oberbilk I
Gast
, Dienstag, 26. Mai 2015, 13:25 (vor 4123 Tagen) @ hardy
bearbeitet von Gast, Dienstag, 26. Mai 2015, 13:39
Für die Kirche sind 62 Register sicher auch nicht gerade wenig.
Nur mal zum Vergleich: Die Kirche gehoert zu den fuenf groessten in Norwegen, hat 1200 Sitzplaetze und ist von der Flaeche sogar noch groesser als der Stefansdom in Wien...
Orgelmaessig passt es aber trotzdem schon ganz gut :-)
Ich kann mir vorstellen, daß in norwegischen Kirchen viel Holz verbaut und daher kaum Nachhall zu erzielen ist?
Ja, reine Steinkirchen (also inkl. Gewoelbe!) gibt es so gut wie gar nicht. Daher auch das Paradox, dass so manche neuere (und natuerlich auch kleinere) Vorortskirche aus Beton deutlich "orgelfreundlicher" als die historischen Gemaeuer sind... :-/
(Wobei es auch durchaus gut klingende Holzkirchen gibt - es kommt immer darauf an, wies es gemacht ist und vor allem, wie das Holz behandelt wurde.)
PS: https://www.youtube.com/watch?v=I-VYMyze-ZM
(Die Klangqualitaet ist dort aber leider nicht sooo toll - wahrscheinlich zu direkt aufgenommen?)
St. Apollinaris, D-Oberbilk I ????????
Clemens Schäfer
, Düsseldorf, Dienstag, 26. Mai 2015, 13:54 (vor 4123 Tagen) @ Gast
Hallo,
warum wird der Betreff nicht geändert, wenn plötzlich über ein ganz anderes Instrument diskutiert wird? Im Prinzip habe ich ja nichts dagegen. Aber kenntlich machen, wäre doch fair.
Ich hab mit verdutzt die Augen gerieben, als von fehlendem Hall gesprochen wurde. Das trifft auf Apollinaris gewiß nicht zu. Und von über 60 REgistern. Die hätte man dort vielleicht gerne.
nichts für ungut!
Clemens Schäfer
--
Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)
Arendal, Orgeln in Norwegen und ganz andere Schweinereien!
Gast
, Dienstag, 26. Mai 2015, 17:02 (vor 4123 Tagen) @ Clemens Schäfer
warum wird der Betreff nicht geändert, wenn plötzlich über ein ganz anderes Instrument diskutiert wird? Im Prinzip habe ich ja nichts dagegen. Aber kenntlich machen, wäre doch fair.
Da ist der Betreff bereits geaendert - besser so? :-P
Ich hab mit verdutzt die Augen gerieben, als von fehlendem Hall gesprochen wurde. Das trifft auf Apollinaris gewiß nicht zu. Und von über 60 REgistern. Die hätte man dort vielleicht gerne.
Aber irgendetwas muessen die ja urspruenglich mit dem viertem Manual vorgehabt haben?
Leeres 4. Manual - und Trier Liebfrauen
untersatz32, Dienstag, 26. Mai 2015, 17:26 (vor 4123 Tagen) @ Gast
Chororgel, Fernwerk?
In Trier, Liebfrauen waren auch mal 3 Manuale und 2 Orgeln vorgesehen in den 50ern.
Gebaut wurde nur die kleine 2-manualige Chororgel; der dreimanualige Generalspieltisch - LEIDER!!! - vor einigen Jahren entsorgt...!!!!
Zu viele Tasten... :-P
Gast
, Dienstag, 26. Mai 2015, 19:23 (vor 4123 Tagen) @ untersatz32
Chororgel, Fernwerk?
In Trier, Liebfrauen waren auch mal 3 Manuale und 2 Orgeln vorgesehen in den 50ern.
Gebaut wurde nur die kleine 2-manualige Chororgel; der dreimanualige Generalspieltisch - LEIDER!!! - vor einigen Jahren entsorgt...!!!!
Ich denke da wieder mal ganz praktisch: Ein Organist hat genau 2 Haende und zwei Fuesse :-))
Vor 50 Jahren (oder sogar noch laenger zurueck???) war es vielleicht tatsaechlich eine Art "Spielhilfe", so viele Manuale wie nur moeglich zu haben...
In Zeiten von Elektronik und vor allem Setzeranlagen sollte sich doch die "Hype" etwas gelegt haben?
Ich frage mich eigentlich grade: Gibt es eigentlich praktizierende Organisten hier, die TATSAECHLICH das vierte Manual benutzen und nicht koppeln????
Im Juni gibt es hier oben uebrigens mal wieder (diesmal in Bergen!) eine "Neueinweihung" :-)
In der "Marienkirche" - die seit 5 Jahren renoviert wird - stellt Weimbs grade eine neue Orgel auf.
Die trauen sich quasi grade, 32 Register auf "nur" 2 Manuale zu verteilen!!!!
Zu viele Tasten... :-P
JSBach
, Dienstag, 26. Mai 2015, 19:29 (vor 4123 Tagen) @ Gast
Eule hat 2011 in Würselen II/40 gebaut (davon 5 Ext.), der Aachener Dom hat III/89, da Norbert Richtsteig damals keine 6 Manuale wollte für die Werke von Hochmünster- und Nordost/Südost-Orgel
gibt es denn Literatur, die man mit drei Manualen nicht spielen könnte? Außer a la Carpenter je eine Hand auf II und IV und mit den Daumen je auf I und III runter... ;)
Zu viele Tasten... :-P
Orlos
, Dienstag, 26. Mai 2015, 19:50 (vor 4123 Tagen) @ JSBach
Mit dem Daumen ein weiteres Manuals zu bespielen (also insgesamt 3), ist nun wahrlich nichts Neues, bei den Franzosen wird so etwas immer 'mal wieder gefordert (Widor, Lemmens), beim Improvisieren mache ich das auch sehr gern. Da empfinde ich zwei Manuale schon als Beschränkung. Auch gibt es viele Stücke mit zweifacher Echowirkung, wofür man also auch drei Manuale braucht. Vier Manuale sind tatsächlich Luxus und im Literaturspiel nur selten wirklich notwendig. Schön finde es, wenn auf dem 4. Manual eine paar Solostimmen oder Chamaden/Trompeteria stehen (Memmingen, Dudelange, Marburg, Marienstatt, Altenberg), das kommt dem Improvisieren sehr entgegen (wenn ich allein daran denke, wie oft Pincemaille das 4. Manual bei seinen Nationalhymnen-Improvisationen einsetzt). Auf lange Strecken finde ich es allerdings unbequem, mit beiden Händen auf dem 4. Manual zu spielen, das stimmt, dann koppele ich auch lieber.
Die 6 Manuale im Mainzer Dom sind auch nur für Effekte nutzbar, das macht dann aber schon viel Freude, über die Manuale zu huschen und die Töne kommen aus verschiedenen Ecken der Kirche. Ich würde dem Prinzip der vielen Manuale nicht jede Sinnhaftigkeit absprechen.
Zu viele Tasten... :-P
Karsten
, Dienstag, 26. Mai 2015, 20:17 (vor 4123 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von Karsten, Dienstag, 26. Mai 2015, 20:25
Hallo!
Da kommen endlich mal einige "pro" Argumente bzgl. eines vierten Manuals. :)
Große Orgeln hattem immer auch Prestige- und Repäsentationszwecke. Ihnen aber dann etwas pauschalisierend mit dem "Phallus-Argument" die künstlerischen Qualitäten oder ihre Bedienbarkeit abzusprechen, halte ich doch etwas übertrieben.
Unterstellen wir mal die Notwendigkeit einer "großen" Orgel für einen bestimmten Raum. Dann kann es durchaus sinnvoll sein, die notwendige Registerzahl auf entsprechende Werke/Divisionals zu verteilen.
Elektrische Trakturen sind heute nicht mehr so verteufelt wie vor 40 Jahren. Diese Werke dann als frei zuschaltbare Koppelwerke zu gestalten wäre heute kein Problem. Bei einer Anlage mit mechanischer Traktur scheint das dann aber durchaus sinnvoll. Da spielen dann auch due Größe der Windladen, Ventile und WIndversorgung eine nicht so unwichtige Rolle.
Das vierte Manual hat in der (spät)romantischen Orgel doch meist die Funktion eines Solos, mit extrem lauten (Zungenbatterien, Tuben, HD-Register) oder leisen Stimmen (Fernwerk, Echo). In diesem Orgeltyp hat das entsprechende Manual durchaus seine künstlerische Funktion und ist auch als eigenes Manual notwendig. Es geht ja nicht nur um Literaturspiel sondern auch um liturgische Improvisation und (insb. im angloamerikanischen Bereich) um die Begleitung hervorragender Chöre.
Was die Körperhaltung angeht: Hier im Forum wurde immer wieder die ergonomische Anlage und Größe der englischen und amerikanischen Spieltische gelobt. Vielleicht bauen wir hier einfach nur die Spieltische falsch? ;)
Gruß
Karsten
Zu viele Tasten... :-P
Flûte harmonique, Dienstag, 26. Mai 2015, 20:41 (vor 4123 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von Flûte harmonique, Dienstag, 26. Mai 2015, 20:52
Das vierte Manual hat in der (spät)romantischen Orgel doch meist die Funktion eines Solos, mit extrem lauten (Zungenbatterien, Tuben, HD-Register) oder leisen Stimmen (Fernwerk, Echo). In diesem Orgeltyp hat das entsprechende Manual durchaus seine künstlerische Funktion und ist auch als eigenes Manual notwendig. Es geht ja nicht nur um Literaturspiel sondern auch um liturgische Improvisation und (insb. im angloamerikanischen Bereich) um die Begleitung hervorragender Chöre.
Vier oder fünf Manuale können aber auch einer anderen Ästhetik folgen; siehe Saint-Gervais in Paris, die große Gabler-Orgel in Weingarten, St. Wenzel in Naumburg oder die großen Orgeln in St. Katharinen oder St. Jacobi in Hamburg.
Aus unser Zeit fällt mir die große Jann-Orgel von 1994 im Münchner Dom ein: dort wurden ja vier Teilwerke einander gegenübergestellt: I. Rückpositiv, II. Hauptwerk, III. Positiv, IV. Schwellwerk. Hinzu kommt die Trompeteria als "floating division" (denn ein 5. Manual war ausdrücklich nicht gewünscht) und die Chor- oder Andreasorgel, die von den drei oberen Manualen aus angespielt wird (II. Manual Hauptspieltisch = Hauptwerk Andreasorgel, III. Manual Hauptspieltisch = Oberwerk Andreasorgel, IV. Manual Hauptspieltisch = Brustwerk Andreasorgel).
Übrigens wurden die Oktavkoppeln in München noch zu Franz Lehrndorfers Zeit hinzugefügt, aber dem Vorbild des Passauer Doms folgend.
Was die Körperhaltung angeht: Hier im Forum wurde immer wieder die ergonomische Anlage und Größe der englischen und amerikanischen Spieltische gelobt. Vielleicht bauen wir hier einfach nur die Spieltische falsch? ;)
Nein, sicherlich nicht falsch, sondern nur einem anderen Standard folgend.
Einer der größten Unterschiede zwischen vielen deutschen (BDO-Norm) und amerikanischen Spieltischen (AGO Standard) ist der unterschiedliche Einschub der Pedalklaviatur, Pistons/Pedaltritte und Balanciertritte und die daraus resultierenden verschiedenen Abstände zwischen Klaviaturblock, Orgelbank und Pedalklaviatur.
In München sind alle vier Manuale bequem und ohne Anstrengung zu erreichen. In der Sint Laurenskerk in Rotterdam wird es dagegen schon auf dem dritten Manual nicht mehr ganz so angenehm. Das vierte Manual spielt sich dort aufgrund der Spielschrankmaße wie auf manch anderen Orgeln das fünfte Manual.
Gruß,
Martin
Zu viele Tasten... :-P
JSBach
, Dienstag, 26. Mai 2015, 20:50 (vor 4123 Tagen) @ Flûte harmonique
Macht es eig. ergonomisch Sinn, ähnlich wie in Atlantic City oder Wanamaker, die Manuale zu kippen, auch bei 4-5 schon? Hat jemand einen solchen Spieltisch mal gespielt?
Zu viele Tasten... :-P
friedemannw
, Gießen, Dienstag, 26. Mai 2015, 21:04 (vor 4123 Tagen) @ JSBach
Macht es eig. ergonomisch Sinn, ähnlich wie in Atlantic City oder Wanamaker, die Manuale zu kippen, auch bei 4-5 schon? Hat jemand einen solchen Spieltisch mal gespielt?
Ein wenig Neigung ist immer von Vorteil. Bei meinem eigenen Spieltisch habe ich die Manuale jeweils um 2 Grad steiler gelegt (I 0°, II 2°, III 4°). Die Wanamaker-Orgel ist verhältnismäßig angenehm zu spielen, man kommt gut an das VI. Manual ran. Schlimm sind größere Spieltische, wo die Klaviaturen nicht geneigt sind - ich kenne eine bekannte (neue) Orgel, wo aus Design-Gründen die 5 Manuale alle parallel sind! Spielt sich nicht gut!
Zu viele Tasten... :-P
Karsten
, Dienstag, 26. Mai 2015, 21:21 (vor 4123 Tagen) @ Flûte harmonique
Das vierte Manual hat in der (spät)romantischen Orgel doch meist die Funktion eines Solos, mit extrem lauten (Zungenbatterien, Tuben, HD-Register) oder leisen Stimmen (Fernwerk, Echo). In diesem Orgeltyp hat das entsprechende Manual durchaus seine künstlerische Funktion und ist auch als eigenes Manual notwendig. Es geht ja nicht nur um Literaturspiel sondern auch um liturgische Improvisation und (insb. im angloamerikanischen Bereich) um die Begleitung hervorragender Chöre.
Vier oder fünf Manuale können aber auch einer anderen Ästhetik folgen; siehe Saint-Gervais in Paris, die große Gabler-Orgel in Weingarten, [St. Wenzel in Naumburg] oder die großen Orgeln in St. Katharinen oder St. Jacobi in Hamburg.
Natürlich kann ein viertes Manual je nach Stil und Epoche unterschiedlich sein.
Bei barocken mechanischen Instrumenten scheint mir der Grund häufig in der technische Spielbarmachung und Verteilung der Registerzahl der Grund für die Vielmanualigkeit zu sein. Oft verbunden mit dem stetigen Wachsen und Ergänzen des Instrumentem, wie es oft in Norddeutschland geschehen ist. Vielmanualigkeit ist hier doch in der Tat meist Luxus und Prestige. Die Zahl eines vierten Manuals wird nicht unbedingt in der Literatur verlangt oder erwartet, auch wenn sich genug Stellen finden, wo sie schön eingesetzt werden kann.
Ähnlich ist es im französischen klassischen Orgelbau, wo ein viertes bzw. fünftes als weitere Variante(n) des Récit oder Echo eine schöne Ergänzung sind. Aber hier ist es auch nicht so einheitlich.
Daher habe ich mich auf die Ästhetik der spätromantische Orgel konzentriert (insb. anglische und amerikanische Orgeln), wo sich ein standardisierter Grundaufbau mit vier Manualen (Ch - Gt - Sw - So) entwickelt hat.
Aus unser Zeit fällt mir die große Jann-Orgel von 1994 im Münchner Dom ein: dort wurden ja vier Teilwerke einander gegenübergestellt: I. Rückpositiv, II. Hauptwerk, III. Positiv, IV. Schwellwerk. Hinzu kommt die Trompeteria als "floating division" (denn ein 5. Manual war ausdrücklich nicht gewünscht) und die Chor- oder Andreasorgel, die von den drei oberen Manualen aus angespielt wird (II. Manual Hauptspieltisch = Hauptwerk Andreasorgel, III. Manual Hauptspieltisch = Oberwerk Andreasorgel, IV. Manual Hauptspieltisch = Brustwerk Andreasorgel).
Übrigens wurden die Oktavkoppeln in München noch zu Franz Lehrndorfers Zeit hinzugefügt, aber dem Vorbild des Passauer Doms folgend.
Was die Körperhaltung angeht: Hier im Forum wurde immer wieder die ergonomische Anlage und Größe der englischen und amerikanischen Spieltische gelobt. Vielleicht bauen wir hier einfach nur die Spieltische falsch? ;)
Nein, sicherlich nicht falsch, sondern nur einem anderen Standard folgend.
Das "falsch" war sicherlich nicht ganz ernst gemeint. (vgl. ";)")
Gruß
Karsten
Zu viele Tasten... :-P
Friedrich
, Dienstag, 26. Mai 2015, 22:10 (vor 4123 Tagen) @ Karsten
Bei barocken mechanischen Instrumenten scheint mir der Grund häufig in der technische Spielbarmachung und Verteilung der Registerzahl der Grund für die Vielmanualigkeit zu sein.
Genau. Anders ließen sich z. B. die 60 Hamburger Jakobi-Register kaum organisieren. Bei mechanischen Schleifladen ist die Registerzahl pro Lade und die Zahl der aufzuziehenden Ventile pro Taste eng begrenzt. Wenn man mehr will, muss eine weitere Lade mit weiterer Traktur her. Erst mit Aufkommen der Trakturhilfen änderte sich das, konkret mit der Orgel in Saint-Denis, die Cavaillé-Coll dreimanualig baute, wobei sich hinter den drei Manualen aber vier klassische Klangebenen verbergen.
Ich kann mir vorstellen, dass es bei sehr großen Orgeln einfacher ist, sich mit vier Manualen zurechtzufinden, als die vielen Laden oder Teilwerke immer wieder neu auf eventuell vorhandene drei Manuale verteilen zu müssen.
Viele Grüße
Friedrich
Zu viele Tasten... :-P
Florian-L
, Mittwoch, 27. Mai 2015, 08:45 (vor 4123 Tagen) @ Flûte harmonique
Vier oder fünf Manuale können aber auch einer anderen Ästhetik folgen; siehe Saint-Gervais in Paris, die große Gabler-Orgel in Weingarten, St. Wenzel in Naumburg oder die großen Orgeln in St. Katharinen oder St. Jacobi in Hamburg.
St. Wenzel in Naumburg hatte einmal mehr als drei Manuale?
Gruß, Florian
Zu viele Tasten... :-P
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Sonntag, 31. Mai 2015, 17:25 (vor 4118 Tagen) @ Gast
Chororgel, Fernwerk?
In Trier, Liebfrauen waren auch mal 3 Manuale und 2 Orgeln vorgesehen in den 50ern.
Gebaut wurde nur die kleine 2-manualige Chororgel; der dreimanualige Generalspieltisch - LEIDER!!! - vor einigen Jahren entsorgt...!!!!
Ich denke da wieder mal ganz praktisch: Ein Organist hat genau 2 Haende und zwei Fuesse :-))
Vor 50 Jahren (oder sogar noch laenger zurueck???) war es vielleicht tatsaechlich eine Art "Spielhilfe", so viele Manuale wie nur moeglich zu haben...
In Zeiten von Elektronik und vor allem Setzeranlagen sollte sich doch die "Hype" etwas gelegt haben?
Ich frage mich eigentlich grade: Gibt es eigentlich praktizierende Organisten hier, die TATSAECHLICH das vierte Manual benutzen und nicht koppeln????
Iiiiich!
Jeden Sonntag, jedes Konzert, manchmal auch im Rahmen des Mittagsgebetes....
Kann ich jedem Besucher anhand der homogenen Staubverteilung bzw. -abwesenheit nachweisen! ;-)
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